Ein Abend in Khul Gathol - der Versuch einer Obduktion
Die neunte Abendstunde war angebrochen, als sich Ryn und Vidar in Nebelhafen trafen. Nach einem kurzen Gruß, der tragischen Situation angemessen, sprachen sie gemeinsam einen Rückrufzauber. Die Luft kribbelte kurz, Magie webte sich zwischen ihren Fingern und im nächsten Moment standen sie bereits am Fuße des gewaltigen Berges, der die heilige Stadt Khul Gathol in sich barg. Vor den steinernen Toren wartete Priesterin Thralda, in warmes Licht getaucht, das aus einer Laterne über dem Torbogen schimmerte. Ohne viele Worte deutete sie den beiden Druiden, ihr zu folgen.
Sie durchquerten die Hallen der Zwerge mit wachsamem, erstauntem Blick. Die Stadt war ein Reich aus Stein und Feuer, ein Monument aus uralter Handwerkskunst. Gewaltige Pfeiler stützten hohe Gewölbe, überall metallene, aufwändig verzierte Platten, die in die Mauern eingelassen waren. Aus einer großen Schmiede, unweit vom Hauptgang entfernt, waren dumpfe Klänge von schlagenden Hämmern zu hören. Schließlich führte Thralda sie zum Heilerhaus, einer gedrungenen Struktur aus hellem Fels, nordöstlich des Eingangstores gelegen. Durch eine schmale Tür, vorbei an einer großen Versammlungshalle, stiegen sie eine gewundene Treppe empor. Im zweiten Stock öffnete Thralda eine schwere Tür aus Eichenholz.
Der Raum, in den sie traten, war klein und von dumpfer Luft erfüllt. Einige Kerzen flackerten teils in eisernen Haltern an der Wand und teilweise auf dem Boden abgestellt um den leblosen Körper verteilt. Der aufgebahrte Leichnam lag mittig auf einem steinernen Tisch, nur notdürftig bedeckt. Die Luft war schwer und roch nach Metall, Wachs, und der allmählich eintretenden Verwesung offener Wunden. Thralda setzte sich auf einen Hocker an der Wand, mit angemessenem Abstand. Ihre Hände lagen reglos in ihrem Schoß, doch ihre Augen beobachteten jedes Tun aufmerksam. Vidar trat langsam an den Leichnam heran, zog ohne Hast seine dunklen Lederhandschuhe aus und legte zwei Finger auf einen unverletzten Teil der Brust. Die Haut war kalt, starr – der Tod lag schon einige Tagesläufe zurück. Dann begann die eigentliche Arbeit: Fragen an Thralda, Beobachtungen, kurze Hinweise für Ryn. Die Untersuchung nahm ihren Lauf.
Das Zeichen der Natur
Als Vidar schließlich die größte Wunde untersuchte – eine tiefe Verletzung an der Brust – wurde sein Blick hart. Der Abdruck erinnerte stark an einen Huf, doch selbst für die bisher erforschten Minotauren war dieser viel zu groß. Da war etwas anderes, etwas… Fremdes. Er trat einen Schritt zurück, atmete tief ein und rief seinen Gefährten. Ein sanftes, kaum hörbares Jaulen und aus dem Schatten trat ein schneeweißer Wolf, das Seelentier des Druiden. Der Raum schien für einen Moment zu erstarren, die Flamme einer Kerze flackerte, als hätte sie den Atem angehalten. Bevor Vidar dem Tier ein Zeichen gab, wandte er sich an Ryn.
„Sag mir“, murmelte er leise,
„warum zeigen uns diese Tiere mehr als unsere Augen sehen?“ Ryn blickte zu seinem Mentor, wartete auf dessen Antwort:
„Weil sie nicht mit dem Verstand, sondern mit der Seele wahrnehmen. Sie stellen die engste Verbindung der Natur zu uns Druiden dar“. Ryn nickte, dann deutete Vidar mit zwei Fingern auf die Wunde.
Der Wolf trat vor, senkte die Schnauze, sog den Geruch ein, Sekunden vergingen. Dann geschah es: Die Ohren legten sich an, der Rücken wölbte sich leicht, die Rute senkte sich abrupt. Die Lefzen zuckten – ein Knurren, tief aus der Kehle. Die Zähne blitzten scharf im Kerzenlicht. Thralda schreckte ob der Reaktion des Wolfes kurz auf. Der alte Druide berührte den Wolf und beruhigte somit das Tier.
„Selbst Phelan spürt, dass diese Wunden durch etwas Fremdes zugefügt wurden.“ Die Worte klangen wie eine Bestätigung auf die anfängliche Vermutung. Ryn, bestürzt von der Aussage, zögerte nur kurz, dann rief auch er sein Seelentier. Ein zweiter weißer Wolf trat aus der Schattenecke des Raumes. Auch dieses Tier schnupperte, konservierte den Geruch und die Fährte, dann blickte es kurz zu seinem Artgenossen und setzte sich mit wachsamem Blick etwas abseits der Liege nieder. Gemeinsam verharrten die Tiere im Halbkreis. Stumm, aber aufmerksam, als spürten sie noch immer die Unruhe in der Luft.
Der Abdruck der Wahrheit
Vidar war nachdenklich.
„Wenn das, was ich fürchte, wahr ist… müssen wir Spuren sichern.“ Er blickte auf die tiefe Hufwunde.
„Wir brauchen mehr Kerzen!“ Thralda erhob sich und brachte weitere, die bald den Raum in warmes Licht tauchten. Ihr Schein legte sich wie Honig auf den kalten Stein. Zuerst hob Vidar selbst einige brennende Kerzen vom Boden auf, dann deutete er Ryn mit einer Geste an, ebenfalls alle anderen brennenden Kerzen einzusammeln. Der süßliche Duft des Bienenwachses stieg auf, vermischte sich mit dem metallischen Geruch des Raumes. Dann begannen sie: Mit äußerster Vorsicht gossen sie den flüssigen Wachs in die Wunde. Er floss sachte entlang der Ränder, füllte Vertiefungen, legte sich wie ein Schleier über die groteske Struktur. Vidar beugte sich vor, verteilte den Wachs mit den Fingern, strich kleine Rillen aus, schloss kleine Blasen.
Die Zeit dehnte sich. Kein Laut war zu hören außer dem Flackern der Wandkerzen und dem leisen Atmen der Tiere. Als der Wachs endlich erhärtet war, begannen die beiden Druiden damit, den Wachsabdruck vorsichtig zu lösen. Zentimeter für Zentimeter, bis das geformte Stück in den Händen des Druiden lag, ein beinahe perfekter Abdruck der Wunde, fast wie eine Schablone. Thralda hatte in der Zwischenzeit eine Metallplatte herbeigeschafft, auf die Vidar den Wachs legte, als wäre es ein zerbrechliches Artefakt. Dann reinigten sie behutsam die Ränder der Wunde von den letzten Wachsresten. Gemeinsam bedeckten sie den Leichnam mit einem großen weißen Laken. Das Flackern der Kerzen spiegelte sich im Stoff, der sich wie ein Schleier der Stille über die tote Wache legte.
Schließlich traten alle drei an das Kopfende des Leichnams. In tiefer Stille sprach Vidar einige ehrende Worte. Seine Stimme war ruhig und doch lag ein Hauch von Trauer darin. Ryn und er neigten ihre Häupter und sprachen Thralda nochmals die Anteilnahme aus. Die Zwergin respektierte diese Worte, erklärte aber auch, dass eine letztendliche Segnung und Einäscherung im Kreise der Brüder und Schwestern stattfinden wird.
Draußen hatte längst die Nacht Besitz vom Himmel ergriffen. Thralda begleitete die beiden noch bis vor das Tor, ehe Vidar mit dem Abdruck der Wunde nach Nebelhafen zurückkehrte. Auf dem Gelände des Nexus wurde das Fragment vorerst sorgsam aufbewahrt, kurze Zeit später setzte sich der Druide dann in sein Schreiberzimmer. Er formulierte ein knappes Schreiben an den Zwergenkönig, welches ein Bote nur kurz darauf abholte und in Richtung des Berges brachte.
An
Zond Goldhammer,
König der Zwerge, Hüter von Khul Gathol
Der Verbundenheit zum Gruße, König Zond,
nach eingehender Untersuchung der gefallenen Dawiwache möchte ich Euch, sofern Ihr es wünscht, meine Beobachtungen und Schlussfolgerungen persönlich vortragen.
Wir konnten einige, besorgniserregende Erkenntnisse gewinnen!
Ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht scheint mir daher mehr als angemessen, um dem Ernst dieser Angelegenheit gerecht zu werden. Ich stehe bereit, Euch zu einem Zeitpunkt Eurer Wahl in Khul Gathol zu begegnen oder Euch, sollte es Euer Wunsch sein, auch in Nebelhafen zu empfangen.
Mit Respekt und in der Hoffnung, zur Aufklärung beitragen zu können,
Vidar,
Druide des Nexus, Sammler von Wissen