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Sommerkind

Verfasst: 31 Jan 2026, 20:00
von Amrali
Sie läuft in der engen Dunkelheit eines sich windenden, stetig verändernden Tunnels, unbeleuchtet, aber dennoch nicht vollkommen finster. Das, so erkennt sie, während das Herz bis zum Hals schlägt, ist ein Traum.

Einer, der allzu vertraut ist. Einer, dessen Gewalt sich selbst durch das Wissen nicht abschütteln lässt. 

‘Bin ich jemals entkommen?’

Kühle Finger berühren ihren Nacken und die Glieder erstarren wie zu Eis, gefroren vor dem sanften, femininen Flüstern.

“Niemals. Ich lasse dich niemals gehen. Nicht einmal, wenn ich dir all deine Geheimnisse entrissen habe.”

Im Land des ewigen Winters

Verfasst: 31 Jan 2026, 20:03
von Amrali
Zumindest theoretisch ist Amrali mit dem Konzept von Schneefall und Frost vertraut, aber die Wirklichkeit wischt alle Vorstellungen und Einbildungen mit gleichgültiger Ignoranz zur Seite. 

Die Kälte durchdringt mühelos die verschiedenen Schichten an fadenscheiniger Kleidung, beißt in Wangen, in Nase und Ohren: Zum ersten Mal seit einer ganzen Weile ist sie froh keinen Schmuck zu tragen, nicht einfach nur beschämt über die Abwesenheit einer früher immer präsenten Selbstverständlichkeit. 

Die ganze Landschaft liegt wie unter einem weißen Tuch, das alle Formen dämpft, Trugbilder schafft über die wahren Verläufe von Kanten und Abgründen. Es ist, so denkt sie, während sie hastig im Gepäck nach dem zerfledderten Mantel sucht, der nur für den schlimmsten aller Notfälle überhaupt eingepackt wurde, gleichzeitig ähnlich wie der Sand der Wüste und dann doch auch ganz anders.  

‘Warum bin ich hier?’

Der Gedanke kommt ungerufen, unwillkommen, ein Zaudern und eine Verzagtheit darin, die Ärger entfachen, dabei in jene Glut fahrend, die sie über all die Jahre bewahrt hat, deren letzte Reste in flüsternden Schatten beinahe verloschen wären. Sie hat nie erfahren, wie nahe sie war, die vollständige Kapitulation zu erleben.

‘Und das wird sie auch nie.’

Aber auch dieser Gedanke erreicht sie ungebeten, findet sich eingerahmt in Furcht und wird rasch verdrängt. Besser, sich der Kälte dieses offenen Landes zu stellen, den eigenwillig gedämpften Geräuschen - alles hier wirkt stiller, als es sein sollte - und dem ungewohnten Gefühl der erstarrten Landschaft unter den Füßen.

Die Bewohner dieser gefrorenen Einöde tragen ihre Pelze wesentlich besser als Amrali es tut, ihre Spuren künden im lockeren Schnee noch lange von ihrem Vorbeiziehen - nur aus der Ferne bekommt die Besucherin einen scheuen Schneefuchs zu sehen, dessen gedrungene Statur ihr skurril erscheint, gänzlich anders als die schlanken, agilen Kreaturen der rollende Steppe ihrer Heimat.

Ein am Himmel kreisender Adler beobachtet Amrali eine Weile, gnädig wie ein distanzierter Herrscher, der einen demütigen Bittsteller beobachtet, bevor er mit dem Auftreten anderer geflügelter Geschöpfe gemächlich in Richtung Osten abdreht. 

Es ist ein ganzer Schwarm - Geier vermutet sie zunächst - während sie in einen der sich öffnenden Pässe eintritt, die klaffenden Felsen drängen sich zusammen, als wollten sie den Weg zerquetschen der kühn in ihre Mitte gezwängt wurde. Dann, mit der Biegung des Weges, öffnet sich ein schmales Tal und sie wird sich ihres Irrtums bewusst: Nur ein Dutzend Schritte voraus liegt der Kadaver eines Pferdes, aufgerissen von scharfen Krallen, noch dampfend in der Kälte. Darauf hockt eine Kreatur, die Amrali augenblicklich erkennt, auch wenn sie nie zuvor eines dieser Geschöpfe mit eigenen Augen erblickte: Eine Mischkreatur aus Mensch und Vogel mit Schwingen statt Armen und stämmigen, krallenbewehrten Füßen, ein ganz menschlich anmutenden, weiblicher Torso mit hoch angesetzten Brüsten, die Haut bar, dem Frost schutzlos ausgesetzt. Das Gesicht ist ähnlich grotesk: Deformierte, in die Länge gezogene Augen über fast menschlichen Wangenknochen, statt Mund und Nase findet sich ein mächtiger gebogener Schnabel, von dem nun gerade Blut tropft. 

Keine Lippen, aber etwas an dem Ausdruck lässt Amrali an das Lächeln eines zufriedenen Jägers denken. Hinter ihr, wo der Pass sich windet, stoßen zwei gleichartige Kreaturen vom Himmel herab, um den Fluchtweg zu blockieren, drei Weitere ziehen Kreise über der ganzen Szenerie und beginnen gerade nun zu kreischen - kurze, schrille Schreie wie pervertiertes Gelächter.

An manchen Tagen ist es schwierig sich an die Unterweisungen, an die Geschichten und Legenden der Vergangenheit zu erinnern, an die reichen Warnungen und Weisungen, die in die fast schon spielerische Form von Erzählungen gewoben wurden und auch jetzt, während Amrali starrt und die auf dem Kadaver des Pferdes hockende Harpyie spöttisch ihre Schwingen präsentiert, sind die Worte in der Erinnerung wie das unförmige Brummen eines entfernen Bienenschwarms. Unscharf. Unbestimmt. 

“Sieh an, wer sich zu uns verirrt hat. Willst du nicht Teil dieser Schwesternschaft werden, deine unwürdige Hülle eintauschen gegen einen stolzen Leib? Wir haben ein Herz für die Häßlichen.”

Das Geschrei der drei Harpyien in der Luft steigert sich zu einem spöttischen, verhöhnendem Crescendo, während die Sprecherin sich eitel präsentiert.

“Du musst wi ..”

Die Kälte ist vergessen mit der ersten Berührung des Schwertes.

Es zu ziehen, wenngleich nicht mehr ungewohnt, schmeckt noch immer wie Freiheit, wie das Abschütteln von Ketten und Amrali zögert nicht in die Offensive zu gehen, überwindet die Entfernung zum abkühlenden Kadaver mit ein paar raschen Sprüngen.

Die Harpyie, soviel lässt sich mit Gewissheit sagen, ist überrascht von der abrupten Unterbrechung einer gewiss einstudierten Spottrede, aber nicht überrascht genug, um sich am Boden fangen zu lassen: Sie entkommt dem Hieb um Haaresbreite und gesellt sich zu ihren drei Schwestern am Himmel. 

Diese Verfluchten, so wurde es gelehrt, sind eine Perversion, nicht allein im Erscheinungsbild, sondern auch im Herzen: Unfähig eine echte Gemeinschaft zu bilden, ohne das geringste Verständnis für das Opfer, das es braucht um das Überleben der Vielen zu sichern. Für die Harpyien zählt die Einzelne stets höher und so streiten sich die vier Flieger mit schrillen Schreien darüber, wer die Erste sein muss, die auf die Bewaffnete herab stößt. Es dauert nicht sehr lange, bis der Streit ganz ernsthaft entbrennt, mit Klauen und Schnäbeln ausgefochten wird, um eine Hierarchie festzulegen, die vielleicht ein paar Wochen halten wird, bevor etwas sie unweigerlich auf die Probe stellt.  

Amrali, deren Rückweg weiterhin versperrt ist, flüchtet, ohne sich mit Neugier aufzuhalten. Für den Moment sind die Harpyien zufrieden damit sie gehen zu lassen, sicher, dass sie ihre Beute schon wieder einholen werden, sobald diese Kleinigkeit bezüglich der Rangordnung zu allgemeiner Zufriedenheit ausgefochten ist.

Sie wissen nicht, dass ihr vermeintliches Opfer viel Übung darin hat, sich zu verstecken.