Kapitel 9 - Im Auftrag der Forschung - Aufbruch zur Feldstudie in der Zyklopenhöhle
Fortsetzung hierzu
Der Eingang zur Höhle lag wie ein vergessenes Maul inmitten einer Landschaft aus Stille und Zeit. Sandstürme hatten sich über Jahrzehnte hinweg an den gewölbten Rändern der Felswand abgesetzt, Wind hatte ihn geformt, Körnchen für Körnchen, bis selbst der Eingang kaum mehr als eine angedeutete Spalte in der gelbbraunen Wand war. Überall türmten sich kleine Dünen, manche hoch wie Männer, andere kaum mehr als verwehte Schleier aus Staub. Die Wände des Höhleninneren waren aus hellem, porösen Sandstein. Sie leuchteten im diffusen Licht wie von innen heraus, und so konnte die Gruppe um Vidar selbst ohne Fackeln einige Schritte weit sehen. Langsam und wachsam drangen sie tiefer hinein.
Vidar mit dem hölzernen Stab in der Hand,
Zlata dicht hinter ihm, die beiden Paladine
Jaster und
Kaled flankierend. Die Geräusche der Außenwelt verklangen. Nur das Knirschen ihrer Schritte, gelegentlich das metallene Klirren der Paladinrüstung und der leise Herzschlag der Höhle begleiteten sie.
Zunächst versuchte Vidar, die Wesen, die sie bald aus der Ferne entdeckten, aus sicherer Distanz zu beobachten. Ihm war bewusst, dass es sich bei all den Kreaturen hier unten um Wesen der
vierten Kategorie "Riesen" handeln würde. Doch schon bald war klar: Jene rohe Kinder des Felsens, die man schlicht als
gewöhnliche Zyklopen bezeichnet, duldeten keine stillen Gäste. Ihre Präsenz war unmittelbar, ihre Reaktion auf Vidar und seine Gefährten von wilder Aggression geprägt. Sie stürmten mit erschütterndem Gebrüll heran, ohne Waffen im herkömmlichen Sinn, doch bewaffnet mit der Urkraft der Erde selbst. Mit bloßen Händen rissen sie faustgroße und faustschwere Felsbrocken aus der Höhlenwand, schleuderten sie mit solcher Wucht, dass selbst die Paladine Mühe hatten, dem Hagel standzuhalten. Vidar schaffte mit gezielten Naturzaubern Steinfesseln aus dem Boden empor zurufen, die sich um die massiven Beine des Riesen schlangen. So gelang es ihm, eines der Wesen für wenige Herzschläge zu fixieren. Genug Zeit, um ihn aus nächster Nähe zu betrachten. Ihre Körper waren gehüllt in zerrissene Felle, Überbleibsel einstiger Jagden, die kaum Schutz boten, doch auch nicht notwendig schienen. Denn ihre Haut, wie Vidar und Zlata später bei einem leblosen Exemplar feststellen sollten, war dick, ledrig und widerstandsfähig wie gehärtete Tierhaut – eine natürliche Panzerung, die sie in der harschen Umgebung dieser Höhle wohl über Jahrhunderte hinweg geformt hatte. Ihre Bewegungen waren roh und direkt, ihre Angriffe wuchtig, doch ohne Taktik eher reine, urtümliche Gewalt.
Auszug aus seinen Notizen:
Zyklop
Aussehen:
- Grob gebaut, massiv, muskulös
- Nur mit zerrissenen Fellen oder Tierhäuten bekleidet
- Haut dick und ledrig, wirkt wie natürliche Rüstung
- Kein Waffenbesitz, nutzen große Felsbrocken als Wurfgeschosse
Verhalten:
- Sehr aggressiv gegenüber Eindringlingen
- Greifen unmittelbar und ohne Zögern an
- Agieren wild, instinktiv, ohne erkennbare Taktik
- Reagieren auf Bewegung und Nähe mit Angriff
Stellung in der Gemeinschaft:
- Bilden den Großteil der Population
- Dienen als „Fußvolk“ oder Verteidiger des Reviers
- Schützen den heiligen Ort mit roher Gewalt
Nachdem der erste Ansturm der Zyklopen mit vereinten Kräften überstanden war, drang die kleine Gruppe tiefer in die Höhle vor. Der Weg wurde schmaler, die Luft schwerer. Sand knirschte unter den Stiefeln, während die Felswände enger zusammenrückten und das fahle Licht sich in goldstaubartigen Schleiern verlor. Ein dumpfes Grollen hallte aus der Tiefe, begleitet von einem fremdartigen, murmelnden Singsang.
Kurze Zeit später entstand zu den bedrohlichen Lauten auch ein klares Bild: Die Gruppe traf auf
Zyklopen-Schamanen – seltener, aber nicht minder gefährlich. Sie waren ähnlich groß wie ihre kriegerischen Brüder, jedoch weniger muskelbepackt, dafür von einem geheimnisvollen, beinahe ehrfürchtigen Hauch umgeben. Ihre ockerfarbene Haut war durchzogen von eingeritzten Runen. Zeichen uralter Magie, deren Ursprung selbst nach all den Jahren fremd blieb. Einige von ihnen trugen schlichte Ritualstäbe, doch nicht alle schienen ihrer zu bedürfen, um Zauber zu wirken. Mit fremdartigen Lauten webten sie Schutzmagie um ihre Gefährten oder schleuderten durch reine Willenskraft ganze Steinmassen auf die Eindringlinge. Ihre Angriffe waren gezielter als die der Krieger, ihre Bewegungen von ritueller Präzision. Sie standen stets etwas abseits, nicht in der ersten Reihe, aber mit wachsamen Augen und einem Gespür für den Verlauf des Kampfes. Ihre Haut war weniger dick als die der anderen Zyklopen, doch immer noch widerstandsfähig, von einer zähen, fast krustigen Beschaffenheit. In ihrer Rolle wirkten sie wie spirituelle Führer, Wächter uralter Traditionen, vielleicht auch als Mittler zwischen ihren Artgenossen und den Titanen.
Auszug aus seinen Notizen:
Zyklopen-Schamane
Aussehen:
- Ähnlich groß wie gewöhnliche Zyklopen, aber weniger muskulös
- Haut ockerfarben, teilweise mit eingeritzten Runenzeichen
- Weniger dicke Haut als gewöhnliche Zyklopen, dennoch widerstandsfähig
- Teilweise mit Ritualstäben ausgestattet
Verhalten:
- Unterstützen andere Wesen mit magischen Schutzzaubern
- Greifen mit magisch erzeugten Steinprojektilen an
- Rezitieren Zauberformeln in fremdartiger Sprache
- Bleiben eher im Hintergrund des Kampfgeschehens
Stellung in der Gemeinschaft:
- Spirituelle Berater oder Mittler zu alten Mächten
- Möglicherweise Hüter der Riten in der unterirdischen Tempelanlage
- Bindeglied zwischen den kämpfenden Zyklopen und den Titanen
Hinter dem noch kaum sichtbaren Ritualkreis der Schamanen führte ein gewundener Gang tiefer in das steinerne Herz der Höhle. Der Boden war nun fester, fast poliert vom Wind der Jahrhunderte, und das Echo jeden Schrittes schien von den dichten Steinwänden beantwortet zu werden. Die Temperatur sank, ein Hauch von etwas Uraltem lag in der Luft, schwer wie das Schweigen vor einem Gewitter. Als die Gruppe schließlich in eine gewaltige Halle trat, verschlug es selbst den Paladinen kurz den Atem.
Denn in diesem Moment hatte die angespannte Stimmung Gestalt angenommen. In Form von mächtigen
Titanen – gewaltige, furchterregende Wesen, die selbst in dieser Halle des Schreckens hervorstachen wie lebende Monumente uralter Gewalt. Sie überragten alles, ihre Schultern breiter als Baumstämme, ihre Muskelstränge wie gespannte Seile aus Stein und Fleisch. Die Luft schien schwerer, wenn sie sich bewegten, denn jeder ihrer Schritte ließ die Erde erbeben. Gekleidet auch sie in nichts als zerrissene Felle, doch ihre Haut so rau und massiv wie geschliffener Stein, schien allen Widrigkeiten zu trotzen. Ihre Waffen waren ebenso beeindruckend: mächtige Hämmer, aus Holzgriffen und schweren Metallköpfen gefertigt, uralt und voller Kerben. Mit ihnen zerschlugen sie Fels und Feind gleichermaßen, doch sie begnügten sich nicht mit roher Wucht allein. Vidar sah, wie einer von ihnen mit solcher Kraft auf den Boden stampfte, dass sich eine Welle aus Sand und Staub ausbreitete. Eine seismische Eruption, die den Boden selbst zum Verbündeten machte. Scharfe Sandspitzen brachen aus der Erde hervor, zielsicher und tödlich. In ihrer Haltung, ihrer Isolation und der Reaktion der übrigen Wesen auf sie zeigte sich eine klare Hierarchie: Die Titanen waren keine einfachen Krieger, sie waren die Oberhäupter, Richter und Vollstrecker dieser vergessenen Höhlenordnung.
Auszug aus seinen Notizen:
Titan
Aussehen:
- Überragen alle anderen Kreaturen in Größe und Masse
- Haut wirkt steinartig, extrem widerstandsfähig, wie eine zweite Rüstung
- Tragen ebenfalls nur zerrissene Felle
- Führen riesige Hämmer (Holzgriff, metallener Kopf)
Verhalten:
- Nutzen Umgebung taktisch: werfen Felsen, lösen seismische Wellen im Boden aus
- Stampfen auf, um Sanderuptionen mit scharfen Spitzen auszulösen
- Zeigen strategisches Verhalten, reagieren gezielt auf Bedrohungen
- Sind langsamer, aber von gewaltiger Durchschlagskraft
Stellung in der Gemeinschaft:
- Gilt als Anführer oder „Oberhäupter“ innerhalb der Höhlenhierarchie
- Möglicherweise Beschützer der heiligen Stätte oder deren letzte Wächter
- Ihre Präsenz signalisiert Autorität, Macht und abschließende Entscheidungskraft
Sie ließen Zyklopen, Zyklopen-Schamanen und Titanen, teilweise als leblose Körper nach der eigenen Verteidigung, hinter sich. Tief im Innern der Höhle, jenseits jener Orte, an denen Licht kaum noch zu bestehen wagt und nur das Flackern einer Fackel die Schwärze vertreibt, stießen der Druide und seine Begleiter auf das Herz dieses verborgenen Reiches: eine uralte Tempelanlage, halb verschüttet unter Sand, Geröll und der Last der Zeit. Der Wind der Jahrhunderte hatte hier schweigend gewirkt, hatte Säulen entstellt, Gravuren zerkratzt, und den Altar, der einst Zentrum gewesen sein mochte, mit goldglänzendem Staub bedeckt.
Trotz des Verfalls atmete der Ort eine ehrfürchtige Stille. Als lauschte der Stein selbst auf Stimmen, die längst verklungen waren. Die Forschergemeinschaft um Vidar trat ein in eine Halle, deren Decke sich wie ein hohler Berg über ihnen spannte. Die Wände trugen reliefartige Darstellungen und runenartige Zeichnungen: teilweise spiralförmige Zeichen umgeben von Strahlen, dann auch wieder Symbole die wie Augen wirkten. Vielleicht ein Abbild göttlicher Verehrung, vielleicht auch das Zeichen eines Urschöpfers.
Zlata ging vorsichtig voraus, die Finger über die eingeritzten Muster streifend, während Kaled und Jaster schweigend Wache hielten. Vidar selbst spürte, wie sich die Luft veränderte: schwerer, dichter, fast elektrisch. Es war ein heiliger Ort, zweifellos. Wohl nicht gebaut von Menschenhand, sondern geformt von jenen, die hier schon eine gefühlte Ewigkeit lebten - aus Sandstein, Knochen und Zeit. Ob dies schon immer Zyklopen und Titanen waren, war nicht final zu erklären. Vielleicht war es einst eine Stätte für Opfer, für Gebete oder für die Einweihung junger Krieger. Doch eines war sicher: Die Wesen, die in dieser Höhle lebten, waren nicht nur Wilde – sie waren Hüter einer uralten Ordnung. Einer Ordnung, die nun gefunden, beobachtet und teils studiert wurde.
Der Rückweg durch die verschlungenen Gänge der Höhle verlief schweigend, jeder der Gefährten in Gedanken versunken und erschöpft, aber wach in Geist und Sinn. Als die Gemeinschaft das Allerheiligste der Zyklopen verließen, glitt Vidars Blick ein letztes Mal über die zerfallenen Säulen und die verwitterten Zeichen, die einst von Bedeutung waren und nun nur mehr flüsterten. Am Rand des Altars, teils unter Sand begraben, ragte ein kantiges Stück Stein hervor – ein Bruchstück einer größeren Tafel, grob behauen, mit einer einzelnen Rune darauf. Genau an der Bruchkante lag sie, als wäre sie dort absichtlich zurückgelassen worden. Der alte Naturmagier hob es auf – das Fragment war kaum größer als seine Handfläche, rau an der Kante, glatt in der Mitte, wo das uralte Zeichen nur noch verwittert zu erkenen war. Ein unbekanntes Runenzeichen – Sinnbild für die unbekannte Geschichte dieses Ortes.
Draußen hatte sich die Nacht über das sandverwehte Land gelegt, der Wind war milde geworden, der Himmel klar. Am Fuße der Höhle, dort wo die Expedition begonnen hatte, trat die Gruppe noch einmal zusammen. Worte wurden nur noch wenige gewechselt. Ein Nicken, ein fester Händedruck, ein kurzer Blick - für mehr hatte die Kraft nicht mehr gereicht. Dann lösten sich die Anwesenden voneinander, getragen vom Bewusstsein, Teil von etwas Größerem gewesen zu sein.
Der abschließende Satz in Vidars Aufzeichnungen zu dieser Expedition lautete:
"Diese Wesen sind nicht nur Brutalität und Gewalt, sie tragen Geschichte in sich. Und wo Geschichte ist, da ist auch Geist. Ihre Welt ist nicht die unsere, doch in ihren Ritualen, ihren Zeichen, in der Weise, wie sie kämpfen und schützen, liegt eine Wahrheit über das Dasein selbst.
Ich werde diese Wahrheit bewahren, aufgeschrieben, gezeichnet, geteilt. Nicht um zu richten, sondern um das Wissen zu dokumentieren und zu teilen."
Zu guter Letzt hielt Vidar sein Versprechen gegenüber den Expeditionsteilnehmern. So würden in den folgenden Tagen Abschriften dieser Studie mitsamt diverser Skizzen an die Paladine Jaster Darez und Kaled, sowie die junge Forscherin Zlata Kovacs verschickt.