Sommerkind

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Amrali
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Solgards Träume

Beitrag von Amrali »

Die Tage reihen sich für Amrali aneinander wie die Glieder einer Kette, gefüllt mit Aufgaben, die ihr kaum einen Moment zur Besinnung lassen. Zu anderen Zeiten lag sie für Stunden wach, hadernd und grübelnd, ungewiss über Vergangenheit, Zukunft und erst recht Gegenwart, aber zumindest das ist eine Bürde, die sich dieser Tage nicht zeigt: Die Abende sind gefüllt mit bleischwerer Erschöpfung, mit einem Lösen von über den Tag aufgebauter Spannung, die ihr kaum genug Zeit lassen, sich auf das karge Strohlager der Bettstatt zu werfen.

Die Träume sind - natürlich - unvermeidlich, präsent wie Gestank in den Tiefen der Kanalisation und genauso widerlich. Das, so seltsam der Gedanke auch ist, erscheint fast wie Routine, die Amrali an eine eigenartige, nur halb erinnerte Geschichte erinnert, in der ein Bäcker seine Katze zum Auswischen des heissen Ofens verwendete, immer unter Nennung des gleichen Satzes: "Nur, bis du es gewohnt bist."
Die Pointe, vielleicht auch die Lehre der Geschichte ist schon lange verloren, mit den Jahren in formloses Dunkel abgetaucht, in dem nun, wie eine einsame, vergessene Insel, diese eine Szene noch immer beharrt.

"Nur, bis du es gewohnt bist."

Das Flüstern hängt noch in der Luft, während sie ganz zu sich findet, aus dem Traum gerissen wie so oft durch ein Übermaß an Entsetzen. Schon jetzt, noch während das Herz bis zur Brust hämmert, verwirren sich die Traumgesichte in zusammenhanglose Fetzen, driften auseinander wie Rauch. Das Einzige, was wirklich erscheint, sind der kalte Schweiss auf der Stirn und ein stechender Schmerz im linken Arm, auf den sie im Schlummer gerollt sein muss. Selbst im matten Licht der niedrigen Talgkerze sind die Narben dort sichtbar, stumme Zeugnisse für einen vergeblichen Kampf und eine schamvolle Niederlage. 

Es ist, wie sie zugeben muss, während sie die Hand öffnet und wieder schliesst, an sich ein Wunder, dass ihr die Gliedmasse überhaupt blieb, dass die Finger so präzise greifen wie eh und je. Der Schmerz bei jedem Wetterwechsel und die Schwäche, die es ihr dieser Tage nicht länger erlaubt, einen Bogen zu führen, sind, nüchtern betrachtet, ein kleiner Preis, eine Gnade. 

'Aber es fühlt sich nicht so an. Es ist immer einfacher das zu betrauern, was man verlor, als das zu schätzen, was man noch hat.'

Wie gewöhnlich ist die Müdigkeit nach diesem ersten, jähen Auffahren geflohen, aber das bannt die Schwere nicht aus den Gliedern: Der Körper benötigt Ruhe, damit er bereit ist für das nächste Tagewerk. Dennoch weiss Amrali, dass es ein halbes, vielleicht ein ganzes Wassermass brauchen wird, bis die Erschöpfung die momentane Aufregung überlagert und ihr erlaubt, erneut zur Ruhe zu finden und so ist das Nächste auch längst eingeprägte Gewohnheit: Aufstehen. Das Talglicht prüfen. Ein wenig Wasser, um den kalten, nun schon getrockneten Schweiss fortzuwaschen und dann hinaus auf die selbst zu dieser Stunde nicht gänzlich schlummernden Straßen Solgards.

Der Weg ist nicht weit, die flackernden Lichter der Bollwerkszunft reichen noch fast bis zum Stückchen Strand, an den sie sich hockt und in eine Decke gewickelt gen Süden starrt über die offene, rollende Oberfläche des Meeres.

Zwei Monate sind es nun, seitdem sie gar nicht weit von hier entfernt aus den Wellen kroch, entkräftet, aber lebendig, die Ketten noch an Hand und Fußgelenken. Vor dem inneren Auge kann Amrali das Gespenst ihres eigenen Ichs sehen: Abgemagert, erschöpft, dem Tode näher als dem Leben und doch: Hoffnungsvoll. 

Diese Zeit brachte neue Bekanntschaften, neue Verpflichtungen: Die Farbe auf dem Bürgerbrief ist noch frisch, das Siegel unter dem Dienstvertrag mit der Axiom-Gesellschaft dagegen hat schon einige Wochen gesehen. Das Schopfhaar ist nicht länger so kurz, wie es von den Levinerinnen geschoren wurde, und das bringt seine eigene Fragestellung mit sich, eine über die nachzudenken die erschöpfenden Tage noch keine Zeit, keine Ruhe ließen. 

Vielleicht jetzt, hier am Strand Solgards, während sich von West ein lichtlos fahrendes Schiff nähert, kaum mehr als eine Nussschale mit gestrichenen Segeln, bewegt durch ein Halbdutzend ambitionierter Ruderer. Schmuggler, höchstwahrscheinlich. Aber Amrali ist nicht neugierig genug, um sich die Frage zu stellen, was es wert ist, des Nachts heimlich befördert zu werden. Sie verfolgt einfach die langsame Vorwärtsbewegung des Schiffes, lauscht auf das Platschen der Ruder, bis die Dunkelheit das kleine Gefährt wieder schluckt. Sie ist nicht ganz sicher, ob es wirklich da war oder nur eine Ausgeburt der Träume, der Schatten. 

Der Gedanke treibt die Müdigkeit zurück und für lange Minuten beobachtet sie einfach nur, sucht nach Diskrepanzen oder Sprüngen, nach Abweichungen, die ihr verraten könnten, dass sie in Wahrheit noch immer schläft, vielleicht friedlicher als vermutet. Der Wind fühlt sich real an. Genauso der Sand in den sich die bloßen Zehen bohren. Aber das hat nichts zu bedeuten.

Und damit, während sie bereits spürt, dass es bald Zeit ist in die baufällige Bretterbude zurückzukehren, die sie dieser Tage eine Heimstatt nennt, streifen die Gedanken ein nur wenige Tage zurückliegendes Gespräch über Respekt, Anerkennung und das Erproben, Überschreiten von Grenzen. Ein bitterer Anlass, geschaffen aus einem weiteren, nicht einmal registrierten Makel. Aber nicht das ist es, was sie fesselt, sondern das Ende, die finalen Worte und die unerwartete Wärme, die auch nun aufsteigt. Etwas, was an früher erinnert, an leichtfertige, für selbstverständlich genommene Vertrautheit.

"Es ist immer einfacher das zu betrauern, was man verlor, als das zu schätzen, was man noch hat," erklärt sie dem stetigen Wind, der die Worte gleichgültig mit sich nimmt. 

Die erste Farbe des dräuenden Morgens ist bereits am Horizont zu erahnen, als Amrali letztlich wieder zur Ruhe findet.

 
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