Die Jagd führte Haldron und die seinen tief unter die Erde.
In einer alten Drachhöhle im Reich der Suromer, fern von Himmel und Tageslicht, stellten sie mehrere Drachen, deren unterschiedliche Elemente die Enge des Felsens erfüllten: Hitze, beißender Dampf, kalte Atemzüge und das stetige Tropfen von Wasser auf Stein. Die Dunkelheit war dicht, der Boden rutschig von Blut und Feuchtigkeit – ein Ort der Prüfung.
Während die Jagd noch andauerte, wurden sie heimgesucht.
Aus einem der Seitengänge traten die Solgarder Paladine in die Höhle. Zunächst wurde gesprochen. Den Solgardern wurde eine sichere Rückkehr zugesagt, ohne Beute, ohne Einmischung. Doch die Paladine hielten sich nicht daran. Sie begannen, Raum zu beanspruchen, mischten sich in den Kampf ein und erhoben schließlich Ansprüche.
Worte wurden scharf.
Hände legten sich an Waffen.
Als Stahl gezogen wurde, gab es kein Zurück mehr.
Der Kampf entbrannte mitten in der Höhle, zwischen Drachenleibern und Fels. Ordnung zerbrach an der Enge des Ortes, während die Barbaren den Raum nutzten, wie sie es aus zahllosen Schlachten kannten. Am Ende waren es die Solgarder, die geschlagen zurückwichen. Die zugesagte sichere Rückkehr wurde eingehalten – verwundet, ohne Beute, aber lebend verließen sie die Höhle. Doch der Bruch war vollzogen.
Die Vision
Erst nach der Jagd, fern von der Höhle, kam die Nacht über den Stamm.
Kein großes Lagerfeuer wurde entzündet, nur Glut, niedrig und rauchend. Der Geruch von Blut, nassem Stein und Drachen hing noch an ihnen.
Haldron saß schweigend am Rand des Feuers. Er rief die Ahnen nicht mit lauten Worten, er forderte keine Zeichen. Und doch kam es.
Die Glut begann unruhig zu flackern. Schatten lösten sich vom Boden, zogen sich in die Länge, verschwammen wieder. Keine klare Gestalt zeigte sich, kein Gesicht, kein Name. Nur Eindrücke, überlagernde Bilder, schwer zu fassen wie Rauch.
Er sah die Drachhöhle – leer.
Dann sah er Wege, Banner und Rüstungen, die kein Licht trugen, sondern es kalt zurückwarfen. Daneben erschienen Gestalten ohne feste Form: Krieger, Jäger, Ahnen. Keine stand höher als die andere. Keine kniete. Keine herrschte.
Kein Zorn lag in der Vision.
Keine Gnade.
Nur ein altes Gesetz, wortlos, aber unmissverständlich:
Gleich tritt gegen Gleich.
Wer in eine Prüfung greift, wird selbst zur Prüfung.
Wer jagt, kann gejagt werden.
Die Bilder lösten sich auf, als hätte es sie nie gegeben. Zurück blieb keine klare Prophezeiung – sondern Gewissheit.
Die Weisung
Haldron sprach zu den Seinen.
Nicht von Göttern. Nicht von Schuld oder Unschuld.
Er sprach von Gleichgewicht.
Die Solgarder hatten sich selbst auf eine Stufe gestellt – nicht als Richter, nicht als Bewahrer, sondern als jene, die in eine laufende Jagd eingegriffen, Anspruch erhoben und Stahl gezogen hatten. Damit hatten sie sich als Gegner erklärt.
Von diesem Tag an galt die Weisung der Ahnen:
So wie die Solgarder die Barbaren in der Jagd heimgesucht hatten, würden die Barbaren sie heimsuchen.
So wie sie Beute beansprucht hatten, würde man ihnen nehmen, was sie zu schützen glaubten.
Nicht aus blinder Rachsucht.
Sondern, weil Gleiches nur durch Gleiches beantwortet werden kann.
Haldron fasste es schlicht zusammen:
Se wolln Jägar sej
Nu weden se gjagt!
Und so begann es.
Eine Jagd, getragen von der Weisung der Ahnen.