Das Flackern der Talgkerze in Sadagars Studierzimmer wirkte an diesem Abend wie ein verzweifelter Kampf gegen
die heraufziehende Finsternis. Wochenlang hatte er in Schränken, Kleiderkisten, selbst in Töpfen,
nach Emmerichs Hinterlassenschaft gewühlt. Seine Fingernägel waren brüchig, seine Augen von schlaflosen Nächten gerötet.
Dabei hatte die Antwort die ganze Zeit direkt vor ihm gelegen.
Sein Blick fiel auf den schweren, gläsernen Briefbeschwerer, den er gedanklich immer nur als wertlosen Tand abgetan hatte.
Ein trüber, violetter Kristall, den Emmerich oft gedankenverloren zwischen den Fingern gedreht hatte.
Erst als Sadagar heute Abend versehentlich ein wenig Wein darüber verschüttet hatte, geschah es. Die Flüssigkeit sickerte
nicht einfach herab, sondern wurde von feinen, unsichtbaren Gravuren im Inneren des Kristalls aufgesogen.
Ein sanftes, unheimliches Summen erfüllte den Raum, und das Glas begann sich zu verformen, bis es die Gestalt eines
komplizierten, dornigen Schlüssels annahm.
Nun saß er vor der schweren Eichentruhe. Das Holz war von Alter nachgedunkelt, die Eisenbeschläge zeigten tiefe Narben der Zeit.
Als er den kristallenen Schlüssel in das Schlüsselloch schob, gab es keinen mechanischen Widerstand.
Stattdessen fühlte es sich an, als würde er den Schlüssel in warmes Wachs drücken.
Ein trockenes, kehliges Knacken, wie das Brechen eines gefrorenen Astes, signalisierte ihm, dass die magische Sperre gefallen war.
Ein modriger Hauch entwich der Truhe, schwer von vergangenem Leid und dem metallischen Aroma von getrocknetem Blut.
Ganz oben, auf einem Bündel aus verfärbtem Leinen, lag ein Brief.
Das Pergament fühlte sich ölig an, die Tinte war tiefschwarz.
„Mein Sohn, denn als nichts anderes habe ich dich je gesehen.
Wenn deine Hände dieses Papier berühren, ist mein Fleisch bereits zu Staub zerfallen oder von den Flammen jener verzehrt worden,
die Unwissenheit für Frömmigkeit halten. Dass du den Schlüssel in dem unscheinbaren Glas erkannt hast, beweist, dass du den Blick
für das Wesentliche geschärft hast.
Nur wer hinter die Maske der Dinge sieht, ist bereit für das, was folgt.
Hör mir gut zu, Sadagar! Das Wissen in dieser Truhe ist ein zweischneidiges Schwert. Ich habe das Fleisch der Toten befragt,
wo die Gebete der Priester schwiegen. In der "Neuen Welt" gilt das Verständnis der Säfte und Muskeln bereits als Pakt mit dem Verderben.
Lerne weiter, ja … aber lerne im Verborgenen.
Die Welt da draußen ist krank, und die gefährlichsten Parasiten tragen keine Geschwüre, sondern Kreuze und flammende Reden auf den Lippen.
Traue niemandem, der vorgibt, deine Seele retten zu wollen, während er nach deinem Verstand greift.
Die Männer, die mich verfolgen, diese Fanatiker... sie fürchten nicht den Tod. Sie fürchten, dass wir beweisen könnten, dass der Mensch
mehr ist als nur Lehm in den Händen der Götter. Wenn sie erfahren, was in diesem Folianten geschrieben steht, werden sie dich nicht nur jagen.
Sie werden dich aus der Schöpfung tilgen wollen.
Nutze die Instrumente. Verfeinere die Essenzen. Aber verbirg dein Licht vor den Wölfen, bis du stark genug bist, sie zu verbrennen.
In Liebe und mit der Last der Wahrheit.
Emmerich“
Sadagar ließ den Brief sinken. Sein Blick fiel auf den massiven Folianten, dessen Einband aus abgegriffenem,
dunklem Leder bestand. Die Kanten waren mit geschwärztem Messing verstärkt, das vom jahrelangen Gebrauch glattpoliert war.
Daneben glänzten die chirurgischen Werkzeuge.
Skalpelle und Haken, geschärft für einen Zweck, der weit über das Schienen von Knochen hinausging.
Ein Schauer lief über Sadagars Rücken. Er war nun kein einfacher Badergeselle mehr. Er war der Erbe eines verbotenen Vermächtnisses.