Verbrannte Erde

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Lyna
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Verbrannte Erde

Beitrag von Lyna »

8 Jahre zuvor
Valar

Ich lag in meinem Bett und fand schon wieder nicht den Schlaf, den ich mehr als dringend benötigte. Ich hörte das leise Schnarchen aus den Zimmern nebenan, ein beruhigendes Geräusch, vor allem, weil es bedeutete, dass meine Brüder schliefen.
Ich hatte mir ganz fest vorgenommen, wenn die nächste Ruhephase der Kämpfe eintreten würde, nach hause zu reisen. Winterberg fehlte mir, meine Familie fehlte mir und ich wusste, dass Dinge vor sich gingen, bei denen man mich vielleicht brauchte. Drachen. Kreaturen. Leo. Maamba. Was auch immer. Eigentlich sollte ich nicht mehr Kraft in meinen Aufenthalt dort investieren, als unbedingt notwendig, denn ich brauchte hier mehr als genug. Dennoch konnte es nicht schaden, mal nachzusehen, was ich dort ausrichten, wie ich helfen konnte. Auch wenn die Dinge, die dort vorgingen nichts waren im Vergleich zu meiner Heimat.
Wir hatten in den letzten Monaten weder Fortschritte gegen die Dämonen gemacht, noch Rückschritte. Für jedes Fleckchen Land, das wir gewannen, verloren wir woanders eines. Alles, was blieb, war Feuer. Asche. Verbrannte Erde.
Die wenige Zeit, die die Dämonen sich in den Mittagsstunden verkrochen, nutzten wir, um uns zu erholen, Kraft zu sammeln. Nur wollte sich die Erholung nicht recht einstellen bei mir.
Als ich meine Kleidung ablegte, um das Bad zu nehmen, von dem ich mir wenigstens etwas Entspannung erhoffte, mied ich den Blick in den Spiegel. Ich wusste, was ich dort sehen würde und dass das zuhause niemandem gefallen würde. Noch blasser als sonst zeichneten sich dunkle Schatten unter meinen Augen umso deutlicher ab. Und mein Körper war ausgemergelt. Flecken von gelb über grün und blau bis hin zu einem dunklen violett und zahlreiche Schürfwunden bedeckten meine Haut. Das Einzige, das momentan an mir strahlte, war mein Mal. Hier in Valar zeichnete es sich deutlicher ab, als in der neuen Welt. Ich schätzte, dass das an der Anwesenheit meiner Brüder lag. Hier war ich vollständig. Hier waren wir alle vollständig.
Das heiße Wasser spülte wenigstens einen Bruchteil der Schmerzen meiner Muskeln mit sich fort und es war bald Zeit, sich wieder vorzubereiten. Zeit, erneut zu kämpfen. Ich quälte mich wieder in meine Rüstung – oder das, was davon übrig war. Sie brauchte dringend eine Reparatur, aber auch das hatte keinen Vorrang. Es dauerte ohnehin keine Stunde bis wir wieder rußverschmiert, schweißgebadet und von Wunden bedeckt nebeneinander standen.
Ich war es so leid. Anfangs hatte ich oft daran gedacht, einfach wieder zu gehen. Valar den Rücken zu kehren, nach Winterberg zurück zu gehen, die kleinen Unannehmlichkeiten in der neuen Welt besiegen, ab und zu mal jagen, an wieder anderen Abenden einfach in der Taverne zu sitzen. Dem Capt‘n mal die Leviten zu lesen. Vielleicht irgendwann Fahly zu suchen. Mich um meine Familie zu kümmern. Aber so sehr ich diese Dinge wollte, umso mehr war ich hier gebunden. Ich musste ihnen beistehen, sie im Stich zu lassen war keine Option.
Ich lehnte mich gegen Garrets Seite, als er seinen Arm um mich legte und den Griff etwas festigte. Es war die vertraute Umarmung eines Bruders und ich konnte sein Seufzen spüren. „Fünkchen, wir schaffen das, hm? Heute treten wir ihnen richtig in den dämonischen Arsch.“ Ich kniff die Augen zusammen und konnte mir doch das Schmunzeln nicht verkneifen. „Aber nur, wenn ich zuerst treten darf.“ Und so gingen wir los, zu fünft, wie es sich gehörte.

Wir gewannen heute mehr Land, als an jedem anderen Tag. Es fühlte sich gut an, endlich einen Fortschritt zu sehen. Ich spürte es eher, als dass ich es sah. Die Angst, den Schmerz. Und nur allein das Aufflackern dieser Gefühlsregung riss mich aus jeglicher Konzentration. Ich konnte ihn nicht erkennen. Er musste irgendwo am anderen Ende des Schlachtfeldes sein und so ließ ich Dämon Dämon sein und rannte in die Richtung, in der ich ihn vermutete. Und ich war zu spät, meine menschlichen Beine waren zu langsam gewesen. Ich kam gerade noch recht, um ihn vor dem Aufprall auf dem Boden zu wahren. Sein Schmerz fühlte sich an, als wäre es meiner, und ließ alles schwinden, was ich dachte aufrecht erhalten zu können. Er starb. Und damit machte er diesen Krieg, den ich nur führte, weil meine Geschwister hier waren, zu etwas persönlichem. Zu meinem Krieg.
Ich spürte die Hände nicht mehr, die mich versuchten, zu halten. Ich hörte die Worte nicht. Ich fühlte nicht einmal mehr, wie mein Mal riss und ich in Flammen aufging.
Das Einzige, was mich noch bewegte, war Vergeltung. Das Einzige, was ich noch wollte, war das Blut dieses Dämonen. Seinen Tod. Und ich sollte ihn bekommen. Ich kämpfte, verbitterter, als je zuvor, mit mehr Feuer, als je zuvor. Seine Größe war egal, seine Macht war egal. Und der Rest meiner Brüder war in dem Moment ebenfalls egal, genauso wie dieser Krieg.
In dem Moment, in dem er starb, ließ ich mich mitnehmen, die brennenden, starken Schwingen um mich gelegt, wie Ketten, die mich hielten und mit sich nahmen, irgendwohin, wo Zeit keine Rolle spielte. Am Rande meines schwindenden Bewusstseins fragte ich mich, wo das helle, weiße Licht blieb, wo die Bilder meines Lebens blieben, die an mir vorbeiziehen sollten. Hier war nichts, wie erwartet und alles anders, als gedacht. 
Und ich fand zum ersten Mal seit Jahren Ruhe.
Sie hielt nicht lange an und im Nachhinein war mir klar, dass Dämonen einfach gerne quälten. Dass es Wesen gab, die schlichtweg böse waren. 

„Das ist deine Wahl?“ Ich hörte ihm das Grinsen in seiner vermutlich dämlichen Fratze an. Ich spürte es förmlich und zögerte nicht bei der Antwort, denn es gab keine andere Entscheidung für mich. „Das ist meine Wahl.“
Und dann umfing mich die Dunkelheit. Nicht wie jene, die die Nacht mit sich brachte, in der man Schemen erkannte und Umrisse erahnte, sondern die absolute, schwarze Dunkelheit. Ich blinzelte, um sicher zu gehen, dass meine Augen geöffnet waren und dann atmete ich tief durch. Es war meine Wahl, meine Entscheidung.
Ich spürte, dass die dämonische Hitze mich nicht mehr umgab, stattdessen fühlte ich seine Hand in meiner, wie seine Finger meine umschlossen, kalt, aber lebendig. Ich tat noch einen Atemzug, drückte seine Hand und gab mir Mühe, die Mundwinkel zu heben. „Mach das nie wieder.“ In meinen Worten lag kein Vorwurf und auch keine Drohung. Es war viel mehr eine Bitte. „Was hast du getan, Fünkchen?“ Die vertraute Stimme, die zu der Hand gehörte, die langsam wieder die Temperatur eines Menschen annahm, drang an mein Ohr. „Nur das, was notwendig war. Wir diskutieren das nicht aus. Nimm es hin.“ Er wusste, dass ich darüber nicht mehr reden würde und beließ es dabei. Er wusste, dass es nichts bringen würde, mich in Streitigkeiten zu verwickeln. Statt des Hagels an Vorwürfen, auf die ich mich schon eingestellt hatte, folgte Schweigen, und die feste Umarmung meines Bruders und es dauerte auch nicht lange, bis es die feste Umarmung meiner Brüder war. Ich bereute es nicht. Es war nur eine neue Situation, auf die ich mich einstellen musste und würde. Und ich war froh, dass ich hier war und nicht zuhause in Winterberg. Auch wenn wir uns inmitten eines Krieges befanden und die Welt um uns herum brannte, hatte ich das Gefühl, genau am richtigen Platz zu sein.
Es dauerte ein paar Tage, bis ich mich im Haus zurecht fand. Hier und da stieß ich gegen Möbel, zog mir den ein oder anderen blauen Fleck zu. Sie versuchten, mir so wenig wie möglich zu helfen und ließen mich einfach machen. Was mich jedoch am meisten an der Situation ärgerte, war, dass ich mich nutzlos fühlte. Immer, wenn sie los zogen, um das nächste Stück Land zurück zu erobern, blieb ich im Haus. Sie wussten, dass mich das nervte und das wiederum ließ Garret noch ruhiger werden, weil er sich insgeheim Vorwürfe machte. „Wir finden eine Lösung, Fünkchen. Versprochen.“
Er hielt sein Wort. Genau wie die anderen Vier. Er fand eine Lösung oder zumindest den Ansatz, mit dem ich arbeiten konnte. Es war naheliegend, die Elemente zu nutzen. Und so nutzte ich sie.

 
3 Jahre zuvor
Irgendwo auf dem Meer

Eigentlich war es nicht meine Art zu reisen, aber ab und an nutzte ich die Möglichkeiten doch und so stand ich am Bug des Schiffes und betrachtete die Welt um mich herum. Hier war es einfach, umgeben von einem Element war es immer weniger schwierig. „Kann ich auch mit gucken? Ich stör auch gar nicht, ich guck nur mit.“ Die Stimme riss mich aus den Gedanken. Das quirlige Wesen neben mir ließ mich schmunzeln. „Oh! Das hab ich nicht gesehen! Entschuldigung! Ich kann auch weg gehen! Aber ich kann auch gucken und dir erzählen, was ich sehe. Dann sehe ich für uns beide. Oh, ich bin Luci!“ – „Ich kann sehen, Luci. Nur eben anders, als du.“ Meine Worte waren ruhig. Das Feuer loderte nicht mehr in mir, wie es das vor Jahren getan hatte. Das hieß nicht, dass es weniger stark war, im Gegenteil. Ich hatte es nur besser unter Kontrolle. „Aber wie siehst du denn dann? Also man kann ja nicht anders sehen, als mit den Augen.“
Es war selten, dass so etwas passierte, aber ich mochte sie. Ich mochte ihre quirlige Art, ihr loses Mundwerk, ihr manches Mal durchscheinende Verwirrung und vor allem ihre Neugier auf das Leben und alles drum herum. Und so erklärte ich ihr, wie ich sah. Wie ich mich orientierte. Ich erklärte ihr, dass das nicht viel mit dem gewöhnlichen Sehen eines Menschen zu tun hatte, dass ich aber nicht immer blind war. Ich wusste, wie welche Farbe aussah, ich kannte Formen und Gegenstände, Tiere, die Natur. Doch das war es nicht mehr, was ich wahrnahm. Ich sah Schemen, ich sah Schlieren, ich sah eine Zusammensetzung der mir am meisten vertrauten Strukturen. Lebewesen waren einfach zu erkennen. Wasser. Die Umgebung war nicht allzu schwer zu erkennen, bestand sie doch aus den grundlegenden Elementen, oft sogar beinahe in Reinform. Neue Orte bereiteten mir dennoch kurz Schwierigkeiten. Neue Menschen auch. Das war aber nichts, was sich nicht mit ein wenig Übung in den Griff kriegen ließ. Es war eben nur anstrengend. Nur sehr vertraute Menschen, mit denen ich mich viel beschäftigt hatte, konnte ich anhand ihrer Struktur ausmachen. Alles andere war hören und fühlen. Man musste sich eben auf seine anderen Sinne verlassen, wenn einer nicht mehr da war.
Ich ließ zu, dass Luci mich weiter begleitete, brachte sie an einigermaßen sichere Ort, wenn ich nach Valar zurück kehrte und für zwei, drei Wochen verschwand. Sie wusste, dass sie dort nicht hin sollte. Es war schlicht zu gefährlich für ein Mädchen wie sie, die grundsätzlich in allem erst einmal das Gute sah.

 
Wenige Wochen zuvor
Die neue Welt

Als sich ihre Gabe zeigte, als sie mir einfach, weil sie neugierig war, nachmachte, was ich grad tat, um ein winziges Feuerchen zu entflammen, wusste ich, wo ich sie hinbringen musste. Ich war dort hingegangen, als ich begann, mit der Magie zu leben. Ich war dort zu dem geworden, was ich lange war und heute noch irgendwie bin. Dort konnte ich sie lehren, konnte sie, wenn ich weg musste, in Hände von Vertrauten geben, die sie lehrten oder beschützten. Ich war in den letzten Jahren nicht oft nach hause zurück gekehrt. Ich wusste, dass es mein Haus nicht mehr gab. Ich wusste, dass meine Familie in alle Winde zerstreut war, wenn sie überhaupt noch lebte. Oder was auch immer sie taten. Ich war dennoch sehr froh, dass ich einige altbekannte Stimmen wieder hören konnte. Es waren nicht viele, aber immerhin ein paar.
Und dann war da Shira. Sie war wie ein Leuchtfeuer in meiner Wahrnehmung, vermutlich einfach weil sie eine solche Macht ausstrahlte, wie es kaum jemand anderes tat. Shira. Shirin. Kristalldrachen. An ihren Gefährten, musste ich mir eingestehen, hatte ich wenig Erinnerung, auch wenn mir sein Name ein Begriff war. Und die übrigen Mitglieder der Bewahrer waren mir fremd. Neue Menschen, die den Weg hierhin gefunden hatten, überwiegend magisch begabt. Aber alle mit einem gewissen Maß an Verstand gesegnet.
Trotzdem war es eher das Museum, was mich anfangs anzog. Auch wenn sie keine Macht mehr in sich trugen, hatten sie eine Bedeutung für mich, wie sie dort lagen. Als Erinnerung. Als Ausstellungsstück. Vielleicht sogar als Warnung. Splitter, keine Kugel mehr, die Zwilling einer anderen war. Sie waren zerstört und das war gut so und sollte so bleiben.
Ich hielt mich oft dort auf und so blieb es auch nicht aus, dass ich die übrigen kennenlernte. Oberflächlich. Ich schätze, es war auch nicht ganz uneigennützig, sich den Bewahrern anzuschließen. In erster Linie dachte ich an Luci. Sie könnten ihr ein Zuhause werden. Ein Schutz, wenn ich nicht da sein konnte. Lehrer, wo ich an meine Grenzen stieß. Die Entscheidung zumindest fühlte sich richtig an.
 
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Lucianna Nebelwind
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Registriert: 25 Feb 2021, 20:25

Re: Verbrannte Erde

Beitrag von Lucianna Nebelwind »

Die Magie des Lebens ist der Glanz der Freundschaften,
welche ihre Knüpfung in den verlorensten Momenten finden.


 
Immer wieder wiegt das Schiff von einer Seite zur nächsten, dem stetigen, sanften Wellengang folgend. Das rauschen des Meeres, während die Gischt gen die Schale geschmissen wurde und dort ihr zähes Ende fand, im gemeinsamen Klang mit all dem was um sie herum geschah, dem kreischen der Möwen, dem Wind der die Segel flackern ließ. Eine Symphonie des Lebens und doch ein Ort der den Geist zur Ruhe brachte, zumindest den Geist der meisten welche eben diesem Lied, dem Klang lauschten. In mir selbst führte es eher zu einer Unruhe, die Langeweile bohrte sich seit Tagen in meinen Schädel und da Frauen nicht gerne gesehen wurden beim Anpacken, war das herumstarren schlicht die einzig sinnvolle Tätigkeit. Es dauerte garnicht lange, bis ich dann auch Sie erblickte, wie sie da stand, Tag ein Tag aus immer am selben Fleck und den Blick gen Meer gerichtet. Keine Ahnung was sie da suchte, es sah fast immer alles gleich aus. Also tat ich es mir zur Aufgabe, mit ihr gemeinsam Ausschau zu halten, ungefragt, aber nun gut, die Neugierde befriedigt sich ja auch nicht von selbst. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!
 
So starrte ich Tag ein und Tagaus mit ihr in die selbe Richtung, wartete auf Land, auf ein Schiff, auf ein Wesen das vielleicht einfach so erschien? Irgendwas?! 
 
Nichts, garnichts! Sie starrte einfach nichts an? Wie konnte man um himmelswillen einfach die ganze Zeit nichts anstarren? Irgendwas muss es doch dort geben? Irgendwas, irgendwas kleines! Es zerriss mich fast innerlich und so kam ich nicht drum herum, mich doch irgendwann zu ihr zu gesellen, mich neben sie zu stellen und sie anzusprechen und da, als sie das wunderhübsche, fein gezeichnete Gesicht zu mir drehte, fiel es mir auf, sie konnte nichts sehen. Belustigt über mich selbst, über meine Neugierde und meinen dauerhaften Zwang und die tatsächlich nun bestehende  Tatsache, dass da eben nichts ist, musste ich breit aufgrinsen. 
 
Und so begann er unser gemeinsamer Weg und ich fand endlich eine Heimat, eine große Schwester, etwas besonderes was ich für mich hatte, etwas was für mich zu einem Mittelpunkt wuchs. Ich konnte all das hinter mir lassen, was hinter mir lag und fand in meinen stetigen Reisen, der ewigen Unruhe nie an einem Ort lange zu verweilen und der stetigen Neugierde auf Neues, einen Ruhepol. Einer der mich lernen ließ, einer der mich lehrte mich auf das wesentliche zu konzentrieren und dennoch die Neugierde nicht zu vergessen. 
 
Die Jahre vergingen und in all den Reisetagen lernte ich so vieles von ihr, auch das was sich in mir verbarg, das was schlummerte und eben nur wachsen konnte wenn es auch ordentlich gelehrt werden würde. Also führte unser nächster Weg uns in eine, für mich, ganz neue Stadt. Ansilon, nett! 
Der Markt? Riesig! 

Die Gassen ziemlich verwirrend, ich hatte ziemlich oft nicht die geringste Ahnung wohin ich überhaupt wollte oder ging, aber irgendwo, stelle ich im Laufe der Zeit fest, kam ich immer an, zum Glück. Dort lernte ich sie kennen, eine Ansammlung von Menschen in welcher jeder sein ganz eigenes erquickendes Wesen hat. Meine erste Begegnung war die mit dem alten Mann, Livius, naja ich glaube so alt ist er garnicht aber der Stock ließ ihn eben alt wirken und er schaut immer wahnsinnig ernst und grummelig, als hätte man ihm gerade etwas gestohlen und würde es ihm dauerhaft vor der Nase herumführen, ein alter Mann eben im jungen Körper! Tyvurn, er wirkt nicht ganz so alt aber mindestens auch genauso grummelig, meistens zumindest, als wolle er da einfach nicht aus seiner Haut heraus, als würde er schlicht mürrisch ersteinmal alles begutachten, ehe er es für gut befinden könnte. Leon, die Frohnatur! Ich mochte ihn direkt, ich konnte garnicht anders als ihn zu mögen, er war aufgeweckt und lachte und es wirkt ehrlich und offen, es tut gut. Alle wirkten sie offen! Luna, eine bildhübsche junge Frau, die Bewegungen oft so weich wie ein Blatt im Winde selbst und trotz ihrer kurvigen Figur, wirkt sie grazil in ihrem Wesen. Neami, mürrisch, witzig, vorlaut, direkt, ich mag ihre kurzen, wilden Haare. Vincent, den mochte ich zu beginn nicht so, ich kann mich noch genau an unser erstes Treffen erinnern, da pflaumte er mich an! Aber mit der Zeit schwand diese und die Gespräche wurden lockerer, zudem hat er einen total witzigen Pavian! Shira, sie strahlt eine so wahnsinnige Ruhe aus und sie weiß so viel, als wäre sie Steinalt und nur die Hülle würde ihre Jugend für ewig halten. Ich liebte es ihren Worten zu lauschen, auch wenn ich wahnsinnig oft einschlief und im Traum noch all das gehörte verarbeitete. Da waren noch Xapo und Raviell, doch die beiden sind mir noch nicht so oft begegnet. Alles in Allem, ist es eine facettenreiche, tolle Gemeinschaft die für mich, mit Lyna, zu einer Familie wird, hier fühle ich mich Zuhause.
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Lucianna Nebelwind
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Registriert: 25 Feb 2021, 20:25

Re: Verbrannte Erde

Beitrag von Lucianna Nebelwind »

Die Zeit heilt die Wunden sagt man,
doch Wunden sind tief und bleiben vorhanden,
nur mit viel Mörtel und Leim
erstickt man die Erinnerung im Keim.



So rinnt der Sand der Zeit hindurch:
Eilig setzt sie einen Fuß vor den anderen, immer wieder sucht das Augenpaar in Panik die Umgebung ab. Als würde sie an jeder Ecke, in jedem Fenster, auf jedem Dach, die Farfaren vermuten. Der Puls beschleunigte und die Atmung wirkte so abgehetzt, als würde jeder weitere Atemzug die Lungen zu einem unwillkürlichen Schmerz führen. Mit dem Päckchen in der Hand hastet sie weiter, der Matsch spritzt an den Schuhen nach oben, umspielt von einem schnellen immer wiederkehrenden, schmatzenden Geräusch. Das schlittern der Schuhe, die im Schlamm zu stoppen versuchten um die Kurve zu bekommen, das wehen des Windes welches den Stoff der Kapuze aufblähte. Die Augen weiterhin aufgerissen mit panischem, aber konzentriertem Blick. Agil kämpft sie sich durch die Gassen bis sie endlich an dem Kellerabgang angekommen ist, die Klappe aufreißend huscht sie hinein und schließt jene hinter sich. Das Herz klopft so laut, dass es zu hören ist, der Brustkorb hebt und senkt sich so schnell, dass sie kaum die Möglichkeit findet sich selbst zu beruhigen. In ihren Händen jedoch, hält sie das kleine Paket, jenes für welches sich eben dieser Ausflug gelohnt hatte….. Das Meeresblau pendelt durch den dunklen Raum, Ari und Cliff schauen zu ihr hinüber, ein nicken folgt gen ihre Mitbewohner und ein sanftes lächeln. ‘Ich hab die Kiste.’ dringt es da über ihre Lippen.




Das Hier und Jetzt prägt die Zukunft:

Ein beklemmendes Gefühl, wenn sich Menschen streiten die du gerade immer mehr als einen Teil deiner Familie siehst. Ich weiß, ich bin nicht sonderlich einfach und natürlich habe ich mein ziemlich anstrengenden Seiten. Ich war so lange in den Gassen unterwegs und habe nach dem einen Abend alle Segel gebrochen, ging...fand Lyna und nun bin ich hier. Ich fühle mich endlich Zuhause und weiß, dass ich auch noch eine Aufgabe finden muss, eine Nische in die ich passen muss - was sich wirklich als schwieriger herausstellt als gedacht. Es gibt so viele Dinge die so interessant sind und ich weiß garnicht wo ich zuerst hin will, zudem lenkt mich all das was gerade geschieht viel zu sehr ab. All die Gedanken die da in meinem Kopf herumhuschen. Es gibt so unendlich viele Szenarien und alleine die Worte heute, von der Frau...was ist wenn Leon garnicht Leon war? Sie hatte erzählt er war da und verhielt sich wie er...sah aus wie er….dann das mit den Pflanzen...Luna, Livius. Hm, so viele Gedanken die garkein Ende nahmen und was wäre passiert wenn ich alleine zu diesem Wesen gegangen wäre? Dann hätte es mich einfach geschnappt und mich ersetzt? Einfach so!
So wie es vielleicht schon viele andere ersetzt hat. Vielleicht kannte sie die Hälfte der Menschen hier nicht einmal so wie sie diese kennengelernt hatte? Weil sie einfach hm...nicht sie waren? Vielleicht mache ich mir auch, wie Lyna schon sagte, viel zu viele Gedanken über das alles. Und alleine für diesen Gedanken könnte ich mich in Grund und Boden schämen, sie haben mich hier aufgenommen und akzeptieren mich mit all meinen Fehlern...und ich zweifle an ihnen. Jeder hat sein Päckchen zu tragen und in jedem Päckchen stecken unendlich viele Emotionen und Gefühle, Erlebnisse welche einen zeichnen und welche das Wirken auf andere Menschen untermalen. All das spiegelte sich in unserem Verhalten wider und das dies nicht jeder kann dem nachfühlen - verständlich. Ich versuche das wirklich, ich bemühe mich unheimlich mich in andere Menschen hineinzuversetzen, was aber viel mehr aus meiner Kindheit und Jugend rührt.
Aber bei diesem Wirrwarr einen Faden zu finden ist wirklich außerordentlich schwer! Und das obwohl ich mich wirklich sehr bemühe!


*Die Augen starren unentwegt die Steinwand an, die Decke über sich gezogen, eingemummelt. An Schlaf war garnicht erst zu denken, viel zu viele Gedanken huschten durch das Lockenköpfchen, doch irgendwann, irgendwann riss auch der Schlaf sie in die Tiefe und offenbarte in der Nacht, wie auch am Tag zuvor, unruhige Nächte. Sicherlich wird Lyna auch immer mal wieder Wortfetzen vernehmen die auf eine Diskussion oder einen Kampf hindeuten könnten, man wird es nicht genau Erfahren, sind es ja die Träume die in den eigenen Gedanken verweilen, verflochten im Teppich all der Erlebnisse.*
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Lyna
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Re: Verbrannte Erde

Beitrag von Lyna »

Etwa 28 Jahre zuvor
Valar
Sie war nicht das Kind, das sich ihre Eltern gewünscht hatten und nur ein Familienmitglied freute sich über ihre Anwesenheit. Und dennoch, ob gewollt oder nicht, musste man doch ein gutes Bild nach außen abgeben und so wurde auch für das Mädchen eine Taufe organisiert. Den Schein wahren, das war das Hauptziel ihrer Mutter und so musste natürlich ein Fest her. Und mit der Taufe und dem Fest auch die Vier.
Der Theatersaal der Stadt wurde angemietet. Draußen zu feiern, undenkbar, bei der weißen Schicht, die alles wie eine feine Decke aus Puderzucker überzogen hatte.
Das kleine Mädchen, dessen schwarzsprießende Haare unter der weißen Haube aus Spitze verdeckt wurden, war noch viel zu klein, um alles um sich herum wahrzunehmen. Doch war sie ruhig. Sie hatte in den zwei Wochen ihres Lebens ohnehin nie viel geschrien. An diesem Tage trug sie neben der Spitzenhaube auch ein weißes Taufkleidchen. Neutral betrachtet war sie ein süßes Baby, dessen blaue Augen neugierig in die Welt blickten. Blaue Augen, die sich schon bald ändern würden zu einem dunklen Grün. Der Saal war hübsch geschmückt. Weiße Lilien hingen überall. Wo auch immer ihre Mutter diese Blumen zu der Jahreszeit her hatte – es hatte sicherlich nicht wenig gekostet.
Natürlich waren es die Vier, die die Taufe vollzogen. Es war nichts besonderes, als sie den Kopf des kleinen Mädchens mit Weihwasser beträufelten und doch saßen alle andächtig und schwiegen ehrfürchtig. Weshalb hatten diese Dunkelberobten nur so eine Wirkung auf ihr Publikum? Diese Frage würde wohl kaum jemand beantworten können.
Die Taufe war natürlich nicht die einzige Zeremonie an diesem Abend. Wie es im Gesetz geschrieben stand, im Kapitel 3, das nach dem Dunklen Zeitalter hinzugefügt wurde, musste auch die Reinigung an diesem Abend stattfinden. Das Kind, einzig in eine seidene Decke gehüllt, die die gleiche Farbe trug, wie die Roben der Vier, wurde auf ein Podest in der Mitte des Altares gelegt. Niemand beobachtet diese Art der Zeremonie argwöhnisch, niemand sagte auch nur ein Wort. Wieder war es dieses andächtige Schweigen, das den Raum erfüllte, während die Vier sich um das Kleinkind herum positionierten, ein jeder in einer anderen Himmelsrichtung. Neben dem Kind stand ein kleiner Kelch aus Gold, gefüllt mit einer Flüssigkeit, deren Farbe man kaum ausmachen konnte. Sie war nicht klar, eher trüb. Niemand wusste, was genau sich alles in dem Kelch befand, außer die Vier – und die fünf Augenpaare, die das Ganze stumm und unbemerkt beobachteten.
Die Stimmen der Vier gingen in einen angenehmen Singsang über, ehe sie melodisch und umso intensiver die Worte der Reinigung sprachen. Für fremde Ohren, Ohren, die nicht aus Valar stammten, mochten sie klingen wie ein Fluch. Für diejenigen, die das Ritual kannten, waren sie der Segen von vier Priestern. Vorsichtig nahm einer der Vier das Kind dann an sich, als die Worte langsam abklangen. Genauso vorsichtig setzte ein Zweiter der Vier den Kelch an die Lippen des kleinen Mädchens, das ihre Ruhe verloren hatte und schrie, wie es Babys eben nunmal taten und doch fand die Flüssigkeit einen Weg in die Kehle des Kindes. Und der Fluch hatte sie gebunden.
Niemand bemerkte, wie sich die Mundwinkel bei dem letzten Vers des Rituals hoben, Mundwinkel von Fünfen, die unbemerkt im Raum standen, weitab jetzt vom Altar und den Personen darauf. Unsichtbar, schmunzelnd, blickten sie sich an. Sie waren nicht durch Magie verschleiert, es war etwas anderes, was sie vor den Augen der Menschen und der Vier verbarg. Wenn man sie hätte sehen können, würde man die trüben Augenpaare bemerken, die einander fixierten. Sie sahen eigenartig zufrieden aus, als sie gänzlich verschwanden.

 
Etwa 18 Jahre zuvor
Valar
Es war sonnig, als Aron und Lyna auf den Wagen des Nachbarn aufsprangen, der sich gerade auf den Weg in die Stadt machte. Die Strecke war holprig wie immer, doch bei jedem Schlagloch machten sie einen Hüpfer auf der Ladefläche und das zehnjährige Mädchen kicherte leise vor Freude. Sie wollten zum Markt und hatten alles Geld der letzten Wochen gespart, um sich Süßigkeiten oder Spielzeug zu kaufen. Die Kinder wussten nicht, dass heute nicht weit von den bunten Marktständen und der vielen Waren, eine Hinrichtung stattfinden würde. Doch als sie ankamen, war es kaum zu übersehen. Eine Menschentraube hatte sich um den Richtplatz herum versammelt und blickte zu den Dunkelberobten auf. Dort standen sie, die Vier, wie Könige. Und doch waren sie keine. Sie waren dem Mädchen unheimlich und sie zupfte am Hemd des großen Bruders „Aron, ich mag gehen“. Er schenkte ihr ein Lächeln „Nur noch kurz, dann gehen wir.“
Zwischen den Vier, auf der Mitte des Podestes stand er. Derjenige, der sein Ende am Galgen finden würde. Die ganzen Erwachsenen, die sich eingefunden hatten, pöbelten, beschimpften ihn. Nur das kleine Mädchen schaute direkt in die bernsteinfarbenen Augen des Verurteilten. Während die Vier den Schuldspruch verlasen, wandte er den Blick kein einziges Mal ab. Der wütende Mob bekam nicht mit, dass der Angeklagte die Mundwinkel ein winziges Stück hob. Nur das Mädchen blickte den Verbrecher aus großen grünen Augen ernst an. Sie registrierte, wie er zart lächelte und dass all die Angst, die er hätte spüren müssen, aus seinen Augen verschwunden war. Sie hörte das Knacken seines Genicks nicht, als das Seil es ihm brach. Sie hörte die tobende, jubelnde Menge nicht. Es schien, als hätte die Welt alle Geräusche ausgeblendet und würde sich nun stumm weiterdrehen. Nur ein ganz seichter Windhauch streifte ihre helle, makellose Haut und da sah sie es. Nur ganz kurz und beim nächsten Wimpernschlag war es verschwunden. Nur für den Moment, in dem er starb, zeigten sich die feinen, weißen Linien auf der von der Sonne gebräunten Haut.
Es war der zehnte Geburtstag des Mädchens.

 
10 Jahre zuvor
Winterberg
Ich schrie, als eine erneute Woge von Schmerz über mich brandete. Wir wohnten recht weit oben in Winterberg, so dass die Schreie hoffentlich niemand hörte. Ich wusste dennoch, dass sie in den Ohren derjenigen dröhnten, die im Haus waren. Es wäre selbst für einen Menschen schon schwer zu ertragen gewesen. Niemand kannte meine Stimme so, nicht in dieser Intensität.
Ich musste geschlafen haben, oder mein Bewusstsein hatte mich schlichtweg im Stich gelassen, doch der neuerliche Schmerz, das erneute Brennen in meinen Adern, holte mich ins Diesseits zurück. Diejenigen, die bei mir waren, würden längst bemerkt haben, dass der Schmerz schubweise kam, mit einem Male anstieg, um dann allmählich wieder abzuklingen.
„Lyna, hör auf damit, du verbrennst dich selbst.“ Verzweiflung und Angst schwangen in der Stimme mit, die dennoch vertraut und wohltuend in meinen Ohren klang. Meine Lippen waren trocken, meine Kehle ebenso und meine Stimme war nur noch ein raues Flüstern.
„Ich kann...“ setzte ich an und wollte sagen, dass es nicht in meiner Macht lag, aufzuhören, doch ich beendete den Satz nicht, als ich bemerkte, dass es nicht ich selbst war. Das war keine Elementarmagie. Und schon gar nicht meine eigene.
„Ich bin das nicht.“
Doch was war es dann? Hatte es etwas mit den Zwillingskugeln zu tun und diesem Lavadämon? Immerhin war die Zerstörung der Kugeln erst ein paar Stunden her. Es war nichts weiter an den Kugeln. Reines Mana. Magie. Sonst nichts. Aber das hier, war keines von beidem. Ich schob die leichte Decke beiseite, mit der er mich umschlungen hatte und streckte die Hand nach der Kerze aus, die auf dem Tisch vor mir stand. Der Docht entflammte und warf ein schwummriges Licht in den Raum. An meiner Magie war nichts anders. Sie war nur mächtiger. Nachdenklich strich ich mir durchs Gesicht und machte mich darauf gefasst, dass die nächste Welle an Schmerz mich durchfuhr.
Das war der Moment, in dem es mir auffiel. Feine, zunächst hellrote Linien zogen sich über meine Hand. Ich folgte der Markierung mit den grünen Augen, vom Handrücken über die Gelenke, den Arm hinauf, den Brustkorb hinab, über meinen Bauch, meine Beine. Feuer. Sie sahen aus, wie Linien aus Feuer. Verzweigungen. Hier und da schien meine Haut zu reißen – doch das war es nicht, was mir diese Schmerzen bereitete. Vorsichtig berührte ich die Stellen. Nichts. Sie fühlten sich nicht anders an, als meine übrige Haut. Nur wärmer. Was zur Hölle war das? Und plötzlich erinnerte ich mich, erinnerte mich daran, dass ich solche Linien schon einmal gesehen hatte. Damals in Valar, es war Jahre her. Ich war mit Aron dort und hatte das Bild längst vergessen, das mir jetzt wieder klar und deutlich, als wäre es gestern gewesen, ins Gedächtnis kam.

 
2 Jahre zuvor
In irgendeiner Stadt, deren Namen ich vergessen hatte
Mir klingelten die Ohren, aber ich hörte den Worten, die wie ein Schwall aus dem Rotschopf hervorsprudelten, genau zu. Sie war aufgeregt und hatte vermutlich auch Angst, zumindest glaubte ich, jene wahrzunehmen. Sie war jetzt seit etwa elf Monaten an meiner Seite, wollte nicht weichen und war jedes Mal furchtbar traurig, wenn ich sie für zwei Wochen in einer halbwegs sicheren Stadt in einer Taverne unterbrachte, wenn es mich selbst nach Valar zog. Manchmal musste ich eben gehen, ich würde aber einen Teufel tun und ihr erzählen, weshalb. Manche Dinge waren schlicht nicht für die unschuldigen Ohren gedacht. Irgendjemand hatte versucht, sie zu überfallen, irgendein Mann, der ihr in einer dunklen Gasse aufgelauert hatte. Sie hatte es geschafft, wegzulaufen. Eine glückliche Fügung, keine, die für ihn bestimmt war. Ich hörte mir die Geschichte zweimal an, dreimal, erfragte jedes noch so kleine Detail, an das sie sich erinnerte, auch wenn mir manche schlicht nicht halfen.
Luci bemerkte nicht, wie ich mich in dieser Nacht aus dem Zimmer stahl, das sie bereits seit zwei Wochen und ich für die erste und letzte Nacht bewohnte. Sie schlief den Schlaf der Gerechten, auch wenn er von lebhaften Träumen geprägt war, so wie sie sich hin und her warf. Es wunderte mich nicht, dass ihr Kopf alles im Traum versuchte, zu verarbeiten. Sie sah die Welt eben viel bunter und vielschichtiger, als es jemand anderes tat. Vor allem, als ich es tat. Genau genommen sah ich die Welt gar nicht mehr, hatte aber auch vorher nicht annähernd die bunten, schillernden Farben vor Augen, die Luci zu sehen schien.
Meine Schritte waren langsam, behutsam und ich musste zugeben, dass mich das alles einiges an Konzentration kostete. Ich verzichtete oft darauf, meine Umgebung genauer zu betrachten. Es war anstrengend, auch nach all den Jahren noch. Schließlich war es nicht damit getan, die Augen aufzuschlagen und mich schlicht umzublicken. Die Schlieren meines Umfelds verschwammen, während ich, in eine lange Robe gehüllt, durch die dunklen Gassen schritt. Es war besser, sich zu verhüllen. Vielleicht hatte er es nur auf wehrlose Mädchen abgesehen und das Glimmen der feinen, dunkelroten Linien auf meiner Haut hätte ihn sicherlich abgeschreckt. Es dauerte gar nicht lange, bis ich ihn hinter mir wahrnahm und mir das Lächeln nur schwer verkneifen konnte.
Es dauerte keine halbe Stunde, da lag ich wieder neben dem träumenden Rotschopf und bekam die Auswirkungen des lebhaften Traums durch Tritte zu spüren. „Du musst dir keine Sorgen mehr machen, Luci. Er kann dir nichts antun.“ Die Worte waren leise, flüsternd und beruhigend. In Gedanken nur fügte ich noch an „Oder irgendjemandem.“
Am nächsten Morgen reisten wir ab, stiegen wieder auf ein Schiff, das irgendwo hin ging. Ich hatte nicht wirklich zugehört, wohin. Am Ende war es auch egal.

 
Heute
Die neue Welt
So langsam machten sich die Nächte, die von wenig Schlaf geprägt waren, bemerkbar. Dennoch versuchte ich, meine Gereiztheit für mich zu behalten. Es gelang mir nicht ganz, aber zumindest dem Krieger gegenüber war es an diesem Morgen berechtigt. Er hatte sich schlicht verhalten wie ein Arschloch und das ärgerte mich mehr, als mir lieb war. Also begegnete ich ihm mit so viel Kälte und Gleichgültigkeit, wie es mir möglich war. Immerhin wusste er, dass er richtigen Mist gebaut hatte. Und auch wenn ich verstand, dass er sich Sorgen machte, musste er nicht blind um sich schlagen. Man könnte ja fast meinen, in ihm schlummere ein Elementarist, der sich dem Feuer ein bisschen zu nahe fühlt. Ich konnte trotzdem nicht anders, als ihm den Schlüssel zu geben zu der kleinen Hütte. Luci schlief ohnehin im Anwesen und fragte mich mehr als oft, ob ich mit da blieb. Vielleicht fühlte sie sich dadurch einfach sicherer. Und ich war beruhigter, wenn ich ihn dort wusste, als irgendwo mitten in der Nacht mitten im Trolleichenwald. Der Gedanke ließ mich die Lippen schürzen und ich verwarf ihn recht schnell wieder. Es gab definitiv andere Sachen, über die ich dringender nachdenken sollte, als ob der Hüne nun alleine zurecht kam in der Wildnis oder eben nicht. Stattdessen blieb ich noch den halben Morgen bei dem schlafenden Lockenkopf und überlegte mir, wie ich ihren Plan umsetzen konnte. Sie machte sich Sorgen, die ich ihr nehmen wollte. Aber sie machte sich auch Sorgen, wenn sich mal jemand anschrie. Und das hatte zumindest gestern einer getan, auch wenn ich die andere Stimme die meiste Zeit nicht hörte, war sein Geschrei umso deutlicher. Mir war es eigentlich egal, welche Männlichkeitsprobleme die beiden hatten, aber wenn sie damit dafür sorgten, dass mir wieder eine Nacht lang Tritte und Schläge verpasst wurden, weil Luci alles, aber auch wirklich alles, in ihren Träumen verarbeitete, dann wurde ihr dämlicher Machtkampf auch zu meinem Problem. Ich schnaubte leise. Sie verdienten beide zwei, oder auch viele, Schläge auf den Hinterkopf dafür. Die Bewahrer waren eine kleine Familie geworden – auf jeden Fall für Luci. Sie würde leiden, wenn diese kleine Familie wieder auseinander fiel. Ich hatte ihr angeboten, sobald sie es wollte, wieder auf ein Schiff zu steigen und irgendwo hin zu reisen. Das Problem war nur, sie wollte nicht. Sie mochte es hier. Und noch viel wichtiger, sie mochte die Bewahrer. Manchmal wollte ich sie schütteln und ihr erklären, dass sie aufpassen sollte und sich abgewöhnen sollte, immer gleich jeden zu mögen. Das würde ihr irgendwann das Herz brechen. Es war ja schließlich nicht so, dass Menschen an sich gute Wesen waren. Aber das konnte ich dem Wildfang nicht erklären. Zumindest nicht, ohne ihr ein Stück ihrer Fröhlichkeit zu nehmen. Also ließ ich es bleiben, beobachtete auf meine Art, wie sie sich an Ansilon, an das Anwesen und vor allem an dessen Bewohner gewöhnte und hoffte, dass der Tag nicht allzu bald kam, an dem ich die Scherben aufsammeln musste.
Ich fühlte das Mal auf meiner Haut. Der Fluch oder Segen, je nachdem, wie man es betrachten wollte oder wie man die Welt sah. Ich strich über die feinen, dunkelroten Linien, die sich wie Risse über meine blasse Haut zogen. Ich erinnerte mich zurück an die Schmerzen, die sie mir bereitet hatten, bevor derjenige auftauchte, der mir mein Leben wies. Ich erinnerte mich, wo ich diese Risse das erste Mal gesehen hatte. Beinahe achtzehn Jahre musste das nun her sein. Oder länger. Ich rief mir das Bild meiner vier Brüder ins Gedächtnis, jeder auf seine Art gekennzeichnet und für mich wie ein Leuchtfeuer. Wenn ich auch sie nicht mehr sah, ihre Male blendeten mich beinahe, wenn ich versuchte, in ihrer Gegenwart zu sehen. Ich verzog die Lippen etwas und die Nase gleich mit kraus und musste dann doch schmunzeln, als ich mich heimlich, nur ganz kurz, nach Valar begab, um ihnen eine Portion Süßigkeiten mitten auf den Tisch im Haus zu legen. Einer würde mit den Augen rollen, einer viel zu viel davon auf einmal essen, einer laut auflachen und der andere schimpfen, warum es eigentlich kein saftiges Stück Fleisch war. Sie fehlten mir. Aber so war es nun einmal. Wir hatten alle ein eigenes Leben. Ein anderes Leben. Und meines war hier.
 
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Lyna
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Re: Verbrannte Erde

Beitrag von Lyna »

8 Jahre zuvor
Valar

Ich schreckte aus dem Traum auf. Der Traum, der mich seit Wochen heimsuchte. Das tiefe, grollende Lachen hallte noch einen Moment in meinen Ohren nach. Meine Augen blieben fest zusammen gekniffen, ich zählte stumm, um meinen Herzschlag und meine Atmung zu beruhigen. Dann schlug ich die Lider auf in einem der seltenen Momente, in denen ich es vergessen hatte. Es dauerte nur zwei, drei taktvolle Schläge meines Herzens, bis ich realisierte, dass die Schemen sich nicht abzeichnen würden, die andere Menschen in der Nacht sahen, weil sich doch noch ein kleines Fünkchen Licht in den Raum verirrt hatte. Es würden sich keine Schatten an den Wänden spiegeln von Ästen, die im Mondlicht wippten. Meine Welt blieb schwarz. Es war nicht so, dass mich das sonderlich traurig stimmte. Ich wusste schließlich, warum es so war und wofür vor allem. In seltenen Momenten vergaß ich es nur einfach.
Es vergingen keine Minuten, bis ich die leisen Schritte hörte und sein Gewicht auf meiner Bettkante spürte, als er sich setzte. Zögerlich strichen seine Finger durch mein Haar. Er hatte den Traum gespürt, es brauchte also immerhin keine Worte und es nutzten keine Floskeln, dass es nichts weiter war. „Ich hab eine Idee, Fünkchen. Denke ich.“ Ich nickte nur, hinterfragte nicht, weil ich vertraute und weil der nächste Morgen zeigen würde, welche Lösung es war. Handel mit Dämonen macht man nicht einfach rückgängig. Mir war also vollkommen bewusst, dass die Schatten nicht auf einmal weichen würden oder die Schwärze verschwinden.

Sie weihten mich ein, erklärten mir am nächsten Morgen alles. Nunja, sie ließen Garret erklären, der Rest warf hier und da mal einen Kommentar ein, manche nützlich, andere weniger. Und auch wenn meine Erinnerungen an manche Dinge aus meinem früheren Leben etwas getrübt waren – ich nahm an, dass das schlichtweg eine Folge des Aufenthaltes in Gesellschaft dieses Dämons war – erinnerte ich mich zumindest an die grundlegenden Aspekte der Magie. Mich wunderte es nicht, dass wir uns nicht direkt einig waren und die Diskussion bis in den späten Abend hinein dauerte, doch am Ende fügten sich unsere Gedanken zu einem Bild zusammen. Der Gedanke ließ mich kurz schmunzeln, trotzdem zeichnete sich so etwas wie Nervosität bei mir ab. Ich begann wieder zu zählen, atmete tiefer durch und streckte die Hände aus.

Spinnenseide. Ich spürte die feinen, seidenen Fäden zwischen meinen Fingern und ließ das Gefühl kurz auf mich wirken. Beeinflussung. Sie gaben mir kurz Zeit, drängten nicht und warteten, bis ich mit meinen eigenen Gedanken fertig war. Ein sachtes Nicken, dann drückte mir einer der Vier Alraune in die Hand. Kurz betastete ich die trockene Wurzel, fuhr mit den Fingern die Konturen nach, merkte aber schnell, dass sie so gut getrocknet war, dass sie beinahe zerbröselte. Sie würde den nötigen Kraftfokus bringen, um den Zauber aufrecht zu erhalten. Fehlte nur noch eines. Die spitzen Kanten des erkalteten Steines waren mir nur allzu bekannt. Ich war mir sicher, dass schon unzählige Menschen sich an den scharfen Seiten des Obsidians geschnitten hatten. Vermutlich auch ich selbst in jungen Jahren. Der Spiegel der Wahrheit. Oder auch der Elemente. Ich legte meine andere Hand über die drei Reagenzien und atmete wieder tief durch. Die Spannung, die ich von meinen Begleitern spürte, die neben mir verweilten, half nicht gerade zur Ruhe beizutragen. Aber sie hatten mir geholfen, daher sollten sie dabei sein.

Ort Ylem Wis

Es war nicht viel mehr als ein Flüstern, in dem jedoch einiges an Hoffnung lag und noch mehr an Konzentration. Ich spürte die Reaktion der drei Zutaten in meiner Hand, fühlte, wie sie zerbröselten, wie trockenes Holz, das durch Feuer verzehrt und zu Asche wird. Ich fühlte das Brennen, das mein Mal mit sich brachte, konnte mir vorstellen, wie es sich veränderte. Die Stille meiner Begleiter um mich herum, das Einziehen der Luft, dröhnte in meinen Ohren. Doch das war nur Nebensache. Tatsächlich aber sah ich. Nicht die klaren Konturen der vier Menschen und Bäume um mich herum, nicht die exakten Umrisse der Formen. Ich sah Schemen, nebelhafte Schlieren, die sich fortwährend bewegten. Alle unterschiedlich und alle anders… zusammengesetzt. Es war nicht vergleichbar mit meiner früheren Sicht. Nicht vergleichbar mit dem Augenlicht von Sehenden. Aber es war das, mit dem ich umgehen konnte. Mit dem meine Welt wieder in Ordnung war. 
 
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