Der Stadtwolf
Verfasst: 29 Mär 2026, 20:17
Solgard roch anders. Das war das Erste, was Taede nach der Wandlung begriff. Früher hatte der Hafen nach Teer, Salz, alten Fisch und billigem Fusel gerochen. Jetzt war da mehr. Metall. Angst. Altes Blut in den Ritzen der Planken. Schweiß, der nicht von Arbeit kam. Und natürlich Lügen. Sie ging wie immer. Nicht schneller. Nicht langsamer. Ein Stadtwolf fiel nicht durch Hast auf.
Am Morgen begann sie dort, wo sie immer begonnen hatte, zwischen den Marktständen. Doch sie sah nicht mehr nur Waren. Was sie sah, waren Hände, die zu fest um Beutel griffen, Blicke, die zu lange auf fremden Taschen lagen, Schultern, die sich spannten, bevor jemand sprach. Ein Händler pries laut seine Ware an. Seine Stimme war sicher. Sein Geruch nicht. Taede blieb kurz stehen, griff nach einem Apfel, drehte ihn zwischen den Fingern. „Zu frisch für den Preis“, murmelte sie. Der Mann lächelte. Aber seine Augen taten es nicht. Sie legte den Apfel zurück. Sie musste ihn nicht überführen. Nur merken.
Der Hafen war anders. Er war nicht laut für sie. Er war klar. Wo andere Stimmen hörten, hörte sie Brüche im Rhythmus, Atem, der stockte, Schritte, die zögerten. Ein Mann trat ihr entgegen. Zu breit gebaut für einen Träger. Zu sauber für einen Arbeiter. Er wich ihr nicht aus. Also wich sie auch nicht. Im letzten Moment senkte er den Blick. Gut. Kein Jäger. Noch nicht. Mittags saß sie auf einer Kiste, die niemand beanspruchte. Aß langsam. Beobachtete. Ein Stadtwolf jagte nicht ständig. Er wartete. Nicht auf Beute. Auf Fehler. Ein Laufbursche stolperte. Nicht über etwas, sondern über sich selbst. Sein Blick huschte. Zu schnell. Zu oft. Taede sah ihm nach. Nicht heute, dachte sie. Aber bald.
Die Sonne sank. Mit ihr änderte sich die Stadt. Die Stimmen wurden leiser. Die Geschäfte schmutziger. Das war die Zeit, in der andere glaubten, sicherer zu sein. Das waren sie nicht. Taede ging durch eine schmale Gasse. Drei Männer standen dort. Zu dicht beieinander. Zu still. Einer lachte zu laut. Sie blieb nicht stehen. Sie ging hindurch. Langsam. Der Wind trug ihren Geruch. Nicht Angst. Nicht Unsicherheit. Etwas anderes. Die Männer verstummten. Einer machte einen Schritt zur Seite. Dann ein zweiter. Als sie vorbei war, begann das Gespräch erst wieder, als sie außer Sicht war. Später, auf einem Dach, ließ sie den Blick über Solgard gleiten. Die Stadt schlief nie. Sie ruhte nur. Taede auch nicht. Ein Stadtwolf jagte nicht, um zu töten. Er jagte, um zu verstehen.
Wer gehörte hierher? Wer nicht? Wer spielte ein Spiel, das er nicht beherrschte?
Und vor allem, Wer glaubte, unbeobachtet zu sein.
Taede schloss kurz die Augen. Die Stadt atmete und sie atmete mit ihr.
Die erste Jagd.
Die Stadt hatte ihr Muster und irgendwann brach jemand daraus. Nicht laut. Nicht offensichtlich. Nur eben falsch. Taede bemerkte ihn am Markt. Zwischen Händlern, Rufen und dem Klirren von Münzen. Er bewegte sich wie alle anderen und doch nicht. Seine Schritte waren richtig gesetzt, aber sie gehörten ihm nicht. Er sah nicht hin. Nicht zu Taschen, nicht zu Geld. Er sah einfach hindurch, als würde er zählen und nicht kaufen. Taede blieb stehen. Tat, als würde sie eine Auslage betrachten. Ihre Augen wanderten umher, nicht zu ihm, um ihn herum. Ein Mädchen lachte, ein Händler fluchte, ein Mann schob sich durch die Menge, und mittendrin? Er, zu ruhig und viel zu glatt. Taede ließ ihn gehen. Ein Stadtwolf jagte nicht auf offenem Platz. Die Gassen nahmen ihn auf. Schluckten ihn fast. Fast. Taede war schon da. Sie lehnte an einer Wand, die mehr Risse als Putz trug. Arme locker. Blick halb gesenkt. Als er um die Ecke bog, sah er sie erst zu spät. „Du passt nicht hier rein“, sagte sie ruhig. Er blieb stehen. Nur kurz. Dann lächelte er. „Und du entscheidest das?“ Taede zuckte mit den Schultern. „Nicht ich.“ Ein kleiner Atemzug. „Die Stadt.“ Er lachte. Zu leicht. Irgendwie Falsch. Taede trat einen Schritt näher. Langsam. Kein Druck. Nur Präsenz. „Du suchst etwas.“ Sein Blick zuckte. Das war alles, was sie brauchte. Sie hätte ihn jetzt stellen können. Laut werden. Ihn greifen. Ihn festnageln, aber das war nicht ihr Weg. Nicht mehr. „Hör zu“, murmelte sie. „Ich kümmere mich nicht darum, was du willst.“ Eine kurze Pause. „Solange es mich nichts kostet.“ Jetzt sah er sie an. Richtig. „Und wenn doch?“ Taede neigte den Kopf leicht. Ihre Stimme blieb ruhig. „Dann wird es teuer.“ Kein Drohen. Ein Angebot. Die Gasse war still. Nicht leer. Einfach nur Still. Er musterte sie eingehend. Rechnete. Wägte ab. Gut. Taede machte keinen Schritt mehr. Das musste er tun. „Du bist keine Wache“, sagte er schließlich. „Nein.“ Ein Hauch von etwas in ihrem Blick. „Ich bin praktischer.“ Ein langer Moment. Dann griff er langsam in seine Tasche. Nicht hastig. Nicht panisch. Gut. Taede hob die Hand. Nur leicht. „Langsam.“ Er hielt inne. Nickte. Zog eine kleine Börse hervor. Sie nahm sie nicht sofort. Sah ihn an. „Und du gehst woanders jagen.“ Er verzog den Mund. Aber er nickte. Das reichte. Taede nahm die Münzen. Nicht viele, aber genug. Sie ließ ihn gehen. Kein Kampf. Kein Blut. Nur ein verschobenes Gleichgewicht.
Später, zurück auf der Straße, wog sie die Münzen in der Hand. Leise. Nachdenklich. Ein Stadtwolf nahm sich, was er brauchte, aber er wusste auch, wann genug war. Sie hätte mehr nehmen können. Sie hätte ihn brechen können. Tat sie nicht. Sie dachte an den Händler mit dem viel zu frischen Obst. Seine Unsicherheit. Die Not in seinen Augen. Der Kerl in der Gasse roch anders.
Die Stadt funktionierte nur, wenn sie nicht zerbrach. Taede steckte die Münzen ein. Zog die Schultern hoch.
Ging weiter.
Nicht gerecht.
Nicht ungerecht.
Nur… Teil des Ganzen.
Am Morgen begann sie dort, wo sie immer begonnen hatte, zwischen den Marktständen. Doch sie sah nicht mehr nur Waren. Was sie sah, waren Hände, die zu fest um Beutel griffen, Blicke, die zu lange auf fremden Taschen lagen, Schultern, die sich spannten, bevor jemand sprach. Ein Händler pries laut seine Ware an. Seine Stimme war sicher. Sein Geruch nicht. Taede blieb kurz stehen, griff nach einem Apfel, drehte ihn zwischen den Fingern. „Zu frisch für den Preis“, murmelte sie. Der Mann lächelte. Aber seine Augen taten es nicht. Sie legte den Apfel zurück. Sie musste ihn nicht überführen. Nur merken.
Der Hafen war anders. Er war nicht laut für sie. Er war klar. Wo andere Stimmen hörten, hörte sie Brüche im Rhythmus, Atem, der stockte, Schritte, die zögerten. Ein Mann trat ihr entgegen. Zu breit gebaut für einen Träger. Zu sauber für einen Arbeiter. Er wich ihr nicht aus. Also wich sie auch nicht. Im letzten Moment senkte er den Blick. Gut. Kein Jäger. Noch nicht. Mittags saß sie auf einer Kiste, die niemand beanspruchte. Aß langsam. Beobachtete. Ein Stadtwolf jagte nicht ständig. Er wartete. Nicht auf Beute. Auf Fehler. Ein Laufbursche stolperte. Nicht über etwas, sondern über sich selbst. Sein Blick huschte. Zu schnell. Zu oft. Taede sah ihm nach. Nicht heute, dachte sie. Aber bald.
Die Sonne sank. Mit ihr änderte sich die Stadt. Die Stimmen wurden leiser. Die Geschäfte schmutziger. Das war die Zeit, in der andere glaubten, sicherer zu sein. Das waren sie nicht. Taede ging durch eine schmale Gasse. Drei Männer standen dort. Zu dicht beieinander. Zu still. Einer lachte zu laut. Sie blieb nicht stehen. Sie ging hindurch. Langsam. Der Wind trug ihren Geruch. Nicht Angst. Nicht Unsicherheit. Etwas anderes. Die Männer verstummten. Einer machte einen Schritt zur Seite. Dann ein zweiter. Als sie vorbei war, begann das Gespräch erst wieder, als sie außer Sicht war. Später, auf einem Dach, ließ sie den Blick über Solgard gleiten. Die Stadt schlief nie. Sie ruhte nur. Taede auch nicht. Ein Stadtwolf jagte nicht, um zu töten. Er jagte, um zu verstehen.
Wer gehörte hierher? Wer nicht? Wer spielte ein Spiel, das er nicht beherrschte?
Und vor allem, Wer glaubte, unbeobachtet zu sein.
Taede schloss kurz die Augen. Die Stadt atmete und sie atmete mit ihr.
Die erste Jagd.
Die Stadt hatte ihr Muster und irgendwann brach jemand daraus. Nicht laut. Nicht offensichtlich. Nur eben falsch. Taede bemerkte ihn am Markt. Zwischen Händlern, Rufen und dem Klirren von Münzen. Er bewegte sich wie alle anderen und doch nicht. Seine Schritte waren richtig gesetzt, aber sie gehörten ihm nicht. Er sah nicht hin. Nicht zu Taschen, nicht zu Geld. Er sah einfach hindurch, als würde er zählen und nicht kaufen. Taede blieb stehen. Tat, als würde sie eine Auslage betrachten. Ihre Augen wanderten umher, nicht zu ihm, um ihn herum. Ein Mädchen lachte, ein Händler fluchte, ein Mann schob sich durch die Menge, und mittendrin? Er, zu ruhig und viel zu glatt. Taede ließ ihn gehen. Ein Stadtwolf jagte nicht auf offenem Platz. Die Gassen nahmen ihn auf. Schluckten ihn fast. Fast. Taede war schon da. Sie lehnte an einer Wand, die mehr Risse als Putz trug. Arme locker. Blick halb gesenkt. Als er um die Ecke bog, sah er sie erst zu spät. „Du passt nicht hier rein“, sagte sie ruhig. Er blieb stehen. Nur kurz. Dann lächelte er. „Und du entscheidest das?“ Taede zuckte mit den Schultern. „Nicht ich.“ Ein kleiner Atemzug. „Die Stadt.“ Er lachte. Zu leicht. Irgendwie Falsch. Taede trat einen Schritt näher. Langsam. Kein Druck. Nur Präsenz. „Du suchst etwas.“ Sein Blick zuckte. Das war alles, was sie brauchte. Sie hätte ihn jetzt stellen können. Laut werden. Ihn greifen. Ihn festnageln, aber das war nicht ihr Weg. Nicht mehr. „Hör zu“, murmelte sie. „Ich kümmere mich nicht darum, was du willst.“ Eine kurze Pause. „Solange es mich nichts kostet.“ Jetzt sah er sie an. Richtig. „Und wenn doch?“ Taede neigte den Kopf leicht. Ihre Stimme blieb ruhig. „Dann wird es teuer.“ Kein Drohen. Ein Angebot. Die Gasse war still. Nicht leer. Einfach nur Still. Er musterte sie eingehend. Rechnete. Wägte ab. Gut. Taede machte keinen Schritt mehr. Das musste er tun. „Du bist keine Wache“, sagte er schließlich. „Nein.“ Ein Hauch von etwas in ihrem Blick. „Ich bin praktischer.“ Ein langer Moment. Dann griff er langsam in seine Tasche. Nicht hastig. Nicht panisch. Gut. Taede hob die Hand. Nur leicht. „Langsam.“ Er hielt inne. Nickte. Zog eine kleine Börse hervor. Sie nahm sie nicht sofort. Sah ihn an. „Und du gehst woanders jagen.“ Er verzog den Mund. Aber er nickte. Das reichte. Taede nahm die Münzen. Nicht viele, aber genug. Sie ließ ihn gehen. Kein Kampf. Kein Blut. Nur ein verschobenes Gleichgewicht.
Später, zurück auf der Straße, wog sie die Münzen in der Hand. Leise. Nachdenklich. Ein Stadtwolf nahm sich, was er brauchte, aber er wusste auch, wann genug war. Sie hätte mehr nehmen können. Sie hätte ihn brechen können. Tat sie nicht. Sie dachte an den Händler mit dem viel zu frischen Obst. Seine Unsicherheit. Die Not in seinen Augen. Der Kerl in der Gasse roch anders.
Die Stadt funktionierte nur, wenn sie nicht zerbrach. Taede steckte die Münzen ein. Zog die Schultern hoch.
Ging weiter.
Nicht gerecht.
Nicht ungerecht.
Nur… Teil des Ganzen.