„Sorgt dafür, dass es nicht auskühlt, ja?“
Hallten die Worte der Rennleitung Kali noch immer in Aissias Gedanken wider, während sie das noch warme Ei vorsichtig in ihrem Rucksack durch die nächtlichen Straßen von Surom trug.
Noch erschöpft vom Steppenrennen folgte ihr Rappe Obsidian mit trägem Schritt. Trotz der Müdigkeit spürte Aissia die stetige Wärme und kaum hörbare Geräusche, die aus dem Ei drangen, fast so, als würde darin ein glühendes Herz schlagen.
Kaum hatte sie ihr Haus erreicht, machte sie sich an die Arbeit.
Sie schleppte alte Kohleschalen auf den Vorplatz, füllte sie mit glühender Kohle und stellte sie kreisförmig um eine freie Stelle aus dunklem Stein. Dazwischen platzierte sie schwere Lavabrocken, damit diese die Hitze speicherten und langsam wieder abgaben. Dank des Elementarzaubers, der sie vor Verbrennungen schützte, konnte sie die heißen Steine immer wieder verschieben, die Abstände korrigieren und die Wärme nach ihrem Gefühl ausbalancieren.
Erst nach langer Zeit trat sie einen Schritt zurück und betrachtete zufrieden ihre äußerst improvisierte Brutstätte.
Vorsichtig nahm sie das Ei aus dem Rucksack und setzte es in die Mitte des glühenden Kreises.
Im flackernden Licht der Kohlen schimmerte seine Oberfläche in einem tiefen Rot. Feine Linien zogen sich an der Schale entlang, die hin und wieder schwach aufzuleuchten schienen.
Ob seine Farbe etwas über das Wesen darin verriet?
Aissia wandelte bereits seit Jahrzehnten durch die Schatten dieser Welt. Sie hatte Kriege, uralte Magie und Kreaturen erlebt, die viele nur aus vergessenen Legenden kannten. Doch bei all den Schrecken und Wundern, denen sie begegnet war, hatte sie niemals zuvor über das Leben eines unbekannten Wesens gewacht, das still in einem warmen Ei schlummerte.
„Was bist du nur …?“, hauchte sie leise vor sich her.
„Ein Drachenjunges?“
Sie musterte die glühenden Linien auf der Schale.
„Ein Phönix...? Falls solche Wesen überhaupt aus Eiern schlüpfen …“
Ihr Blick wurde nachdenklich.
„Oder etwas sehr viel Älteres?“
Fragen über Fragen kreisten in ihren Gedanken. Schon bald würde sie die Akademie von Surom aufsuchen um nach möglicher Literatur zu suchen.
Über eines jedoch war sie sich bereits sicher: Sollte sich in diesem Ei tatsächlich ein Geschöpf des Feuers verbergen, hätte es kaum einen besseren Ort finden können als die Obhut einer Elementaristin.
