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Gestutzte Schwingen

Verfasst: 13 Feb 2026, 21:30
von Merle Eichgold
Der Boden war bedeckt mit dunklen Blättern. Auf den ersten Blick hin nichts weiter als ein Film von verrottendem Material, abgeworfen, fallen gelassen, dazu verdammt sich dem Zahn der Zeit zu beugen, bis nichts mehr übrig davon war als neuer Nährstoff für die Erde, die den Baum, von dem sie kamen, einst geboren hatte.

Ein Ärgernis für viele, gerade wenn der herbstliche Morgentau sich an die Verlorenen schmiegte und sie zu einer Rutschbahn für unachtsame Füße machte. Eine Normalität für andere, etwas das es in jedem Jahr auf das Neue gab und somit keinen zweiten Blick oder Gedanken wert war. Auch im nächsten Jahr würde es neue Blätter geben, neue Arbeit bedeuten, neue Flüche aus verärgerten Kehlen beschwören.

Dabei war es doch gerade der zweite Blick, der dritte und auch der vierte der das wirkliche Geschehen erst offenlegte. Das letzte Aufbegehren des abgestriffenen Baumkleides gegen das Unvermeidliche, Unverhinderbare. In strahlenden Farben wie das einlullende Bild eines Sonnenunterganges: über kräftiges Rot bis hin zu sanfterem Bernsteingelb und sogar zarten Nuancen von Orange, warmen Erdfarbenen Tönen. Dazwischen Abstufungen in verschiedenste Richtungen hin, winzigste Unterschiede in der Blätterform selbst. Ein natürliches Puzzle das aus seinen einzelnen Teilen ein wunderschönes, leuchtendes Gesamtbild ergaben, eine bunt gemischte Straße, die durch die Jahreszeiten führte.
 
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„Sie steht schon wieder nur herum, anstatt zu fegen. Wenn sie weiterhin Löcher in die Luft starrt, wird es bereits dunkel geworden sein und der Hof immer noch voll mit Blättern, ohne dass sie viel erledigt hat.“ In der älteren Frauenstimme schwang eindeutiger Ärger mit. Es war nicht das erste Mal, dass dieser Punkt angesprochen wurde und es war auch nicht das erste Mal das eine zweite, männliche, Stimme dem Ärgernis mit sanftem Tonfall beikommen wollte: „Wenn sie erst einmal beim alten Borgert auf dem Hof angefangen hat, wird er ihr schon beibringen sich zu konzentrieren. Wer weiß, vielleicht findet ja sogar einer seiner Söhne Interesse an ihr. Dann ist sie sein Problem.“

Der kleine Schnaublaut in Erwiderung war schwer beladen mit Zweifeln. Er kam so unvermittelt und geübt, als hätte die Nase, die ihn ausstieß, sich inzwischen bereits darauf spezialisiert genau für dieses Gespräch, diese Thematik, diesen ganz spezifischen Schnauber zum Besten zu geben.

„Oder er hat gleich die Nase voll von ihr und schickt sie auf unsere Kosten zurück. Dann dürfen wir für eine zweite Überfahrt zahlen. Die Hinreise ist schon teuer genug für das Ding. Immer muss man ihr sagen, was sie tun soll, als könne sie keine eigenen Entscheide treffen.“

„Das macht sie doch zu einer gehorsamen Arbeiterin.“
„Wenn sie denn arbeitet.“ Mit bitterem Ton in der Stimme fiel der Blick der beiden wieder zurück in den Innenhof, zurück auf die junge Frau, die mit dem Reisigbesen in ihren Händen noch immer versonnen auf den Blätterpfad blickte, der ihr einen Weg zu weisen wollen schien. „Merle…komm hinein. Es gibt gleich Essen und du musst noch packen.“
 
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In der kleinen Kammer gab es nicht viel das man mitnehmen konnte. Die Einrichtung wirkte vor allem einmal pragmatisch, ordentlich und ließ wenige Rückschlüsse darauf zu was für eine Person hier wohl gelebt haben mochte. Auf dem gemachten Bett verteilt lagen einige Kleidungsstücke, daneben eine geöffnete Reisetasche, in der die gefalteten Stücke der Reihe nach nun untergebracht wurden. Jedes einzelne davon mit einer so sorgsamen, behutsamen Berührung, als gäbe man ihnen einen persönlichen kleinen Abschied mit auf die Reise.

„Und sei immer höflich. Sag Bitte, sag Danke. Es ist sehr großzügig von dem Herrn Borgert dich bei sich aufzunehmen und dort arbeiten zu lassen. Dein Onkel hat lange und hart mit ihm darum gefeilscht, andere Mädchen wären froh dort eine Anstellung zu finden.“ Die strengen Worte wurden untermalt von dem Geräusch energischer Schritte die auf den hölzernen Bodendielen wie Peitschienhiebe jeden einzelnen Satz abschlossen.

„Ja Tante.“
„Was wirst du sein?“
„Immer höflich, Tante.“

Die Schritte hatten während der Antwort ausgesetzt, nahmen aber direkt danach ihren Pfad wieder auf. Ein Marsch in ihrem Rücken, der Takt, der ihr vorgab, was sie zu tun hatte. Es war nicht ihre Entscheidung oder ihre Idee gewesen diese Anstellung anzunehmen und wenn sie genau darüber nachdachte, dann war es ihr am Ende auch gleich gewesen. Der Ort spielte keine Rolle, ob sie nun hier ihre Arbeit verrichte oder irgendwo in der Ferne. Auch dort würde sie sehen können, zuhören können. Das ewige Wispern würde sicher nicht verstummen, dieses kleine omnipräsente Gefühl einer mütterlich fürsorglichen Präsenz die warm wachte. Sie spüren ließ, dass sie Teil eines ganzen war.

Nicht wie der zwischenmenschliche Alltag, wo sie immer das Gefühl hatte etwas am Rande zu stehen. Teil zu sein ohne Teil zu haben. Blicke zu spüren die werteten, anstatt einfach wahrzunehmen. Die meiste Zeit fiel es ihr schwer in den Mienen und Worten das zu lesen was wirklich gesagt werden sollte. Menschen ergaben in ihrem Handeln und Tun weit weniger Sinn als ein Blätterpfad. Einfacher war es einfach zu tun, was man sagte, selbst wenn die Stimmen hier und da einmal lauter wurden. Selbst jetzt war die Stimme ihrer Tante mehr ein Hintergrundrauschen geworden, aus dem sie an den dafür nötigen Stellen die passende Antwort einsetzte, in dem Wissen, das dies mit der Zeit zu der ersehnten Ruhe führen würde.

„Und mach deinen Cousins morgen nur ja keine Umstände. Du wirst ihnen brav folgen, tun was sie sagen und nicht trödeln. Schlimm genug, dass sie wegen dir ihre Hofarbeit für den Tag werden nicht wahrnehmen können. Ich hoffe dir ist klar was für Umstände du damit bereitest.“

„Ja, Tante.“
„Was wirst du morgen tun?“
„Brav sein, tun was man mir sagt und nicht trödeln.“

Sie wusste was kommen würde, noch bevor die Nase dazu kam es zu tun. Dieser kleine Schnaublaut der ausdrückte das sie zwar korrekt geantwortet hatte, aber die Nasenträgerin dennoch nicht zufrieden damit war. Vielleicht hatte sie gehofft doch noch einen besseren Tadel aussprechen zu können? Wer konnte das schon sagen.

„Dann beeil dich und werd hier fertig damit du zeitig ins Bett kommst.“ Unwillig, als hätte sie weit lieber noch etwas mehr angefügt musste die Stimme sich geschlagen geben. Alles, was gesagt werden musste war gesagt worden und, wie im Grunde immer, akzeptiert worden. Wieso also fühlte es sich dann so unbefriedigend an? Als hätte man mit dem Gespräch nichts gewonnen. Die Schritte zogen sich zur Türe zurück, die erwartete Antwort musste man nicht einmal hören, um sie zu kennen.

„Ja, Tante.“
 
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Es war laut. Es war voll. Es war ein einziges Gedränge. Der Hafen erinnerte sie an das geschäftige Treiben eines Ameisenhügels, mit dem Unterschied das die Stimmen gegeneinander ankämpften, anstatt dass sie taktisch genutzt wurden, um miteinander zu arbeiten. Man überbot sich gegenseitig, stach sich aus, stachelte an, trieb an. Hier gab es die besten und frischesten Fische, nein…eigentlich gab es sie dort drüben. Auf der Suche nach Vergnügen? In diesem Laden konnte man sich die Zeit vertreiben, oder lieber doch in dem gegenüber der noch viel lauter schrie?

Die Hektik um sie herum bereitete ihr Unbehagen, eine Beklemmung die sich wie eine Hand um sie schloss und dafür sorgte das sie sich kleiner machte. Nicht auffallen, folgen, überstehen. Selbst im pfeifenden Regensturm lag mehr Ruhe als in diesem Durcheinander das sich wie ein Netz um sie schloss, einwob und lähmte. Eine Spirale die immer tiefer zu reißen drohte.

Den Blick auf die eigenen Füße gesenkt, hatte sie im Geist damit begonnen die Kopfsteinpflasterkacheln zu zählen. Dann Holz, wo die Schritte sie weitergeführt hatten bis zu den Anlegern. Gelegentlich sah sie lange genug auf, um sich zu vergewissern das ihre beiden Cousins vor ihr noch da waren und den Weg weiterführten. Ihnen machte dieses rege Treiben offenkundig nichts aus. Sie konnte hören, wie sie scherzten, lachten, sich gegenseitig mit den Ellenbogen voller Aufregung anstießen, um auf irgendeine Besonderheit hinzuweisen den einer der beiden gerade entdeckt hatte. Für sie war es ein wahres Vergnügen
einmal aus dem Alltag auszubrechen, Hofarbeit liegen lassen zu können und stattdessen mehr als nur einmal die immer gleichen Gesichter zu sehen.

„Das hier ist es.“ Die Schritte endeten unvermittelt und beinahe wäre sie in den Rücken des Älteren geprallt als dieser am Zielort stehen blieb. Er stemmte seine Hände in die Seite, wandte sich herum und warf ihr einen dieser undeutbaren Blicke zu, halb abwägend halb ohne großartige Erwartungen. „Du musst nur hier warten, bis sie aufrufen das die Leute rauf können. Das schaffst du ja wohl.“
Sein Bruder wirkte unentschlossener, rieb sich über den Nacken und zerzauste das Straßenköterblond seines ohnehin wirren Schopfes nur noch weiter. „Bist du sicher? Wir sollten doch warten, bis sie an Bord ist.“

„Quatsch…willst du dir diese Chance entgehen lassen? Wer weiß wann wir das nächste Mal ein bisschen Zeit nur für uns haben. Wir sehen uns um und gönnen uns etwas.“ Der Tonfall hatte etwas Trotziges an sich, unterschwellig aufgeregt, wollte er sich ganz eindeutig nicht diese Möglichkeit nehmen lassen. „Außerdem tut die doch ohnehin, was man ihr sagt. Tust du doch?“ Der Blick, der sie traf, hatte etwas warnendes, leicht zusammengekniffen das der eigentlich angenehme Braunton sich beinahe zur Schwärze hin verdunkelte. Sie ertrug diesen Blick nur schwer, wandte ihren eigenen zur Seite ab und nickte einfach nur.

„Siehst du? Sage ich doch. Also komm.“ Er setzte sich bereits wieder in Bewegung, griff nach dem Oberarm des jüngeren Bruders und zog ihn weiter mit sich fort. Der jüngere wirkte nach wie vor nicht ganz überzeugt, er stolperte halb hinterher und sah noch einmal in ihre Richtung zurück. „Mach’s gut Merle. Sei vorsichtig.“

Das war er also. Der Abschied. Sie hob ihre freie Hand an…ein kleines Winken in seine Richtung, bevor die Menschenmengen ihre Leiber verschluckten und aus zwei vertrauten Silhouetten ein Mischgewebe wurde, eine sich windende, wabernde Masse aus Leibern, die eilten mit ihr als stillem Punkt in der Mitte.

Es galt nur zu warten, so wie man es ihr gesagt hatte. Immerhin konnte sie hier am Steg ein klein wenig mehr Abstand gewinnen. Den Blick in die Ferne gewandt ebbte das Geräusch der um sie herum gelebten Leben immer weiter ab, bis es kaum mehr als ein Hintergrundrauschen war. Wie konnte man sich derart hektisch bewegen, so unachtsam, wenn es hier solche Schönheit zu betrachten gab? In einem gleichmäßigen Rhythmus wogten die schweren hölzernen Schiffsleiber auf dem vom Meer bestimmten Klang. Das Knarren der Balken ein sehnsüchtiger Laut, ein dunkles grollendes Murren das sich danach verzehrte wieder mit den Wellen gemeinsam auszufahren. Nicht gebunden an Metall und Leinen, frei mit dem Atem des Windes dahintreibend, wie die Möwen die sich verspielt um die Masten bewegten und aus dunklen Augen die Welt betrachteten die sie als ihre eigene ansahen. Ihr Hafen, mit ihren Leuten die ihnen ihr Futter brachten. Auch wenn das die Leute noch gar nicht wussten.

An dem Steg auf dem sie zu warten geheißen worden war, gab es zwei Anleger. Das Schiff, zu dem ihr Cousin gewiesen hatte und das wohl gerade noch vorbereitet wurde und ein zweites, nochmals deutlich größeres. Drei Masten streckten sich dem Himmel entgegen, griffen nach den Wolken, die über ihnen bereits dahinsegelten. Sie hatte sich bisher nie für Schiffe interessiert, hatte nicht einmal damit gerechnet überhaupt eines zu betreten. Sie hatte sie in Büchern gesehen, in Zeichnungen und in Beschreibungen, die ihr Bilder von Schiffen malten, von Abenteuern die andere erlebten.

Doch dieses Schiff? Irgendetwas daran schlug sie in ihren Bann. Ein Flüstern in den Segeln, die gerade bereit gemacht wurden, ein Wispern im Holz, das ihren Namen raunte während unter dem Kiel das Wasser die Planken berührte. Das Meeresrauschen brandete in ihren Ohren, eine Ferne Erinnerung an den Klang ihres Namens eingeflochten. Weshalb? Das hier war nicht, was man für sie entschieden hatte. Ihr Weg sollte doch auf dem anderen Schiff legen, in eine festgelegte Zukunft bei fremden Menschen die wieder neue Entscheidungen für sie treffen würden.

Eine aufkommende Böe drängte gegen ihren Rücken, ließ den Stoff ihres Reisekleides aufwallen und sie selbst einen Schritt nach vorn machen. Weiter entgegen dem Schiff das mit den Elementen gemeinsam einen hypnotisch einlullenden Klang um ihr Herz geflochten hatte.

Sie wusste doch gar nicht was sie dort erwarten würde…wo dieses „Dort“ überhaupt liegen würde. Fern von allem, was sie kannte. Fern von allem, was sie sorgte. Fern.

Der Wind spielte an ihren Fingern, streichelte unsichtbar über die blasse Haut der Hand, die sich um den Tragegriff ihrer Reisetasche geschlossen hatten und ihn einem Schraubstockgleich hielt. Beruhigend, einladend, ohne laut zu werden.

Es fühlte sich richtig an, als würde sie auf diesem Weg die Antworten finden, die sie sich bisher immer nur selbst gestellt hatte.
 
Fern von allem.
Ihrer eigenen Entscheidung folgend.

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