Sumi war allein. Nun, sie war zuvor schon oft allein, aber jetzt war sie tatsächlich alleine. Jedes ihr bekannte Gesicht war zu einer ominösen Insel aufgebrochen um irgendeine Gefahr, die sie nicht ganz verstand, zu beseitigen. Sumi, sich selbst aber nicht als fähig für den Kampf sehend, ist in Solgard zurückgeblieben.
Nicht weil sie es musste, nein, die anderen der Abtei hätten sie mit Sicherheit mitgenommen, sondern, weil sie es wollte. Sie fühlte sich nicht bereit für das ganze Unterfangen und wollte niemanden aufhalten oder zurückhalten.
So kam es auch, dass die junge Frau begann sich um allerlei zu kümmern, Dinge die normalerweise von irgendwen anderes erledigt wurden, jetzt aber liegen blieben, da die anderen alle weg waren. Es handelte sich um diverses: vermisste Katzen, weggelaufene Hunde, verlorene Lesebrillen, Verletzungen, Kummer und Schmerz der Trost bedarf… Einiges davon gehörte ohnehin in ihren Aufgabenbereich, und etwas mehr zu tun, schadete ihr nicht.
Sie kam den Leuten etwas näher und musste erkennen, dass nicht jeder ein frommer, braver Bürger war. Es gab auch Gauner, Halunken und Verbrecher. Aber der Herr differenzierte nicht und so half sie auch diesen Leuten. Eine Stimme, die Stimme aus dem Spiegel, aus ihrem Inneren, wurde von Tag zu Tag lauter. Die Stimme riet ihr davon ab, diesen Leuten, den „Schlechten“ zu helfen, doch Sumi wollte, wie der Herr dies wünschte, allen helfen.
Immer nagender hörte sie ihre eigene Stimme, nur etwas tiefer als sie sie kannte, in ihrem Kopf wiederhallen. „Sie sollten bestraft werden! Sie sind Böse, Unrein!“. Sumi schüttelte ihren Kopf, schob alle diese Gedanken von sich, doch es half nicht. Immer stärker wurde ihr Zweifel, nicht am Herrn, sondern an sich, ob sie ihm denn jemals gerecht werden könnte.
Die Echnida hatte bereits etwa vor einer Woche abgelegt, als Sumi gebeten wurde nach dem Ehemann einer jungen Frau zu suchen. Er war beauftragt worden etwas Vulkanasche und Obsidian zu besorgen. Sofort erkannte sie die Gefahr die von diesem Auftrag ausging, denn der arme Mann war mit Sicherheit nicht ins Unterreich aufgebrochen.
Die junge Priesterin zog ihre Rüstung an, warf ihre Robe über, gab Hoffnungsschimmer in seine Scheide, band ihn um und ging los. Ihr Ziel war klar, die Vulkanebene.
Wie sie befürchtet hatte, entdeckte sie am Rande der Ebene, noch in der Steppe Spuren eines kleinen Lagers. Sie betete zum Herrn für Schutz und betrat die Vulkanebene. Zu ihrer Sicherheit erbat sie die Hilfe eines Avatars, der auch alsbald vor ihr erschien.
Mit der Hilfe des Avatars gelang es ihr sich einen Weg durch die niederen Feuerelementare zu bahnen und konnte sogar einen (niederen) Dämon besiegen, als sie endlich die Spuren des Mannes fand. Er war ins Gebirge geflüchtet, hinauf in Gegenden, welche eigentlich unpässlich sein sollten.
Der Aufstieg war für die kleine Frau hart und anstrengend. Es war so kräftezehrend, dass sie mehrfach Pausen einlegen musste, ehe sie weitere Spuren ausmachen konnte. Ein Ranzen. Der grüne Ranzen von dem die Frau gesprochen hatte. Sie schulterte das schwere Stück zu ihrem eigenen Gepäck hinzu und suchte weiter.
Weit oben in einem winzigen Kessel fand sie den Mann, verletzt am Boden liegend. Sie betete, doch das heilende Gebet vermochte dem Mann nicht zu helfen. Geistesgegenwärtig griff sie zu ihrem Beutel und zog Salbe und Bandagen hervor und begann den Mann zu verarzten.
Etwas später erwachte er aus seinem fiebrigen Schlaf und war überaus verwundert. Sowohl dass er noch lebte, als auch, dass seine Retterin so klein war, irritierte ihn, doch er war dankbar.
„Der Herr wünscht, dass ihr noch weiterlebt.“ Teilte das Mädchen ihm mit trockener Stimme mit. Sie wirkte nicht emotionslos, eher ängstlich.
Einen ganzen Tag verbrachten sie in diesem winzigen Kessel und die Priesterin versorgte fachmännisch die Wunden des Mannes, bis er wieder laufen konnte.
„Hab ich dich endlich gefunden!“ grollte es aus der Kehle eines großen violetten Dämons, als sie den Pfad hinab folgten. Sumi deutete den Mann sich hinter sie zu stellen und sprach ein Gebet. Stark und frei war ihr Geist, doch der Dämon war schneller, er schleuderte sie zurück bis gegen die Felswand und aller Atem wurde ihr aus den Lungen gepresst. „Erst er, dann fresse ich dich!“ grölte der Dämon.
Es kostete sie unglaublich viel Kraft und Überwindung überhaupt wieder aufzustehen, doch sie rappelte sich auf, straffte ihre Haltung und mit entschlossener Stimme sprach sie das Urteil des Herrn über den Dämonen. Dies missfiel diesem zutiefst und so wandte er sich Sumi zu. „Dann doch zuerst du, du kleines Stück..:“ mehr kam nicht heraus, als die Wirkung von Exil ihn traf.
Sumi drehte sich sofort um und griff des Mannes Hand und lief los ihn hinterher ziehend. Doch es war zwecklos, eine Flucht war unmöglich vor einem fliegenden Feind der entschlossen war sie beide zu töten.
Sie waren noch nicht an der Ebene angelangt als er die beiden wieder konfrontierte, doch Exil dauerte immer kürzer an, die Flammen des reinigenden Lichts und ihr heiliges Licht zeigten beinahe keine Wirkung gegen den Feind und selbst Angriffe mit Hoffnungsschimmer beeindruckten ihn kaum. Sumi beschwor Avatar um Avatar, sandte Gebete zum Herrn wie nie zuvor, doch der Kampf war völlig aussichtslos, Sumi konnte diesen violetten Dämon nicht besiegen, egal wieviel Kraft sie auch aufbot. Der letzte Avatar den sie rief, erkannte packte die kleine Priesterin und den Mann und begann hochzufliegen, doch der Dämon stieg ebenfalls empor und schleuderte Avatar, den Mann und das Mädchen gegen den Berg.
Es wirkte für einen Moment als würde der ganze Berg ex- und implodieren! Überall waren Fels, Geröll und Trümmer in der Luft, kein Boden unter den Füßen, keinerlei Kontrolle über den Fall. Vom Avatar war keine Spur zu sehen, nur den Mann entdeckte Sumi, griff nach dessen Hand um ihn zu retten doch…
Knirschend schob Sumi das Geröll von sich herab, sie roch und schmeckte Blut, ihr linkes Auge war verklebt. Sie reinigte vorsichtig ihr Gesicht, und die Platzwunde, sie hatte wohl auch eine Gehirnerschütterung, und blickte sich dann um. Unter dem Geröll lag der geschundene und zerbrochene Körper des Mannes, den Sumi retten sollte und wollte, begraben. Er war im Versuch das Mädchen zu beschützen gestorben, zerschlagen beim Aufprall auf dem Grund dieser Höhle, die Kleine eng umschlungen, mit seinem Körper abschirmend.
Ein kläglicher, jämmerlicher Schrei entfuhr Sumi, ihre zweite Stimme begann nagend auf sie einzureden. Es war doch alles ihre Schuld, sie ist ja doch wertlos und schwach, zu nichts zu gebrauchen. Das hätte auch der Herr erkannt, weshalb der Avatar den Berg sprengte.
Jede Bewegung schmerzte und es dauerte eine Weile ehe Sumi aus den Trümmern gekrochen war, dann begann sie mit den Resten ihrer Heilutensilien ihre eigenen Wunden zu versorgen. Der Priesterstab lag zerbrochen unweit ihres Aufschlagsortes, von ihrer Priesterkette fehlte jede Spur.
Als sie wieder gehen konnte, begann sie sich umzusehen. Sie war in einer Höhle gelandet, irgendwie feucht-kalt aber dennoch mit einem starken Geruch nach Schwefel. War sie etwa im Unterreich gelandet? Davon hatte sie nur die übelsten Geschichten gehört, von geldgierigen kleinen Monstern und schwarzhäutigen Bestien die blutrünstiger als Dämonen sein sollen.
Doch nein, es fehlten die Pilze die überall im Unterreich vertreten sein sollen. Es war generell wenig Vegetation zu finden. Ein lautes Stapfen erregte ihre Aufmerksamkeit, sie versteckte sich zwischen zwei großen Findlingen und spähte hinaus. Eine blaue Echse, riesig mit erhabenen Schwingen am Rücken spazierte an ihr vorbei. Dabei musste es sich um einen der legendären Drachen handeln, von denen sie so viel gehört hat.
Sie durfte auf keinen Fall entdeckt werden, also begann sie sich an all den Drachen und was immer noch dort unten so hauste, vorbei zu schleichen.
An einer besonders Engen stelle wollte sie gerade einem grünen Drachen ausweichen als sie abrutschte. Wild schlug sie mit ihren Armen umher um irgendetwas zu fassen zu bekommen, doch vergebens. Sie polterte den Hang hinab, bis sie heftig am Boden aufschlug, was ihr alle Luft aus den Lungen presste.
Aber sie war nicht einfach abgerutscht, sie war tiefer in die Höhlen durch einen Spalt gerutscht. Sie sah sich um. Erleuchtet von bläulich glimmendem Moos lag die kleine Höhle vor ihr, erhaben auf einem Bett aus rosafarbigen Moos saß ein kleiner blauer Hase. Bewundernd sah sie das kleine, Lebewesen an, und schritt langsam näher, ihre Hand voller Neugier ausstreckend, alle Gefahr der Umgebung war im Moment vergessen.
Doch eine Erschütterung riss sie aus der Trance, Kiesel und Steine fielen von der Decke und Sumi erkannte sofort, dass ihr „Abstieg“ diese Höhle destabilisiert hatte, sie würde einstürzen! Sie konnte nicht noch ein Leben opfern, also griff sie nach dem Tier, das leicht in ihren Händen lag und lief davon, so gut sie es mit nur konnte.
Sie wusste nicht wie viele Höhlen und Stollen sie durchquert hatte, als sie endlich wieder einen Gang entdeckte, er ihr vertraut vorkam. Überall lauerten Drachen und wenn diese sie erwischten, wäre es um sie gewesen! Aber sie konnte doch auch nicht einfach irgendwo in der Höhle bleiben. Dennoch, all ihre Furcht ignorierend schlich davon. Raus aus dem Drachenhort.
Draußen, endlich sah sie den Himmel, aber auch die Schilder. Jedes sagte eindeutig, sie wäre in Surom gelandet. Ihr Gebetsbuch war nicht auffindbar und dann hatte sie auch noch dieses seltsame Tier bei sich. Sie durfte auf keinen Fall erwischt werden. Sie hielt sich neben den Wegen und Straßen und umging jeden Reisenden und jede Patrouille soweit es möglich war. Am zerstörten Bauernhof fand sie für zwei Tage Unterschlupf bis der Pass endlich frei war. Sie hatte sich so gut es ging mit einem winzigen Feuer in einem Topf gewärmt. Das kleine Tier hüpfte vergnügt umher, war sich scheinbar der Umgebung äußerst bewusst, denn es zeigte später Sumi den Weg.
Als der Pass endlich nicht bewacht war lief sie hindurch, bis ins Gebiet Nebelhafens. Sie hielt sie sich weiterhin in den Wäldern auf, konnten doch überall nocht Schurken aus Surom unterwegs sein.
Erst jetzt, als sie im Schlangenhein in einer Lichtung sich sicher fühlte, fiel ihr die besondere Färbung des Tieres auf. Es war für Sumi nicht auszumachen, ob er real war, oder ob er ihrer Vorstellung entsprang. Es gab doch gar keine blauen Hasen. Sie wusste nicht warum, aber sie folgte ihm, der sie scheinbar durch den Wald lotste, über eine unbekannte Furt in die Steppe in eine Höhle in der erstaunlicherweise ein Baum wuchs. Bisher hatte sie den Kleinen beschützt, jetzt wollte er ihr wohl seinerseits helfen.
Dort verschwand der Hase unter den Wurzeln des Baumes und Sumi bettete sich im Moos dort am Fuße des Baums und schlief sofort ein.
Der Traum war seltsam und befremdlich, sie träumte von unbekannten Welten, von Fabeltieren und Wesen aus Legenden. Als sie erwachte war sie zwar erholt, aber sie fühlte sich… anders. Etwas hatte sich geändert. Grundlegend. Sie wusste aber nicht was.
Ihr ganzes Inneres fühlte sich Verändert an, konnte es daran liegen, dass sie genau hier geschlafen hatte, für wie lange eigentlich?, oder an diesem blauen Hasen, wo auch immer dieser jetzt war? Nichtsdestotrotz bewegte sie ihren Körper, die meisten Verletzungen waren genesen, nur die Platzwunde war wohl noch da, denn ihr Kopf schmerzte immer noch. Fühlte sie in sich hinein, dann konnte sie einen kleinen Funken spüren, was auch immer es war, es fühlte sich angenehm an.
Der armen Frau überbrachte sie die Reste des Ranzens des Mannes und entschuldigte sich. Oft. Die Frau weinte, schlang aber ihre Arme um Sumi und begann sie zu trösten. Warum tröstete sie Sumi, die nichts geschafft hatte? Sie sollte doch die arme Witwe trösten, was sie versuchte, aber diese lächelte nur. „Er ist jetzt sicher an einem bessren Ort. Ohne all die Gefahren.“ Sagte die Dame nur. Die junge Frau konnte nur nicken, zum ersten Mal seit Jahren flossen die Tränen und davon viele.
Am Morgen erwachte das Mädchen im Haus der Dame und es war sogar ein einfaches Frühstück für sie vorbereitet worden.
Sumi ließ ein paar Münzen zurück und, nachdem sie gegessen hatte, ging zur Kathedrale ihrer Aufgaben nach.
Die ersten Stunden waren völlig normal, alles lief in geregelten Bahnen, jede Segnung und alles war erfolgreich. Sie fühlte, dass sich etwas verändert hatte. Die übliche Wärme die sie empfand, wenn sie ihre Gebete sprach war verschwunden, sie fühlte nur eine eigenartige Leere. So als habe man ihr etwas Wichtiges genommen. Sie versuchte ihr bestes und allen Anforderungen gerecht zu werden, aber irgendetwas wollte nicht mehr so, wie sie es immer gewohnt war, hatte der Herr sie verlassen? War sie beschmutzt und unrein geworden? Oder hatte sie gar gesündigt?
Bis man einen Mann zu ihr brachte, einen der Männer dem sie zuvor geholfen hatte. Man bat sie das Urteil des Herrn zu sprechen, denn es müsste beweisen, dass der Mann ein Verbrecher und Feind des Herrn war. Sumi begann unkontrolliert zu zittern, versuchte sich zu weigern, doch die Leute beharrten auf ihrer Forderung.
Sumi gab nach und wollte die Forderung erfüllen, als sie das Gebet aufsagte geschah erst nichts, doch plötzlich drehte sich alles und Sumi erbrach sich, mitten in der Kathedrale. Ihr Magen rebellierte, obwohl sie nichts Schlechtes gegessen hatte. Alles drehte sich und sie konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Panik breitete sich in ihr aus, ihre Zweifel wuchsen und ihre Unsicherheit übermannte sie. Sie lief davon.
Sie wusste nicht wie lange sie einfach nur in ihrer Kammer hockte als sie die Stimmen der anderen unten in der Abtei hörte. Sie ignorierte sie. Sie hatte versagt, Tränen flossen immer weiter ihre Wangen hinab, sie war wahrlich unbrauchbar, gebrochen und ein Nichts. Wie sie alle auf dem Schiff es gesagt hatten. Sie konnte nicht einmal den einen Mann retten oder den Leuten mit dem Verbrecher helfen. Ihre Tür ging auf als sie auf Sigardas Ruf mehrfach nicht reagiert hatte. Ihre Freundin erblickte sie und umarmte sie sogleich. Sumi war abgemagert und sah schrecklich aus. Die Legatin nahm sie mit in den Waschraum, wechselte Sumis Kleidung, wusch sie und fütterte das Mädchen, das fast katatonisch war sogar. Es war nicht viel aus Sumi herauszubekommen, nur dass sie „versagt“ habe, dass sie „wertlos“ sei… und dass der Herr sie „verlassen“ habe.
Tage vergingen, in denen sich Sigarda liebevoll um Sumi kümmerte. Dann endlich wie aus heiterem Himmel stand Sumi auf ging hinunter in die Kapelle. Dort begann sie zu erzählen, egal ob jemand da war oder nicht.
„Ich sollte doch nur einen Mann der sich verlaufen hatte finden. Aber ich bin so schwach, so wertlos, ich konnte ihn einfach nicht beschützen. Dieser Dämon griff immer weiter an, egal was ich machte. Und dann… dann hat der… der Avatar versucht mich und den Mann davonzutragen“ Ein lautes Schniefen folgte „der Berg zerbrach durch den Angriff des Dämons und wir wurden hinabgeschleudert in die Tiefe… der Mann… er… ich..“ Da brach sie ab in bitterem Weinen, sie konnte nichts mehr sagen, ihre eigene Unfähigkeit und Schwäche lagen wie eine Drossel auf ihr. Ihre Freundin nahm Sumi einfach in den Arm und spendete stumm Trost.
Tage vergingen ehe Sumi zumindest die Abtei wieder verließ, aber es war immer derselbe Ort den sie ansteuerte. Eben dieser unterirdische Baum in der Steppe, versteckt in einer kleinen Höhle. Dort saß sie oft stundenlang und kuschelte einfach nur den blauen Hasen, wenn er denn da war, es war der einzige Ort an dem Sumi sich nicht so unerwünscht fühlte.
Der Hase zeigte Sumi eigenartige Kunststücke, so oft, bis sie begann das Ganze selbst auszuprobieren. Sie fühlte eine neue Wärme in sich aufsteigen, ein ihr bis dato völlig unbekanntes Gefühl. Es war nicht viel, was sie tatsächlich machen konnte, aber Kleinigkeiten. Und diese Kleinigkeiten fühlten sich für sie wie die Welt an, nachdem sie es nicht mehr schaffte auch nur ein Gebet auszusprechen, ohne dabei von Schwindel und Übelkeit übermannt zu werden.
Ja, vielleicht wusste sie es, vielleicht auch nicht. Es war wohl nicht der Herr, der Sumi abgelehnt hat. Es waren ihre eigenen Zweifel an sich und am Herrn, der es ihr verweigerte Gebete zu sprechen. Wunder zu wirken.
Doch der Hase, real oder nicht, Trugbild oder Geistwesen, Halluzination oder Wahrheit, dieser kleine Hase leitete sie auf den ersten Schritten an, als sie die Magie in sich selbst entdeckte. Diese kleinen Zauber, denn irgendwann erkannte Sumi, dass sie sich an Zaubern übte, waren für das Mädchen so viel mehr. Es war etwas, auch wenn nicht viel, dass sie selbst schaffte. Kraft die aus ihr und durch sie strömte, es war nicht etwas, das ihr Gegeben oder verliehen wurde. Es war... rein, wunderschön.. und es gehörte ihr allein.
Ein paar Tage später konnte sie wieder richtig mit Kaled und Sigarda sprechen und sogar wieder Duriel unter die Augen treten. Sie entschuldigte sich für ihr Verhalten, dafür ihnen Sorge bereitet zu haben und versuchte ihnen alles zu erklären. Ihre Zweifel, ihre Unsicherheit, ihr fehlendes Selbstwertgefühl. Und ihre Angst. Sie hatte so große Angst davor, dass Duriel sie ablehnen würde, da sie den Weg des Glaubens immer zusammen beschritten hatten, dass ihre Unfähigkeit Gebete zu wirken einen Keil zwischen sie treiben konnte, das fürchtete sie zutiefst. Doch Duriel umarmte sie nur und sagte, es sei alles in Ordnung. Am Ende des Tages war sie noch immer Sumi, und niemand anderer, Gebete hin oder her. Es kam nicht darauf an, was sie tat oder konnte, sondern wer sie war.
Abermals weinte Sumi, doch zum ersten Mal seit diesem Vorfall nicht Tränen der Trauer oder der Angst, sondern Tränen der Freude. Sie fühlte sich endlich nicht mehr zurückgelassen und allein.
Sie übte ihre neu gefundenen Kräfte, doch sie wusste… sie müsste bald zu Meister Radesvald oder einem anderen Magier in die Akademie gehen. Sie konnte von selbst nur so weit kommen. Sie hatte zwar Angst, Angst davor, wie die Leute reagieren würden, wenn sie erkannten, dass das einzige, was Sumi ausmachte, ihr Glaube, schwand, aber dennoch raffte sie ihre Robe und ging los. Sie würde sich ihrer Ängste vor den Menschen, vor sich selbst und all ihren Zweifeln stellen, denn nur sie alleine kann ihr bei dieser Sache helfen.
Dein Ich - dein größter Feind
- Sumi Celerian
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