Opoguk
Verfasst: 13 Mai 2026, 18:48
Opoguk da Tryl’hi
Kapitel I: Kind der Asche
Kapitel I: Kind der Asche
Ich ging in den Krakberh’, um zu sterben.
Das ist die erste Wahrheit dieser Aufzeichnung, und vielleicht die einzige, die nicht durch Rauch, Alter oder Furcht verfälscht wurde. Ich hatte mir vielzählige Meinungen derer geholt, die in meinem Volk, dem der Menschen, als Wissend bezeichnet werden. Ich sei unheilbar krank, verflucht und jedes Zutun, ja selbst jeder Grosche der in meinen fauligen Leib fließen könnte, sei vergeudet. Und ja, meine Knochen schmerzten. Ja mein Rücken war krummer als die jener, die im gleichen Alter meiner selbst waren. Aber meine Augen und auch meine Hände funktionierten. Sie tun es bis heute, wenn auch anders, als damals.Was also, sollte ein Verfluchter, ein Verlassener, ein Verlorener wie ich mit seinen womöglich letzten Atemzügen tun? Diese Aufzeichnung hier, so wie Ihr sie nun lest – sie war nicht mein Ziel und doch ist die Wahrheit die sie trägt mein letzter Wille.
Damals zog ich also hoffnungslos und hoffnungsvoll zugleich los. Ich wusste, mein Tod war gewiss. Ich wusste mindestens gleichwohl, dass ich sehen wollte, was bisher wohl niemand gesehen hatte. Sturheit trieb mich also aus den güldenen, leuchtenden Gemäuern der Menschen durch die Wüste hinweg zu dem Ort, den die Menschen fürchteten und der nicht nur durch die Bewohner, sondern in der gesamten alten Welt als Krakberh‘ bekannt war. Die Heimat der Olorghi, der Orks. Der dämlichen und blutrünstigen Bestien, wie sie törichte Bezeichnung erhielten. Ich wollte die Schluchten, aus denen Rauch, Raubzüge und Geschichten von Schrecken und Grauen ihren Ursprung fanden, sehen. Ich wollte schlichtweg wissen, ob das Böse dort anders aussah, als in den Liedern und Gesängen unserer Priester.
So ging ich hin. Nicht mich selbst verirrend, sondern klaren Ziels. Und der Krakberh‘ rief deutlicher nach mir, als ich es mir in meiner Vorstellung ausgemalt hatte. Ich erinnere mich noch an die ersten Meter, die nun schon viele Jahrzehnte hinter mir liegen. Sie glichen eines Labyrinths, schlungen sich wild links und rechts. Der schwarze Fels der Auftürmte ragte zu beiden Seiten wie die Mauern eines ewig währenden Grabes. Aus Rissen im Boden fuhr glutheißer Atem. Hätten mich die Jahre nicht anderes gelehrt, so würde ich nun davon berichten selbst über die Pforte zur Hölle geschritten zu sein. Schwefel legte sich auf meine Zunge, schmeckte bitter und faul. Asche trieb in Schwaden durch die Luft und blieb an meiner Haut haften, als wolle der Berg mich schon vor meinem nähernden Tod mit seinem Staub bedecken.
Eisiger, kalter Wind trieb aus dem Osten. Noch heute fährt mir die Kälte in mancher Nacht über den Rücken. Wie konnte der Wind diese Kälte besitzen, obwohl die Berge selbst dort glühten? Und gleichwohl peitschte der Wind mit solcher brachialen Gewalt durch die Klamm, dass es wie eine grauenvolle Melodie anmutete.
In dieser Melodie, diesem Heulen lag etwas, das kein Wind allein hätte hervorbringen können. Es war wie das Klagen alter Mütter, wie das Knirschen gebrochener Zähne, wie ein Röcheln jener, die man zu lange am Leben gelassen hatte. Knochen klapperten, ehe ich sie sah. Und als ich sie sah, war der Anblick grauenhafter, als es meine, diese Niederschrift hier jemals bildhaft beschreiben könnte. Bleiche Gerippe auf Pfählen gespießt, Kadaver, halbverwest und grotesk verrenkt. Teilweise wirkte es, als wären sie gar mit dem Felsen selbst verwachsen! Manche hingen in Ketten, manche – wie auch immer dies überhaupt möglich sein konnte – atmeten noch. Die Ogrin, Oger, schlossen sich diesem Bildnis gleichermaßen an. Sie waren nicht nur im Knochen sondern im Willen gebrochen und von einem Sulamog nicht minder grotesk wie ihre Vorboten zugerichtet. Starren leerer und flehender Augen durch mich hindurch, nur fort, nur in die Richtung in die ich kam und dennoch ohne Hoffnung. Ihre Körper waren verrenkt gleich eines Mahnmals, die keinerlei Worte, keinerlei Verständnis der Sprache der Olorghi bedurfte: Wer diesen Weg nimmt unterwirft sich einem Urteil.
Ich hätte umdrehen können. Und alles in mir wollte das damals auch. Dennoch war mein Gedanke an das, was ich womöglich mit einen Augen als erster Mensch erblicken könnte, größer als jedweder Lebenswille in mir. Ein seltsam anmutender Schrei der nicht in bisher gesehenes passte trieb mich voran. Es war nicht der Wind, es war nicht ein Tier, kein irgendwie noch halbwegs lebendes Wesen, das an den Pfählen ohne Hoffnung vor sich hinsiechte. Es kam… von dort! Aus der Tiefe der Klamm. Rau und blutig, von Schmerz geprägt, als wäre etwas grauenvollen, etwas ALL DIES übertrumpfendes geschehen. Später wusste ich: Es war der Schrei einer Murga, die gebar, oder der erste Laut dessen, was sich aus ihr heraus in die Welt zwang. Damals kam es mir fast lächerlich vor, doch fühlte es sich an, und heute weiß ich, es war so, dass der Krakberh‘ selbst auf derlei groteskes Geschrei und Gebar eine Antwort fand! Der Boden unter meinen Füßen bebte, ein Spalt neben mir riss weiter, Feuergischt ergötzte sich neben mir an Sauerstoff, trieb mir jegliche Flüssigkeit, in Form von Tränen, aus den Augen. War dies auch mein Schicksal? Dieses nicht zu deutende, überufernde seltsame Bildnis grotesker Geschehnisse? Ich fand zumindest entgegen jeglicher Logik den Entschluss die nächsten Schritte zu setzen. Mehr noch, ich hatte das Gefühl, dass „etwas“ mich zum voranschreiten befehligt hatte.
Am Ende der Klamm traf ich auf ein Tor.
Verdrehtes Holz verband sich mit gebleichten Knochen und war tief in den schwarzen Fels geschlagen. Davor hing eine Standarte, schwer vom Ruß und doch deutlich genug zu erkennen: ein pechschwarzer Warg mit aufgerissenem Maul, die Fänge gebleckt, als wolle er sich aus dem Stoff heraus in Fleisch verbeißen. Das was ich dort sah war kein schlichtes Zeichen. Es war ein eindringliches und, so bestätige ich auch Jahre später, überaus wahrhaftiges Versprechen ohne Schönung. Dieses Tor war das Ende und der Anfang, denn dahinter lag das Gebiet der Shargruk-Kral. Der blutrünstigste Orkstamm, den unsere alte Welt jemals sah. Der Name war wie eine Verheißung und kaum jemand wagte ihn laut zu sprechen. Schreckensgeschichten begannen und enden damit, das es jemand tat und daran starb, als würden die Olorghi selbst hören und richten. Dieser Stamm war für ihre maßlose Brutalität gefürchtet. Man erzählte unter vielerlei Volk, dass sie ihre Warge nicht zähmten, sondern sie im Willen überdauerten. Als würde der Bote des Schatten selbst in den Shargruk-Kral wabern, das selbst die Schattenwölfe zahm, ängstlich, niedernd machen würde.
Ich würde Euch nun gerne beschreiben wie ich mutig und triumphal schlichtweg durch das Tor trat aber ich schwor mir meiner selbst Willen keine Lügen aufzuzeichnen.
Kaum hatte ich also das Tor berührt lösten sich Schatten, die für meine Augen wie Fels angemutet hatten. Olorghi. Drei, vielleicht vier. Massig, dunkel und stiller, als ich es von „dämlichen Orks“ erwartet hatte. Sie brüllten nicht, lärmten nicht wie Wilde. Fürchtenswert war eher etwas anderes. Sie waren ruhig. Einer packte mich im Nacken, als sei ich ein Bündel trockenes Holz. Ein anderer Riss mir meinen Stock aus der Hand und befahl mich schlicht mit einer simplen Bewegung auf den schwarzen Steinboden. Ich wartete auf den Tod, doch er… kam nicht. Ich bin bis heute nicht sicher, weshalb ich nicht gleich am Tor mein Ende, siechend, wimmernd, auf einem dieser Speere fand. Eine Theorie von mir ist: Sie rochen meine Krankheit, sie rochen, dass keine Furcht meinen Weg zu ihnen geprägt hatte. Eine andere Theorie: Sie fanden mich zu schwach und wertlos, um auch nur einen Prankendeut an mein Ende zu verschwenden. Einer der Schwarzen beugte sich zu mir hinab, knurrte: „Himar gluch“. Das brachte einen anderen zum lachen, ohne, dass es nach Freude anmutete.
Sie schleiften mich in den inneren Ring. Ich erinnere mich noch ausgezeichnet daran, wie sich das wahrhaftige Krakberh‘ zum ersten Mal vor mir offenbarte.
Die Schlucht weitete sich zu einer Ebene aus Asche, erkalteter Glut und schwarzem Stein. Der Boden war hart, spröde und voller Risse, aus denen Hitze stieg. Hütten aus verkohltem Holz kauerten zwischen Felszähnen und wirkten, als würden sie jeden Tag aufs Neue gegen Wind und Feuer verlieren. Im Zentrum stand die Hütte des Choharar, des Stammeshäuptlings: ein Bau aus gebleichten Knochen, mit Sehnen verspannt und von rauchgeschwärzten Balken getragen. Er war nicht groß im Sinne unserer Hallen. Aber er stand da, als wäre er Definition dessen, was man „Drohung“ nennt.
Ringsum bewegten sich Olorghi. Dunkle Leiber, Narben, Hauer, oftmals schemenhafte, rote Augen im Rauch. Die wenigsten schenkten mir überhaupt einen Deut ihrer Aufmerksamkeit. Ich war weder Gast, noch war ich ein Feind von Bedeutung. Vielleicht war ich zu diesem Zeitpunkt so etwas wie Beute, die noch atmete, weil niemand entschieden hatte, was mit ihr geschehen sollte.
Dann sah ich zum ersten Mal die Warge. Reitwölfe der Orks, heißt es bei uns Menschen. Ein lächerliches Wort für das, was ich dort sah.
Sie lagen hinter schiefen aber überaus massiven Gattern, rissen an Ketten, schnappten nach Fleisch, nach Holz, nach gefühlt allem, was auch nur annähernd in der Nähe war. Ihre Augen glühten im Rauch. Das waren keine Tiere, keine Reittiere vor allem! Noch weniger: Begleiter. Für mich waren sie zu Beginn Waffen aus Fell, Haut und purem Hass und damit Wesen, die man eher aus überzeichneten Fabeln kennt. Einer der Warge zog an seiner Kette, bis Blut aus dem Hals quoll, und schien den Schmerz nicht einmal zu bemerken.
Wieder kam der Schrei, der mich hierher befehligt hatte. Und diesmal sah ich woher, das er aus einer Hütte einer Murga kam.
Und mit dem andersweltlichen Schrei verstummten die Warge. Das war das erste Omen.
Nicht das Beben des Bodens. Nicht die Asche, die gegen den Wind fiel. Nicht das Feuer, das in den Rissen des schwarzen Steins aufglomm. Das erste Omen war die Stille, die sich nach der Lautstärke des Schreis ergab. Im Krakberh’, das weiß ich heute nunmehr besser als damals, schweigt nichts ohne Grund.
Und in diese markerschütternde Stille hinein wurde er geboren. Jener, den sie Opoguk nannten und jener, dessen Geschichte ich Euch nicht vorenthalten will, weil sie über alle Maße hinaus schlichtweg erstaunlich, wenngleich auch traurig und mahnenden Beispiels ist.
Ich sah ihn nicht sofort. Man hielt mich am Rand des Platzes nieder. Im übrigen, das sei zum Wissen über das Volk der Olorghi anzumerken, mit schlichtweg einer einzigen Pranke die mir schien, als würde sie mehr als manche Kutsche wiegen. Aus der Hütte drangen Stimmen, aus der Hütte drang Knurren, letztlich Befehle, die mehr grollen als Sprache gleichsam waren.
Ein dumpfer Laut ereilte den Platz. Dann ein neuer Schrei, kürzer diesmal, tiefer, nicht von der Murga allein.
Der Boden bebte. Einer der Warge begann zu heulen, doch kein anderer stimmte ein. Sie starrten zur Hütte der Murga. Alle. Selbst die wildesten unter ihnen standen reglos, die Lefzen zurückgezogen, nicht im Hunger, sondern in einer Art Erkennen.
Dann trat ein Murga heraus. In ihren Armen lag etwas Kleines, Dunkles, Blutiges. Ein neugeborener Olorgh. Seni Anblick hätte jeden gesunden Verstand in Furcht versetzt und ich Narr? Entgegen all der Starrheit rings um mich? Ich lächelte – hätte ich wohl niemals damit gerechnet nicht nur zu Leben, nicht nur den Krakberh‘ zu sehen sondern gleichsam eine Geburt eines Olorgh zu erleben!
Opoguk schrie nicht. Seine Augen waren offen.
Und verdammt noch eins, Ich weiß, wie unmöglich das klingt. Ich weiß auch, wie Alter und Angst Erinnerungen vergiften. Aber ich schwöre bei allem, was mir heilig ist: Dieses Kind sah in die Welt, als hätte es sie schon gekannt und schlecht von ihr gedacht.
„Opoguk“, sagte der Choharar und gab damit etwas einen Namen, das die alte Welt, meine Welt, prägen würde.
Eine Hin'Murgaesh fand zuerst Worte, die sie später womöglich bitter bezahlen würde – ich sah sie zumindest nach diesem Tage nicht mehr:
„Opoguk issa himar gluch gawacha.“
Ein alter, aschgrauer Olorgh schüttelte sein massiges Haupt. Sein Atem rasselte vom Rauch und die lederne Haut setzte sich mit seiner Antwort in tiefe Furchen:
„Nuargh, Opoguk isza mez‘ gawacha – issa gital – wirta mez‘ Aikar!“
Damals verstand ich ihre Worte nicht. Später lernte ich genug von ihrer Zunge, um zu begreifen, was sie gesehen hatten. Einen dummen Träumer, so hatte das Waip ihn bezeichnet. Der aschgraue Olorgh hingegen sah ihn als einen, der mehr werden würde als andere. Einen großen Träumer, ja, aber einer, der als Aikar mit Agrazh selbst in Kontakt treten würde.
Vielleicht hatten beide recht und offengestanden war es mir zu diesem Zeitpunkt vorerst egal. Ich lebte und, zu meiner Überraschung: Ich blieb am Leben.
Das war das zweite Wunder dieses Tages, wenn man an einem solchen Ort von Wundern sprechen darf. Man zerrte mich nicht zu den Ogrin an die Pfähle. Man schlachtete mich nicht als Futter für die Warg. Man gab mir Wasser und Reste, die schlichter Nahrung gleichsam waren. Der Choharar ließ mich vorführen, betrachtete meine Hände und meine Augen. Er vermutete, dass ich schreiben konnte. Das brachte ihn zum lachen. Nicht laut und gewiss ohne jede Freude und doch: Ich sah es in seinen Augen.
So wurde ich kein Gast und auch kein Opfer der Shargruk-Kral.
Ich wurde ihr Sklave, ihr Snaga. Ich wurde ihr, so würden sie es wohl, wenngleich auch ohne, dass ich Rang innerhalb ihres Stammes halten würde, Desp‘an. Ihr Bote.
Ich schrieb, wenn man es befahl. Brachte Zeichen, Namen, Beute und Tote zu Pergament oder Haut. Ich ritzte Kerben in Knochen und später Worte in Häute, die ich nicht betrachten wollte. Ich lernte ihre Laute. Nicht gut. Nie wie einer von ihnen. Aber genug, um Befehle zu verstehen, Drohungen zu verinnerlichen, Spott zu ertragen und die tiefe Verwurzelung gegenüber ihrer Gottheit Agrazh zu erfahren.
Und ich sah Opoguk wachsen. Er war anders als die anderen Jungen des Stammes. Bereits als Kind war dieser Olorgh ein massiger Berg und übertrumpfte manch Älteren in Appetit und Stärke. Sein Antlitz hatte etwas besonderes. Ich würde es als Anmutig bezeichnen, wenngleich dieser Anmut nicht mit unserem Verständnis dieses Begriffs gleichzusetzen ist. Seine kohlschwarze Haut glänzte im Licht der Feuer wie obsidianes Gestein. Wenn andere Kinder schrien, biss er die Zähne zusammen. Wenn sie rangen, sah er zu. Wenn sie prahlten und um Achtung der höheren geiferten, schwieg er.
Seine rubinroten Augen ruhten lange auf Dingen, ohne müde zu werden. Ich sah diesen Blick zuerst bei den Warggittern. Er saß oft schlicht stumm dort. Die Warge knurrten ihn an doch von ihm ergab sich kein Laut. Schlicht zeigte er sein Interesse durch ledigliche Beobachtung.
Ihre Bewegungen, ihr Zögern, ihre Wut. Den Moment, in dem ein Muskel spannte, bevor der Sprung kam. Das leise Senken des Kopfes, ehe der Angriff begann. Das Knurren, das kein Laut der Drohung war, sondern ein Urteil. All das Faszinierte mich ungemein. Aber noch mehr faszinierte mich das Verständnis, das dieser Olorgh diesen Wesen entgegensetzte.
Gemeinhin galt unter uns Menschen das Verständnis, dass die Olorghi die Warge brechen, ihnen den Willen aufzwingen und sie schlichtweg für ihren Nutzen unterjochen. Durch Opoguk lernte ich, wie sie wirklich vorgingen. Meine Beobachtung schließt auf folgendes: Ein Olorgh steht, zumindest in gewisser Hinsicht neben dem Warg, nicht in simpler Art über ihm. Und ja – auch das klingt verrückt: Darin gab es dennoch eine Stufe der Hierarchie! Und darin lag auch eine Ordnung, eine Bändigung aber eben jene, die sich unsereines Verständnis schon längst enthoben hat!
Auch die Art wie dieser Olorgh in Konflikten reagierte, war untypisch und zugleich überaus beeindruckend.
Ich erinnere mich an einen Tag, an dem zwei junge Olorghi ihn verspotteten. Sie verspotteten ihn als Idioten, als Träumer, als Schwächling, weil er leiser war als sie. Es eskalierte, als einer ihn mit einem Stock gegen die Schulter stieß und der andere vor seine Füße spuckte. Ich schwöre Euch, es war eine Naturgewalt, die dort vor meinen Augen losbrach!
Opoguk sah erst den Speichel an, dann den Stock, dann den Jungen, der ihn hielt. Nichts in seinem Gesicht veränderte sich. Keine großartige Reaktion zunächst. Aber die rohe Brutalität und Kraft, die folgte sah ich so nie zuvor. Dem ersten Brach er erst Arm, dann Bein, dann rammte er seinen Kopf auf einen Pflock am Warggatter. Dem anderen beraubte er seines Lebens durch einen schlichten Kopfstoß.
Es folgte kein Gebrüll, kein triumphales aufbäumen. Er setzte sich fast schon plump zurück vor das Gatter und sah den Warge beim Fressen zu, während dem erste Opfer neben ihm noch die letzten Reste seines Lebenssafts entflossen.
Da verstand ich seine Andersartigkeit. Unter seiner Ruhe lag kein Mangel an Wut, kein Mangel an Kraft. Sondern schlichte Erhabenheit über weltliches geifern nach simplifizierter Macht. Dieser Olorgh wartete auf den richtigen Moment um nach dem Richtigen zu greifen.
Die Jahre vergingen. Für mich wurden sie schwerer und entgegen jeder Erwartung wurde ich älter. Für Opoguk wurden sie vor allem einengender. Der Stamm wuchs und mit dem Wachstum ergab sich auch der Hunger des Stammes immer größeren Zielen. Ich fürchtete insgeheim, was sie damit heraufbeschwören würden. Die nunmehr vielzähligen Krieger trugen im Namen Agrazh Tod und Brand in die Ländereien anderer Völker. Sie kamen mit Blut auf der Haut zurück, mit Gold, mit Gefangenen, mit Geschichten. In den Nächten brannten Feuer, und die Maudhul trommelten, während die Stammesältesten von Schmerz und Stärke überlieferten. Die Okwach hielten Ordnung. Die Aikari lasen Zeichen in Rauch, Knochen und Blut. Im übrigen möchte ich anmerken: Es ging nicht immer nur darum wer am meisten Morde begangen oder das meiste Gold erbeutet hatte! Sie erzählten voller Faszination über die Bauwerke, über Erfindungen der Menschen und damit aber auch über ihren Groll gegen den Fortschritt, der nach ihrer Ansicht der Dinge schlichtweg dem Willen Agrazhs zuwider war.
Was für die Shargruk-Kral Wille Agrazhs war, nannten die Shara und Shakurtabik Barbarei.
Ich war einer dieser Shara. Einst. Vielleicht bin ich es noch, während ich dies schreibe. Doch wer lange genug unter Feinden lebt, verliert die Bequemlichkeit einfacher Worte. Die Olorghi waren grausam, Mörder, Räuber. Sie kannten Mitleid nur als Schwäche ihrer Gegner. Aber sie waren nicht die leeren Ungeheuer, zu denen unsere Priester sie machten. Sie erinnerten sich tiefer und einprägender als unserereins an ihre Stammesmitglieder, ehrten ihre Toten und hatten eine so tiefe Verbindung zu ihrer Gottheit Agrazh, dass sie gar ungebändigte Kraft daraus zogen. Ich bin überzeugt, solche Verbindung vermochte kein Priester meines Volks zu schaffen.
Vielleicht hat mich dieses einfache Leben zu einer ergötzenden Freude der Faszination befähigt, vielleicht bin ich einfach nur Alt. Aber dieses Leben der Olorghi war beeindruckend simpel und doch beeindruckend nahe an der Perfektion der Lebenswahrnehmung.
In den westlichen Bergen hallten unterdessen Hammerschläge durch eiserne Hallen. Dort formten Zwerge nicht länger Werkzeuge, sondern Kriegsgerät. In den südlichen Flusslanden sprachen Menschenpriester vom letzten Unheilsstamm, von Ungeheuern mit einer Haut hart wie Stein und einem unstillbaren Blutdurst. Sie nannten die Olorghi einen Schandfleck. Sie predigten unentwegt, dass der Frieden erst dann wachsen könne, wenn dieses Brandmal ausgebrannt sei.
So wuchs im Verborgenen eine Koalition aus Stahl, Groll und einseitig gläubigen Bewusstsein. Zwerge und Menschen, uneins in vielem, doch vereint in einem Wunsch: die Olorghi aus dem Krakberh’ zu tilgen.
Was folgte, war kein Krieg, wie Opoguk ihn aus den Erzählungen der Ältesten kannte. Keine große Schlacht, in der Heere brüllend aufeinandertrafen und der Boden unter Schritten bebte. Es war ein schleichendes Sterben, das mehr Krankheit als offener Wunde gleichsam war.
In den ersten Jahren verschwanden die Shiruk, die Jägertrupps. Nicht alle auf einmal. Einer kehrte nicht zurück. Dann drei. Dann ein ganzer Trupp. Später traf es die Grishik, Handwerker und Bauern, die an den Rändern des Gebietes Holz, Erz oder Nahrung suchten. Dann die Kinder, die den Warnungen nicht gehorchten und zu weit hinausgingen.
Das Leben im Stamm veränderte sich spürbar. Gewiss trugen die Olorghi keine Furcht in sich. Doch sie wussten, dass die ihnen gegenüberstehende Allianz mit Dingen aufwarteten, denen sie wenig außer Kraft entgegensetzen konnten.
Die trickreichen Zwerge kamen aus der Tiefe. Die Menschen kamen aus dem Süden. Sie rodeten die Randgebiete, versiegten Wasserstellen, sprengten Zugänge und mieden die offene Stärke der Olorghi, wo sie konnten. Der Himmel über dem Krakberh’ wurde dunkler, nicht allein vom Rauch der Feuer, sondern vom Gewicht einer Vernichtung, die langsam näher kroch.
Opoguk war dreizehn Jahre alt, fast zu jung für den Khurk und doch alt genug, um das Sterben zu sehen. Ich war längst älter, als ich hätte werden sollen. Meine Beine trugen mich schlecht. Mein Rücken war krumm. Aber meine Augen sahen noch und auch meine Hände trotzten einer Aufgabe entgegen.
Ich beobachtete den Olorgh Opoguk oft, wie er sich um die Bestien sorgte. Die Bestien waren unruhig. Sie rissen an Ketten, schnappten nach Schatten, fraßen hastig oder gar nicht. Sie spürten etwas, das die Olorghi noch mit Zorn übertönten.
Ein Warg aber bewegte sich anders.
Opoguk nannte ihn Raszhu’. Ein pechschwarzer Rüde, größer als die anderen und von gleichsamen Anmut wie der Olorgh selbst gezeichnet in seinen fließenden Bewegungen. Wo andere fauchten, starrte er. Wo andere fraßen, wartete er. Wo andere tobten, lag er reglos da, als wisse er längst, dass wahre Gewalt nicht dort beginnt, wo sie lärmt.
Die Ältesten nannten ihn Schattenfang. Kein Warg, den man zähmte. Ein Wesen, das nur selten geboren wurde und irgendwann Seuche und geistigen Verfall in die Brut bringen würde. Ich weiß nicht, wie lange die zwei sich gegenseitig beobachtet haben, bis Opoguk das erste mal ins Gatter zu Razhu‘ trag. Ich weiß nur, dass das Bildnis Furcht und Faszination in einem tarierten Verhältnis in mir auslöste. Rubinrot traf bernsteingelb. Sie stierten sich eine gefühlte Unendlichkeit an. Keiner knurrte, keiner macht einen Schritt zu viel. Sie prüften vielmehr nur durch den Blick, ob sie einander würdig waren.
Und ich glaube dies war das entscheidende Detail: Opoguk überließ dem Warg den ersten Zug. Jener setzte Pranke auf Pranke womit Zusammenkunft entschieden war. Ich glaube sie waren füreinander geschaffen, weil beide so Jung waren. Beide hatten das Grauen gesehen, waren damit großgeworden. Beide trachteten danach den Willen Agrazh ungebändigt in die Welt zu tragen.
In jener Nacht legte sich Raszhu’ an Opoguks Seite. Wie ein zweiter Schatten. Wie ein zweiter Atem in einer Welt, die das Atmen verlernte. Von da an sah ich sie selten getrennt.
Zehn Jahre vergingen. Ich hätte viele Male sterben sollen. An Fieber. An Hunger. An Schlägen. An der Kälte des Ostwinds. Doch der Krakberh’ behielt mich. Vielleicht, weil er noch wollte, dass ich sah, was kommen musste.
Der Krieg wurde härter. Die Verluste größer. Aus dem schleichenden Sterben wurde ein Würgen, das den Stamm Tag um Tag enger fasste. Die Shargruk-Kral kämpften mit der Wut eines Volkes, das nie gelernt hatte zu weichen. Doch auch Wut verbraucht sich, wenn der Feind nicht dort steht, wo man ihn erschlagen kann.
Über Opoguk, inzwischen Krieger des Stammes, hörte ich die wildesten Erzählungen. Teilweise, so entnahm ich, fürchteten die eigenen Krieger selbst den Schwarzen. Sie sprachen immer wieder von „Opoguks Ogta“. Ein Angriff aus dem Nichts. Ein Schatten ohne Vorwarnung. Ein Gruß vom Tod aus dem Hinterhalt.
Getragen vom lautlosen Galopp Raszhu’s brach Opoguk aus Nebel, Asche oder Nacht hervor, aus Richtungen, in denen kein Feind vermutet wurde. Erst kam das Reißen der Fänge. Dann der Axthieb und oftmals nicht einmal mehr ein Schrei des Feindes, weil das Verständnis des eigenen Todes bereits zu spät war.
Für die Shakurtabik war dieser Schattensturm, dieser Ogta ein Fluch. Für die Shara ein nächtlicher Albtraum. Für die Olorghi ein Zeichen, dass Agrazh noch nicht alle Söhne des Krakberh’ eingefordert hatte. Opoguk und Raszhu’ wurden ein Gespann aus Wut und schattigem Kalkül, aus Fleisch, Fell, Fang und finsterer Geduld.
Manchmal sah ich Opoguk nach solchen Nächten zurückkehren. Schwarz von Ruß. Nass von Blut und erschöpft der Taten, die er begangen hatte. Raszhu’ ging neben ihm, die Schnauze dunkel, die Augen wach. Dennoch, so prophezeiten die Aikari stets, hatte Opoguk keinen Sitz in der Nin-Gash, der toten Festung, verdient.
Die nachstehende Erinnerung besiegelt das Ende und Ihr, seid Euch sicher, werdet verstehen, weshalb ich Euch von dem Olorgh Opoguk und den Shargruk-Kral berichte. Der Tag des großen Feuers. Mez‘ Krak.
Ich wusste, dass etwas anders war, noch bevor der Himmel aufriss. Die Warge hatten die Nacht hindurch nicht geschlafen. Die Aikari warfen unentwegt Knochen und lasen daraus doch nur Dinge, die sie nicht aussprechen wollten. Die Maudhul trommelten nicht mehr. Das Harren fand ein Ende, als der Himmel über dem Krakberh‘ entzweite.
Menschenpriester, fanatische Lichtbringer, riefen einen Feuerregen herab, der brutal alles entflammte, was er berührte. Zwerge sprengten die Zugänge zur Klamm. Felswände barsten. Wege stürzten ein. Was nicht erschlagen wurde, verbrannte. Was nicht verbrannte, erstickte. Die Ebene, die einst Heimat der mächtigen Olorghi gewesen war, wurde zum offenen Rachen eines Höllentores.
Ich selbst fiel zu Boden und kroch unter einen umgestürzten Balken. Ich hatte Angst, ohne Beschönigung. Ich hatte Angst vor der Unbändigen Wut der Olorghi und ja, an diesem Tag fürchtete ich noch mehr die Brutalität, die List, die Intrige meines eigenes Volks.
Durch Rauch und Funken sah ich das Ende der Shargruk-Kral.
Der Choharar fiel. Die Okwach zerbrachen. Die Maudhul verstummten. Und die Aikari verwirkten ihre letzten schamanischen Rituale in Rauch, Blut und Asche.
Warge heulten in ihren Gattern, bis ihre Stimmen im Feuer rissen. Manche zerrten sich selbst an Ketten wund, um zu entkommen. Andere stürzten brennend durch die Trümmer und endeten elendig im Feuersturm. Die Hütten der Shargruk-Kral fielen eine nach der anderen in sich zusammen.
Der Stamm wurde der Shargruk-Kral wurde nicht besiegt. Er wurde ausgelöscht.
Ich sah Menschen an jenem Tag Dinge tun, die sie später heroisch beschönigen würden. Ich sah Zwerge über Leichen steigen und auf alles schlagen, das noch atmete. Ich sah Olorghi sterben, wie sie gelebt hatten: nicht bittend. Nicht kniend. Sondern majestätisch, ohne Furcht und mit Gewissheit ihres Platzes an der Seite Agrazh, bis das Feuer ihnen die weltliche Existenz nahm.
Und als ich ihn suchte, sah ich ihn. Wie er kämpfte. Wie er die Gegner in zwei Hälften riss, als wären ihre Häute nichts als dünne Stoffe. Ich sah Opoguks Ogta mit meinen eigenen Augen und seid Euch gewiss froh zu sein, es niemals selbst zu sehen. Erst als ein dumpfer Laut, der seines Vaters an seine Ohren drang hielt er inne. Stand mittem im Chaos, Raszhu’ an seiner Seite. Für einen Herzschlag wirkte er wieder wie jener Junge am Gatter: still, beobachtend, fast reglos. Um ihn herum starb alles, was ihn geformt hatte.
„Zra, gawacha. Rig! – Ushex dea Olorghi inna Nergûl - …Opoguk ap’ra füa da AGRAZH…“
Trag die Olorghi im Nergûl, im hier und jetzt, weiter. Das war die Botschaft seines Vaters, wie ich heute weiß. Opoguk wurde verboten zu sterben.
Vielleicht verstand ich die Worte damals nicht vollständig. Vielleicht verstand ich sie erst Jahre später, als ich sie immer wieder in mir hörte. Aber Opoguk verstand sie. Und so unwirklich es klingen mag, so unwirklich dies alles hier klingen mag: Ich hatte eine Verbindung zu diesem Olorgh durch die vielen Jahre meiner Beobachtung. Und so sah ich, dass etwas in ihm brach. Nicht sein Leib oder der unbändige Wille. Etwas tieferliegendes, dessen Bruch ich für unmöglich gehalten hatte.
Die Ruhe, die Stille, das Abwarten, all das, was ihn von Kindheit an anders gemacht hatte, wurde verschlungen. Das Gash seiner Seele, die Ruhe gleich Wasser, wich einem unbändigen Krak, dem ungebändigten Feuer.
Raszhu’ trug ihn wie ein Schatten durch das Feuer fort und Opoguks Augen waren nicht länger nur rubinrot. Sie glühten. Er sah sein Volk zerschmettert, ausgelöscht. Er sah Mütter verkohlt an Ketten. Er sah Stammeskinder tot im Staub. Er sah Krieger, die noch im Sterben mehr Ehre in sich trugen als jene, die in Vielzahl auf sie einschlugen.
Ich dachte, er würde mich nicht sehen. Warum auch? Ich war ein alter Shara, eine vergessene Beute, ein Stück Haut und Knochen unter einem Balken. Doch als Raszhu’ an mir vorbeistürmte, wandte Opoguk den Kopf. Für einen Augenblick trafen seine Augen die meinen. In seinem Blick lag kein Dank, kein Mitleid, keine Bitte. Es war Forderung, Befehl. „Sieh“. Und ich verstand es, ich verstand ihn. Ich verstand den Auftrag und damit meinen Zweck der Existenz. Er hatte mich gerufen um zu bezeugen was mein Volk tun würde. Dann war er fort.
Der schwarze Warg brach durch Rauch und fallende Asche. Und hinter den beiden starb der Krakberh’.
Ich weiß nicht, warum ich überlebte. Vielleicht, weil die Sieger mich für einen der Ihren hielten. Vielleicht, weil ich unter Toten lag und den Atem flach genug hielt. Vielleicht, weil der Krakberh’ mit mir noch nicht fertig war. Als die Feuer kleiner wurden und das Töten endete, kroch ich aus der Asche. Meine Haut war verbrannt. Ein Auge hatte seine Kraft verloren. Meine Finger hatten großteilig ihre Haut eingebüßt. Aber ich lebte.
Und ich sage Euch, werter Leser: Ich habe Opoguk da Shargruk-Kral erlebt. Ich habe ihn kämpfen sehen. Ich habe gesehen, wie er sein Volk verlor. Dieser Olorgh trägt den Untergang eines ganzen Stammes in sich. Er formte daraus ein Krak, das niemals erlöschen wird.
Ich warne Euch daher: Eine Begegnung mit ihm bedeutet Tod und ewiges Feuer. Er ist die wandelnde Mahnung der Asche des Krakberh’.
Und wenn diese Zeilen je gefunden werden, dann möge der Leser begreifen, was ich erst am Ende begriff:
Manche Wesen überleben nicht, weil sie dem Tod entkommen.
Sie überleben, weil der Tod selbst durch sie weiterreiten will.
Sie überleben, weil der Tod selbst durch sie weiterreiten will.
