Von weisen Königen und weißen Armeen

Rollenspielforum für Geschichten.
Antworten
Benutzeravatar
Asaria rel Tor
Beiträge: 4
Registriert: 03 Jun 2023, 14:13
Been thanked: 4 times

Von weisen Königen und weißen Armeen

Beitrag von Asaria rel Tor »

Asaria glaubte einst, er wüsste immer was zu tun wäre. Und wenn er nicht wusste, was zu tun war, las er die Schriften des Königs, Mercutio. Seines Königs. Mercutio hob sich von anderen nicht bloß durch die Krone ab, die er trug. Dieser seine König war wie ein Bruder, sprichwörtlich und nicht in Blut, dafür im Denken und in den Schlachten, die von ihnen gemeinsam gefochten wurden. Bis... ja, bis Lord Gargauth sein Herz durchbohrte und so die Krone fiel. Ein dunkler Tag. Ein trister Tag. Eine inzwischen graue Erinnerung, die Asaria zuließ, wenn er nicht mehr wusste, was zu tun war. Heute erinnerte er sich, einmal mehr, und atmete die kalte Luft des Morgens.

Asaria machte sich gerade ein Bild von den Straßen der Stadt, ihren Mauern und Bauten, ohne richtig zu sehen. Mehr nahm er bloß wahr, beschäftigte ihn doch die Tristesse. Irgendwie gefiel ihm eher der wilde Wuchs der Natur, der über die Steine kroch. Bis er in seinem müde gewordenen Gedankenkreislauf vor einer Kathedrale stand. Ein Anblick, den er eigentlich schätzen würde. An gerade diesem Tag stach eine Kathedrale nur weiter in die Erinnerung:
 
König Mercutio saß am satten Nußbaumtisch seiner Schreibstube, die mehr einer klein geratenen Bibliothek glich, wenn man nüchtern sah. Der Regen trommelte gegen das Glas der Fenster und auf seinem Tisch lag eine unfertige Kommandantur an die Weiße Armee. Derer gab es viele, sodass Asaria nicht mehr um den genauen Inhalt wusste. Es musste kurz vor oder kurz nach dem Versterben Mercutios Tochter, der Fräulein Hoheit zukünftiger Tage, gewesen sein. Damals blecherte Asaria durch den Königssaal, bog am blauen Murielbanner nach links in den Westflügel ab und zog die schweren Holztüren auf. Mercutio hob die Augen von der Tinte, sah seinen treuen Freund an und schob den Stuhl zurück, um ihn zu begrüßen. Dann polterte ein nasser Rabe seinen Schnabel gegen das Fensterglas. Als Asaria und der König zum Fenster sahen, erfüllte sie nur noch das Gefühl von Leere und dem Fallen. Asaria streckte die Hand in den Raum, doch verlor sich die Erinnerung, ganz wie ein finsterer Traum, hier im Nichts.
 
 
Asaria, der immer noch vor der Kathedrale stand, schüttelte sich und damit die ungeliebten Gedanken. Er striff einen schräghängenden Ast zur Seite, zog die schweren Flügeltüren auf und trat in die Hallen. Er ging in der Mitte, vorbei an den Sitzreihen. Dann zwei bröckelnde Stufen hinauf, wo normalerweise einer der Lichten stehen und die manifestierten Tugenden der Acht zitieren würde: Harviel, Trithemius, Gabriel, Bathor, Noaphiel, Barchiel, Nenamiah und Gedariah. Asaria stellte seine Laterne ab. In der Stille, von weiter oben, klopfte ein Rabe gegen das Glas der Kathedralenfenster. Asaria erschreckte nicht. Er sah für zwei Augenblicke hinauf zum Fenster. Dann vergab er sein Licht an zwei stumpfe Kerzen, die den Hallen ab nun Gesellschaft leisten mochten, wenn er selbst fehlte.

Bild
 
Die Stimme der Solutio grüßte ihn im Rücken. Es war Dante.
"Ich wusste, ich würde Dich hier finden", sagte er.
"Begleite mich ein bisschen", bat er.

Auf den Straßen der fremden Stadt unterhielten sich die beiden Männer.
"Ihr wart doch mal Hauptmann in Eurer Armee, oder?", fragte Dante.
"Der Hauptmannsposten ist gerade freigeworden. Ich wäre beruhigt, wenn Du ihn füllen würdest. Für diese Stadt."

"Hauptmannsposten.. nur welcher Armee?", entgegnete Asaria.
"Hier gibt es weltlichere Probleme, als plakative Ämter mit Namen zu besetzen. Oder beirrt mich die Pragmatik?", sagte er frei heraus und meinte es. 

"Es ist vor allem wichtig, hier Ordnung zu etablieren. Und gut überlegte Entscheidungen zu treffen..", sagte Dante.
"Mit der Laterne in der Hand siehst Du bereits aus, wie ein Hauptmann."

"Oder wie ein müdes Licht, das eine Kathedrale zu säubern hat", konterte Asaria.

"Du bist ein unbeschriebenes Blatt hier.. und Du dienst dem Herrn", setzte Dante nach.
"Auch als Hauptmann würdest Du Deinem Herrn dienen können. Überleg einmal, vielleicht hat er diesen Platz ja für Dich bedacht", sagte Dante.


Asaria bedachte diese Worte, die ehrlich klangen und doch eine gewisse Spitzfindigkeit mit sich trugen, mit Stille. Asarias helle Augen sahen die Straßen und Hecken entlang, dann lächelte er nur, wie man es von ihm gewohnt sein konnte: beinahe. Und irgendwie doch warm.

"Es würde meiner Rückgewöhnung bedürfen. Und.. Ihr seht es an den Blicken der Männer und Frauen. Mein Gesicht hat das Vertrauen der Menschen noch vor sich. Hier, in diesen Landen, die uns selbst so fremd sind", wehrte Asaria schließlich ab, was Dante ihm so offen darlegen mochte.
"Nun gut. Es ist dennoch nicht vom Tisch", bohrte der Magier und Solutionist.

Die Gesichter der beiden erhellten sich mit wieder einkehrender Vertrautheit.
"Nun, wie Du weißt.. die Kathedrale ist durchwachsen", sagte Asaria.
"Ich werde mich wieder an meine tatsächliche Bestimmung machen."
"Es wird der Tag kommen, an dem wir unsere Rüstungen aus gutem Grund tragen. Nicht, um zu glänzen. Doch um den Schatten zu trotzen..", wiegelte Asaria noch einmal ab.
"Und Schatten.. gibt es auch hier. Sieh mal da."
Asaria zeigte hinter die hochgewachsene Zypresse am Wegesrand, wo kein Licht hinfiel.
"Selbst da, in den Büschen, lauern sie."

Dante kniff die Augen theatralisch zusammen, lächelte und zuckte mit den Schultern. Dann lachten die beiden Männer und gingen Ihrer getrennten Wege.
"Man weiß ja nie..."



Asaria trat in die Kathedrale und widmete sich der Arbeit, die er als überfällig sah. Der Monolog in seinen Gedanken nahm weiter Lauf.
Du hättest nicht nachdenken müssen, Mercutio. Mein alter König. Mein einziger König. Mein Freund.

Der Rabe am Fensterglas der hohen Hallen war verschwunden.
Benutzeravatar
Asaria rel Tor
Beiträge: 4
Registriert: 03 Jun 2023, 14:13
Been thanked: 4 times

Re: Von weisen Königen und weißen Armeen

Beitrag von Asaria rel Tor »

Sicherlich hatte Asaria seinen Anteil daran, die Kathedrale für neues Licht empfänglich zu machen. Mit Sicherheit, aber, wog er die hohen Hallen und die Straßen der großen Stadt inzwischen in besseren Händen, als die seinen es hätten sein können. Seine Wege führten den Mann nur noch selten hierher. Einen Kommandanten, wie Asaria es einst gewesen sein mochte und wie Dante es für ein neues Zeitalter so spitzfindig in Aussicht stellte, bedurfte es in Solgard nicht. Auch hier wandten sich namhafte Bürger und die Bestrebten ihrem gerechten Schicksal zu. Der Ruf zum schweren Schwert hallte leiser, als sich die Schachfiguren in diesem neuen Land scheinbar, für das Erste, ihren Hort auf dem Spielbrett des Konflikts geschaffen hatten. Wut und Würden alter Tage versiegten, wie es auch nach dem Sinn des Weißgewappten war.

Was würdest Du nur sagen, wenn Du uns sehen könntest, alter Freund?
Der ewige Streit aus Licht und Schatten, einst gefürchtet und gefochten, unter dem wiegenden Glanz der Acht und dem Anmut von Bannern, die wehen im Wind.
Nun... ein stummer Moment.


Was würdest Du nur sagen, Mercutio, König?
Zu den altwerdenden Ehrwürdigen, zu Deiner Weißen Armee und nunmehr ziellosen Hellebarden?
Zu Carmolino, Merak und den Brüdern der Muscaris, zu Luna und Amantra?
Was würdest Du wohl Fürst Gismodan sagen?


Was würden wir mit all uns'rer Zeit nur machen, wenn die Zeit das erste Mal, seit jeher, auf der Seite des Stillstands ist...
 
Asaria, den die Jahre zunehmend selbst als ein Relikt alter Tage malten, streifte mit den Fingern über den nassen Stein am großen Brunnen und die Gedanken führten ihn aus vielen Richtungen zurück in das Hier und Jetzt. Eine wohlgekleidete Dame, die ihren Knaben an der Hand hielt und so sorgenfrei über die gegenüberliegende Seite des Brunnengemäuers führte, sah in einem passenden Moment zu Asaria herüber. Sie lächelte. Und mit der freien Hand hielt sie den Blumenkranz, der ihr Haar schmückte, an Ort und Stelle. Asaria lächelte. Und ehe er sich versah, wurde ihm das eigene, nicht weniger sorgenfreie Lächeln so ganz bewusst.

Er legte eine strahlende alte Münze behutsam in das kühle Wasser unter den warmen Lichtstrahlen. Auf ihr glitzerten, mit jedem Lichteinfall, eine Prägung des Lichtmuriels oder die Insignie des Königs Mercutio.
Asaria erhob sich. Der Junge und die Dame kamen allmählich dort an, wo er gerade noch über den Stein streifte.


"Die Tage sind hell geworden. Helle Tage lassen mehr Zeit für Abenteuer. Das sind die besten Tage, mein Junge.", sagte Asaria zu dem Knaben, der sich immer wieder in Gleichgewicht übte.
"Möge es Euch leiten und uns für lange Zeit erhalten bleiben."

"Und Euch, Herr.", entgegnete der Knabe dem Gehenden, bevor die glitzernde Münze im Brunnen dessen Aufmerksamkeit erhaschte.
"Was bedeuten die Zeichen darauf?", fragte der Knabe ungeniert und voller ehrlichem Wissensdurst.

"Es sind bloß Erinnerungen alter Tage und ferner Länder. Mögen sie Euch Glück bringen!", sprach Asaria anstelle einer Verabschiedung und ging durch die friedlich gewordenen Straßen.
Antworten