Schlaflose Nächte

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Tyvurn Dracon
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Schlaflose Nächte

Beitrag von Tyvurn Dracon »

Prolog:
 
„Dreckiger Verräter!“. Und das waren die letzten Worte des Traumes. Schweißgebadet, mit rasendem Herzen und panischem Blick schreckte Tyvurn aus dem Schlaf hoch. Er rang nach Atem, konnte gerade so noch einen Schrei unterdrücken. Unstet, angsterfüllt wanderte die Augen durch die Dunkelheit. Instinktiv hatte er im Schlaf nach dem Dolch gegriffen den er immer unter seinem Kopfkissen hatte. Es braucht einen Moment zu verstehen wo er war. Aufrecht saß er im Bett, der Blick ging zur Seite, legte sich auf den leise schnarchenden Leon. Die Ohren zuckten minimal als er in die Finsternis lauschte: Keine Stimmen, keine Schritte die an sein Ohr drangen. Nur die Stille des Hauses.
 
Er war nicht mehr in Graupel. Es bedurfte einiger Augenblicke um das zu realisieren. Er war weit fort, hatte die Heimat zusammen mit Leon hinter sich gelassen. Oder es zumindest versucht. Die Gestalten waren fort. Doch was blieb war die Erinnerung. Waren die Albträume. Die Nächte waren schon immer kurz gewesen – und sie blieben es. Kaum eine Nacht in der er nicht hochschreckte, kaum ein Tag an dem er nicht von der Vergangenheit in irgendeiner Art eingeholt wurde. Er hatte die Heimat verlassen. Aber die Vergangenheit nie losgelassen.
 
Leise, geschickt verließ er das Bett. Es war eine alte Angewohnheit, eine die er nie wieder loslassen konnte. Den Dolch in der Hand schlich er durch die dunklen Flure ihres Hauses in Ansilon. Bis zu einem gewissen Grad war es beängstigend. Er fühlte sich noch immer wohl in der Dunkelheit. Auch wenn die Augen wenig sahen, seine anderen Sinne waren dafür umso schärfer. Das Herzrasen stellte sich nicht ein – im Gegenteil. Er fühlte den nur allzu vertrauten Rausch, die Aufregung und Anspannung, die ihn schärfer, schneller machten. Die bloßen Füße wurden behutsam voreinander gesetzt. Ein lautloser Schritt nach dem anderen.
 
Er schlich durch das Haus. Spähte in jedes Zimmer, nur um sicher zu gehen. Doch die einzigen Schatten die er fand waren jene die da sein durften. Keine Fremden, keine anderen Menschen die ihm oder seiner Familie etwas Böses wollten. Und doch: Das Gefühl von Sicherheit, von Geborgenheit stellte sich nicht ein. Die Nackenhaare standen ihm zu berge und einmal mehr wusste er, dass es für diese Nacht mit dem Schlaf gewesen war. Und so lenkte er die Schritte durch den Flur, die Treppe hinab. Vorbei an den Zimmern im Erdgeschosse zur Haustüre. Als er jene öffnete spürte er die kühle Brise, den Geruch von Wasser. Ohne Schuhe, lediglich mit leichter Hose und Hemd bekleidet trat er hinaus. Den Dolch noch immer in der Hand atmete er einige Male tief ein und aus, schloss dabei die Augen. Er war in Ansilon. Nicht in Graupel. Die Heimat war weit weg, ebenso die Vergangenheit. Es gab nichts zu befürchten.
 
Zumindest sagte er sich das. Der Hüne von einem Mann trat einige Schritte zur Seite, ließ sich auf der kleinen Holzbank neben der Türe nieder. War es eine Lüge? Das die Vergangenheit weg war? Eine jener Lügen, die man sich so oft erzählte bis man sie glaubte? Unfähig zu wissen was noch wahr war, was gelogen war? Die alte Frage, die sich die meisten Menschen irgendwann stellten, verfolgte ihn nach wie vor: Wer war er?
 
Die simple, offensichtliche Antwort wäre gewesen: Tyvurn Dracon. Krieger. Bruder von Leon und Alys. Und doch, auch wenn die Antwort manchen zufriedenstellen würde, er selbst wusste das sie nur ein Bruchteil der Wahrheit war. Eine weitere Erinnerung kam hoch. „Junge. Wie lügt man am besten? Ich sage es dir! Gar nicht. Wenn du lügst machst du dich angreifbar, verwundbar. Manche sagen: Die beste Lüge ist nahe an der Wahrheit dran. Ich sage: Die beste Lüge ist die Wahrheit! Erzähle die Wahrheit. Ausführlich, offen, frei heraus – mit einem Lächeln auf den Lippen. So, dass niemand auf die Details achtet die du weglässt.“.
 
Hendrik hatte ihm das einst erzählt. Eine der ersten Lektionen die er von dem Mann, dem er über Jahre gedient hatte, gelernt hatte. Und so hatte er es auch hier, in ihrer neuen Heimat gehandhabt. Immer nur soviel von sich erzählt, dass die anderen zufrieden waren, nicht nachfragten. Die Details, die er um keinen Preis der Welt erzählen wollte, unter den Tisch fallen gelassen. Machte ihn das zum Lügner? Ihn, der so frei heraus behauptete, er trüge das Herz auf der Zunge? Ihn, der von sich immer sagte, dass er kein Spieler, kein Lügner sei? Es machte ihn zumindest nicht zum tugendhaften Helden. Aber dann wiederum: Das war er ohnehin nie gewesen.
 
Wer war er nun? Unter dieser Maske, die er stets trug. Das dezente Lächeln, das höfliche Auftreten, der wortgewandte – fast schon charmante – Mann. Der mit seinem Aussehen und seiner Art die meisten Zweifel mit einem Lächeln beiseite wischen konnte. Unter all dem, tief in seinem inneren: Wer war er? Ein Seufzen entfuhr ihm bei dem Gedanken, als er den Blick über das dunkle Wasser gleiten ließ. Er wusste es nicht mehr so genau. Er hatte selten gelogen. Aber die Wahrheit oft genug verbogen um sich selbst nicht mehr so ganz sicher zu sein, wer er noch war.
 
Was er wusste: Er war ein Mann der die Vergangenheit ruhen lassen wollte. Sie weit hinter sich zurücklassen wollte. „Wir sind hierher gekommen in der Hoffnung auf ein besseres Leben.“. Das hatte er erzählt. Und es stimmte auch. Aber für ihn war es nicht nur die Hoffnung gewesen. Auch die Angst vor der Vergangenheit. Eine Flucht aus einem Leben, dass er so nicht mehr führen konnte oder wollte. Und unter dem Vorwand, für seine Geschwister ein besseres Leben zu wollen, hatten sie Graupel verlassen. Ihre Heimat, mit der sie so viel Schmerz und Kummer verbanden.
 
Ob Leon es wusste oder ahnte? Ob Alys etwas vermutete? So oft hatte er den Verdacht gehabt das die beiden mehr wussten als sie sagten. Es waren Blicke die es ihn vermuten ließen. Oder das Schweigen wenn er spät Nachts nachhause gekehrt war ohne zu sagen wo er war. Vielleicht auch dann und wann ein Stück blutige Kleidung oder eine Verletzung die sie stutzig werden ließ. Aber sie hatten nie etwas gesagt. Nie gefragt.
 
Die Blicke wanderten unstet, das Wasser entlang hin zum Horizont. Die Stirn legte sich in Falten. Die Wahrheit war eine komplexe, schwierige Angelegenheit. Ebenso seine Vergangenheit. Die Gedanken begannen sich im Kreis zu drehen, sich in ihren selbst zu verlieren. Wann hatte es nur angefangen so schwierig zu werden?
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Tyvurn Dracon
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Re: Schlaflose Nächte

Beitrag von Tyvurn Dracon »

Kapitel 1 – Die Bürde der Hinterbliebenen
 
Es wäre einfach, den Augenblick als es schwierig wurde als jenen zu bezeichnen, in dem ihre Eltern starben. Zu einfach. Noch immer war der Blick gedankenverloren über das Binnenmeer gerichtet, verlor sich in der nächtlichen Dunkelheit ohne je einen Punkt zu fixieren. Wie in Trance kamen im Erinnerungen, Gedanken hoch ohne das er einen Einfluss darauf hatte.
 
Graupel war ein kalter Ort. Nicht nur das Klima des hohen Nordens prägten diesen Eindruck. Natürlich – das Leben war hart und beschwerlich. Die meiste Zeit das Jahres war der Boden hart, die Feldarbeit war mühselig und warf nur wenig Ertrag ab. In den wärmeren Monaten, wenn auch die Sonne etwas länger schien , ging es halbwegs. Aber die meiste Zeit arbeiteten sich die Bauern und Feldarbeiter kaputt und erwirtschafteten gerade genug um zu leben und ein bisschen Etwas zu verkaufen. Es reichte selten um die ganze Stadt satt zu bekommen. Die Menschen waren hart. Nicht weil sie ihre Herzen verschlossen hatten, sondern schlicht weil es notwendig war. Am Ende war sich jeder selbst der Nächste und außer der eigenen, engsten Familie gab es Wenige die bereit waren zu teilen.

Die Arbeit auf dem Feld war ungeliebt. Die nahegelegenen Minen boten nicht weniger harte Arbeit, aber zumindest gab es Kohle und Eisen die man verkaufen konnte – seltene, wertvolle Erze wie man sie aus Geschichten kannte fand man hier nicht. Die Stadt selbst hätte keine Bedeutung, keine Größe erreicht . Was die Stadt irgendwie am Leben hielt war ihre strategische Bedeutung. Nahe gelegen zu einem Pass der durch die Berge führte, eine Abkürzung mit der man sich gut zwei bis drei Wochen Wegzeit ersparte, zogen hier die Händler mit ihren Wägen durch. In den Bergen lebten Barbaren, große und wilde Krieger, die sich stets freuten wenn Händler bei der Bewachung ihrer Waren gespart hatten. Mit der Zeit waren sie immer dreister geworden und irgendwann hatte man eine Burg am Fuße der Berge gebaut. Ein Ritter, mehr schlecht als recht, sorgte für die Sicherheit des Passes. Auch wenn er sich mehr für Wein und Weib interessierte als für seine Pflichten.
 
Gehandelt wurde in der Stadt wenig. Womit auch? Die Bewohner waren arm, konnten sich kaum das eigene Mahl leisten. Und so blieb wenig mehr als dem Reichtum, der durch die Straßen zog aber nie in der Stadt verblieb, nachzuschauen. Strafen für Diebstahl und Raub waren hart. Dann und wann zeigte es sich indem der Ritter beschloss mal wieder ein Exempel zu statuieren. Die Diebe, die gehängt wurden, hingen oft Tagelang am Strick. Das ein oder andere mal gar solange, dass durch die Leichenfäule und die Schwerkraft der Körper vom Kopf getrennt wurde.

Manch einer haderte mit dem Schicksal in das er hineingeboren wurde. Mit den ärmlichen Verhältnissen, der Trost- und Hoffnungslosigkeit die er damit verband. Andere fanden sich damit ab, betäubt von billigen Fusel oder schlechtem Wein. Wieder andere waren die Träumer, die Menschen voller Hoffnung. Die sich nicht unterkriegen ließen, die stets darauf hinarbeiteten irgendwie auszukommen. Vielleicht sich irgendwann ein besseres Leben zu ermöglichen. Tyvurn hatte seine Eltern in Erinnerung als Menschen, die der letzten Gruppe angehörten. Sie waren liebevoll, fürsorglich.  Tagelöhner ohne Bildung, ohne eine echte Hoffnung, die jene aber nie aufgaben.
 
Er erinnerte sich. An das blonde Haar seiner Mutter. Wie es im Kaminfeuer leuchtete, die lodernden Flammen ihr Haupt darob zum scheinen brachten. Als er jünger war hatte er stets gedacht sie sah aus wie ein Engel. Oder so wie ein Junge sich einen Engel vorstellte. Er dachte zurück. An die raue, ruppige aber stets gut gelaunte Stimme seines Vaters. Mühelos konnte sein Lachen einen ganzen Raum erfüllen, hallte von den Wänden wieder. Und stets war es ansteckend. Instinktiv musste er auflachen. Es war ein kleines Heim gewesen, mehr ein Holzverschlag als ein echtes Haus. Aber es war ihr Reich, ihre Zuhause gewesen. Die Erinnerungen die er sich bewahrt hatte waren Gute.
 
Bis zum Winter vor 16 Jahren. Tyvurn konnte als er so zurückdachte noch immer den eisigen Wind spüren, der scharf durch die Straßen von Graupel pfiff. Die Schneestürme, die Blizzards die um die Stadt tobten, über jener beständig schwebten. Es galt als der härteste Winter seit einer Generation. Die Stadt war förmlich vom Schnee eingeschlossen, der Pass der Händler nicht zu überqueren. Man war immer auf einen strengen Winter vorbereitet – doch dieser übertraf alles was man vorher erlebt hatte. Und so kam es irgendwann zum Unvermeidbaren.
 
Die wenigen Lebensmittel die man horten konnte, hielten nicht lange genug. Und der Hunger begann an der Stadt zu nagen. Tyvurn würde nie jenen schrecklichen Hunger vergessen, denn er und seine Familie damals erlitten. Er würde nie vergessen können, wie die Gesichter der Menschen in der Stadt sich änderten. Missgunst, Hass, Paranoia – all dies nahm die Herzen der Männer und Frauen in Beschlag. Den Hunger, wahrer Hunger, nagte nie nur am Körper. Er verzehrte auch ein Stück der Seele.
 
Die Nächte waren lang und finster. Und die Straßen wurden gefährlicher. Die Menschen begannen sich gegenseitig alles wegzunehmen. Mehr und mehr wurde das Gesetz außer Acht gelassen und nur das Recht des Stärkeren zählte. Noch heute sah er das verängstigte Gesicht seiner Mutter, wenn sein Vater das Haus verließ um doch noch irgendwie etwas zum Essen in der Stadt aufzutreiben. Manchmal gelang es ihm. Meistens nicht. Und so, konnte der junge Tyvurn, damals gerade einmal 16 Jahresläufe alt, nur zusehen. Wie seine Familie hungerte. Das wenige Essen das sie hatten unter ihm und seinen Geschwister aufgeteilt wurde. Die Eltern selbstlos nur das Allernotwendigste zu sich nahmen. Stets mit einem Lächeln. Immer bemüht, das schlechte Gefühl, die Angst zumindest Leon und Alys zu nehmen. Doch Tyvurn wusste: Am Ende war alles eine Lüge.
 
Und wie alle Lügen, rächte sie sich. Es war nicht die Armut die seine Eltern umbrachte. Nicht der Hunger, der sie schwinden ließ. Nicht die Kälte die sie holte. Und auch kein Räuber oder Dieb. Nein. Eingeschlossen in der Stadt, in all der Kälte, mit all dem Hunger erwiesen sich das Schicksal als noch bösartiger als er es sich je gedacht hätte. Und suchten die Stadt mit einer Seuche heim.
 
Und wieder konnte er nur zusehen. Die Eltern, geschwächt und ausgezehrt von dem Winter und dem Hunger, hatten der Krankheit nicht viel entgegenzusetzen. Die Kinder, die noch halbwegs genährt waren, konnten diese gut wegstecken. Doch sein Vater, seine Mutter wurden von dem Fieber heimgesucht. Aufgezehrt. Er brachte Alys und Leon zur alten Agathe für ein paar Tage. Er wollte nicht, dass sie sich ansteckten, konnte nicht den Blick den sie bang ihren Eltern zuwarfen ertragen. Doch weder Tyvurn, noch die alte Agathe, konnten viel machen.
 
Es war seltsam. Egal wie schlimm es um seine Eltern stand, egal wie sehr sie auch dem Fieberwahn verfallen waren: Er hatte nie erwartet das sie sterben würden. Er hatte es sich schlichtweg nicht vorstellen können. Und doch: Eines Tages war das Fieber weg. Die Körper der Eltern kalt und steif, gezeichnet von Krankheit und Hunger. Dieser letzte Anblick, diese ausgemergelten Körper die einst die zwei Seelen beherbergt hatten die ihm neben seinen Geschwistern am meisten bedeuteten: Er brannte sich in seine Augen, seine Erinnerungen ein. Sorgte selbst jetzt noch für gelegentliche Albträume.
 
Die Trauer kam. Der Zorn kam. Er reagierte hilflos, wütend. Es dauerte Tage bis er sich bei Agathe und seinen Geschwistern blicken ließ. Betrunken, von billigem Fusel den er gestohlen hatte, torkelte er zur Türe rein. Er schrie. Er tob. Er weinte. Und doch, egal was er tat, egal wieviel er trank: Der Schmerz und die Leere blieben. Bis es irgendwann reichte.
 
Tyvurn konnte sich nicht mehr genau erinnern was dazu geführt hatte. Hatte er etwas gesagt? War es aus einer Laune der alten Kräuterhexe heraus? Oder hatten seine Geschwister ihn so gesehen? Was auch immer es war: Irgendetwas hatte die Alte veranlasst Tyvurn eine schallende Ohrfeige zu geben. Härter als alles, was er je von seiner Mutter oder seinem Vater erfahren durfte. Er schlug im Suff auf dem Boden auf, stöhnend. Die Welte drehte sich, drohte in seinem Zustand kurz zu verschwinden. Und doch, kurz bevor er in eine Mischung aus Rausch, Schlaf und Bewusstlosigkeit verfiel hörte er Worte. Worte die sich genauso einbrannten wie das Bild seiner Eltern: „Tyvurn Dracon, du beschissenes Balg voller Selbstmitleid, hör mir zu: Ja. Es ist hart. Aber so ist das Leben. Du bist mit schlechten Karten geboren worden. Aber: Deine Eltern haben ihr möglichstes getan damit du lebst. Deine Geschwister leben. Also: Wenn du nur ein Fünkchen Ehre deines Vaters und einen Teil des Herzens deiner Mutter geerbt hast, reiß dich verdammt noch einmal zusammen. Du bist nicht alleine. Du hast eine Pflicht – Alys und Leon gegenüber.“. Und damit dämmerte er weg.
 
Er zog sich langsam, mit aller Gewalt aus den Sumpf der Erinnerungen hinaus. Sein Geist fand irgendwie den Weg zurück ins hier und jetzt. Er war nicht mehr in Graupel. Er war in Ansilon. Seine Eltern waren tot. Aber ihm und seinen Geschwistern ging es gut. Und wenn Alys endlich ankommen würde, würde es ihnen so gut wie noch nie gehen. Dennoch blieb die Bitterkeit. Blieb die Gram unter dem Lächeln, unter der Maskerade die er zu wahren versuchte. Seinetwegen – und seiner Geschwister wegen. Die Hand rieb sich über die Wange, die Stirn war in tiefe Falten gelegt. Es wäre einfach gewesen zu sagen, dass es in diesem Augenblick begann schwierig zu werden. Doch schwierig wurde es erst viel später. Mit einem Seufzen, einem Ächzen erhob er sich von der Bank. Die Schritte, ebenso leise wie sie zuvor hinabgefunden hatten, fanden den Weg hinauf, zurück ins Bett. Wortlos legte er sich neben Leon nieder und schloss die Augen. Er hoffte auf ruhigen Schlaf. Wenigstens ein paar Stunden.
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Tyvurn Dracon
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Re: Schlaflose Nächte

Beitrag von Tyvurn Dracon »

Kapitel 2 – Die volle Härte des Lebens
 
Tyvurn stand im Museum der Bewahrer. Der Blick hing gedankenverloren auf einem der Ausstellungsstücke, ohne jenes jedoch bewusst wahrzunehmen. Die großen, groben Hände ruhten auf dem Schaukasten, stützten sich auf jenen. Der Körper war leicht vorübergebeugt, die Schultern hingen etwas hinab. Die letzten Wochen hatten ihre Spuren hinterlassen.
 
Er war Leid und Kummer gewohnt. Die meiste Zeit prallte es an ihm ab, wie Regen an einem massiven Glasfenster. Sie Alle hatten ein schweres Leben gehabt. Und Tyvurn hatte, trotz aller Versicherungen an Alys und Leon das es in den neuen Landen ihnen gut gehen würde, nicht damit gerechnet dass das Leben hier einfacher werden würde. Da war Kathleen gewesen. Die erste Frau die hier sein Interesse geweckt hatte. Die Frau die ihn verlassen hatte in der Hoffnung ihn dadurch zu schützen. Da war jene verhängnisvolle Nacht gewesen, als er in der seiner Ruhelosigkeit hinaus in den Wald gezogen war. Zunächst hatte er gedacht er würde es mit seinem Leben bezahlen, als er diesem verdammten Wolf begegnet war. Doch war der Preis noch höher gewesen, als sich einige Zeit später herausstellte, dass dieser Wolf kein gewöhnlicher gewesen war. Verflucht, sein Dasein zukünftig als Wolfsmensch zu fristen, war ihm die Umstellung an die neuen Umstände nicht leicht gefallen. War sie noch immer eine Herausforderung die an manchen Tagen seine ganze Kraft verlangte. Das Minerva verschwunden war, traf ihn in dieser Situation nur umso härter. Er wollte es nicht zugeben, würde es nie zeigen wollen. Aber er hätte sie gebraucht. Und so fehlte sie ihm, tagein und tagaus.
 
Dann war da die Geschichte mit dem Brutdrachen gewesen. Begonnen hatte es mit einem untoten Drachen der ein Drachenei gestohlen hatte. Geendet hatte es mit der Seele des Drachen in Livius Körper, die sie wieder in den wiedergeborenen Körper des Sternendrachens verfrachtet hatte. Dann waren da die Portale in Ansilon gewesen. Die Kämpfe mit Dämonen um jene zu schließen alleine hätten gereicht um eine gute Geschichte zu erzählen.
 
Es waren schwierige Zeiten gewesen. Und sie waren noch immer eine Herausforderung, der er sich jeden Tag stellen musste. Ob er wollte oder nicht. Und so war wenig Zeit gewesen sich in seinen üblichen Gedanken zu verlieren. War nicht der Moment gewesen, wo er mit der Vergangenheit haderte. Und doch: Irgendwann kamen sie immer wieder auf. Die Erinnerungen die ihn quälten. Die Vorwürfe die er sich selbst machte. Und so stand er nun da: Müde, erschöpft. Das Gesicht war gezeichnet, eingefallen und etwas blässlich. Die Augenringe zeichneten das Gesicht und zeugten davon, dass der Hüne von einem Mann sich einen Augenblick der Schwäche gönnte – gar gönnen musste. Und doch: War diese Zeit, dieser Moment beschwerlicher als andere Zeiten? Die glasigen Augen verloren sich mehr und mehr, starrten durch den Ausstellungskasten hindurch. Verloren sich im Nichts, in der Ferne als sie wieder vor sein inneres Auge schossen: Die Bilder, die Erinnerungen an Graupel.

 
Noch heute war das, was er mit Graupel am meisten verband die alte Mine. Sie war ein wichtiger Punkt in Graupel gewesen. Einer der wenigen Orte wo man Arbeit fand, einer der Orte wo die Männer der Stadt zusammenkamen. Sobald er alt genug war um zu helfen, hatte er seinen Vater in die Mine begleitet. Als Junge war er keine große Hilfe, aber er konnte etwas mit anpacken. Und er hatte dabei stets das Gefühl gehabt etwas zu tun um seiner Familie zu helfen. Auch lernte er so von einem jungen Alter weg etwas über die Arbeit und das Leben unter Tage. Und es sollte sich als nützlich erweisen: Denn spätestens nach dem Tot seiner Eltern war es nun an ihm, die Familie zu ernähren.
 
Es waren nicht nur die Schwielen an seinen Händen die ihm geblieben waren. Die Erinnerungen an die Bergarbeit waren besonders Intensiv. Er konnte noch heute die kalte, stickige und feuchte Luft unter Tage riechen. Er spürte die Enge der Gänge die für einen Mann seiner Größe einfach nicht ausgelegt waren. Er erinnerte sich an die stete Dunkelheit, nur verdrängt von dem fahlen Licht von Fackeln – gerade stark genug um zu sehen was man mit seiner Spitzhacke tat. Dann war da noch die stete Gefahr gewesen. Steinschläge, oder gar der Einsturz von Stollen, kosteten ebenso Leben wie die Austritte von Gas. Die Männer in der Mine wurden selten alt. Und der knappe Lohn den sie dafür bekamen, war sicher weniger Wert als das Leben. Doch was war ein Leben eines Tagelöhners in Graupel schon wert? Was war Tyvurns Leben schon wert?
 
Die Pflicht trieb ihn an, Tag um Tag, Nacht für Nacht. Unzählige Stunden verbrachte er entweder unter Tage oder auf der Suche nach sonstiger Arbeit um sich ein wenig etwas dazu zu verdienen. Er spürte die Last der Verantwortung die seit dem Tod ihrer Eltern auf seinen Schultern ruhte. Die alte Agathe hatte sie ihm gewaltsam in Erinnerung gerufen – und ließ nicht zu, dass er es je wieder vergessen würde. Nicht das er es gekonnt hätte.
 
Sie wurde ihm gewahr, jedes Mal wenn er nach Hause kam. Müde, Erschöpft und verdreckt von der Arbeit. Wenn er den kargen Lohn gegen etwas Essbares getauscht hatte damit seine jüngeren Geschwister etwas zu essen hatten. An die Stelle des Vaters, der sich zu Tode gearbeitet hatte um seine Familie zu ernähren, war nun der große Bruder getreten. Und jeden Tag fragte er sich, wie sein Vater es geschafft hatte. Wie jener noch die Stärke besessen hatte zu Lachen. War es eine Lüge gewesen? Oder hatte sein alter Herr eine verborgene, innere Stärke gehabt die er als Junge nicht ermessen konnte? So oder so – er beneidete den Toten. Bewunderte ihn mehr denn je.
 
Wie schwierig es gewesen sein musste, wurde ihm erst bewusst als er für seine Geschwister sorgte. Und es wurde im jeden Tag klarer, wenn er übermüdet am Ende seiner Kräfte nach Hause kam. Der kalte Wind zog durch den Holzverschlag in dem die Geschwister lebten. Neben der Arbeit musste er noch irgendwie jenen davon abhalten zusammenzufallen: Sonst würden sie endgültig auf der Straße leben müssen.
 
Leon und Alys beschwerten sich selten. Und selbst wenn: Er bekam es kaum mit. Zu selten war er zu Hause. Zu sehr beschäftigt damit, dass Überleben der Familie zu sichern. Die Erziehung seiner Geschwister übernahm die alte Agathe, zum Großteil. Umso größer war die Freude der kleinen Geschwister, wenn sie ihren Bruder dann für wenige Stunden am Tag zu Gesicht bekamen. Er konnte zwar kaum noch aufrecht stehen vor Müdigkeit und Schmerzen, dennoch versuchte er für sie da zu sein. Zumindest so gut er es konnte.
 
Doch an manchen Tagen gelang es nicht. An manchen Tagen war es zu viel. Die Müdigkeit, die Verantwortung. Insgeheim hoffte er davon erlöst zu werden. Dass jemand kommen würde, um ihm zu helfen. Er war gerade einmal sechzehn Jahresläufe alt. Noch nicht einmal ein Mann. Je länger er versuchte Alles zu schultern, umso schwerer wurde es. Er wurde zunehmend gereizter. Die Sorge um das Geld, dass immer zu wenig war. Der Kummer, dass er für seine Geschwister nicht da sein konnte wie er wollte. Und diese quälende, nie enden wollende Müdigkeit.
 
Es war Zuviel gewesen. Und insgeheim wusste er, dass sie so nicht überleben würden. Das Graupel so erst ihn brechen würde und sie dann, langsam und qualvoll, sterben würden. Das war es, was der Norden mit jenen tat die nicht stark genug waren. Und so, mit einer Menge an Selbsthass und Vorwürfen an sich selbst, erinnerte er sich an jenem Tag der ihm dies alles stärker denn je vor Augen geführt hatte.
 
Er war nach Hause gekommen. Den Tag über hatte er in der Mine gearbeitet. Des Nachtens wollte er zusätzlich etwas dazuverdienen indem er Händlern beim Umladen und Bewachen der Waren half. Nur um dann von einem gierigen Drecksack um den Großteil seines Lohnes beschissen zu werden. Eine nicht unübliche Praktik unter den reisenden Händlern – sie wussten was sie sich herausnehmen konnten. War ihre Sicherheit, ihr Reichtum doch mehr Wert als die Beschwerde eines bedeutungslosen Tagelöhners. Das Geld reichte nicht – einmal wieder – und der Winter nahte. Die Sorge darum, wie sie jenen überstehen sollten überschattete alles. Die Erinnerungen an den letzten Winter, der ihre Eltern das Leben gekostet hatte, kamen hoch. Und Tyvurn rechnete damit, dass der Sensenmann dieses Jahr sie zu ihren Eltern holen würde.
 
Leon war einmal mehr am herumstromern. Tyvurn wusste nicht wo sich sein Bruder herumtrieb. Alys war zu Hause. Und in ihrer naiven, unbekümmerten Art, hatte sie sich schier unendlich gefreut ihren Bruder zu sehen. Sie war auf ihn zugestürmt, ihm um den Hals gefallen. Eine Art der Zuneigung wie nur junge Kinder in ihrer Unbekümmertheit sie kannten. Der junge Tyvurn murrte nur. Seine Laune war am absoluten Tiefpunkt. Und Alys spürte das – und wollte ihm helfen. „Großer Bruder! Lass uns spielen!“ „Nein, Alys.“. Die Stimme war genervt, der Hüne angespannt. „Tyvuuurn! Bitte! Lass uns spielen! Das lenkt dich ab!“„Lass mich in Ruhe.“. Er knurrte sie an, der Ton war wesentlich schärfer als er wollte. „Bruderherz! Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte…“.
 
Und da schallte es laut durch den Raum. Das Geräusch einer Hand die eine Wange traf erfüllte den Raum. Alys, vor Schreck, fiel auf ihren Hintern. Ihre Hand legte sich an die knallrote Wange, hielt sich jene. Die großen Augen blickten ihren Bruder an. Kein Vorwurf, keine Angst lag darin. Aber Verwirrung. Tyvurn selbst, kaum das er sich dessen gewahr wurde was er eben getan hatte, starrte erschrocken auf seine Hand. Die Gefühle hatten ihn übermannt, die Situation war ihm zu viel geworden. Er wusste, dass Alys die Ohrfeige nicht verdient hatte. Langsam sank er vor dem Mädchen auf die Knie, die Stimme zittrig, schwach. „Alys… es tut mir Leid.“. Er machte sich Vorwürfe. Vorwürfe, die er sein leben lang nie ganz ablegen können würde. Doch das schlimmste sollte nun folgen. „Ach Tyvurn, du Dummerchen! Es ist gut. Es war meine Schuld. Verzeih mir, Bruder.“. Sie lächelte ihn an. Der Gesichtsausdruck war fröhlich, unbekümmert. Sie meinte ihre Worte genauso. Keine Trauer, kein Vorwurf. Nicht einmal eine Träne des Schmerzens kullerte über ihre Wange. Nein – im Gegenteil. Sie rappelte sich auf, tappste auf ihren Bruder zu und nahm ihn in die Arme. „Alles wird gut!“. Als sie ihn so tröstete, obwohl er sie gerade geohrfeigt hatte, brach etwas in ihm. Irgendein Teil seiner Seele starb in jenem Moment. Und so konnte er nicht anders: Er war es nun dessen Tränen sich die Bahn brachen. Der schluchzte und weinte, der nicht anders konnte als sich den Frust, die Last von der Seele zu schreien. Die Stärke die er haben sollte, die er brauchte um für seine Geschwister da zu sein: Ausgerechnet die jüngste von ihnen schien sie zu haben.
 
Er wusste nicht wie lange Alys ihm um den Hals hing. Wie lange er weinte. Er hatte jedes Zeitgefühl verloren. Irgendwann löste er sich von seiner kleinen Schwester. Die roten Augen betrachteten sie, schweigend. Sie lächelte ihn stumm an. „Alys? Ich will das du zu Agathe gehst und heute bei ihr schläfst. Wenn du Leon siehst richte ihm das aus, ja?“. Langsam stemmte er sich in die Höhe. „Wohin gehst du, Tyvurn?“„Ich muss etwas erledigen.“.
 
Er verließ den Holzschuppen. Ging durch die Straßen von Graupel. Trostloser denn je wirkte die Stadt auf ihn. Grau, düster – und ohne jegliche Hoffnung. Er hatte fast alles versucht, was in seiner Macht stand. Und war damit an seine Grenzen gestoßen. Dieser Augenblick hatte sie ihm aufgezeigt. So konnte es nicht weiter gehen. Nicht wenn er sich und seinen Geschwistern ein Leben ermöglichen wollte das aus mehr als Trostlosigkeit, Verzweiflung und dem ständig drohendem Tod bestand.
 
Zielstrebig waren seine Schritte. Steuerten einen wohlbekannten Ort an. Fanden sich vor einer verschlossenen Türe ein, gegen die er kräftig klopfte. Nur einen Spalt wurde sie geöffnet, ein grimmiges Gesicht starrte ihm aus jenem entgegen. „Ist Hendrik da? Ich will mit ihm reden.“.
 
Langsam verblassten die Bilder, hörten die Erinnerungen auf.  Er befand sich wieder im Hier und Jetzt, wähnte sich wieder im Museum der Bewahrer. Die Hände hatten sich förmlich an die Kante des Schaukastens geklammert, beinahe gebohrt. Das war er gewesen. Der Moment wo ihm eines bewusst geworden war: Stärke und Schwäche waren keine Sachen, die sich über körperliche Stärke oder Macht definierte. Sie wurden definiert über den Willen. Die Bereitschaft, Entscheidungen zu treffen die dunkel und düster waren. Das man sich dazu durchrang, zu tun was auch immer nötig sei um das eigene Überleben und das jener zu sichern, die einem am Herzen lagen. Als er durch jene Türe getreten war, hatte sich ein blutiger, gefährlicher Pfad aufgetan. Ein unverzeihlicher Weg hatte begonnen, der darin gegipfelt hatte dass er seine Geschwister belügen musste und sie aus Graupel fliehen sollten. Und doch: Bereute er es nicht.
 
Die Hände ließen vom Schaukasten ab. Sie fuhren durch das gezeichnete Gesicht des Hünen, verbargen jenes für den Augenblick. Das Leben war nicht einfach. Es war eine Aneinanderreihung von beschissenen Situationen, Enttäuschungen und Kämpfen. Und nur die wenigsten davon waren zu gewinnen. Doch würde er verdammt sein, wenn er es nicht wenigstens versucht. Soweit war er gekommen. Und egal was in dieser neuen Heimat auch passieren würde: Es konnte nicht schlimmer sein als das, was in Graupel passiert war.
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Tyvurn Dracon
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Re: Schlaflose Nächte

Beitrag von Tyvurn Dracon »

Kapitel 3 – Hendrik Blutfaust
 
Er saß auf seinem neuen Bett. Die Augen geschlossen, den Rücken gegen den kühlen, harten Stein des Gemäuers gelehnt. Tief gingen die Atemzüge, sogen die Luft des Kellers durch die Nase ein. Die Sinne waren bis zum Anschlag geschärft. Er roch nicht nur den Keller. Er hörte die Stimmen der anderen Bewahrer im Anwesen. Spürte die Schritte die irgendjemand gerade auf der Treppe über ihm machte.
 
Langsam und behutsam öffnete er die Augen. Nur eine fahle Kerze erleuchtete den Raum den er nun sein Zuhause nannte. Dennoch sahen seine Augen im Halbdunkel beinahe makellos. Einer der Vorteile, seines „Zustands“. Kein Fenster ließ Licht ein – hatte er sich doch für das Zimmer abseits der Anderen im Keller entschieden. Er wusste selbst nicht genau, was ihn dazu bewegt hatte. Aber er genoss die Abgeschiedenheit, etwas weiter weg von den Anderen zu sein. Und sie doch noch in Rufreichweite zu haben. Er mochte die dicken Mauern, die ihm ein Gefühl von Sicherheit vermittelten. Es beruhigte ihn, dass er wenn einmal „Etwas“ geschehen würde, er zumindest im Keller war. Weiter weg von den Bewahrern. Auch wenn die Sicherheit etwas trügerisches war. Denn sollte er sich wirklich, warum auch immer, verwandeln, würde der Wolf nicht lange im Keller verbleiben.
 
Aber es erinnerte ihn auch an vergangene Zeiten. Einmal mehr konnte er nicht Anders als zwiegespaltene Gefühle für seine Heimat zu haben. Da war der Keller der Taverne „Zur blutigen Faust“ gewesen. Ebenso kühl, wenn auch etwas modriger als der Keller des neuen Anwesens, mit eben solchen dicken, steinernen Mauern. Gleich nach der alten Mine war der Keller der Taverne das, woran er sich am stärksten, intensivsten erinnerte. Es waren zum Großteil keine guten Erinnerungen. Aber auch nicht ausschließlich schlechte. Haderte er mit seiner Entscheidung damals? Seiner Entscheidung zu Hendrik zu gehen? Er wusste es nicht genau. Die Entscheidung war eine beschissene Gewesen. Aber die Alternativen waren noch beschissener gewesen. Mit einem tiefen, langen Atemzug der auf der Hälfte entschloss ein Seufzen zu werden, schloss er die Augen. Leise formten die Lippen einen Namen, denn er nur geflüstert aussprach: „Hendrik…“.
 
Da stand er nun. Vor der Türe zum Keller. Die Hand noch erhoben, betrachtete er auf das grimmige Gesicht das ihn aus einem Spalt heraus anstarrte. Er befand sich auf der Rückseite der Taverne „Zur blutigen Faust“. Mitten in dem Teil von Graupel, der wohl in einer richtigen Stadt als „Armenviertel“ gegolten hätte. Dann wiederum war ganz Graupel ein einziges, riesiges Armenviertel und die Unterscheidung minimal. Einem Fremden wäre sie wohl gar nicht aufgefallen.
 
„Tz. Verpiss dich Junge.“. Die Tür wurde mit einem Schlag zugeknallt, förmlich in Tyvurns Gesicht geschlagen. Der Junge holte tief Luft, schloss die Augen. Er spürte die Wut in ihm aufkommen, hochkochen. Erneut hob er die Faust. Erneut schlug er gegen die Holztür, trommelte förmlich. Er war noch nicht ausgewachsen. Aber bereits groß, gar ein wenig massiv – untypisch für einen Jungen seines Alters. Aber der breite, hohe Wuchs der ihn später als Mann ausmachen sollte war bereits klar zu erkennen. Die Kraft, gestählt durch die harte Arbeit, war auch bereits in Ansätzen vorhanden. Entsprechend erzitterte die Tür unter dem wuchtigen Schlägen. Und auch wenn zunächst keine Antwort erfolgte, hörte er nicht auf zu Klopfen. Monoton, gleichmäßig knarrte das morsche Holz der Türe unter seinen Schlägen. Wütend wurde sie von der Innenseite aufgerissen. „Ich sagte doch…“. Weiter kam der Türsteher nicht. Wortlos, in einer Art die keine Reue erkennen ließ, hämmerte Tyvurn dem Türsteher die Faust mit aller Kraft ins Gesicht. Der Mann, nicht darauf vorbereitet, ächzte, verdrehte die Augen. Er fiel nach hinten um, wie ein Sack Mehl der den Halt verloren hatte.
 
„Verpiss du dich, Scheißkerl.“. Murrte Tyvurn unwirsch, als er über den Bewusstlosen stieg. Er war nicht hierhergekommen um sich abwimmeln zu lassen. Er würde hier nicht unverrichteter Dinge abziehen. Die Türe führte zu einer Treppe, die geschwungen hinab in die Erde führte. Etwas tiefer, als man es bei einem Keller vielleicht erwarten würde. Das flackernde Licht von Wandfackeln beleuchtete die groben, unregelmäßig gehauenen Stufen. Und je weiter Tyvurns Schritte hinabführten, umso mehr überkam ihm das Gefühl das der Abstieg in den Keller mehr war als nur ein physischer Abstieg. Das es mehr ein Sinnbild war, als sonst etwas.
 
Der Name von Hendrik Blutfaust, dem Besitzer der Taverne „Zur blutigen Faust“, war ein bekannter in Graupel. Dennoch wurde er nur selten laut ausgesprochen. Es war einer jener Namen die man mehr flüsterte, leise und hinter vorgehaltener Hand. Würde man fragen, wer der Mann mit der meisten Macht, dem meisten Einfluss in Graupel war: Ein Jeder würde zuerst den Ritter nennen, der in der Burg über der Stadt thronte. Doch direkt danach? Mit verstohlenen Blicken um zu überprüfen, wer gerade zuhörte? Würden die meisten wohl Hendrik nennen.
 
Kein politisches Amt hielt er inne. Und er war nicht das, was man einen Händler oder Bürger nennen würde. Er selbst bezeichnete sich gerne als Geschäftsmann. Doch das Glimmen das in Hendriks Augen dabei zu sehen war verriet bereits Alles. Ein Mann der das Armenviertel kontrollierte. Der über die Verbrecher der Stadt herrschte. Dessen Methoden Gewalt, Erpressung, Raub und Schlimmeres beinhalteten. Der einzige Grund, dass der Ritter nicht offen gegen den Mann, der das Gesetz so offen brach und ignorierte wie kaum jemand vorging, war schlicht das es ein gewisses Gleichgewicht gab. Sicher, der Ritter hatte gut ausgebildete Kämpfer. Streiter in brauchbaren Rüstungen, mit hervorragenden Waffen. Doch Hendrik hatte mehr Männer. Weniger Skrupel. Und das Armenviertel war ein Labyrinth, eine Festung und seine Männer kannte jenes so gut wie niemand sonst. Würde sich der Ritter mit seinen Mannen offen an Hendrik vergreifen, würde es wohl zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen kommen. Denn während dem Ritter das Wohl der Leute egal war, solang er seinen Status behielt – so war Hendrik jemand, der bewusst und geschickt die Not der Leute linderte. Sich den Wohlwollen der Bewohner Graupels sicherte. Und selbst jene, die noch Achtung vor Gesetz und Ordnung hatten, mussten zähneknirschend zugeben das der Herr der Taverne mehr als eine Familie durch einen kalten Winter gebracht hatte.
 
Nur die wahrhaft Verzweifelten wandten sich an Hendrik. Denn er war kein Wohltäter. Niemand der die Reichen bestahl und den Armen schenkte. Alles was er gab hatte einen Preis. Und meist war der Preis höher als das was man am Ende wirklich bekam. All dies war Tyvurn bewusst. Sein Vater mochte Hendrik nie. Seine Mutter fürchtete ihn. Und die alte Agathe hatte nichts als Beleidigungen und Respektlosigkeiten für den Mann über. Und doch: Es musste sein.
 
Er dachte an Leon. An Alys. Daran wie er nicht in der Lage war sie zu versorgen. Nicht der Bruder sein konnte den sie brauchten, geschweige denn verdient hätten. All dies kreiste in seinem Kopf, während er Schritt für Schritt die Treppe hinabging. Und mit jedem Schritt wurden die Beine schwerer, die Schultern fühlten einen Druck auf sich. Klamm wurde ihm, als ob die Finsternis selbst ihm ein wenig die Luft nehmen wollte. Und so trat er am Ende der Treppe durch einen Vorhang.
 
Er spürte eine Hand auf seiner Brust. Ein weiteres, grimmiges Gesicht blickte ihn an. Im Gegensatz zum Türsteher oben war der Kerl bewaffnet, gerüstet – und nicht Alleine. Der Raum war voller Männer. All saßen an ihren Tischen, tranken, aßen oder spielten Karten. Der Keller war das Herzstück von Hendriks Reich. Ein offenes Geheimnis. Tyvurn stockte. Er setzte gerade an etwas zu sagen, als er eine weitere, schwere Hand an seiner Schulter spürte. Instinktiv drehte er sich um, wohlwissend was nun kommen würde.
 
„Du beschissenes Balg!“. Und so, wie er vorhin dem Türsteher eine reingehaut hatte, erwiderte jener nun den Gefallen. Die Faust traf Tyvurn zwar vorbereitet, aber er hatte sich noch nie ernsthaft sich Geschlagen und sich nur mit anderen Jungen zum Spaß geprügelt. Es war etwas Anderes, als von einem wütenden Mann die Nase beinahe gebrochen zu kriegen. Kurz wurde ihm schwarz vor Augen, weiße Lichter tanzten in der Dunkelheit um ihn herum. Er spürte wie er hart auf dem Boden aufschlug und etwas warmes, klebriges aus seiner Nase rann. Kaum das er am Boden war, öffnete er die Augen. Doch da spürte er schon einen Tritt gegen sein Gesicht. Erneut drehte sich die Welt und für einen Augenblick drohte er das Bewusstsein zu verlieren.
 
Der Raum, vorher von leisen Gesprächen erfüllt, war verstummt. Alle Augen waren auf Tyvurn und seinen Gegner gerichtet. Der junge Dracon wusste, wenn er hier und jetzt das Bewusstsein verlieren würde, wäre es vorbei. Dann könnte er nicht mit Hendrik sprechen. Die Angst, die Frustration stiegen in ihm auf. Und als der nächste Tritt gegen sein Gesicht kam, schlang er mit der Kraft eines verzweifelten Mannes seine Arme um das Bein. Der Türsteher blickte  erstaunt auf – mit der Gegenwehr hatte er wohl nicht mehr gerechnet. Hastig brachte Tyvurn den Mann zu Fall. Schnell, geschickte setzte er sich auf die Brust des Türstehers. Und dann, Schlag um Schlag, ließ er eine Kette von Fäusten auf das Gesicht des Mannes niederprasseln. Er vergaß wo er war. Oder auch nur warum er hier war. Irgendetwas in ihm, eine tiefsitzende Wut, bracht sich die Bahn und ließ nun an dem Gesicht des Gegenübers sich aus.
 
Doch es währte nicht lange. Er spürte wie Hände ihn von hinten packten, wie er fortgezogen wurde von seinem Opfer. Der kalte, harte Stein des Bodens auf den er gedrückt wurde holte ihn ebenso zurück in die Realität wie die Klinge die man ihm an den Hals setzte. Die Augen fokussierten sich wieder, blickten in das wütende, grimmige Gesicht des Mannes der ihn am Fuß der Treppe aufgehalten hatte. Es war rau, grob, vernarbt. Und im Gegensatz zu dem Mann der oben als „Türsteher“ fungierte, sah man dem Kerl an das er wirklich kämpfen konnte. Tyvurn schluckte schwer. Kurz keimte in ihm Angst hoch. Angst das er es verkackt hatte. Angst das er nun sterben würde. Und doch, die Worte die seine Kehle verließen, überraschten ihn selbst. Ruhig, stoisch beinahe wurden sie ausgesprochen. Auch wenn sein innerstes zitterte und bangte, versuchte er es sich nicht anmerken zu lassen. „Ich will mit Hendrik reden.“.
 
Die Klinge an seinem Hals wurde fester aufgedrückt, schnitt leicht durch die Haut. Wortlos wurde Tyvurn weiter angestarrt, während ein kleines, feines Rinnsal an Blut nun die Haut entlang sickerte. „Scheiße, ich will mit Hendrik reden!“ knurrte er den Mann mit der Klinge an. Kurz machte es den Anschein als wollte der Mann dem jungen Dracon einfach die Kehle durchschneiden. Als würde er es am liebsten hier und jetzt beenden wollen. Doch gerade als der Anflug eines Bewegung durch den Mann zu gehen begann, erfüllte den Raum eine tiefe, raue Stimme. Gefolgt von einem bellenden, groben Lachen. „Scheiße Gernot, bring den Jungen nicht gleich um. Ich will wissen was der Bengel von mir will, dass er sein Leben so leichtfertig wegwirft.“.
 
Tyvurn wurde gewaltsam hochgezogen, die Klinge von seinem Hals genommen. Er hörte ein Knurren von dem Kerl der ihm fast die Kehle durchgeschlitzt hätte. „Eine falsche Bewegung, ein falsches Wort und ich schlachte dich ab wie das Schäfchen das du bist.“. Unwillkürlich schluckte Tyvurn, griff sich an den Hals wo noch immer etwas Blut hinabrann. Er wurde gestoßen, unsanft vorwärts durch den Raum gedrängt. Es war noch immer totenstill, alle Augen auf ihn gerichtet. Dann und wann nahm er ein leises, unverständliches Raunen wahr. Aber im großen und ganzen wusste er, dass ein ganzer Raum voller Gesetzloser, Halsabschneider und Schläger ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihn legten.
 
Im hintersten Eck des Raumes, war ein größerer Tisch. Befüllt mit Essen, Getränken und einem Haufen Goldmünzen und Edelsteinen wie Tyvurn sie noch nie gesehen hatten. In einer Stadt wie Graupel war es das erste Mal, dass er solchen Reichtum sah und so nahe kam. Dahinter saß Hendrik.
 
Hässlich wie die Nacht finster. Ein Hüne, breit gebaut und ein beeindruckender Mann. Das kantige Gesicht war vernarbt, der Kopf kahlgeschoren. Einzig ein zotteliger Vollbart war an Behaarung zu erkennen. Die Nase war zweifelsohne mehrmals gebrochen, Blumenkohlohren als hätte er zu oft Schläge eingesteckt. Und dazu kleine, verschlagene Augen die Tyvurn anstarrten. Der Blick erinnerte ihn an ein Raubtier, das gerade darüber nachdachte ob es mit seinem Opfer noch etwas spielen sollte oder es gleich fressen würde. „Du, mein junger Freund, hast wohl die dicksten Eier von ganz Graupel wenn du denkst hier so reinzukommen. Einfach so zu verlangen mit mir zu sprechen, nachdem du den Armen Perrick einfach so das Gesicht einschlägst. Dann wiederum, sollte Perrick dir vielleicht dankbar sein. Der Mistkerl war ja ohnehin hässlich sondergleichen.“. Ein raues, bellendes Lachen ertönte wieder. Hendrik war den Kopf nicht hinten, sichtlich amüsiert über seinen eigenen Witz. Danach nahm er Tyvurn wieder fest in den Blick.
 
„Aber Eier alleine reichen nicht, eh? Also – entweder du bist mutig, dumm oder einfach nur beschissen verzweifelt. Was ist es, Junge?“. Lauernd wurde der Blick, das Schweigen das nun den Raum erfüllte schien die Luft nochmal dicker zu machen. Als ob man sie mit einem Schwert schneiden könnte. Tyvurn holte tief Luft. „Ich suche Arbeit. Arbeit die Geld bringt.“. – „Suchen wir das nicht alle, Junge?“. Bei der Gegenfrage schwang etwas mit. Ein Ton der klar machte, dass sich Tyvurn die nächste Antwort gut überlegen sollte. Das davon sein Leben abhängen würde. Er schluckte, schwer. So leicht es eben noch war ruhig zu bleiben – irgendetwas an Hendrik machte ihn nervös. Es war eine Aura, eine Ausstrahlung die klar machte, wie gefährlich dieser Mann wirklich war.
 
„Meine Eltern sind im Winter an der Seuche gestorben. Ich habe einen Bruder und eine Schwester zu ernähren. Und von der Mine kann ich nicht leben. Die Händler sind Bastarde die mich um meinen Lohn bescheißen. Wenn ich so weiter mache, überleben ich und meine Geschwister den Winter nicht. Also entweder ich finde hier und jetzt Arbeit die mir und meinen Geschwister das Überleben sichert, oder du kannst mich auch jetzt schon umbringen. Denn wenn ich hier unverrichteter Dinge rausgehe, sind wir ohnehin tot.“. Zeit seines Lebens wusste Tyvurn nicht, woher er die Gabe hatte selbst in Situationen wo er sich in die Hose machte ruhig zu wirken. War es Trotz im Angesicht der Gefahr? War es wirklich Mut? Oder schiere Verzweiflung die ihn diese Worte ruhig, emotionslos aussprechen ließ? Er wusste nicht was es war. Aber irgendetwas an seinen Worten schien Hendrik zu gefallen. Zumindest grinste jener zufrieden auf.
 
„Dumm bist du schonmal nicht. Bleibt noch Verzweifelt oder Mutig. Wie heißt du, Junge?“. – „Tyvurn. Tyvurn Dracon.“. „Ty, eh? Nun, mein junger Freund. Wir werden noch sehen, was für eine Art Mann du bist. Denn eines sage ich dir: Trotz deiner Jugend bist du bereits ein Mann. Mehr als viele andere in dieser scheiß Stadt. Und du bist zum Richtigen gekommen. Eines verspreche ich dir: Solange du für mich arbeitest, loyal bist und bereit bist dir die Hände schmutzig zu machen wird es dir und deinen Geschwistern an nichts fehlen.“.
 
Tyvurn wusste nicht genau, was er davon halten sollte. Es war das, weswegen er hergekommen war. Das wovon er sich versprochen hatte, dass es seine Geschwister retten würde. Und doch wollte das ungute Gefühl der Bedrohung, dass er das Schlimmste noch vor sich hatte, nicht verschwinden. „Also mein Junge, bist du bereit für deine Aufnahmeprüfung?“.
 
Er lächelte auf, als er aus den Erinnerungen hochschreckte. Hendrik. Der Mann war in den Jahren in denen er für ihn gearbeitet hatte zu einem Ersatzvater geworden. Vieles von dem, was Tyvurn konnte hatte er dem alten Sack zu verdanken. Und irgendwann, war es eine seltsame Freundschaft geworden die sie verband. Aber das hatte nie überdeckt, dass Hendrik zuerst an sich dachte. Das er seine Männer ausnutzte. Sie zu schrecklichen Dingen zwang um sie an sich zu binden. Der Preis für das Überleben in Graupel war ein Stück der eigenen Rechtschaffenheit, Würde, vielleicht gar der eigenen Seele. Ein Preis den Tyvurn damals nur zu bereit war zu bezahlen.
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Kapitel 4 – Was auch immer nötig ist
 
Der Pfeil flog durch die Luft, bewegte sich durch die Luftströme leicht auf und ab. Er surrte, ein leiser, subtiler und doch durchwegs tödlicher Klang. Die Augen des Hünen folgten dem Pfeil mit zusammengekniffenen Augen – und sah wie die Zielscheibe, welche er sich in einiger Entfernung aufgestellt hatte, verfehlt wurde. Ein wütendes, verächtliches Schnauben entfuhr dem Krieger als er den nächsten Pfeil aus dem Köcher nahm. Ein tiefer Atemzug folgte. Er horchte in sich hinein, versuchte die Ruhe zu finden die er einst in jedem Augenblick gehabt hatte. Er spürte sein Herz schlagen, hörte es pochen. Er fühlte wie das Blut in ihm aufwallte, getrieben vom Ärger das seine Fähigkeiten im Bogenschießen so mangelhaft waren. Fester, fokussierter wurde der Blick auf die Zielschiebe. „Was auch immer nötig ist…“. Leise, wie ein Mantra murmelte er die Worte vor sich hin. Sie halfen ihm sich zu konzentrieren, sich zu fokussieren.
 
Doch nicht heute. Die Haltung entspannte sich. Entnervt warf er den Bogen zur Seite, die Geste war beinahe achtlos. Die Konzentration, die Ruhe – es war schwer sie zu finden dieser Tage. Und am heutigen Tag ganz besonders. Das Mantra, dass er über die Jahre sich einige hundert, wenn nicht tausendmal vorgesagt hatte, rief heute nur Erinnerungen wach. Erinnerungen wie sie seit einiger Zeit immer wieder hochkamen, sich immer wieder um die Vergangenheit in Graupel drehten. Und so war es jener Tag, an dem er zu Hendrik gegangen war der heute wieder aufkam. Die Erinnerung an den Moment, als er dieses Mantra für sich entdeckt hatte und es zu seinem Lebensmotto macht. „Was auch immer nötig ist…“ murmelte der Krieger ein weiteres Mal als die Erinnerungen hochkamen.
 
„Also, mein Junge, bist du bereit für deine Aufnahmeprüfung?“. Etwas an Hendriks Worten ließ ihn hochschrecken. Damit hatte er wahrlich nicht gerechnet. „Wie? Jetzt?“. Es platzte heraus aus ihm. Beinahe etwas pampig, aber hauptsächlich überrumpelt. „Eh? Klar, warum nicht? Jetzt ist so gut wie Morgen. Außer du kneifst und bist doch kein Mann!“. Das raue, grobschlächtige Lachen das Tyvurn’s Gegenüber entfuhr erfüllte erneut den Raum. Bis auf das Lachen, bis auf die Stimmen der Zwei war es ihm Raum nahezu gespenstisch ruhig. Tyvurn spürte noch immer die Blicke auf sich, den Argwohn. Irgendetwas ließ ihn für den Augenblick schwanken in seinem Entschluss. Das war der letzte Zeitpunkt einen Rückzieher zu machen – soviel war er sich bewusst. Wollte er sich wirklich Graupel‘s  gefährlichstem Mann anschließen und sein Handlanger werden?
 
Doch noch ehe er ernsthaft daran dachte sich umzudrehen und zu gehen erinnerte er sich. An die Ohrfeige die er Alys gegeben hatte. An die Stärke, welche die Jüngste der Dracons schon damals ausstrahlte. Daran, dass sie mutiger und stärker war als er es im Augenblick dachte zu sein. Und daran, dass er nicht hier war seinetwegen – sondern seiner Geschwister wegen. „Scheiße, bringen wir es hinter uns Hendrik.“. Tyvurn knurrte die Worte mehr, als das er sie wirklich aussprach. Die Augen waren zusammengekniffen, starrten Hendrik an. Ein Leuchten, ein trotziges Funkeln war in jene getreten. Der hässliche, grobschlächtige Mann betrachtete den Jungen. Es fühlte sich an als ob Hendrik Tyvurns Haut nur mit den Augen runterreißen würde, ihm jene abziehen würde. Die Muskeln von den Knochen riss, sich tiefer und tiefer in das Innerste vorarbeitete um einen gewaltsamen Blick in die Seele des Jungen zu werfen. Es schmerzte beinahe physisch von dem Kerl so angestarrt zu werden. Doch der Trotz, der Wille sich zu beweisen waren stärker. Er hielt stand. Es fühlte sich an als wären es Minuten oder Stunden, während in Wahrheit es wohl nur Sekunden waren. Hendrik lachte nicht. Er wirkte gefasst, ernst.
 
„Gernot?“ die Stimme schnitt durch die Stille wie ein Schwert durch Fleisch. In ihr lag eine grausame, brutale Autorität. Etwas das klar machte, wer in diesem Haufen von Taugenichtsen und Verbrechern der Stärkste war. Es war ähnlich eindrucksvoll wie der Blick den Hendrik eben Tyvurn zugeworfen hatte. Und es strahlte ein Stückweit aus, dass die Geschichten die man sich hinter vorgehaltener Hand über den Besitzer der Taverne erzähle, wohl alle wahr waren.
 
Der Mann der vorhin noch Tyvurn das Messer an die Kehle gehalten hat trat vor. Langsam, die kalten Augen auf den Jungen gerichtet, tönten die schweren Schritte über den morschen Holzboden des Kellers. Er blieb neben Tyvurn stehen, nach wie vor das Messer in der Hand. Eine Geste die mehr Drohung war, als es je ein ausgesprochenes Wort hätte sein können. „Hrm?“. Es war ein tiefes, unwirsches Brummen das der Mann Hendrik entgegenbrachte. „Nimm den Kerl mit zum alten Müntzer, ja? Ich denke, dass wäre für einen so vielversprechenden Jungen eine passende Probe.“. Irgendetwas an der Haltung von Gernot entspannte sich. Das Unwirsche wich, es folgte ein hämisches Grinsen. Ein lautes, raues Lachen. In das der ganze Raum mit einstimmte. „Klar, wenn das dein Wunsch ist. Soll der Junge am Leben bleiben?“. – „Nur wenn er es wert ist.“. Gernot, mit einem Male gut gelaunt, beinahe beschwingt drehte sich um. Die Häme in seinem Gesicht, die Schadenfreude in den Augen strahlten Tyvurn förmlich entgegen. „Na dann, Kleiner, komm mal mit. Wird mir eine Freude sein dir zuzusehen, wie du dich einscheißt.“.
 
Da war es wieder. Das Gefühl von drohendem Unheil, sich wo hineinmanövriert zu haben wo er nicht wieder rauskam. Aber es gab nun kein Zurück mehr. Schweigend folgte er Gernot. Dieser, mit lockeren Schritten, blickte immer wieder über die Schulter zu dem Jungen. „Wehe du haust ab, klar? Wenn ich schon die verkackte Aufgabe kriege dich wohin zu schleppen, will ich Etwas sehen dafür.“. Der junge Dracon blickte dem Mann mürrisch entgegen. Nun erst betrachtete er seinen Aufpasser genauer. Gernot wirkte auf den ersten Blick kleiner als er war. Der Mann war nur wenig kleiner als Tyvurn, aber wesentlich breiter. Und doch waren die Bewegungen nicht schwerfällig. Trotz der imposanten Größe und Statur, war er niemand der Aufmerksamkeit auf sich zog. Im Gegenteil: Tyvurn wusste nicht woran es lag. War es die Art wie Gernot sich kleidete, wie er sich bewegte oder einfach seine natürliche Ausstrahlung? So oder so – er war jemand der in einer Menge von Menschen sofort verschwinden würde. Gleichzeitig erinnerte er sich daran, wie ihm der Kerl das Messer an die Kehle gehalten hatte. Er hatte eine Gefährlichkeit, Mordlust ausgestrahlt die man beinahe greifen konnte. Und die nun, wo sie in den Straßen unterwegs waren, komplett verschwunden war.
 
„Wer bist du eigentlich?“. Kam es schließlich aus dem Mund von Tyvurn. Argwöhnisch betrachtete er den Kerl der so vor ihm ging, ihm den Weg durch die dreckigen, grauen Straßen Graupel‘s führte. „Gernot.“. Kam die schlichte, einsilbige Antwort, gesprochen auf eine Art und Weise die klar machte, dass es schlichtweg den Jungen einen Scheißdreck anging. „Und wohin gehen wir?“ „Zum alten Müntzer.“. Entnervt verdrehte Tyvurn die Augen, grunzte dabei leise auf. „Sollte ich nicht wissen, was ich tue?“. Nun stockte Gernot in der Bewegung. Langsam drehte er sich um. Das breite Grinsen offenbarte gelbe, schiefe Zähne. „Du wirst von dem alten Sack Hendrik’s Anteil eintreiben.“.
 
Etwas in Tyvurn verkrampfte sich an dieser Stelle. Es war ihm klar gewesen, dass was auch immer die „Probe“ sein sollte, nicht gänzlich rechtens war. Aber das er gleich zu Beginn ein Gesetz brechen sollte? Noch dazu dass er sich am Geld, welches dem Ritter nach dessen Sicht der Dinge zustand, vergreifen sollte? Er kannte die drakonischen Strafen die auf so etwas standen. Wusste, dass es ihn den Kopf kosten würde. Und dann war da noch der Fakt, dass er es ausgerechnet vom alten Müntzer eintreiben sollte.
 
Der alte Müntzer war bekannt in Graupel. Er war der Geldleiher im Armenviertel. Ein Mann der selbst einen mehr als zweifelhaften Ruf hatte. Er verlieh Geld an diejenigen die sonst von niemandem mehr etwas bekamen. Und quetschte sie bis auf den letzten Tropfen aus. Mit Zinsen, Zinsen auf die Zinsen. Und wer nicht zahlen konnte bekam Besuch von seinen Schlägern. Es war bekannt, dass der alte Müntzer und Hendrik nicht die besten Freunde waren. Das sich die Schläger des Geldleihers regelmäßig mit den Männern Hendriks Kämpfe bis auf das Blut lieferten. Und mehr als einmal gab es Tote auf der einen oder anderen Seite.
 
Nun verstand er die Schadenfreude von Hendrik. Das war so ziemlich die beschissenste Aufnahmeprüfung in die Tyvurn hineingeraten konnte. „Na, willst‘ kneifen, Schisser?“. Der Dracon schluckte schwer, ehe er versuchte ein grimmiges Gesicht aufzusetzen. „Nein. Bringen wir es hinter uns.“. So überzeugt wie er versuchte zu klingen, war er bei weitem nicht.
 
Der weitere Weg war wortkarg, schweigsam. Der Wind der durch die engen Gassen pfiff fühlte sich schneidend und eisig an. Und mit jedem Schritt den Tyvurn auf den Weg machte fühlten sich seine Füße schwerer an. Er war in seine Gedanken versunken, versuchte sich selbst Mut zuzusprechen. Und so bemerkte er erst wo sie waren als Gernot wieder sprach: „Sind da.“. Sie waren in einer dunklen Gasse, etwas abseits der belebteren Straßen. Das Haus in dem der Müntzer sein Geschäft hatte sah unauffällig, heruntergekommen aus. Der Junge schluckte schwer und blickte an der Fassade des Hauses hoch. Gernot selbst nahm auf einer Kiste Platz. Irgendwoher hatte er auf einmal einen Apfel den er anfing mit dem Dolch zu schälen. „Du machst dir ja jetzt schon ins Hemd, Angsthase. So wirst du die Prüfung nicht bestehen.“. Amüsiert klang der Mann, lachte gar vergnügt vor sich hin als er sich ein Stück des Apfels in den Mund schob. „Sicher, dass du bereit bist? Es ist keine Schande zu kneifen.“. Der Hohn schwang mit, die Häme brannte sich in Tyvurns Ohren ein. Dieser ballte die Fäuste, sodass die Fingerknöchel weißt hervortraten. „Nicht jeder ist bereit zu tun, was auch immer nötig ist.“. Die letzten Worte waren der finale, letzte Stich. Zornerfüllt, mit lodernden Blick, wandte sich der Dracon zu dem Mann um. „Ich bin gleich mit dem Geld da. Pass nur auf. Und dann, schiebe ich dir den Beutel dermaßen tief in den Arsch das er dir beim Mund wieder rauskommt.“. Gernot lachte nur laut, fast schon begeistert auf. „Kann es kaum erwarten. Also, Schisser, worauf wartest du noch?“. Eine beinahe einladende Geste, ein Deut mit der Flachen Hand auf das Geschäft des alten Müntzers. Doch die Geste war nicht notwendig. Tyvurn war bereits mit eilenden Schritten voran unterwegs, stieß unvermittelt die Türe auf und betrat das Lokal.
 
Als er den dunklen, etwas muffigen Laden betrat brauchte es einen Augenblick bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Hinter der Theke stand ein älterer Mann. Das faltendurchzogene Gesicht war von schütterem Haar und einem grauen Bart eingerahmt. Die kleinen, Augen blickten hinter einer Brille hervor deren Rahmen zumindest vergoldet zu sein schien. Der Mann war – für Verhältnisse des Armenviertels – erstaunlich gut gekleidet. Wären da nicht die zwei großen, grobschlächtigen Kerl die noch im Raum waren, würde man ihn schon alleine der Kleidung wegen ausrauben. Aber niemand raubte den Müntzer aus. Niemals.
 
Der alte Mann blickten zum Jungen, seufzte nur gequält auf und schüttelte den Kopf. „Deine Armut riecht man selbst bis hierher, Junge. Ich verleihe nichts an hoffnungslose Fälle – ich bin ein Geschäftsmann, kein Geistlicher.“. Er machte eine verscheuchende Handbewegung, als ob Tyvurn wenig mehr wäre als ein unliebsamer Vogel der zu Nahe kam. „Ich bin nicht hier um mir etwas zu leihen, Müntzer.“. War es die Art des Müntzers die ihn provozierte? Hatte er seinen Mut zusammengenommen? Er wusste es nicht genau. Er wusste nur, dass er den Entschluss gefasst hatte den Worten Gernot gegenüber Taten folgen zu lassen. Er würde hier nur mit Hendrik’s Geld rausgehen. „Du bist groß, ja, aber noch ein dünnes Hemdchen. Ich meine, schau dir deine Ärmel an. Und wie alt bist du? Zu jung um als Wache zu arbeiten. Schau das du wegkommst, ich stelle gerade niemanden ein.“. Gelangweilt, voller Desinteresse war die Stimme des Müntzers. „Hendrik schickt mich.“.
 
Schlagartig änderte sich die Stimmung. Von gelangweiltem Desinteresse zu einer Anspannung die den ganzen Raum erfüllte. Die zwei grobschlächtigen Kerle, wohl als Wachen im Raum, standen von ihren Sesseln auf. Einer legte unmissverständlich die Hand auf einen Knüppel an seinem Gurt, der andere ließ bedrohlich die Knöchel knacksen. Der Müntzer wiederum, betrachtete Tyvurn nun genauer.
 
„Geht Hendrik das Geld aus, dass er mir nun schon Anfänger und Kinder schickt? Oder will er, dass ich ihm deinen Kopf zurückschicke?“. Der Dracon schnaubte auf, ging hinüber zur Theke. Mit jedem Schritt den er näher kam, gingen auch die Wachen auf ihn zu. Er legte die Hände auf die Theke, beugte sich leicht vor. Aus den Augenwinkeln sah der Junge, wie die Männer ihn anstarrten. „Hendrik will sein Geld, alter Mann.“. Tyvurn versuchte bedrohlich zu wirken. Den Mann einzuschüchtern. So gut er konnte – was in Anbetracht seiner Vorerfahrung kläglich scheiterte. Der Müntzer, amüsiert von dem recht erbärmlichen Versuch, lachte nur laut auf. Er hob in einer verächtlichen Bewegung die Hand, während der Blick Tyvurn wieder desinteressiert anschaute. „Werft ihn raus. Aber bringt ihn nicht um. Ich erledige doch nicht Hendriks Dreckarbeit für ihn.“.

Tyvurn rechnete damit das nach ihm gegriffen wurde. Als der Kerl zu seiner rechten nach ihm griff, holte er bereits mit der Hand aus um sie jenem ins Gesicht zu schmettern. Doch der zweite Kerl, rechnete wohl ebenso mit dieser Reaktion. Der Junge spürte wie seine Hand fest umgriffen wurde, in eisernem Griff. Das nächste was er fühlte war von dem ersten Kerl ein Faustschlag in seine Magengegend. Die Luft ging ihm aus, er keuchte erstickt auf. Der Schlag war fester als alles was er bisher einstecken musste. Er sackte voran, spürte wie sein Magen rebellierte und er verzweifelt versuchte den Inhalt für sich zu behalten. Doch ein Schlag war nicht genug. Der nächste ging in seine Seite, traf die Leber. Er spürte wie sich alles in ihm zusammenzog und seine Beine kraftlos wegsackten. Es drohte ihm Schwarz vor Augen zu werden. Doch die Kerle ließen nicht ab von ihm. Sie prügelten, traten auf ihn ein, bis er kaum noch bei Bewusstsein war. Benommen spürte er nur wie die Kerle ihn wegschleppten. Die Beine schleiften über den Boden. Er spürte etwas Warmes, Klebriges an seiner Schläfe hinunterrinnen. Spürte wie sein Schädel pochte und schmerzte, die Augen dabei waren zuzuschwellen. Und er spürte wie er achtlos vor dem Geschäft in die Gosse geworfen wurde.
 
Er blieb zunächst liegen. Er versuchte sich wieder in die Realität zurück zu kämpfen. Die Schwärze vor seinen Augen zurückzudrängen. Die Hand krallten sich in den Staub der Straße als er langsam den verschwommenen Blick anhob. Er sah ein paar Füße vor sich – eindeutig die von Gernot. Der Mann schmatzte, grinste breit und zufrieden auf als er sich ein weiteres Stück des Apfels in den Mund schob. „Eh, ne Nummer zu groß für dich, was Schisser? Naja. Immerhin kannst du sagen das du es probiert hast.“.
 
Irgendetwas in ihm regte sich. Da war er wieder. Der Trotz. Die Verbissenheit die ihn schon heute den ganzen Tag antrieb. Die Wut, die Enttäuschung auf Alles die sich in ihm daran machte ein Feuer zu entfachen. Irgendwoher nahm der Junge Kräfte, mobilisierte sie, setzte sie frei und kämpfte sich zittrig auf die Beine. Er  schwankte als er stand und blickte durch Augen, die mehr und mehr zuschwollen gen Gernot. Die Hand griff an die Schläfe, wischte das Blut weg das dort mehr und mehr hinabrann. „Warte kurz. Ich bin gleich mit dem Geld da.“.
 
Gernot sagte nichts. Er bewegte sich nicht einmal. Er blickte nur mit gerunzelter Stirn Tyvurn nach als dieser schwankend, noch immer benommen zurück ins Geschäft ging. Als die Türe sich öffnete spürte er förmlich, wie drei Paare von Augen auf ihn richteten. „Ich bin wegen Hendriks Geld hier, alter Mann.“. Er stand da, sichtlich geprügelt und gezeichnet von der Abreibung die man ihm eben verpasst hatte. Der Müntzer, verächtlich, beinahe Hasserfüllt verzog das Gesicht. „Bist du bescheuert Junge? Aber gut, wenn du einen Todeswunsch hast…“. Der Müntzer schnippte mit den Fingern. Erneut gingen die grobschlächtigen Kerle auf ihn zu, bereit ihm eine Abreibung zu verpassen. Tyvurn schwankte als er sich bereit machen wollte. Die Fäuste erhoben wollte er sich wehren, so gut er konnte. Er konnte nicht Versagen. Durfte nicht versagen. Die Männer hoben die Fäuste, der Dracon machte sich gefasst darauf noch schlimmer verprügelt zu werden als zuvor. Doch die Schläge auf die er wartete kamen nie an. Stattdessen ging die Türe auf. „Ich denke das reicht jetzt, Müntzer. Der Junge gehört zu mir. Er hat bewiesen, dass er tut was nötig ist. Muss ich nun auch tun was nötig ist, alter Drecksack?“.
 
Die Stimmung im Raum kippte schlagartig. Die Schläger wichen zurück vor Gernot, schauten sich an. Tyvurn, verwirrt blickte über die Schulter. Der Mann, der ihm eben noch mit Häme und Spott belächelt hatte, ging an ihm vorbei, klopfte ihm leicht auf die Schulter. „Eier hast du, Junge. Nun weiß ich was Hendrik in dir sah. Der Kerl hat schon immer ein Auge gehabt für Dinge, die anderen Verborgen sind.“. Anerkennung schwang in Gernots Stimme mit, eine Spur von Überraschung und Unglauben war auch dabei. „Also, schmieriger, geldgieriger Bastard. Gibst du uns das Geld? Oder muss es schmutzig werden?“.
 
Gernot. Ein Name den er trotz ihres schwierigen Starts mit vielen guten Erinnerungen bedachte. Gernot war immer für ihn da gewesen. Hatte ihm Vieles gelehrt. Das ein oder andere Mal das Leben gerettet als es brenzlig wurde. Gernot war wie ein großer Bruder gewesen. Ein Lehrmeister, der ihm alles beigebracht hatte was Tyvurn gebraucht hatte um seine Aufgaben für Hendrik zu erledigen. Und es war jener Moment gewesen, wo er Gernot’s Respekt verdient hatte. Sich trotz allem einer ausweglosen Situation zu stellen, bereit zu sein alles zu riskieren um eine Aufgabe die einem übertragen wurde zu erledigen. Der Hüne seufzt auf, als er wieder den Bogen vom Boden aufnahm und einen Pfeil einlegte. Es war bei der Prüfung nie um Fähigkeiten oder Erfolg gegangen. Sie hatten ihm eine unmöglich Aufgabe gestellt und wollten sehen wie weit er gehen würde. Und er war bereit weit über jede Grenze hinauszugehen. Etwas, dass ihn von den anderen Männern stets unterschieden hatte. Was ihn noch heute von den meisten Männern unterschied. Keine Angst zu haben, keinen Respekt zu haben – auch wenn es bedeutete das man mal aufs Maul bekam. Oder im schlimmsten Fall sein Leben verlor. Aber nur wer alles wagte, nur wer bereit war zu tun was auch immer nötig war, würde in der grausamen Welt von Graupel überleben. Das lernte er an jenem Tag.
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