Vor dem Zelt der Barbaren im Strandlager rennen vier seltsame Hühnervögel auf und ab.
Sie wirken wie eine fette, bodengebundene Chimäre aus Huhn, Ente und Taube.
Jedenfalls werden sie zielgerichtet und wie durch irgendeinen faulen Zauber oder ausgiebiges Training veranlasst, jeweils eine der folgenden Personen aufsuchen:
1.) Rashka
2.) Tyra
3.) Yingvildr
4.) Tarabasch
Um den Hals haben sie jedenfalls ein teilweise karamellisiertes Zuckerstück, dessen Zweck fraglich ist, sowieso vier kleine Schriftrollen.
Sollten sie je gelesen werden, wäre der Inhalt in etwa folgender:
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Vier Barbaren und die Schlacht um Uwe
Ein barbarisches Heldenepos (aus der Feder von Filifaere)
Als die Sonne wie eine glühende Wunde über dem Meer hing, brachen sie auf:
Vier Gestalten verließen das Strandlager, und mit ihnen ging die letzte Gewissheit von Ordnung.
Der Sand knirschte unter ihren Stiefeln, als wüsste er, dass er ihre Fußspuren so schnell nicht wiedersehen würde. Vor ihnen lag das Inselinnere – ein grünes, dampfendes Herz, das seit Jahrtausenden nur auf Blut gewartet hatte.
Rashka der Sohn des Donners, schritt voran. Sein Hammer ‘’der Donnerkeil’’ war kein Werkzeug, sondern ein tödliches Versprechen. In seiner runenverzierten Fläche schlummerte der Zorn des Himmels und der Erde, und jeder Schlag war ein Urteil. Wo Rashka kämpfte, so singen die Skalden, endeten Geschichten.
Zu seiner Rechten ging Tyra, die Pfeilfürstin. Ihre Bewegungen waren ruhig und anmutig doch ihr Blick war der eines gierigen Raubvogels. Ihre Pfeile flogen nicht – sie vollstreckten. Viele hatten Tyras Verderben gesehen, doch niemand hatte es kommen hören.
Yingvildr die Metseherin, folgte lachend und fluchend zugleich. Ein Bogen hing ihr über der Schulter, doch ihre wahre Macht brodelte in Krügen und Schläuchen. Met und Schnaps waren für sie keine Schwäche, sondern Tore. Wenn sie trank, öffneten sich die Risse der Welt, und alte, betrunkene Götter flüsterten ihr Segen zu.
Den Abschluss bildete Tarabasch, der Bärenmann. Sein Fell war alt, sein Rücken von Narben gezeichnet, seine Fäuste schwer wie Ambosse. Er glaubte nicht an Waffen, nur an die eigene Stärke und wer Tarabasch zu nahe kam, verließ die Welt in Einzelteilen.
Der Dschungel nahm sie auf wie ein hungriger Schlund.
Feuchtigkeit hing fluchartig in der Luft, und das Grün schloss sich hinter ihnen. Dann kam das erste Zischen. Und das zweite. Dritte. Vierte…. (*es folgt eine quälend lange Aufzeichnung der Zahlen von eins bis tausend*) ...Und das tausendste.
Schlangenchimären, die den guten Völkern dieser Welt als Ophidiane bekannt sind.
Missgeburten der Finsternis, schuppig, vielgliedrig, mit Mündern voller krummer Dolche. Sie quollen aus dem Unterholz wie lebendige Albträume, ein Heer aus Hässlichkeit und Verdruss.
Rashka lachte.
Donnerkeil fiel- und der Boden bebte. Chimären zerplatzten, als wären sie aus schlechtem Fleisch gemacht. Tyra spannte und schoss und jeder Pfeil fand eine Kehle, ein Auge, ein Herz. Tarabasch stürzte sich in die Masse,wo seine Fäuste arbeiteten, blieb nichts als Stille. Yngvildr trank tief, hob den Krug und sang eine Melodie ohne Takt. Der Met dampfte, die Welt kräuselte sich, und plötzlich explodierte der Dschungel in blauem Feuer und schwarzem Gelächter. Schlangen starben schreiend an Zaubern und Schlägen, die eigentlich nicht existieren durften.
Am Ende lagen Tausende erschlagen, und der Dschungel schwieg ehrfürchtig.
Abrupter Szenenwechsel:
Weiter im Inneren fanden sie Eier, so groß wie Opferaltäre, warm und pulsierend.
„Die Ahnen haben Hunger“, murmelte Yngvildr.
„Nicht heute“, sagte Rashka, womit das Thema endgültig erledigt war.
Dann traten sie auf eine Lichtung – und dort stand sie:
eine geradezu gigantische, goldene Statue einer Schlangenhoheit, so groß wie ein Turm, ihr Blick auf ewig erstarrt, Metall von uralten Opfern und ewiger Wut getränkt.
Und aus dem Schatten unter ihr erhob sich Uwe.
Er war hochgewachsen, schlangenhaft, sein Körper eine Perversion aus Mensch und Bestie. Dunkelheit rann wie Öl von ihm herab. Seine Stimme war ein Flüstern, das hohl in den Köpfen der edlen Hünen verklang.
„Ihr seid Staub“, sprach da Uwe. „Ich bin der Hüter des Goldes und mitgleich der Schatten zwischen den Welten.“
Und die Schatten erhoben sich wirklich mit ihm, griffen nach den Helden, flüsterten Zweifel, zeigten alte Wunden und künftige Tode.
Tyra schoss – der Pfeil verschwand im Dunkel.
Tarabasch rannte – Schatten warfen ihn zurück.
Uwe lachte.
Da trat Yngvildr vor, trank den letzten Schluck und zerschmetterte den Krug am Boden. Runen glühten auf, und ihr Zauber riss die Schatten entzwei wie faules Tuch.
Rashka hob Donnerkeil. Der Himmel antwortete.
Der erste Schlag traf Uwe und ließ die Statue erzittern. Der zweite zerschlug Magie und Knochen zugleich. Uwe schrie jämmerlich, ein Laut wie berstender Stein.
Tarabasch war da, packte den hässlichen Bastard, rammte ihm die Fäuste in den Leib und prügelte ihn, bis selbst sein Schatten blutete.
Uwe versuchte zu fliehen, sich aufzulösen – doch Tyra schoss ihm den Weg ab, Pfeil um Pfeil, bis er festgenagelt war wie ein jammerndes Insekt.
Dann kam der letzte Schlag.
Donnerkeil trennte den Schädel der Schlange vom Rumpf und fegte ihn gute 200 Schritte durch den Urwald. Es heißt zu diesem Moment war Uwe das dümmliche Grinsen bereits vergangen.
Stille.
Vier Barbaren standen zwischen Trümmern und Reichtum, blutverschmiert, atmend, lebendig.
„Die Insel ist besänftigt“, sagte Tyra.
Yngvildr trank. Tarabasch lachte. Rashka sah gen Himmel. Tyra polierte ihren Bogen.
Und irgendwo, jenseits der Bäume, begannen die Ahnen, neue Namen zu flüstern.
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