"Skotos" oder "Wie das Unheil seinen Lauf nahm.."

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Nimue von Thar
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"Skotos" oder "Wie das Unheil seinen Lauf nahm.."

Beitrag von Nimue von Thar » 10 Aug 2019, 23:47

Es widerstrebte ihr- und zwar zutiefst! - auf die Hilfe von Jemandem angewiesen zu sein. Und dann auch noch von den Menschen! Noch schlimmer war kaum moeglich- sah man mal von den Orks ab. Brr, dieser Gedanke setzte ihr noch mehr zu.
Und doch blieb ihr im Moment nichts anderes uebrig, als deren Hilfe in Anspruch zu nehmen. Nachdem der, aus der alten Heimat stammende Feind den letzten Angriff ausgefuehrt hatte, wurden weite Teile des Gelaendes der Bruderschaft zerstoert, andere hingegen nur verwuestet.  Der Eingang, den bis zum Zeitpunkt des Angriffs ein gewaltiger Zierrat in Form eines Drachenschaedels geschmueckt hatte, war unpassierbar. Bevor man auch nur einen Fuss auf das Gelaende setzen koennte, muesste man mit vieler Haende Arbeit die Gesteinsbrocken aus dem Weg raeumen- und genau da kamen die braven und fleissigen Bewohner Ansilons ins Spiel. Sehr widerwillig hatten sie also durch einen Bediensteten eine handvoll Arbeiter aus der Bevoelkerung der Handelsstadt anheuern lassen, die behilflich sein sollten, ihren rechtmaessigen Besitz – die Schwarze Festung, das Gildengelaende der Schwingen – wieder in Anspruch zu nehmen. Zur Morgendaemmerung verliessen einige, in das unverkennbare Gruen der SdV gehuellten Reiter, die einen Karren flankierten, die Stadt. Auf der Ladeflaeche des Karrens hatten einige Arbeiter Platz gefunden, andere bildeten zu Fuss das Schlusslicht hinter dem Wagen. Kurz blickte sie dem Tross hinter her, Nimue wuerde sich etwas spaeter ebenfalls zu den Arbeitern gesellen, doch zuvor galt es, die Entlohnung der Arbeiter separat in Muenzbeuteln zu verpacken und fuer jeden Einzelnen nach getaner Arbeit bereit zu halten.
 
* * *

Waehrend sie den Weg in die Feuerlande entlang ritt, liess sie den Blick schweifen. Die karge Landschaft, die keinen einzigen Flecken Gruen bereithielt, die beissend heisse Luft, die von Aschepartikeln durchzogen war. Im Grunde genommen waren die Feuerlande, fuer die meisten Bewohner der Neuen Welt, nicht die erste Wahl, wenn es um einen Ort zum Niederlassen ging- aber fuer Nimue bedeutete es Zuhause. 
 Ein sachtes Laecheln umspielte ihre Gesichtszuege, als der Pfad nun endlich den Blick auf die Schwarze Festung freigab. Die Arbeiter waren bereits dabei, allerlei Geroell, Gesteinsbrocken und Mauerwerk zur Seite zu schaffen, damit man das Gelaende moeglichst bald frei geraeumt hatte und damit beginnen konnte, die Gesteinsbrocken, die zu schwer zum fortbewegen waren, zu sprengen.

Zur Mittagsstunde war es letztendlich geschafft, der Weg war groesstenteils frei gelegt!
Ihre Brueder waren zwischenzeitlich ebenfalls eingetroffen, gleich wuerde man ihren rechtmaessigen Besitz endlich wieder fuer sich beanspruchen koennen- dies war ein denkbar guter Tag fuer die Gemeinschaft der Schwingen.
Gut, ein paar Verluste gab es zu beklagen- einer der Arbeiter wurde von einem herabfallenden Truemmerteil erschlagen, ein anderer war gerade dabei sich zu erleichtern, als der unter ihm befindliche Boden nachgab und der brodelnde Lavastrom ihn unerbittlich mitriss- aber ansonsten war alles nach Plan verlaufen.  
Den Arbeitern hatte man -zaehneknirschend, versteht sich- den Lohn fuer ihre Muehen ausgezahlt und als diese ausser Sichtweite waren, trat die kleine Gruppe, bestehend aus Livius, Madara und Nimue, dem Eingangsportal entgegen. Ein Blick in die Gesichter der Anwesenden gab nicht allzu viel von ihrem Gefuehlszustand preis, doch Nimue hatte diesem Moment schon lange entgegengefiebert.
 
* * *

Nach dem Angriff des alten Feindes hatte man einen grossen Bogen um das Gelaende gemacht, mit gemischten Gefuehlen beschritt sie nun den Weg ins Innere. Etwas Arbeit wuerde das Instandsetzen der zweifelsohne in Mitleidenschaft gezogenen Gemaeuer gewiss noch mit sich bringen, aber auf den ersten Blick schien es, als waere nichts auf Ewig verloren.   
Ihr Gefaehrte, Livius, und der Elementarist, Madara, hatten bisher noch nie einen Fuss in die imposante Festung gesetzt, die ihren Namen durch das tiefschwarze Gestein erhalten hatte. Die Beiden wurden nun von Neugier und Lust, die Gebaeude des Gelaende genauer zu erkunden, vorangetrieben.  Livius und Madara hatten sich gemeinsam in Richtung der Treppe entfernt, waehrend Nimue in der Mitte der Gelaendemauern stand und seufzte.  Ein denkwuerdiger Moment, aber all ihre Brueder und Schwestern, die den Weg zurueck nach Ansilon noch nicht wieder angetreten hatten, wurden schmerzlich vermisst. Dennoch, es war ein Schritt in die richtige Richtung, dachte sie bei sich und tatsaechlich, ein Laecheln stahl sich auf ihre Lippen.  
 
 * * *
 
Waehrend sie ihren Gildenbruedern gern noch eine Weile Zeit geben wollte, sich umzusehen, betrat sie zielstrebig das Gebaeude, welches sie zu Berinnors Arbeitszimmer brachte. Vor den Tuerfluegeln angekommen, verharrte sie einen Moment, um in Erinnerungen zu schwelgen.  Wie viele Stunden hatte sie in dieser Kammer verbracht- mit Feder und Tinte bewaffnet, um Berinnors Worte auf Papier zu bannen. Sacht laechelnd schob sie die Tuerfluegel auf und fast haette sie erwartet die imposante Gestalt des einstigen Drachenlords hinter dem massiven steinernen Schreibtisch sitzen zu sehen.  Die Luft roch verbraucht, ein muffiger Hauch ruhte darin und auf all den Pergamenten, die sich in ungeordneter Manier auf dem Schreibtisch befanden, hatte sich eine kaum uebersehbare Staubschicht gebildet.  
Die Haende in die Huefte stemmend, sah sie sich weiter um – bis ihr Blick an dem schief haengenden Gemaelde haengen blieb, welches seinen Platz an der Wand hinter dem Schreibtisch gefunden hatte.  Fuer das menschliche Auge waere dies kaum sichtbar gewesen, aber sie bemerkte die kleine Unregelmaessigkeit im Gemaeuer. Nanu, was war das?  
Sie verrueckte beilaeufig den schweren Sessel und nahm das Bild vorsichtig ab. Tatsaechlich, ein hauchfeiner Spalt klaffte zwischen den Ziegelsteinen. Vorsichtig betastete sie nun das Mauerwerk und fand eine kleine Aussparung – einen Augenblick spaeter hatte sie den Mechanismus ausgeloest, worauf hin die Mauer zur Seite schwang. Was sich wohl hinter dieser geheimen Tuer vor den Augen Aller verborgen hielt? Kurz blickte sie zum Gang zurueck, verwarf den Gedanken Bescheid zu geben, was sie soeben entdeckt hatte, aber sogleich wieder.. Ihre Brueder wuerden sie schon finden.  
 
* * *

Die hochgewachsene Dunkelblonde zog den Kopf ein und trat durch den Durchlass hindurch: Doch was sie nun zu sehen bekam, damit haette sie nicht gerechnet!  
Das schwarze Gemaeuer wich felsigem, unbehauenem und steinernem Untergrund und gab den Blick auf ein mehrere Meter hohes Gewoelbe frei. Dieser geheime Raum war riesig!  Staunend schritt sie von Moebelstueck zu Moebelstueck und betrachtete, die Schaetze, die hier ihren Platz gefunden hatten. Zwischen allerlei alchemistischen Utensilien, gewaltigen Truhen, Waffen- und Ruestungsstaendern wurde der gesamte hintere Raum von einigen hohen, bis auf den kleinsten Platz, vollgestopften Regalen eingenommen.  

Wenn man die Anleitung hier inmitten der Festung versteckt haette, dann doch gewiss in dieser Kammer, dachte sie und betrachtete noch einmal den Raum zur Gaenze. Die Ueberlieferung besagte, dass Dantalon Valheru, Begruender der Schwingen der Verdammnis, fuer seinen Nachfolger ein gut gehuetetes Schriftstueck bereit gehalten hatte, auf dem genauestens erklaert wurde, welche Utensilien und Paraphernalia man benoetigte, um das Ritual des Geists der Drachen durchfuehren zu koennen.
Fuer den Fall, das Berinnor nicht in Baelde zurueck kehren und seinen angestammten Posten als Oberhaupt der Schwingen wieder einzunehmen vermochte, wuerde man sich beizeiten Gedanken um einen geeigneten Nachfolger machen muessen, der imstande sein koennte, den neuen Anwaertern den Geist der Drachen einzuhauchen. Aseruzal.. Madara.. Man wuerde sehen. Doch erst einmal musste man die Schriftrolle, das Pergament oder worauf auch immer dieser verfluchte Zauber niedergeschrieben stand, ausfindig machen.  
 
* * *
 
Dieses Schriftstueck hier, inmitten all der Kostbarkeiten wie verzierten Zauberstaebe, Beuteln mit getrockneten Kaeutern, Truhen und Behaeltnissen, zu suchen, glich der sprichwoertlichen  Suche einer Nadel im Heuhaufen. Sie bleckte kurz die Zaehne und suchte dann Lade um Lade, Regal fuer Regal ab, aber fand auf den ersten Blick nichts, dass das Richtige zu sein schien.
Noch ein einziges Regal, dann wuerde man an einer anderen Stelle weitersuchen muessen dachte sie, als sie einen Stuhl heranzog und ein Tuch, was offenbar achtlos ueber den obersten Regalboden geworfen wurde, zur Seite ziehen wollte.
Mit 1,8 Schritt zaehlte sie nicht zu den Kleinen, dennoch musste sie sich auf Zehenspitzen stellen und konnte gerade so einen Zipfel des Tuches ergreifen. Noch im Wegziehen erkannte sie, dass sich unter dem Tuch ein merkwuerdiges Behaeltnis befand: Es schien aus Kristall gefertigt zu sein, die milchig-truebe, darin befindliche Fluessigkeit wirkte fuer einen Moment so, als wuerde der Inhalt von etwas darin befindlichem beleuchtet und aufgewirbelt werden. Sie war gerade im Begriff den Behaelter anzuheben, als eines der morschen Stuhlbeine mit einem lauten Krachen unter ihr nachgab- und damit nahm das Unheil seinen Lauf.. Mitsamt dem Behaelter in den Haenden stuerzte sie zu Boden und schlug unsanft mit dem Hinterkopf auf dem felsigen Hoehlenboden auf. Dann umfing sie Schwaerze.. wohltuende, wattigweiche Schwaerze.  
 
 * * *
 
Es musste wenigstens einen kurzen Augenblick gedauert haben, bis sie wieder zu sich kam und die Augen aufschlug. Mit einem Stoehnen setzte Nimue sich auf und hob die Haende um ihren Kopf zu befuehlen. Oh.. Blut, dass offenbar in Rinnsalen geflossen, aber bereits getrocknet war, befand sich an ihren Haenden, kleine feine Kristallsplitter steckten hier und da im Fleisch.
Murrend entfernte sie die piesackenden Scherben und sah sich um- das war gerade noch einmal gut gegangen, dachte sie bei sich und rappelte sich schliesslich auf. Unter den Sohlen ihrer Stiefel knirschte das Glas, waehrend sie sich umwandte und in Richtung des Ganges blickte.  Einige Male blinzelte sie, doch die verklaerte Sicht, die die gesamte Umgebung mit einem trueben Grauschleier zu ueberziehen schien, verschwand nicht. Einige Schritte ging sie nun vor, doch am Durchgang, durch den sie zuvor das Gewoelbe betreten hatte, prallte sie an einer Art Barriere ab. Was, zur Hoelle, war hier eigentlich los? Das musste doch ein schlechter Traum sein!
Waehrend sie den Gang entlang starrte, ueberlegte sie was zu tun sei- wenn sie diesen Raum nicht verlassen konnte, wuerden Livius und Madara sie frueher oder spaeter erreichen und eine Loesung finden, dessen war sich die Diplomatin sicher. Nun gut, sie strich die Handflaechen noch einmal an der ledernen Hose ab und murmelte: „Wenn ich schon hier drin gefangen bin, kann ich auch noch einmal in aller Ruhe nach dieser verflixten Schriftrolle suchen.“  
 
* * *

Noch bevor sie die Drehung auf der Stiefelspitze vollfuehrt hatte, bemerkte sie schon, dass sich ein kuehler Hauch ihren Ruecken hinabzog und die feinen Haerchen in ihrem Nacken aufstellen liess.  Der Blick in Richtung der Regalfront gab die Sicht auf zwei gewaltige, aetherisch schimmernde Drachenleiber frei. Ein erstaunter Ausdruck schlich sich auf ihre Zuege, waehrend sie die Drachen mit weit offen stehenden Munde musterte.  
 Der Kleinere der Beiden gab einen zischenden Laut von sich und hob eine der riesigen Pranken in drohender Manier.  
„WAS?! Diese kleine, mickrige Kreatur soll dafuer verantwortlich sein, uns damals eingesperrt und all die Jahre hier gefangen gehalten zu haben?“ donnerte die tiefe, ehrfurchtgebietende und droehnende Stimme des Drachen, der offensichtlich die Rolle des Anfuehrers innehatte, entgegen.
„Meister, sie wird buessen. Ich werde sie unter meiner..“ erhob sich nun die Stimme des zweiten Drachen, der jedoch jaeh mit einer Handbewegung des Groesseren abgewuergt wurde und das wuchtige Haupt ehrfurchtsvoll senkte.  

Nimue indes hob nun beschwichtigend die Haende in die Hoehe.
„Gefangen gehalten? Euch? Ihr missversteht die Situation!“ begann sie und wurde ebenfalls von dem groesseren der beiden Drachen in die Schranken gewiesen.  
„Schweig!“
Als sich die Stimme ein weiteres Mal erhob, klirrten selbst die kleinen Flaeschchen in den Regalen. Zorn spiegelte sich in den umhornten Augen des Drachens, als er erst von Nimue dann zu seinem Gefaehrten blickte.  
 
Die Drachen unterhielten sich offenbar in Gedanken weiter, konnte das sein? schoss es ihr durch den Kopf, als die Leiber der Drachen trotz das kein Wort gesagt wurde, hier und da mit Gesten oder  Nicken, reagierten.  
„MyLord. Bitte, glaubt ihr kein Wort- sie haelt uns zum Narren! Sie hat uns hier gefangen gehalten, um ein Haar waeren wir dem Wahnsinn Anheim gefallen.“ redete der Waechter nun auf seinen Anfuehrer ein.  
„Alter Freund. Ganz ruhig.. Es faellt mir schwer das zu glauben- sieh sie dir doch an!“
Kurz ruckten die wuchtigen Schaedel der Drachen in Nimues Richtung, um sich dann doch selbst wieder dem Gegenueber zuzuwenden. 

„Was, wenn sie es nur vortaeuscht?“
„Spuer in sie hinein..Streck die Fuehler deines Geistes nach dem ihrem aus.“ forderte der Groessere den Kleineren nun auf. Dieser trat auch sogleich einige Schritte auf Nimue zu, die nun dicht mit dem Ruecken an die unsichtbare Barriere gedrueckt dastand und mit wild klopfendem Herzen der beunruhigenden Dinge, die da moeglicherweise auf sie zukommen sollten, entgegen harrte.  
 
Der Drache senkte das Haupt, bewegte die krallenbewehrten Zehen des kraeftigen Vorderbeins vorsichtig auf sie zu und tippte nur kurz gegen ihren Kopf. Nimue blinzelte kurz, sie hielt dem durchdringenden Blick des Waechters jedoch stand. Der Waechter schickte einen stummen Gedanken an den Geist seines Lords.
„Ich spuere da ein aehnliches Band, wie es die unseren einst miteinander verband- doch sie ist nur ein Mensch, wie ist das moeglich?“ 
 
Herausgefordert von ihrer Reaktion, tippte der Drachen nun ein zweites Mal gegen die Stirn der jungen Frau und schloss die Augen, dabei hochkonzentriert wirkend.  Nimue fuehlte, wie der Drache sich Zugang zu ihrem Geiste verschaffen wollte- auch ihrer werwoelfischen Seite blieb dies nicht verborgen. Vor ihrem geistigen Auge tobte und schnappte die Woelfin in alle Richtungen.
„Mein Lord.. ihr Wille ist zu stark, ich kann ihren Widerstand nicht brechen? Wie ich bereits sagte- der Zauber ist nur noch schwach vorhanden, das Band sehr duenn.. Aber es wirkt, als waere da noch eine andere Praesenz.“ teilte der Waechter nun mit seiner Gedankenstimme mit.  
„Ich fuerchte, sie ist kein gewoehnlicher Mensch. Wir werden ergruenden, mit wem wir es zu tun haben- und wie wir dann weiter mit ihr verfahren, wird sich daraus ergeben. Ich habe auch schon eine Idee, wie wir sie pruefen.“  
Nimue zugewandt, schnaubte der Kleinere nun und sie fuehlte sich, als waere sie gerade noch einmal so dem Tode von der Schippe gesprungen.  
 
* * *
 
„Wenn es mir erlaubt ist, wuerde ich gerne das Wort an Euch richten.“ sagte sie nach einem Raeuspern. Als keine Reaktion von den Beiden kam, verfiel sie in einen Plauderton und machte ihrer Besorgnis Luft.
„Ich weiss nicht, wo ich hier bin- und noch viel weniger weiss ich, wie ich hierher gelangt bin- aber ich moechte Euch versichern, dass von mir keinerlei Gefahr ausgeht! Seid also unbesorgt.“ 
Ihre Worte auf die Drachen wirken lassend, betrachtete sie diese nun eingehender. Mhm, merkwuerdig, dachte sie, wenn sie es nicht besser wuesste, wuerde sie aufgrund der verzerrten Mimik darauf schliessen, dass ihre Worte sie belustigt hatten.
„Menschlein.. Als koenntest DU fuer uns eine Gefahr darstellen! Du magst uns unsere Freiheit geschenkt haben, doch das bedeutet nicht, das unsere Geduld grenzenlos ist. Wir sind Jahrhunderte in diesem Gefaess gefangen gewesen- wir sind muede. Wir haben mit den weltlichen Dingen abgeschlossen, wenn du nun freundlicherweise wieder verschwinden koenntest..?“ 
 
Mit frustriertem Gesichtsausdruck folgte sie dem Deut des Drachens auf das zerschmetterte Kristallgefaess am Boden nur kurz und warf dann mit einer theatralischen Geste die Haende in die Hoehe – und hielt abrupt inne. Was hatte er gerade gesagt? Ploetzlich daemmerte es ihr, wen sie da vor sich hatte: Die Alten.
Ehrfurchterbietend liess sie sich auf ihr Knie herabsinken und neigte ihr dunkelblondes Haupt.
„Verzeiht mir, Edle. In meiner Verwirrung habe ich nicht gleich schlussfolgern koennen, wer ihr seid.“ fluesterte sie nun beinahe andaechtig und hob den Blick wieder. Die Drachen stutzten nun selbst und tauschten stumme Worte in ihren Gedanken aus.
 
Nimue erhob sich langsam, zerrte ihren Gehrock vom Schreibtisch und hielt das Gildenemblem, welches auf dem Stoff aufgebracht war, in die Hoehe und somit den argwoehnisch dreinblickenden Drachen unter die Maeuler.
„Ein Erbe der unverwaesserten Blutlinie der Valherus – sein Name war Dantalon – hat meine Gemeinschaft gegruendet. Euer Erbe ist nicht verloren gegangen! Mich nennt man Nimue, ich bin die Diplomatin der Schwingen.“ brachte sie keuchend hervor.  
„Was sagt sie da?“ zischte der Waechter und knurrte. Der Anfuehrer, der sich einen Augenblick spaeter knapp als Teleisotos vorstellte, hob die gewaltige Klaue und deutete mit einem Wink auf seinen Waechter.
„Sorasos.“
Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder der Frau zu. 
 
Kalythrios hat die Unseren also tatsaechlich in Sicherheit bringen koennen..“ murmelte der Edle, wobei die Stimmfarbe deutlich waermer wurde und die saphirblauen, vormals stechenden Augen nun mit einem wohlwollenderen Ausdruck auf Nimue ruhten.  
„Also gut! Du bist nur ein gewoehnlicher Mensch, dir fehlt offensichtlich die Faehigkeit durch die Sphaeren zu reisen. Wir werden dir behilflich sein- aber nur damit du nicht bis in alle Ewigkeit hier verweilst und plapperst. Mach dich bereit!“ 
 
Ein weiterer Wink Teleisotos folgte, woraufhin sein Gefaehrte wieder seinen Platz einnahm und beide schliesslich die Augen schlossen und darauf gar nicht sooo fremd klingende Worte erklangen.
Berinnor! Er hatte aehnlich geklungen, wenn er die Worte der Macht intonierte.“ huschte ein Gedanke durch ihren noch immer schmerzenden Schaedel und ploetzlich fuehlte es sich an, als stuende sie gerade noch auf einer Klippe und wurde just in diesem Moment ueber den Vorsprung in die unendliche Tiefe gestossen. Wie zaeher Honig, den man von einem Loeffel tropfen laesst, verlangsamte die Zeit sich nun- oben war unten, unten war oben, ihr Magen begann auf aeusserst unangenehme Art und Weise zu huepfen.  Schreiend und strampelnd fiel und fiel sie. Mit einem Rucken trafen ihre Fuesse unvermittelt auf dem Boden auf, was den gesamten Koerper der Dunkelblonden stauchte und die Luft aus ihren Lungen presste. Noch einen letzten Schrei ausstossend, oeffnete sie zuerst das rechte, dann das linke Auge.  
 
 * * *
 
Was sie sah gefiel ihr nicht. Das war nicht die Schwarze Festung, das war scheinbar nicht einmal die richtige Sphaere!  
Hatte es noch schlimmer kommen koennen? Ohja, gewiss. Ploetzlich wurde sie sich einer anderen Praesenz gewahr. Sie blaehte kurz die Nasenfluegel um herauszufinden, ob sie den Geruch, der dem Wesen anhaftete, zuordnen konnte. Ein weiteres Mal an diesem Tag spuerte sie den feuchten Atemhauch einer grossen Kreatur in ihrem Nacken.  

„Na, wen haben wir denn da?“  Geraeuschvoll wurde an ihr geschnuppert, ihren Geruch tief in die Nasenloecher einsaugend, schmatzte das Wesen hinter ihr nun. Nimue schluckte, atmete tief durch und wandte sich um. Der Anblick, den dieser Drache bot, strafte 
die froehliche, tiefe Stimme, in dessen Tonfall ein kaum wahrnehmbarer Hauch Wahnsinn mitschwang, Luegen.
Es liess ihr das Blut in den Adern regelrecht gefrieren, als er sich auf sie zubewegte, so sehr unterschied er sich von den anderen Beiden zuvor. Ein verschlagen wirkendes, gefaehrlich funkelndes Augenpaar heftete sich auf ihre Gestalt. Stumpf-grau war sein Leib gefaerbt, es machte den Anschein, als wuerden die Konturen seiner Gestalt ausgefranst erscheinen, allerdings waren die Drachenschuppen mit spitzen hornbewehrten Stacheln stetig in Bewegung. Nur muehsam loeste sie ihren Blick und lenkte ihren Fokus auf die boesartigen, rot schimmernden Augen. Ohne etwas ueber dieses Wesen zu wissen, wusste sie instinktiv, dass dieses Wesen all die Bosheit, Verschlagenheit und Tuecke der Welt gebuendelt in sich trug.  
 
„Was treibt dich in meine Welt, Kleine?“ fragte die Kreatur und setzte den massigen Leib in Bewegung.  Nimue bemuehte sich nun um einen ruhigen Tonfall und antwortete knapp:
„Nur ein Versehen. Es musste etwas schief gegangen sein, beim Versuch mich in meine Welt zurueck zu schicken.“  
Der Drache zaehlte nun offenbar eins und eins zusammen und stimmte ein schrill klingendes Lachen an.
„Ohhohohho-hahahaa. Du bist den anderen Beiden begegnet, hab‘ ich Recht?“ Belustigung zeigte sich im irren Blick des Drachen, als er noch einmal nachhakte.
„Hab‘ ich nicht recht, Kleine? Bitte sag, das ich Recht habe. Sie sind unfaehig und schwach- leider sind sie mir damals entwischt. Unnuetze Kreaturen. Kleine, du hast auf die Falschen vertraut. Und wenn ich dich so anblicke.. lass mich raten, was dir durch deinen kleinen, ach so leeren Kopf geht? Alle Hoffnung dahin? Ach ach ach. Das muss nicht sein, ich kann dir helfen.“  
 
Einen einschmeichelnden, ueberzeugen wollenden Tonfall anstimmend, trat der Drache nun einen weiteren Schritt naeher an sie heran. „Was meinst du- wie dringend moechtest du zurueck zu denen, die dich lieben.. und vermutlich schon laengst vermissen? Was waere.. wenn.. sagen wir, ich dir eine Moeglichkeit aufzeigen wuerde, wie du diese Sphaere hinter dich bringen kannst?“  
„Von welcher Moeglichkeit sprechen wir?“ fragte sie, skeptisch eine Braue hebend. Wieder ertoente das grauenhafte Lachen des Drachens.  
„Es ist ein geringer Preis. Komm, zerbrich dir nicht dein Koepfchen, vertrau mir. Sag ja und im Nu bist du zurueck- woauchimmerduherkommst. Du scheinst schon etwas nicht menschliches in deiner Seele zu beherbergen- etwas Platz fuer mich, waere der Preis.“ lockte er sie nun.  
 
* * *

Da Nimue das Angebot nicht direkt ausschlug, knurrte die Woelfin in ihrem Inneren bedrohlich- nicht dass sie auch nur einen Bruchteil einer Sekunde darueber nachgedacht haette, das Angebot anzunehmen! Nein, jetzt ging es nur darum, Zeit zu schinden und nach einem Ausweg zu suchen. Als haette er Nimues Gedanken gelesen, gab er einen bedauernd klingenden Laut von sich und machte sich nun daran, sie quaelend langsam zu umrunden.
„Oder aber.. ich werde dich zerreissen und mir mit deinen Knochen die Zeit ein wenig vertreiben. Ach, das gaebe ein herrliches Bild ab. Blanke, weisse Knochen.“ murmelte der Drache nun und malte sich in Gedanken vermutlich bereits aus, welchen huebschen Kontrast Nimues Blut in diese farblose Umgebung bringen wuerde.   
 
Aeusserst auf der Hut zu sein, vermittelte ihre Gefaehrtin ihr nun und machte unmissverstaendlich klar, dass sie jederzeit die Kontrolle uebernehmen wuerde. Nimue knoepfte nun unbeirrt ob der Worte, Knopf fuer Knopf, ihre schwere Robe auf und liess das Wesen, was zweifelsohne einem Albtraum haette entsprungen sein koennen, nicht aus den Augen.  
„Oho, was tut sie da? Was tut sie bloss?“
Der Drache sprang nur einen Fingerbreit in die Hoehe, doch als die Wucht seines Gewichtes den Untergrund beben liess, lies sie sich auf ein Knie nieder.  Rasch hob und senkte sich nun der Brustkorb Nimues, ein bernsteinfarbener Ring legte sich um die sonst strahlend blauen Augen und verlieh ihnen einen wuetenden Ausdruck.  
„Ach, Kleine..so eine bist du also. Das ich nicht gleich darauf gekommen bin!“
Sie legte den Kopf in den Nacken, liess ihn einmal kurz kreisen und gab der Woelfin nun das Zeichen. Augenblicklich gruben sich ihre Fingerspitzen in den sandigen Untergrund, ein Blick auf ihre Haende gab die Sicht auf feine, sich rasant verdichtende, aus ihrer Haut spriessende Haerchen frei. Fast zeitglich, als ihre Fingerglieder sich verlaengerten, ertoente das Geraeusch von brechenden Knochen und reissenden Sehnen. 
 
Unter zusammen gepressten Zaehnen stiess sie noch einen letzten Satz hervor.
„Die Schwingen der Verdammnis unterwerfen sich nicht- lieber sterbe ich tausend Tode, als dir widerwaertigem Ding einen Wirtskoerper zu bieten.“  
 
* * * 

Einen Augenblick spaeter war alles Menschliche gewichen – eine riesige Woelfin, von frostweissem Fell bedeckt, kraeuselte die Schnauze und Geifer troff von ihren Lefzen, als sie blutruenstigen Blickes nach dem Drachenwesen schnappte.  
Wie aus weiter Ferne drang nun eine Stimme zu ihrem Bewusstsein hervor:  
„Das hast du gut gemacht, Menschlein. Du hast bewiesen, dass du das Erbe Kalythrions nicht mit Fuessen trittst- selbst, wenn du dich in einer ausweglosen Situation befindest. Komm wieder zu uns!“  
Die Frostwoelfin, die instinktiv spuerte, dass die Gefahr gebannt war, zog sich augenblicklich zurueck und es dauerte nicht lange, bis Nimues menschliche Gestalt wieder zur Gaenze zu sehen war und wie durch einen Strudel zurueck auf die Ebene der Alten gerissen wurde. Die Klaue des angsteinfloessenden Drachens ging ins Leere, nicht? 
 
 * * *
 
Die dunkle Ebene war der schon vertrauten Umgebung gewichen, die gewaltigen, aetherisch schimmernden Drachen tauschten Worte auf geistiger Ebene aus.  Mit einem peinlich beruehrtem Raeuspern drehte sich der Waechter zur Seite als er die nackte junge Frau -ob der Verwandlung waren die restlichen Gewaender die sie trug in Fetzen zerrissen- in ihrer unverhuellten, menschlichen Gestalt sah und schnipste ihr ihren vorhin abgelegten Gehrock zu. Waehrend Nimue noch damit beschaeftigt war ihre Bloesse zu verhuellen, begannen die beiden Alten bereits damit, die Faeden ihrer Magie zu einem Netz zu weben und sie ohne weitere Worte in ihre Welt zurueck zu katapultieren.  Schwindel erfasste sie, ihr Geist wurde – schon wieder – von Schwaerze umfangen.  
„Nein, nein.. So haltet doch ein. Es ist zu frueh! Ich habe noch so viele Fragen!“ begehrte sie auf und schrie, sich aus Leibeskraeften gegen die Magie wehrend.  
„Alles zu seiner Zeit..“ hoerte sie noch die verhallenden Worte Teleisotos, bevor die Dunkelheit sich ihres Geistes wieder bemaechtigte. 
 
* * *
 
Als Livius und Madara sie auf dem Boden liegend fanden, inmitten der Scherben, entging den Beiden, das an ihrem Finger der linken Hand, ein unscheinbarer, zarter kristallener Ring prangte.
„Es wird nicht langweilig mit ihr, was?“ richtete der Elementarmagier das Wort an Livius, der die Worte seines Bruders nur mit einem Schnauben quittierte.  

„Schaffen wir sie zum Anwesen. Fass mit an.“ sagte Livius, seinen Arm schon unter Nimues Achsel schiebend.
Nimue erlangte das Bewusstsein- trotz dass sie unsanft in die Hoehe gehievt wurde und baeuchlings ueber den Ruecken ihres tiefschwarzen Mustangs gelegt wurde- waehrend der Rueckreise nicht zurueck. Ihre Gildenbrueder entschiedensich dafuer, sie in einem der Schlafzimmer des Anwesens der Gadomars, was ihnen waehrend Raphor und Vallerons Abwesenheit als Quartier diente, vorerst zur Ruhe zu betten.

Madara hatte vorsorglich noch einige Heilzauber gesprochen bevor er sich auf den Weg in die Stadt gemacht hatte. Livius, entgegen seiner sonst so gleichgueltigen Haltung, wachte neben ihr, war jedoch ob der Untaetigkeit, zu der er sich selbst verdammt hatte, indem er an ihrer Seite sitzen geblieben war, offenbar vor Langeweile eingenickt.  
 
* * *
 
Als die ersten Sonnenstrahlen gegen die Dunkelheit der Nacht ankaempften, ging ein Rucken durch Nimues Koerper. Ein Schrei verliess ihre Kehle, mit den Armen ruderte sie, so als wuerde sie sich in freiem Fall befinden.  Panisch schlug sie die Augen auf -wachte oder traeumte sie noch immer?- und vernahm eine vertraute Stimme in ihrem Kopf.  
„Oh, na endlich. Das wurde ja auch Zeit, dass du erwachst! Jajaja, das wird ein Spass. Du wirst schon sehen, Kleine.“ 
Das irre Kichern in ihrem Schaedel liess sie ihre Haende an die Schlaefen reissen und schreien. Markerschuetternd schrie und schrie sie, bis sie keine Stimme mehr hatte.  
 
Livius, der schlagartig von ihrem Geschrei erwachte, blickte in das Gesicht seiner Gefaehrtin und hielt irritiert inne- etwas hatte sich grundlegend veraendert. Was genau diesen einschneidenden Unterschied ausmachen sollte, wuerde er erst in den kommenden Wochen in seinem ganzen Umfang verstehen.. doch fuer den Moment reichte es, zu erkennen, dass die einst strahlend blauen Augen blutunterlaufen wirkten und sich kleine, blutrote Sprenkel in der Iris gebildet hatten und ihre Augen dadurch einen violetten Schimmer aufwiesen.  
 
„Nimue?“ Livius blickte fuer seine Begriffe nahezu erschrocken drein, starrte sie gebannt an, eine Antwort von ihr erhoffend.
„Die Kleine, der Wolf und Skotos. Wir werden ein tolles Trio abgeben- oh, das wird lustig, das hier ist erst der Anfang, Kleine.“  
 
Eine Antwort blieb sie Livius schuldig, stattdessen ballte sie ihre Haende zu Faeusten und schrie sich ein weiteres Mal die Seele aus dem Leibe.  
 

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Erste, wackelige Schritte

Beitrag von Nimue von Thar » 07 Okt 2019, 01:44

Er hatte Recht behalten- dies sei erst der Anfang, hatte er ihr prophezeit und wenngleich sie auch geahnt hatte, dass ihr Leben sich von einer Sekunde auf die andere veraendert hatte, so war sie nicht auf das Ausmass dessen gefasst gewesen.

Skotos. Allein der Name trieb die Uebelkeit in ihr empor und liess sie beinahe die imaginaere, aufsteigende Magensaeure auf der Zunge schmecken.

Skotos! Dieser unerwuenschte, garstige und abgrundtief boese Besetzer ihres Kopfes. Dieser widerliche Parasit. Natuerlich verfuegte sie ueber keinerlei Wissen was Magie und die Kreaturen, die sie wirken konnten, anbelangte- und das ihn das belustigte, liess er sie mit geballter Ueberheblichkeit spueren. Ganz oeffentlich hatte sie ihre Abneigung gegen Magier immer zur Schau gestellt- allerdings immer gut verborgen gehalten, dass es im Grunde genommen der Neid der Besitzlosen war, der aus ihr sprach, wenn sie Kund getan hatte, dass sie ihr zuwider seien.

Er war nicht nur ein magiebegabtes Wesen, ein Drache, nein, er war der Erzfeind hoechst selbst. Allmaehlich hatte sie viele kleine -gedankliche- Mosaiksteine zusammengetragen und schob, drehte und tauschte, um daraus ein Bild zu formen.  
Er und seine finsteren Artgenossen waren dafuer verantwortlich gewesen, dass die Alten aus ihrer Sphaere fliehen und Zuflucht in der Neuen Welt suchen mussten.
Aberhunderte mussten es gewesen sein, die sie abgeschlachtet hatten und, im Vergleich dazu, nur eine Handvoll hatten es geschafft, sich zu retten. Wut kochte in ihr hoch.

Sie war nicht sicher, ob er ihr davon vorgeschwaermt und seine Erzaehlungen so bildlich gestaltet hatte, dass sie das Erzaehlte vor ihrem geistigen Auge sah, oder ob er ihr tatsaechlich diese Bilder gesandt hatte. Es fuehlte sich derart realistisch an, als sie all die verstoerenden Bilder in rascher Abfolge noch einmal Revue passieren liess. Drachenleiber mit verrenkten Gliedmassen, verkohlte Leiber und daraus aufsteigenden Rauch und Blut. Blut, so viel Blut.
Der Drache zog sich manchmal fuer eine Weile zurueck, aber nur gerade so lange, dass sie es fast vergass, dass er sich wie ein Parasit in ihrem Geist festgesetzt hatte, um dann wieder pfeilschnell aus seinem Versteck hervor zu springen. So wie auch jetzt gerade.

Ohne eine Vorwarnung ertoente eine gesummte, schraege und sehr schrille Melodie in ihrem Kopf.
„Na, hast du mich und meine liebreizende Stimme schon vermisst, Kleine?“
„Nenn mich noch einmal Kleine, und ich werde mich vergessen!“
„Oho, hoer an, hoer an. Was willst du dann tun?“
„Forderst du mich gerade heraus, du widerliches Ding? An deiner Stelle waere ich vorsichtig.“
„Was kannst du schon tun? Du wirst mich ja doch nicht mehr los. Wir sind nun eins, auf ewig. Miteinander verbunden. Enger, als es dein Liebster und du je sein wuerden. Aergert dich das? Du weisst, dass ich Recht habe, nicht? Sag schon, sag schon.. Kl..uges Menschenkind.“
„Und in aller Seelenruhe beleidigt er mich immer weiter.“ Stellte sie fest waehrend sie die Zaehne fest aufeinanderpresste und ihren Unmut Kund tat.
„Was denn, was denn? Ich habe doch gar nicht Kleine gesagt!“ empoerte sich der Drache nun.
„Das nicht- aber du hast mich als Mensch betitelt.“
„Du bist aber doch auch..ei..“ Jaeh wurde der Drache von einem tiefen Knurren, das Nimues Kehle entsprang, unterbrochen.  „Empfindlich.“ Vollendete er nun seinen Satz.
Sie war sich sicher, dass er gerade das Drachen-Aequivalent zu einer Grimasse schnitt und in der hintersten Ecke ihres Bewusstseins mit den rot gluehenden, boesartig dreinblickenden Augen rollte.
„Empfindlich? Empfindlich?! Wohl kaum. Sonst haette ich schon laengst den Verstand verloren. Anstatt zu lamentieren, solltest du lieber tun, was du mir gestern versprochen hast:
Lehr mich die verdammten Zauber!“

„Haaach. Warum hast du es denn so eilig? Du hast alle Zeit der Welt.“
„Die habe ich nicht- und das weisst du nur zu gut. Also, was ist nun? Beginnen wir endlich?“
„Wenn es denn sein muss- Gut. Also, was weisst du ueber die Magie und wie man sie wirkt?“
Wieder war ein tiefes Grollen zu vernehmen, was Skotos schliesslich antrieb, seine Gedanken mit ihr zu teilen.
„Beginnen wir mit etwas Einfachem.“ Kurze Zeit war es still in ihrem Verstand, dann erhob der Drache erneut die Gedankenstimme. „Du musst unseren Koerper gut schuetzen. Du bist verwundbarer, jetzt wo du dich nicht mehr mit einem Haufen alberner, kleiner, aneinander gereihter Metallringe behaengen und vor Schaden bewahren kannst.“

Es war ein Desaster gewesen, als sie nachdem sie im Anwesen der Gadomars erwachte, ihren Bogen und ihre Kettenruestung zusammenklaubte und am Ogerberg all ihren Frust herauslassen wollte.

Der Drache hatte es irgendwie geschafft, ihre Konzentration derart zu stoeren, dass sie kaum in der Lage war, einen Pfeil zu verschiessen ohne Gefahr zu laufen, ihn selbst im Stiefel stecken zu haben. Schnell hatte sie eingesehen, dass an den Worten Skotos etwas dran sein musste- als er verlauten liess, dass er die Macht, die ihren Koerper nun durch fliesst, als die Macht der Alten identifiziert habe. Seitdem hatte sie es gar nicht mehr versucht auf die ihr bekannte, herkoemmliche Art und Weise zur Jagd zu gehen, sondern begonnen, ihre neu verliehene Gabe so gut es ging zu erforschen.

Und wieder kreisten ihre Gedanken um die Frage aller Fragen: Warum hatten sie es getan?
Warum hatten sie ihr dieses Geschenk zuteilwerden lassen? Oder war es am Ende doch ein Fluch? Ein weiterer Fluch?
Wenn es doch einen Weg gaebe, noch einmal mit ihnen zu reden und all die unangesprochenen Dinge erfragen zu koennen..


Missmutig seufzte sie und ordnete die Papiere, welche vor ihr aufgeschichtet waren.
Mit der Spitze ihrer Feder eine breite, verschnoerkelte Eins malend, fragte sie dann:
„Also, kannst du dich nicht mehr erinnern, oder worauf warten wir, hm?“
„H‘apera Viteron. Schreib dir das auf!“ forderte der Drache nun und sie tat wie geheissen und schrieb die beiden Worte neben die „1“.
Abwartend blickte sie auf das Papier, doch der Drache machte keine Anstalten, den Zauber weiter auszufuehren. Er hatte bereits wieder angefangen zu summen, und sie vermutete, dass er dies nur tat, um sie aus der Reserve zu locken.
„Und, Skotos, was ist „H’Apera Viteron“, bitte, fuer ein Zauber?“
„Ich dachte du bist kein Mensch, sondern ein Drache? Und du kennst deine eigene Sprache nicht?“ Ein gackerndes Lachen erfuellte ihr Innerstes und es hoerte sich an, wie das Lachen eines Kindes, welches vor Vergnuegen auf dem Boden herumrollt, wenn man es kitzelt.
„Du weisst aber auch gar nichts!“ verspottete er sie, nachdem es ein Weilchen gedauert hatte, bis er die Fassung zurueck erlangt hatte.
„Ja, oh grosser Skotos, ich bin unwuerdig. Verzeiht mir meine Unwissenheit. So erleuchte er mich doch bitte mit seinem grenzenlosen Wissen und seiner unendlichen Weisheit!“ Der unueberhoerbar zynische Tonfall in ihrer Stimme entging Skotos voellig, dieser gurrte nun wohlwollend und erklaerte ihr bereitwillig und geduldig alles Weitere.
„Pass auf, du wirst das ganz bestimmt schon gehoert haben, es ist ein Heilzauber- ein leichter, wir wollen dich ja nicht gleich bei der ersten Uebungsstunde ueberfordern, nicht?
Der Zauber setzt sich aus zwei Worten zusammen – H’Apera gebraucht man, wenn man etwas macht, erstellt oder verursacht- in deinem Fall hast du vor zu heilen! Also reihst du die Worte aneinander – H’Apera Viteron heisst uebersetzt, also was? Na? Ach, ich sage es dir. Erschaffe Heilung! Du verstehst, Kleine? Gar nicht so schwer, was? Das schaffst selbst du.“

Mit einem Knirschen zerbarst der feste Kiel der Schreibfeder, der dem Druck Nimues auf das Papier schlicht und ergreifend nicht standhalten konnte.   
„Ach! Jetzt hast du es kaputt gemacht! Och, schau nur. Dabei fehlen doch noch die Paraphernalia!“ maulte der Drache und tadelte sie.


Die Lade des Schreibtisches wurde unsanft aufgezogen und nach einem Moment des Herumkramens wurde eine bluetenweisse, voll funktionstuechtige Schreibfeder daraus hervorgezogen.
„Weiter.“ Forderte sie nun einsilbig auf und tippte ungeduldig wirkend mit dem Fuss auf dem steinernen Boden der Schwarzen Festung herum.
Skotos liess sich Zeit, er stellte Nimues Geduld auf eine harte Probe.
Als sie minutenlang verharrt hatte, um den Worten des Drachens zu lauschen, der nun verstummt war und weissgott was tat, beschloss sie, eines der entwendeten Buecher aus der Bibliothek zur Hand zu nehmen.
Nach kurzem Blaettern fand sie was sie gesucht hatte.
Aha, H’Apera Viteron entsprach dem Zauber der Menschen, In Mani. Wo stand es noch gleich? Ah, der Zauber benoetigte Spinnenseide, Knoblauch und Ginseng. Die Kraeuter waren detailgetreu dargestelt. Sie erinnerte sich daran, diese in Beeten auf dem Anwesen der Gadomars gepflanzt gesehen zu haben. Gleich im Anschluss wuerde sie sich auf den Weg zurueck nach Ansilon begeben und die Reagenzien ernten, um sie zu trocken und einen Vorrat anlegen zu koennen. Die neue Situation war gewoehnungsbeduerftig, aber mit der Zeit wuerde sie lernen, damit umzugehen.
„In Mani.. leichte Heilung, benoetigt Spinnenseide, Knoblauch und Ginseng“ wurde auf dem Pergament vermerkt. Nachdem sie die Illustrationen der Kraeuter und den Zauberspruch ordentlich in ein Buch uebertragen hatte, fertigte sie noch eine Kopie an und verstaute sie in ihrem Rucksack. Wenn doch bloss Berinnor wieder zurueck kehren wuerde, dachte sie und seufzte schwer.
 
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Nimue von Thar
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Ein Abschied fuer immer?

Beitrag von Nimue von Thar » 01 Jan 2020, 22:01

Die Ereignisse der letzten Mondlaeufe hatten sie muerrisch und unzufrieden werden lassen. Anfangs konnte sie die Ursache dafuer nicht benennen, doch allmaehlich kristallisierte sich heraus, was ihr Gemuet unterschwellig beherrschte. Das Gefuehl, was man verspuert, wenn sich ein Zahn langsam entzuendete und im Laufe der kommenden Tage von einem leichten Ziehen und Ziepen zu einem nicht zu ignorierbaren Pochen und Klopfen wurde, ja, aehnlicher Natur waren diese Gedanken.

Nachdem sie die Worte der Macht sprach, die sie direkt vor die Mauern der Schwarzen Festung bringen wuerden, und darauf wartete, dass der Zauber sich entfaltete, fragte sie sich, wann es begonnen hatte.
Als ihre Gestalt sich in den Feuerlanden manifestiert hatte, blieb sie an Ort und Stelle stehen, Aschepartikel durchzogen die Luft, liessen sich traegen Schneeflocken aehnelnd, gemaechlich auf ihrem Gehrock nieder.  Waehrend sie mit angestrengter Miene den gewaltigen, steinernen tiefschwarzen Drachenschaedel anstarrte, wurde die Schicht der Asche dichter, doch es kuemmerte sie nicht, dass sie sich auch auf das sanft gelockte, dunkelblonde Haar, welches ihr bis zur Huefte reichte, legte.

Vielleicht hatte es mit den vermaledeiten Dunkelelfen und Lisander, dem armen Tropf, angefangen?
Sie waren uneins gewesen, ihre Brueder hatten signalisiert, dass das Schicksal der Bewohner Ansilons sie nicht kuemmerte- und schon gar nicht das Leben des Heilers.
Eben jenem Menschen verdankte sie jedoch ihr Leben- unzaehlige Male hatte der Heiler ihren geschundenen Leib zusammen geflickt und sie vor dem nahenden Tode bewahrt.
Als man die vorige Stadtraetin gestuerzt und die Ratsposten eingenommen hatte, haette sie es nicht fuer moeglich gehalten, dass ihr die Bewohner der Stadt einmal derart ans Herz wachsen wuerden. Lange, moeglicherweise zu lange, hatte sie fernab von den Menschen gelebt, lediglich Kontakte zu ihresgleichen gepflegt und ihr eigenes Sueppchen gekocht. 
Oefter in letzter Zeit hatte sie diesen Lebenswandel verflucht, weil er verdeutlichte, dass auch sie ueber ein Gewissen verfuegte, Gut von Schlecht unterscheiden konnte und das, was gewesen war, noch einmal gruendlich ueberdacht werden musste.

 
Es war ihr zuwider gewesen, die Drachen hatten sie, als sie ihr Vorhaben erklaerte, mehr oder minder belaechelt und deutlich gemacht, dass sie allein dastehen wuerde, wenn sie tatsaechlich Lisander aus dem unseligen Griff der Drow befreien wollte. Livius hatte ihr Gemuet mit seiner Abgebruehtheit und Gleichgueltigkeit derart in Flammen gesetzt, dass sie ihm seitdem aus dem Wege ging. Sie hatte ihn geliebt, sehr sogar, doch nun war, bis auf sein Aeusseres nichts mehr uebrig von dem Krieger, den sie im Hinterzimmer der Taverne mit ihren Bruedern auf Herz und Nieren getestet hatte, bevor sie ihn in den inneren Kreis zitiertet hatten. Da, wo frueher sein funktionstuechtiges Herz geschlagen hatte, wuerde sich nun nur mehr ein kleines vertrocknetes Organ befinden, das aufgrund der Nichtbenutzung dessen, verkuemmert war. 'Zum Teufel mit ihm! Anstelle des Heilers haetten sie ihn gefangen nehmen sollen.'
Einerlei. Sie hatte mit so vielen unterschiedlichen Personen geredet, letztendlich hatten sich lediglich die Toechter Nyames und die Paladine bereit erklaert zu helfen.
'Paladine.. War dies alles vorbestimmt? Schliesst sich so der Kreis?' fragte sie sich, waehrend der Blick noch immer auf den Mauern der Schwarzen Festung ruhte. Die nervtoetende Stimme Skotos schwoll in ihrem Geiste an. 'Oh, Kleine, was sind das fuer jaemmerliche Gedanken? Vorsehung? Nun hoer schon auf mit diesem Unfug!' kraechzte der Dunkle.
'Skotos, sei still!' blaffte sie in Gedanken zurueck. 'Schlaf oder tu, was auch immer du tust, wenn du mir ‘mal nicht auf die Nerven gehst.'
Ein entruestet klingendes Schnauben gab der Dunkle noch von sich, hielt sich aber, vorerst zumindest, im Hintergrund, was sie den Gedanken wieder aufgreifen liess.
Shurakin. Der Paladin war einer der ersten gewesen, die ihr nach ihrer Ankunft in der neuen Welt, ueber den Weg liefen. Tugenden, Naechstenliebe, Aufopferung, pah! Alles nur leere Worte! Oh, wie jung und unbedarft sie damals doch war, schalt sie sich in Gedanken. Sein Glaube an den Herrn war stark- genau wie ihre Liebe zu ihm. Dass dieser mit ihr eine Beziehung einging, aber 'versehentlich vergessen' hatte, zu erwaehnen, dass er verheiratet war, bot einen Naehrboden fuer Verbitterung und den Hass auf Paladine. Ueber die Jahre wuchs dieser Hass auf den Herrn und seine Anhaenger und liess ihn gedeihen wie ein moderat bewaessertes, junges Pflaenzchen in der Fruehlingsluft.

 
Nachdem sie dem untreuen Paladin auf die Schliche gekommen war -seine Frau hatte ihr eines Abends eine Szene gemacht und sie mit allerlei rauen Worten beschimpft- beendete Nimue diese unheilvolle Liebelei und lief sprichwoertlich in die offenen Arme der Schwingen. =Calibri,sans-serifDiesen Schritt hatte sie wahrlich nie bereut, aber seit Tinougha in ihr Leben getreten war, hatte sie inzwischen das ein oder andere Mal ihr bisheriges Leben vor ihrem geistigen Auge Revue passieren lassen.
Niemals hatte sie einem anderen Wesen auch nur ein Haar gekruemmt oder gar jemanden getoetet- sie war kein schlechter Mensch, doch im Laufe der Zeit hatte sie sich in bestimmten Situationen eine doch zugegebenermassen 'leicht verquere Sicht der Dinge'angeeignet.
Vor Kurzem erst war die Frage aufgekommen, wie sie sich verhalten wuerde, wenn einer ihrer Brueder in Zwist mit Paladinen geraten wuerde. Seit ihrem Eintritt in die SdV war die Antwort leicht gewesen – immer wuerde sie den Ihren beistehen und sie mit allem, was sie hatte und geben konnte, schuetzen.


Doch jetzt, wo sie noch immer reglos vor der Festung stand, Haar und Gewand von Asche benetzt, dachte sie: 'Meine Antwort wuerde nun anders ausfallen. Mir scheint, als haette ich mich von ihnen entfernt.. als haetten wir nicht mehr viel gemein.'
Skotos gab ein Gackern von sich, welches sie die Augen verdrehen liess.
'Und er ist doch nur ein Mensch- in heiliges Blech gehuellt, aber dennoch, nur ein Mensch. Seinetwegen willst du all das aufgeben? Du wirst ewig leben, er wird welken und vergehen, waehrend du, dank der garstigen Woelfin und meiner Wenigkeit noch Jahrhuuuunderte in voller Bluete stehen und kaum ein Jaehrchen aelter aussehen wirst. Es wird auffallen – nicht heute, nicht morgen, aber in 10 Jahreslaeufen werden sich erste Faeltchen auf seinem Antlitz bilden, waehrend du dich nicht veraendert hast. Lass‘ den Unfug sein, reiss dich zusammen und mehre dein Wissen und deine Macht. Vergeude die wertvolle Gabe der.. verdammten Alten.. nicht, indem du dich der Gefuehlsduselei hingibst.' 
Nimue war sich sicher; haette Skotos gekonnt, so haette er all das direkt im Keim erstickt und unterbunden, doch offenbar hatte der Drache so seine Problemchen mit ihrer Sturheit und dem starken Willen.


Den ersten Schritt in eine andere Richtung hatte sie bereits getan- der Angriff der Dunkelelfen hatte viel Leid und Kummer gebracht, aber ohne diesem grausamen Vorfall haette sie das zarte Band der Freundschaft mit Arileiya, der Jung-Priesterin des Reorx-Stammes, womoeglich nie geknuepft.
In der kurzen Zeit, in der sich ihre Wege alle paar Tage immer wieder kreuzten, wurde das Gefuehl der Freundschaft recht bald von tiefer Zuneigung und Verbundenheit abgeloest.
Inmitten der Frauen, die ein auf den ersten Blick gaenzlich anderes Leben fuehrten als sie, fuehlte sie sich von der ersten Minute an wohl. Umso bestuerzter war sie gewesen, als sie eine Botschaft erreichte, die sie annehmen liess, dass die Freundin nicht mehr unter den Lebenden weilte.
Wie sich herausstellte stimmte das gluecklicherweise nicht so ganz- Arileiya befand sich in einem komatoesen Zustand, ihre Seele streifte nunmehr in Gestalt eines Kaetzchen aus Nebel umher und fand selbst in diesem Zustand ihren Weg zu Nimue. Gemeinsam mit der Schwesternschaft hatte Nimue beiwohnen duerfen, wie man Nyame selbst angebetet hatte, Koerper und Seele der Priesterin wieder zu vereinen- und die Goettin war erschienen und hatte ihr diese Gnade zuteilwerden lassen.

Wenn sie daran dachte, ueberlief sie ein Schauer, so fasziniert und beeindruckt war sie von diesem Erlebnis. Nachhaltig hatte es sie offenbar gepraegt. Anfaenglich war es nur eine fixe Idee, als man ihr angeboten hatte, in die Goldene Stadt zu ziehen und unter den Amazonen zu leben, Arileiya nannte sie im Scherz schon einige Male Ehrenamazone, doch bei jedem weiteren Besuch in Asamea’toria festigte sich der Wunsch eben genau dies tatsaechlich zu tun.  
Auch bei dem neuerlichen Vorfall in Silberburg, als der Skelettdrache und sein unheiliger Diener ihr Unwesen trieben, hatte sie an der Seite der Amazonen gekaempft. Aus einem Impuls heraus hatte Arileiya ihrer Mentorin, Ali’shondra, von dem Wunsch, Nimue Nyames Weg und ihre Lehren naeher zu bringen erzaehlt und nachdem eroertert worden war, dass auch Nimue sich an den alltaeglichen Arbeiten beteiligen muesse, willigte sie schliesslich ein, das alte Leben hinter sich zu lassen und in die Goldene Stadt zu ziehen.

Im Grunde genommen fehlte nur noch der letzte Schritt: Mit ihren Bruedern sprechen und sie von ihrem Fortgehen und dem Verlassen der Gemeinschaft in Kenntnis setzen. Doch sie tat sich unendlich schwer damit, auch nur einen Fuss von der Stelle zu bewegen.. Eine ganze Weile spaeter, als sie die Festung tatsaechlich betrat, war das Tageslicht dunkler Nacht gewichen.  
Letztendlich hatte sie sich selbst einen Ruck geben muessen, sonst waere sie sicher zur Salzsaeule erstarrt und haette wie eine einsame Statue bis in alle Ewigkeit vor der Festung Wache gehalten.


Das schmiedeeiserne Tor glitt beinahe lautlos hinter ihr ins Schloss, als sie die Fuesse widerwillig ueber das schwarze Gestein in Richtung des Hauptgebaeudes antrieb. Was wuerden sie sagen? Wuerde man sie ziehen lassen? Mit banger Miene raffte sie den Saum des Gehrocks ein wenig an und stieg die Treppenstufen empor. Die Atmung in geordnete Bahnen lenken wollend, atmete sie einige Male tief durch – nur um dann ein erbostes Knurren von sich zu geben, als Skotos unbeabsichtigt dafuer sorgte, dass Wut in ihr hochkochte und die Atmung wieder beschleunigte.
'Was sollen sie schon tun? Dich toeten? Das werde ich – und die garstige Woelfin wird helfen, da bin ich mir sicher! – zu verhindern wissen. Sei nicht so entruestet, gaebe es nicht ein schoenes Bild ab, wenn der vermaledeite Kerl vor dir im Dreck liegen und sein Leben ausbluten lassen wuerde? Ach, es ist langweilig mit dir, ich hatte gehofft, dass wir oefter knoecheltief im Blut der Feinde waten wuerden, stattdessen schmachtest du dem mit Blech Behangenen hinterher und hoffst auf ein Wiedersehen. Bah, abscheulich. Liebe, das wohl nutzloseste Gefuehl ueberhaupt.. Haette ich doch nur einen eigenen Leib, dann koennte ich jetzt wenigstens mein Inneres nach Aussen stuelpen und mich uebergeben!' wetterte ihr unliebsamer Begleiter vor sich hin und gab, netterweise, noch ein nachgeahmtes Geraeusch dessen wieder.

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Nimue von Thar
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Re: "Skotos" oder "Wie das Unheil seinen Lauf nahm.."

Beitrag von Nimue von Thar » 30 Apr 2020, 00:14

-= Rueckblick =- 

Die letzten Tage hatte die ehemalige Diplomatin der Schwingen ueberwiegend in ihrer kleinen, mitten im Ansiloner Wald gelegenen, Huette verbracht. Die Ruhe und Abgeschiedenheit, die ihr das Heim bot, war sonst immer willkommen und auch ein Grund dafuer gewesen, ihr kleines Haeuschen im Herzen Ansilons zu verkaufen und die kaerglich eingerichtete Behausung fernab der Menschen zu beziehen. Doch dieser Tage war es zu still, zu friedlich, die Sonne, die ihre waermenden Strahlen durch die Fenster schickte, zu hell. Es wollte alles nicht so recht zu ihrer Gemuetslage passen. Aus Verzweiflung hatte sie sich an einem Spruch der hoeheren Zirkel ihres Zauberbuches versucht und gleichzeitig auch versucht, Zeit totzuschlagen. Dies geschah, ausnahmsweise, nicht auf Geheiss ihres unfreiwilligen „Mitbewohners“, sondern aus freien Stuecken. Wobei, so ganz entsprach dies nicht der Wahrheit..

Die Schlacht, die bei der urspruenglich geplanten Errichtung des Spaehpostens in der Naehe des Orkforts, zwischen Paladinen und rechtschaffenden Buergern und der gegnerischen Partei, bestehend aus Dunkelelfen und Orks, entbrannt war, hatte einige Opfer, zugegebenermassen auch das ein oder andere angekratzte Selbstbewusstsein, mit sich gebracht. 
In all dem Gedraenge auf dem Schlachtfeld, hatte sie schnell den Ueberblick und ihren Gefaehrten – der gleichzeitig der Initiator dieses Unterfangens war – aus den Augen verloren. Als die Dunkelelfen dazu aufforderten, die Waffen zu strecken und klein bei zu geben, hatte sie zwar noch Ausschau nach ihrem Paladin gehalten, aber sich nicht weiter darueber gewundert, ihn nicht in der Masse der Besiegten zu erblicken. Es war seit Anbeginn dieser Verbindung oft der Fall gewesen, dass sie einander Tage, mitunter auch wochenlang, nicht zu Gesicht bekamen. Nimues Pflicht gegenueber den Bewohner Ansilons hielt sie zumeist im Rathaus und seit Neuestem auch in der Goldenen Stadt der Amazonen gefangen, waehrend ihr Liebster sich dem Herrn und seinen Aufgaben als Legat im Paladinorden verschrieben hatte.

Umso mehr hatte sie die Nachricht, naemlich, dass der Mann, den sie von ganzem Herzen liebte, derzeit schwerverletzt um sein Leben rang, erschuettert und veraengstigt. Der Priester, Isarius Keltor, hatte ihr die schlechte Kunde ueberbracht, als er, in Begleitung der Dame Glaris von Aiur, zur verabredeten Audienz im Rathaus erschienen war. Die Angst um Tinougha hatte ihr regelrecht die Kehle zugeschnuert und die Luft aus den Lungen gepresst. Nur mit Muehe und Not konnte sie sich selbst davon abhalten, sich nicht augenblicklich auf den Weg zur Paladinfestung zu begeben, um an seinem Krankenlager ueber ihn zu wachen. Der Priester hatte unmissverstaendlich zu verstehen gegeben, dass es nicht gut um Tinougha stand, aber auch gesagt, dass er sie in ein paar Tagen zu ihm vorlassen wuerde, wenn sein Ordensbruder etwas genesen waere. Ihr Gesicht zu sehen, wuerde ihm sicher gut tun, hatte der Priester gesagt – Pah, die tiefen Sorgenfalten, die verkniffenen Zuege um die Mundwinkel und die staendig wieder aufkeimende Angst, die ihre Augen mit Traenen fuellte, wuerden sie, bis sie ihn wiedersehen konnte, sicher soweit entstellt haben, dass er sie nicht mehr erkannte, dachte sie bei sich. Rasch besann sie sich dann aber auf den woelfischen Vorteil – ihrer Meinung nach den einzigen! – dass noch viele, viele Jahre spurlos an ihrer aeusseren Erscheinung vorueber gehen wuerden, bis man ihr das Alter tatsaechlich ansehen wuerde. Wie sie die naechsten Tage in solcher Ungewissheit ueberstehen sollte, wollte sich ihr noch immer nicht erschliessen. Sie plante bereits im Kopf (angefeuert von Skotos der wann immer es um Chaos, Krieg und Zerstoerung ging, aufzubluehen schien) wie sie es bewerkstelligen koennte, wenn es von Noeten waere, Stein um Stein der Paladinfestung abzutragen, um sich selbst Zutritt zu verschaffen.

Unruhig wanderte sie in der Huette auf und ab. Das Saeubern ihrer Behausung war ihr viel zu schnell von der Hand gegangen, es hatte nicht einmal einen ganzen Tageslauf eingefordert. Alles glaenzte regelrecht vor Sauberkeit. Den Zauberspruch, den ihr Mentor, Madara, ihr zu lernen aufgetragen hatte, beherrschte sie nun auch beinahe schon im Schlaf. Vielleicht sollte sie einfach ihren Geist leeren, der vermaledeiten Woelfin das Ruder ueberlassen und jagen gehen? Ach.. 

Den Aufruhr, der in ihrem Inneren wie ein Sturm tobte, mal hier hin, mal dorthin brauste, und sie von einem schrecklichen Gedanken, zum naechsten mitriss, sah man ihr nicht an. Beinahe katatonisch lag sie auf dem Meer aus Kissen auf dem Holzboden, den Blick starr auf das Dach der Huette gerichtet. Zunaechst entging es ihr, dass der kristallene unscheinbare Reif an ihrem Ringfinger pulsierend aufleuchtete, doch als in ihr das bereits vertraute Gefuehl in Form eines huepfenden Magens und enormen Schwindels aufkam, hob sie alarmiert die Hand und betrachtete das Kleinod, welchem seit dem ersten Besuch bei den Drachen an ihrem schlanken Finger prangte und sich nicht mehr abloesen liess. Sie schaffte es gerade noch, protestierenden Tonfalles ein „Nein, nicht doch..Doch nicht jetzt!“ auszurufen, bevor sie in den Strudel, der alles umfangenden Schwaerze, mitgerissen wurde. 
 
 
-= Einige tiefe Atemzuege spaeter =- 


Der anklagende, absoluten Widerwillen ausdrueckende Blick traf die beiden Drachen – Sorasos und Teleisotos – schonungslos, waehrend Nimue sich auf dem kargen Untergrund aufsetzte, in einer unwirschen Handbewegung die ungeordneten Haarstraehnen aus dem Gesicht schob und sich anschliessend, den, noch immer rumorenden, Magen hielt. 
„Also wirklich.. Es muss doch eine Moeglichkeit geben, die Reise zu Euch, auf diese Ebene, angenehmer zu gestalten. Jedes Mal, wenn ihr mich hierher zitiert, bin ich kurz davor, meinen Mageninhalt vor eure Fuesse zu spucken!“
Ein leiser, tadelnder Tonfall klang noch in Nimues Stimme mit, aber dennoch wurde nun ehrfuerchtig der blonde Schopf in Richtung der Drachen geneigt. Pah, Schadenfreude- das konnte sie im Ausdruck des Konterfeis des Drachenleibwaechters Sorasos erkennen- Frech! 
Auch bei frueheren Begegnungen hatte sie schon die ihr nicht wohl gesonnene, wenn nicht sogar feindliche Haltung, die der kleinere der Beiden ihr gegenueber einzunehmen pflegte, gespuert. Ein unwilliger Laut begleitete sie, waehrend sie sich aufrappelte und die Haende in die Hueften stemmte. „Also? Was ist der Grund fuer mein.. Erscheinen hier?“ forderte sie zu erfahren und liess den Blick zwischen den Antlitzen der Drachen hin und her pendeln. 
 
-= Der bittere Geschmack des Versagens =-
 
Der Aelteste namens Teleisotos erhob einen Augenblick spaeter das Wort – Nimues Aufbegehren jedoch gaenzlich ignorierend.
„Schoen, dich wohl auf und bei bester Gesundheit zu sehen!“
Der Plauderton missfiel ihr, mit zusammen gekniffenen Augen, murrte sie im Anschluss.
„Ich wuenschte, ich koennte Eure Worte erwidern. Nun.. Warum, sagtet ihr, bin ich noch gleich hier?“
Mit der rechten Hand beschrieb sie einen Halbkreis vor sich und funkelte ihre Gegenueber an.
„Du machst den Eindruck, als seist du verstimmt.“
„Verstimmt? Das trifft es nicht ganz.“
Gab sie die Nase kraeuselnd von sich und verzog das kirschrote Lippenpaar zu einer kruden Linie.
„Wir nahmen an, deine neue Befaehigung wuerde mehr Begeisterung in dir hervorrufen.“
„Begeisterung?“
Ein ueberrascht wirkendes Schnauben entrann sich der Kehle Nimues.
„Darueber, dass ich Leib und Leben nicht mehr selbst schuetzen kann und dabei zusehen muss, wie meine Mitstreiter verletzt werden?“ Verwunderte Blicke wurden von den Drachen ausgetauscht.
„Frueher, bevor ihr aus mir eine Magierin gemacht habt, trug ich stattliche Ruestungen, fuehrte maechtige Waffen und konnte mich ausgezeichnet gegen meine Feinde zur Wehr setzen.“
„Deine magische Befaehigung IST eine maechtige Waffe, du undankbares Menschlein.“
Warf Sorasos ein und bedachte Nimue mit veraechtlichem Blicke.
„So habe ich es auch nicht gemeint! Ich bin euch ja dankbar, wahrlich.“
Einen versoehnlich klingenden Tonfall anschlagend, verteidigte sie sich.
„Vielmehr wollte ich damit sagen, dass es mein eigenes Unvermoegen ist, was mich erzuernt.“
„Erzaehl uns davon..“
Teleisotos wies zu einem morschen Schemel hinueber, der ihr bereits bei vorangegangenen Unterhaltungen als Sitzgelegenheit gedient hatte und blickte sie abwartend an.
„Also gut..“

Trotz des unbaendigen Verlangens, an Tinoughas Seite zu eilen, anstatt vor den Drachen Rede und Antwort zu stehen, fuegte sie sich, zog den Schemel heran und liess sich, den Kopf in den Nacken legend, mittig sitzend, vor den Drachen nieder.
„Dunkelelfen und Orks stellen eine immer groesser werdende Bedrohung fuer die Stadt, der ich vorstehe, dar. Mein Gefaehrte, Tinougha, hatte die Idee, einen Spaehposten in der Naehe des Orkforts zu errichten. Von dieser Position, die den letzten Engpass vor den Menschenstaedten darstellen wuerde, waere es ein Leichtes gewesen, fruehzeitig Informationen ueber Truppenbewegungen oder dergleichen zu erhalten und rasch handeln zu koennen. Tinougha beschaffte die Materialien aus fernen Landen und scharte eine Meute an Unterstuetzern um sich, um den Bau zu beginnen. Wie erwartet, stiessen wir auf Gegenwehr – ein Gedraenge entstand, ich verlor recht frueh den Ueberblick und versuchte mit Heilzaubern meine Verbuendeten am Leben zu halten. Es gelang mir schlicht und ergreifend nicht, Pfeilehagel, riesige Reitwoelfe.. Die gegnerische Fraktion war uns in Kampfkraft und Tuecke weit ueberlegen, so dass einer nach dem anderen fiel und wir, die Besiegten, die Waffen sinken liessen, damit kein weiteres Blut vergossen werden wuerde, und zogen uns zurueck, um unsere Wunden zu lecken. Einen Tageslauf spaeter kam ein Ordensbruder zu einer Audienz zu mir und berichtete, dass Tinougha schwer verletzt ist und in den Mauern der Paladinfestung um sein Leben ringt.“
Mit zittrig klingender Stimme fuhr sie fort, die Haende fahrig ueber das weich geschnittene Gesicht gleiten lassend.
„Ich koennte es nicht ertragen, ohne ihn zu sein. Versteht ihr? Ich fuehle mich hilflos. So hilflos! Ich konnte ihm auf dem Schlachtfeld nicht helfen und kann es jetzt erst recht nicht.“

Die Schultern unbewusst herabsacken lassend, blickte sie gen Boden. Der Geschmack von Versagen war ein sehr, sehr bitterer und fuer ihre Begriffe, hatte sie diesen in letzter Zeit viel zu oft schmecken muessen! 
„Mhm, wir bedauern deinen Verlust.“
Der Drache holte kurz Luft, doch da schnitt Nimue ihm auch schon mit energischer Stimme das Wort ab und sprang auf.
„Noch ist er nicht tot! Malt den Teufel gefaelligst nicht an die Wand!“
„Gut. Ich meine.. Er wird sicher gut umsorgt, seine.. Mitstreiter werden ihm hoffentlich die bestmoeglichste Pflege angedeihen lassen, damit er bald wieder aufrecht stehen und sich den Feinden entgegenstellen und Rache ueben kann.“
Versuchte der, auch in der Vergangenheit nicht allzu einfuehlsame Drache, es erneut.
„Aber sag..Hilft dir der Boesartige nicht?“ Ein Brummlaut durchschnitt die Stille, Sorasos hatte sich jedoch nur indirekt in das Gespraech eingemischt. Die Augen rollend nahm sie wieder auf dem Hocker Platz. 
 
 
-= Fortschritte? =- 


„Er wollte mir zeigen, wie ich niedere Spektraldaemonen in meine Sphaere zwingen kann, um sie fuer mich kaempfen zu lassen. Daemonen! Stellt Euch das einmal vor: Ausgerechnet Daemonen!“ Wutschnaubend machte sie eine wegwerfende Handbewegung.
„Es bereitet ihm eine diebische Freude, nichts auszulassen, was zu Reibereien zwischen den Beiden fuehren koennte. Ihr muesst dringend einen Zauber finden, der ihn von mir trennt, sonst nimmt das noch ein boeses Ende. Aber zurueck zum Thema: Wenn ich Daemonen beschwoeren wuerde -selbst nur um sie ihrer Kraft wegen fuer meine Zwecke auszunutzen- wuerde die Woelfin in mir nur noch rasender werden. „Wir“ hassen alles Untote und Daemonische. Ich kann mich dieser Diener nicht bemaechtigen, ausgeschlossen.“ 
Der Drache schien Verstaendnis fuer ihre Situation aufbringen zu koennen, der massige Schaedel wurde leicht auf und ab bewegt.
„Alles zu seiner Zeit. Ich versprach dir, dass wir eine Loesung fuer dieses Problem finden. Hmm..“
Das tiefe, sonore Brummen, was er von sich gab, waehrend er ueber ihre Worte nachdachte, liess ihren noch immer ein wenig in Aufruhr befindlichen Magen gleich wieder huepfen.

„Es muessen ja auch nicht unbedingt Daemonen sein. Was hindert dich daran, andere -maechtige Wesen unter deinen Bann zu zwingen?“ Der Blick aus stechend eisblauen Augen, die aufgrund der Einblutungen im Augenweiss, einen violetten Schimmer aufwiesen, richtete sich wieder auf Teleisotos und kombinierte Belustigung und Unglauben gleichermassen in sich. Sie brauchte einige Herzschlaege lang, um zu begreifen, dass dies ganz offensichtlich kein Scherz gewesen war. Sich selbst zur Ruhe zwingend, neigte sie den Kopf und betrachtete den Aeltesten. 

„Was, zum Beispiel?“
„Nun, alles was du moechtest? So wie wir dich hierher rufen, solltest du.. gut, natuerlich in sehr, seeehr abgeschwaechter Form, freilich.. mit etwas Uebung auch in der Lage sein, maechtigere Wesen auf deine Ebene zu rufen und zu kontrollieren.“
Die Ueberheblichkeit, die diese Worte enthielten, ueberging sie kommentarlos und runzelte die Stirn. Ja, warum eigentlich nicht? Anstelle der niederen Spektraldaemonen koennte sie – was laege eher auf der Hand? – gewiss auch Drachen beschwoeren, die sie im Kampf unterstuetzen.
„Das ich darauf noch nicht selbst gekommen bin..“ murmelte sie und richtete sich wieder auf. Die Beschwoerungsformel sollte dieselbe sein, wie die, mit der sie im Stande sein sollte, die Spektraldaemonen unter ihre Kontrolle zu bringen. Die einzige Schwierigkeit bestand wohl noch darin, sich auf ein solches Wesen zu konzentrieren und das Bild dessen vor ihrem geistigen Auge entstehen zu lassen und herauf zu beschwoeren. 

Manifet’ra Urlakor, oder in der Sprache der Menschen, Kal Xen, das wusste sie bereits, waren die Worte der Macht, mit denen sie ihr Vorhaben realisieren koennte. Skotos hatte darueber lamentiert, und lamentiert.. und lamentiert. Offenbar hatte dieser Boesewicht Angst um seine Existenz, wenn sie zur Jagd ging. Aber ja, dank seiner Hartnaeckigkeit fielen ihr auf Anhieb sogar die dafuer benoetigten Reagenzien ein. Dafuer brauchte es zum einen Blutmoos. Sie hatte gelernt, dass der roetliche Pilz dazu eingesetzt wurde, um den Fokus auf Bewegung und Geschwindigkeit zu lenken. Ausserdem brauchte man Alraune, deren magischer Verwendungszweck darin bestand, sich die Staerke und Energie der Reagenzie zu Nutze zu machen. Und als letzte Zutat- wie koennte es anders sein bei einer beabsichtigten Beschwoerung? - verwendete man Spinnenseide. Der Spinnenseide, die nur so vor magischer Energie strotzte, bediente man sich wegen der positiven Verstaerkung in Bezug auf Geistbindung, Beeinflussung oder Beschwoerung. 
 
-= Ein Gestalt annehmendes Vorhaben =- 


In der Theorie erschien ihr das beinahe zu leicht- doch wie es in der Praxis aussehen wuerde, liess sich derzeit noch nicht abschaetzen. Aufgewuehlt zog sie mit Hilfe der unteren Zahnreihe die Unterlippe zwischen die Zaehne und biss unabsichtlich darauf herum, eine Denkerfalte bildete sich auf ihrer Stirn. Der Drache, der sie aufmerksam betrachtet hatte, schlussfolgerte offenbar richtig, denn prompt folgte ein Angebot. 
„Soll ich es dir einmal zeigen?“ Haette der Drachen menschliche Zuege gehabt, da war sie sich sicher, haette ein ueberlegenes Laecheln seine Mimik geziert. Diese Ueberheblichkeit veraergerte sie ein wenig, doch es ging hier nicht um persoenliche Befindlichkeiten. Sie wollte lernen, wollte das Geschenk, das ihr gemacht wurde, auch bestmoeglichst nutzen und sich nicht mit.. Taschenspielertricks zufriedengeben.
Macht. Es war schon merkwuerdig, beinahe berauschend, erst muehselig Wissen anzuhaeufen und dies dann anzuwenden. Bei jedem geglueckten, neuen Zauber huepfte ihr Herz ein klein wenig und schuerte das Verlangen, noch tiefer in die ganze Materie einzutauchen. Es war also nicht verwunderlich, dass sie begeistert nickte und um eine Demonstration bat.
„Ja, bitte, demonstriert es mir.“

Als haette der Drache ihre Gedanken gelesen und waere ihrer Ueberlegung gefolgt, atmete er tief durch und liess seine droehnende Stimme durch das Gewoelbe hallen.
„Manifet’ra Urlakor!“ Gebannt blickte sie auf den Fleck vor sich, den der Drache ebenfalls ins Auge gefasst hatte. Fast meinte sie, zu spueren wie sich die Luft im Gewoelbe veraenderte, regelrecht zusammen zog, als sich, einige Augenblicke spaeter, wie aus dem Nichts, die Gestalt eines aetherisch schimmernden Drachen manifestierte. Der Drache gab ein leises, fauchend und erbost klingendes Geraeusch von sich und spie eine Flamme in Richtung Nimues. 
Diese sprang auf und machte erschrocken einen Satz zurueck. Geraeusche, die einem unterdrueckt wirkenden Lachen am naechsten kamen, drangen an ihr Ohr, waehrend der beschworene Drache Nimue weiterhin feindselig entgegen starrte und nur auf den Befehl des Aeltesten zu warten schien, um ihre Gestalt einen Herzschlag spaeter in Flammen aufgehen zu lassen. Sie nahm es ihm nicht uebel- sie war auch alles andere als begeistert gewesen, dass die Drachen sie aus der Geborgenheit der Huette gerissen und hierher gerufen hatten. Allerdings, und dass fachte ihren Unwillen aufs Neue an, war da wieder diese Schadenfreude, die dieser gemeine Sorasos an den 
Tag legte, zu verspueren! Einerlei! 

Die Stiefel Nimues blieben unversehrt, gluecklicherweise, aber nun hatte sie der Eifer gepackt. Sie schloss die Augen, -nicht ohne dem Waechter zuvor noch einen giftigen Blick zu zuwerfen- und atmete langsam aus und tief wieder ein. Einige Atempausen spaeter hatte sie sich soweit beruhigt, dass sie es wagte, sich vorzustellen, wie das Geschoepf, was sie beschwoeren wollte, aussah. Ein Drache, ein junger, noch kleiner Drache, sollte es am besten sein.. Einer, der wenig Platz einnehmen wuerde, um sich mit ihm an ihrer Seite auch durch den engsten Gebirgspass fortbewegen zu koennen, sinnierte sie.. 
Doch Halt! In einem Buch hatte sie gelesen, dass junge Drachen am maechtigsten waren- Leider jedoch waren sie in diesem Zustand aber auch am wenigsten zu kontrollieren, da die Fuelle an Macht schlicht weg zu gross war. Sie loeschte den Gedanken an den Drachen, den sie sich vorgestellt hatte sogleich, ganz so, als wuerde man mit einem Schwamm die Tafel abwischen. Auf einen Wink von Teleisotos hin, begleitet von gefluesterten Silben, verschwand, waehrend Nimue noch versuchte ihren Geist zur Gaenze zu klaeren, der von ihm beschworene Drache. 
 
 
-= Unerwartete Hilfestellung =- 


Ohne sie mit Sticheleien oder uebermaessigem Geschwaetz abzulenken, projezierte Skotos nun das Bild eines niederen Spektraldrachen, offenbar von dieser Ebene, vor ihr geistiges Auge.
<<Eine..winzige..Hilfestellung, Kleine.>> Raunte er und zum ersten Mal in all der Zeit, die sie bereits mit ihm hatte verbringen muessen, hatte sie das Gefuehl, dass der Drache etwas aus..nunja.. „Herzensguete“ tat.
Nein nein, das war das falsche Wort.. Er tat etwas -beinahe! - ..Uneigennuetziges? Ja, das passte besser.

<<Wie nennt man sie?>> fragte sie lautlos, das Wort an Skotos gerichtet.
<<Es sind niedere Kreaturen- sie entstammen dieser Ebene. Bezeichne sie ruhig als niedere Spektraldrachen, damit das Kind einen Namen hat.>> Antwortete der Dunkle in ihrem Geiste.
Ein Nicken folgte und die Anspannung, die sich zunehmends in ihr breit machte und traege ihre Wirbelsaeule hinaufkroch, liess sie kurz schaudern.
<<Ihr Lebensraum hier gleicht dem.. der, wie sagst du noch gleich? Eurer Feuerlande! Sie sind bei weitem nicht so stark wie der Drache, den der Ueberhebliche beschworen hat, aber du solltest nur herbeizaubern, was du auch beherrschen und im Zaume halten kannst.>> Skotos‘ Stimme war frei von der sonst ueblichen, unueberhoerbaren Verschlagenheit. War das ein Trick? Die Augen geschlossen halten, hoben sich unwillkuerlich die Brauen. Sie wuerde auf der Hut sein, schliesslich rechnete sie jederzeit damit, dass der Garstige vielleicht doch noch um die Vorherrschaft mit ihr kaempfen wuerde. Ein ungeduldig klingendes Schnauben -gewiss von Sorasos kommend- riss sie von diesem Gedanken fort. Zaehneknirschend rief sie das Bild, welches Skotos ihr gezeigt hatte, wieder vor ihr geistiges Auge.
„Sie ist zu schwach. Unterbinde das, bevor wir noch Zeuge davon sein muessen, wie das Ungeheuer, was sie heraufbeschwoert, sie in Stuecke reisst, Meister.“ 
Der Leibwaechter stichelte, ob aus reiner Boshaftigkeit oder weil er sie anspornen wollte- sie vermochte es nicht zu sagen, doch die Worte hatten ihre Wirkung auf die Magierin nicht verfehlt. Der Reagenzienguertel wurde barsch aufgerissen, die Fingerspitzen befoerderten die notwendigen Reagenzien zutage und schon spie sie den Drachen, die Augen weit aufgerissen dabei, die Worte „Manifet’ra Urlakor!“ entgegen. 

Einen langen, sich quaelend ausdehnenden, Augenblick, der ihr wie eine halbe Ewigkeit vorkam, 
starrte sie die Drachen an. Gebannt hielt sie den Atem an und traute sich nicht auszuatmen. Kurz bevor sie die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte und der Drang, wieder Atem in ihre Lungen zu saugen, sie uebermannte, erschien zwischen der Magierin und den Alten jene Kreatur, die sie bisher nur aus Skotos Vorstellung kannte: Ein aetherisch schimmernder Spektraldrache- Die Beschwoerung war geglueckt! 

Seit sie sich mit dem Gedanken getragen hatte, eine Kreatur herbei zu rufen, hatte sie gefuerchtet, dass es misslingen koennte. Einige Male war sie aus tiefem Schlaf hochgeschreckt, weil der im Traum beschworenen Kreatur Gliedmassen fehlten oder sie entsetzlich entstellt war, aber ha! Alles war wie und wo es sein sollte, stellte sie zufrieden fest, nachdem sie das Spektralwesen einmal umrundet hatte! 

Triumphierend klatschte sie in die Haende und gab einen Gluckser von sich, lehnte den Oberkoerper etwas zur Seite, um, um die beschworene Kreatur herum, zu Sorasos zu schauen und diesen mit einem aufgesetzten Grinsen, das tatsaechlich aber eher einer gut getarnten Grimasse gleichkam, zu bedenken. Wie erwartet gab eben Besagter ein Schnauben von sich und wandte demonstrativ den massigen Schaedel ab.
„Glueck! Nichts weiter.“ schnaubte er.
Der groessere der beiden Drachen reagierte mit einem zufrieden wirkenden Nicken. „Gut gemacht!“ Lobte Teleisotos sie und schickte die von Nimue beschworene Kreatur mit einem weiteren Wink zurueck zu seinem Ursprungsort. 
„Bedenke aber, dass es auf deiner Ebene dazu kommen kann, dass er ueber begrenzte Faehigkeiten verfuegt. Unsere beiden Sphaeren unterscheiden sich ohnehin stark voneinander.“ Gab der Drache zu bedenken.
„Wie macht sich das bemerkbar? Womit muss ich rechnen?“ wollte sie wissen, den Blick von einem zum anderen schwenkend. „Moeglicherweise sind sie schwaecher, oder verlieren ihre Befaehigung, Feuer zu speien. Koennte ich mir vorstellen, aber das wirst du sehen, wenn du sie das naechste Mal rufst. Du darfst nicht ausser Acht lassen, dass es dennoch maechtige Wesen sind, auch wenn sie laengst nicht an die von mir beschworene Kreatur heranreichen werden. Achte gut darauf, dass du sie unter Kontrolle behaeltst.“ Warnte der Aelteste.
„Nun, solange sie ihre Kampfkraft nicht vollstaendig einbuessen, soll mir das recht sein. Allein ihre Erscheinung sollte meine Gegner schon mit Furcht erfuellen! Ich denke, ich werde, selbst wenn sie aufgrund des Ebenenwechsels etwas von ihrer Macht und Staerke einbuessen, sie mir dennoch zu Nutze zu machen wissen.“ 

In Gedanken malte sie sich bereits aus, wie jeder einzelne dieser abscheulichen, schwarzhaeutigen Elfen, denen sie bei der Schlacht vor ein paar Tagen gegenueber gestanden hatte, unter den Klauenhieben und messerscharfen Zaehnen der niederen Spektraldrachen fiel und sie sich fuer die Verletzung ihrer Verbuendeten, insbesondere ihres Liebsten, raechen wuerde. Mit einem Schmunzeln liess sie sich wieder auf den Schemel zurueck fallen.
„Wann schickt ihr mich zurueck? Ich habe keine Zeit zu verlieren..“ 

Ein missbilligender Blick von Sorasos traf sie ein weiteres Mal, doch Teleisotos schuettelte kurz den Kopf zur Seite und sandte einen lautlosen Gedanken an den Waechter: <<Wir waren uns einig, dass sie von uns alle benoetigte Hilfestellung erhalten wird, um unser Vermaechtnis anzutreten. Lass sie also nur: Desto zorniger und verzweifelter sie ihre Kraefte vorantreibt, umso schneller wird sie in der Lage sein uns zur Rache zu verhelfen.>>
 
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Nimue von Thar
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Re: "Skotos" oder "Wie das Unheil seinen Lauf nahm.."

Beitrag von Nimue von Thar » 23 Mai 2020, 04:52

K.
M.
A.

 
Die Liste derer, die sie auch nach all den Jahren noch immer so schmerzlich vermisste, war nicht sehr lang. Aber das lag gewiss nicht daran, dass sie ueber ungenuegend Gefuehl verfuegte, eher daran, dass sie zu viele Emotionen in sich trug. Sie hatte es sich schlicht einfach irgendwann nicht mehr gestattet, Freundschaften zuzulassen oder ihr Herz an jemanden ausserhalb ihrer Gemeinschaft zu haengen.

Wie bei jedem Anwaerter, der zu einem vollwertigen Mitglied der Schwingen gemacht wurde, hatte Berinnor ihr den Geist der Drachen eingehaucht.
Bei diesem Ritual hatte sich der Geist des Drachenlords der Schwingen der Verdammnis mit dem des Prueflings verbunden. Erschreckend klare Bilder, ja, Visionen einer gewaltigen Schlacht, ausgefochten von massigen Drachen, stuerzten auf die ahnungslose Person ein. Die Gerueche brennender verkohlter Drachenleiber, die in aller Haerte nachempfundenen Schmerzen, die Empfindungen ueber den Verlust geliebter Gefaehrten und die markerschuetternden Schreie, die einem das Blut regelrecht in den Adern gefrieren liessen..

Die geballte Wucht dieses mentalen Eingriffs verdraengte innerhalb eines Wimpernschlags nahezu alle menschlichen Gefuehle und liess nur wenig Platz fuer menschliche Empfindungen zurueck – von Hass und Rachsucht einmal abgesehen.

Nimue, die nach dem Ritual gewiss eine Veraenderung gespuert hatte, und zwar nicht nur eine offensichtliche, koerperliche, in Form des gruen leuchtenden Drachensymbols, dass seit diesem Tage an ihrem Halse prangte, war sich aber von Anfang an nicht sicher gewesen, ob es bei ihr den gleichen Effekt erzielt hatte, wie bei ihren uebrigen Bruedern und Schwestern.
Sie verfuegte noch ueber ein ueberdurchschnittliches Mass an Mitgefuehl, die Faehigkeit zu lieben und Freude zu empfinden, wo viele ihrer Gildengefaehrten gaenzlich abgestumpft waren.
Es war oftmals hinderlich gewesen, da sie sich unverstanden gefuehlt und unnoetig mit ihnen wegen Meinungsverschiedenheiten in den Haaren gelegen hatte.  


Und trotzdem: Das Band, dass durch das Ritual geknuepft wurde und sie mit den uebrigen Schwingen verband, die wie sie den Geist der Drachen in sich trugen, war noch immer so stark wie am ersten Tag. Undurchtrennt, nichts hatte das Gefuehl der Zusammenhoerigkeit und Verbundenheit ihnen gegenueber Abbruch getan.. und doch.. keiner von ihnen war mehr hier.

Gerade jetzt, nachdem sie hatte mitansehen muessen, wie die Bundmagier Shirin zu Grabe getragen hatten, hatte sie sich merkwuerdig.. allein.. in der Welt gefuehlt.
Ihr wurde bewusst, dass sie sich stetig immer weiter von den Schwingen entfernt hatte – zu weit entfernt hatte, als ihr gut tat! Madara hatte eingewilligt, dass sie die Gemeinschaft fuer einen, vielleicht zwei Jahreslaeufe verliess – wie lange war sie nun schon fort? Sie wuerde ihn beim naechsten Aufeinandertreffen fragen..


Die Amazonen hatten sie mit offenen Armen empfangen, sie fuehlte sich wohl in deren Gegenwart und wenn sie es richtig verstanden hatte, hatte Lise ihr sogar in Aussicht gestellt, das sie unter Umstaenden sogar dem klerikalen Pfad der Magie folgen und man Nyame um diese Gabe bitten koenne, wenn es ihr Wunsch sei. Nimue, eine Priesterin im Dienste Nyames? Es kaeme ihr wie Frevel vor. Die Amazonen hatten ja keine Vorstellung davon, wie verderbt ihr Geist durch Skotos bereits war!

Oft schon war es ihr so vorgekommen, als waere sie das einzige schwarze inmitten einer Herde von lauter weissen Schafen. Sie stach heraus und sie wusste es, es zeigte sich jeden Tag deutlich. Und allmaehlich hatte sie schlicht und ergreifend kein Interesse mehr daran, es zu verbergen.

Nachdem sie durch eine glueckliche Fuegung – ein winziges Irrlicht hatte sie gefuehrt – an diesem herrlichen Ort gestrandet war, pitschnass, aber seltsam von negativen und hasserfuellten Gedanken (die es zu Hauf gegeben hatte in den letzten Tagen) befreit, hatte sie das Gefuehl, die gesamte Situation schon lange nicht mehr so klar ueberblickt zu haben.
Denn im Grunde verhielt es sich so: In den Augen der Schwingen galt sie moeglicherweise als zu weich, aber aus der Sicht der vermeintlich „Guten“ waere sie die „Boese“.

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Waehrend sie an den Stamm einer Pinie gelehnt sass, auf einem Grasshalm kaute und den suessen Duft der Blumen und des Oleanders, der auf der ganzen Insel verstroemt wurde, genoss, fragte sie sich, wo ihr Platz in der Welt war.

Nun fuer heute Nacht offenbar genau hier: In der Haengematte am sandigen Strand, unter dem Blaetterdach, durch das vereinzelt das Mondlicht hindurch brach..

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