„Die Wahrheit ist, dass das Leben so außergewöhnlich ist, dass wir es die meiste Zeit nicht ertragen können, hinzusehen. Es ist zu hell und es tut unseren Augen weh. ... Aber die meisten Menschen finden das nie heraus, bis der Boden plötzlich unter ihren Füßen verschwindet.“
(Mark Oliver Everett)
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Der Abend begann ohne Übergang. Zur zwanzigsten Stunde hatten sich alle aus ihren Zelten und Unterkünften an den Strand begeben. Fackeln und Laternen warfen flackerndes Licht auf nassen Sand und unsere Gestalten. Eine beeindruckende Menge an Abenteurern stand, wie schon fast gewohnt, dort versammelt. Rüstungen glänzten matt im Regen, Umhänge hingen schwer und dunkel. Der Regen fiel unaufhörlich, gleichmäßig, als wollte er alles einebnen.
Dann erschien unser König – Sarafim. Er trat aus dem Schatten hervor und kam von der Echidna, begleitet von wenigen Getreuen. Das Licht der Fackeln brach sich an seiner Rüstung. Seine Stimme war klar und trug weit über den Strand. Er ließ keinen Zweifel daran, dass er die Streiter des Lichtes an diesem Abend selbst begleiten würde. Kein Befehl fiel mehr, eine Entscheidung.
Der Zug setzte sich in Bewegung, nachdem die Magier all ihre schützenden magischen Worte gesprochen hatten, um der Gruppe maximalen Schutz zu geben. Der Weg führte erneut zum Höhleneingang, den man bereits vor Tagen entdeckt hatte. Wasser rann an den Felswänden herab. Es tropfte unregelmäßig von der Decke. Der Marsch durch die Grotten verlief ohne Gegenwehr. Zu still und zu leicht, befand Van in seinen Gedanken. Die Gänge erzählten ihre eigene Geschichte.
nochen lagen in Haufen, manche zerbrochen, andere noch vollständig. Käfige säumten einige Räumlichkeiten, verrostet und verbogen. Dahinter leere Blicke in die Dunkelheit. Folterräume wurden passiert. Gerätschaften lagen verstreut, als hätte man sie hastig zurückgelassen. Alles hier sprach von Leid. Und davon, dass viele es versucht hatten.
Schließlich öffnete sich der Weg zu einer riesigen Halle. Acht mächtige Säulen trugen das Gewölbe. Sie waren mit Rissen durchzogen, vom Alter gezeichnet. Am Giebel prangte das Abbild eines Drachen. Die steinerne Fratze war weit aufgerissen, die Augen leer und dennoch drohend. Van versuchte sich den Namen zu merken, aber die Worte waren recht leise ausgesprochen – Satsujinshar. Vor dem Abbild klaffte ein großes und gemauertes Loch. Aber es schien kein Brunnen zu sein. Aus der Tiefe drangen Geräusche, teils unerklärlich, teils bedrohlich. Dumpf … Unregelmäßig … Als würde etwas atmen.
Nach und nach füllte sich die Halle. Weitere Gruppen trafen ein. Die Nebelhafener und dann auch die Suromer. Schritte hallten wider, Stimmen vermischten sich. Schließlich trat König Agroniam mit seinen Gefolgsleuten hervor. Zwei Könige und ein Ort. Die Luft schien schwerer zu werden. Alle schauten sich argwöhnisch an.
König Sarafim wich nicht. Am Rand der riesigen Grube kam es zum Duell. Der Abgrund lag direkt neben ihnen, schwarz und unergründlich. Voll gerüstet standen sich die beiden Herrscher gegenüber. Der Kampf begann ohne viel Worte. Stahl traf auf Stahl. Funken sprühten. Jeder Schlag hallte durch die Halle. Kein Nachgeben und kein Zögern. Es war ein Kampf mit voller Kraft, als hinge alles davon ab.
Dann veränderte sich etwas. Die Geräusche aus der Tiefe wurden lauter. Ein Schatten bewegte sich ? Etwas Großes? Ja wohl etwas Fremdes. In einem einzigen, unfassbaren Moment zerfiel alles. Die beiden Streiter, noch im Gefecht, lösten sich auf. Kein Blut. Kein Aufschrei. Nur Staub, der langsam zu Boden rieselte.
Ein Schock ging durch die Halle. Nicht laut, nicht explosiv, vielmehr wie eine Welle, die allen zugleich den Atem nahm. Sarafim, unser König. Zu Staub zerfallen! Für einen Herzschlag lang schien niemand zu begreifen, was geschehen war. Dann setzte es ein. Leere Blicke. Zittrige Hände. Einige sanken auf die Knie, andere starrten nur in den Abgrund, als könnten sie das Geschehene zurückholen, wenn sie nur lange genug hinsahen.
Van spürte, wie sich seine Brust zusammenzog. Kälte kroch ihm den Rücken hinab, obwohl die Luft stickig war. Seine Gedanken wollten fliehen, doch sie fanden keinen Halt. Bilder von Solgard drängten sich auf. Von Mauern, von Licht, von Ordnung. Alles schien plötzlich fragil. Zu leicht auszulöschen. Er merkte, dass er die Fäuste geballt hatte, ohne es zu bemerken. Seine Knie fühlten sich weich an, als hätte der Boden unter ihm an Verlässlichkeit verloren.
Niemand sprach. Nicht etwas der Disziplin wegen, sondern aus Ohnmacht. Der Staub, der eben noch zwei Könige gewesen war, lag still auf dem Steinboden. Und in diesem Schweigen lag keine Erkenntnis …
Und Van wusste, dass dieser Abend nicht nur einen König gekostet hatte – sondern etwas, das man nicht so leicht ersetzen konnte.
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