Im Dienst des Namenlosen

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Cataleya
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Im Dienst des Namenlosen

Beitrag von Cataleya »


Im Dienst des Namenlosen


Der Raum roch nach Wachs und kaltem Stein.
Auf dem Tisch lagen die schwarzen Knochenhandschuhe, daneben der orangefarbene Knochenhelm, die Zähne dem Kerzenlicht zugedreht.

Das eben verfasste Pergament in der Hand.
Cataleya saß still. Die Linke ruhte am Rand des Blattes ohne es zu nehmen.
die Rechte lag über ihrem Herz.
Letztlich nahm sie es doch mit beiden Händen.

beim Lesen.png

Ein leiser Zug ging über ihren Mund, das Zischen der Luft zwischen Lippen und Zähne.
Die Worte der Geißeln liefen wie Perlen im Innern.
Ein Teil von ihr wollte das Schreiben jetzt dem Boten geben, es zum Altar tragen lassen, wie einen Dolch mit offenem Griff.
Der andere Teil, suchte um Geduld.
Ihr Blick glitt über die Handschuhe, der Helm neben ihnen schien für einen Herzschlag zu atmen. Auch wenn es nur das Flackern des Kerzenschein war.
In ihrer Brust regte sich der Stolz. Unbeweglich und schwer. Daneben das andere, das schärfere, deutlich schwerer zu kontrollieren Hass, gezügelt und kalt.

Sie atmete aus, drehte es etwas hin und her, als prüfe sie ob die Zeilen noch stehen, wenn man sie aus einem anderen Winkel liest.

Taten sie. Jede einzelne.

"Wenn ich es jetzt gebe, ist der Weg offen."
"Unrecht im stillen, solange keiner weiß wie lange ich zögere?"


Sie legte die Handschuhe ein Stück näher an das Schreiben. Den Helm drehte sie, dass er zum Pergament sah.
Dann schob sie das Pergament unter eine Weinflasche.
Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen für drei lang anhaltende Atemzüge und sinnte über vergangene Tage.

Als sie ihre Augen wieder öffnete lag der Raum genauso da und alles war entschieden nur der Moment noch nicht.
MilaCaralina
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Re: Im Dienst des Namenlosen

Beitrag von MilaCaralina »

 Als Mila den Raum betrat, blieb sie für einen Herzschlag im Türrahmen stehen.
Ihre dunklen Augen glitten zuerst über den Boten, der stumm an der Wand wartete. Er sagte nichts, bewegte sich nicht – wartend.
 Dann fiel ihr Blick auf den schweren Eichentisch.
Darauf lag ein Pergament ausgebreitet wie ein stummes Urteil im matten Licht.
 Mila atmete langsam ein.
 Sie ging auf geradem Weg zum Tisch. Sie sprach nicht, grüßte nicht – sie tat, was sie immer tat: folgen. Aber nur einer. Nur Cataleya. 
 Am Tisch angelangt, legte Mila die schmalen Fingerspitzen auf das Pergament und beugte sich hinunter.
Sie begann zu lesen.
Zeile um Zeile, Wort für Wort.
 Während sie las, veränderte sich ihr Gesicht kaum – Mila war ein stiller Mensch, schweigsam wie Stein. Doch in ihrem Inneren regte sich etwas:
Ein schweres, ruhiges Glühen in ihrer Brust. Stolz.
Die Worte waren stark. Unbeugsam.
Genau so, wie Mila sie kannte.
Genau so, wie sie sie ehrte.

Als sie die letzten Zeilen erreichte, blieb ihr Blick auf Cataleyas Unterschrift ruhen.
Lang.
Still.
Eine stumme Loyalität, die tiefer war als jede ausgesprochene Bindung.
 Dann richtete sie sich auf. Ohne Geräusch.
Sie brauchte keine Zeit, um zu überlegen – ihre Treue dachte nicht nach.
Sie wusste.
 Mila wandte sich zur Vorratskiste am hinteren Ende des Raumes. Sie öffnete den Deckel mit einer ruhigen Bewegung. Darin lag eine Auswahl gereinigter Knochen – jeder sorgfältig vorbereitet, jeder würdig als Zeichen.
 Sie fuhr mit der Hand darüber, spürte die glatte, kalte Oberfläche.
Ihr Herz schlug ruhig, doch fester als sonst.
Sie wählte einen einzelnen Knochen: schlicht, hell, unverziert.
Rein.
Ehrlich.
Ein ehrliches Symbol.
 Mit Garn aus der Schublade kehrte sie zum Tisch zurück.
Sie hob das Pergament an, drehte es ein Stück und legte den Knochen an dessen unteres Ende.
Mit langsamen, sicheren Bewegungen band sie ihn fest. Einmal. Zweimal. Dreimal.
Jede Umwicklung ein stilles Bekenntnis.
 Sie sprach kein Wort.
Sie musste nicht.
Der Knoten sagte alles.
 Als sie fertig war, strich sie einmal über das Pergament – eine Geste, kaum sichtbar, doch voller Bedeutung. Ein unausgesprochener Eid:
 Ich folge dir. Nur dir.
 Danach trat sie zurück und folgte ihrem Tagwerk.
Revan
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Re: Im Dienst des Namenlosen

Beitrag von Revan »

Der Raum empfing ihn mit derselben Stille wie zuvor.
Doch heute war etwas anders darin.
Etwas kaum Fassbares,
wie ein Luftzug in einem fensterlosen Ort.

Das Pergament lag auf dem Tisch.
Cataleyas Schrift.
Mila’s Knoten.
Der Knochen.

Revan trat näher.
Seine Schritte leise,
nicht aus Vorsicht
sondern aus einem Gefühl,
als wolle er etwas nicht stören,
das bereits im Aufbruch lag.

Er überflog die Zeilen nicht.
Er ließ sie durch sich hindurchgleiten,
wie Rauch durch kalte Luft.
Und während er sie las,
zog ein Gedanke an ihm vorbei
so flüchtig, dass er ihn fast überhörte.

Vielleicht ist sie nun bereit.
Nicht als Satz.
Nicht als Wille.
Mehr als ein leises Echo irgendwo tief in ihm,
wo Entscheidungen entstehen,
bevor man ihnen Namen gibt.

Er griff in den Mantel.
Der Knochen war dort, wo er ihn immer trug.
Warm.
Vertraut.
Ein stiller Gefährte für Wege, die kein Licht brauchen.

Er legte ihn an die obere Kante des Pergaments,
löste den Faden von seinem Handgelenk
und band ihn fest.

Einmal.
Zweimal.
Dreimal.

Jeder Zug des Fadens knapp,
präzise,
als würde er nicht nur einen Knochen befestigen,
sondern einen Schritt markieren,
den niemand laut aussprach.

Als er fertig war,
blieb seine Hand einen Moment länger liegen.
Nicht aus Zögern.

Eher,
als lausche er darauf,
ob der Raum dieselbe Frage stellte
wie sein Inneres.

Er zog die Hand zurück.
Langsam.
Fast ruhig.

Revan wandte sich zum Gehen.
Sein Blick streifte den Tisch ein letztes Mal
nicht prüfend,
nicht besitzergreifend.
Nur still.

Und in diesem Blick lag etwas,
das es zuvor nicht gegeben hatte:

Nicht Hoffnung.
Nicht Erwartung.
Nur das stille Wissen,

dass,
wenn sie wirklich bereit war
sein Weg längst derselbe geworden war.

Dann ging er.
Und die Stille hinter ihm fühlte sich an wie ein Raum,
der wusste,
dass zwei Schritte bald in dieselbe Richtung führen würden.
Sam
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Re: Im Dienst des Namenlosen

Beitrag von Sam »

Wie auch Sam das schreiben auf dem schweren Eichentisch erblickt und gelesen hat, knotet auch sie einen Knochen an das Pergament. Als stille Botschaft 
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Cataleya
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Re: Im Dienst des Namenlosen

Beitrag von Cataleya »

Tag drei, danach


Die Nacht hatte sie im Keller verbracht, knieend vor ihrem Altar. Als sie die Stufen hinaufstieg, brannten ihre Knie,
ein stilles Zeugnis dafür wie lang man auf kaltem Boden verharren kann.
Oben fiel ihr Blick auf den Tisch. Das Pergament lag nicht mehr dort, wo sie es unter die Weinflasche geklemmt hatte, sondern ein Stück verrückt.
Drei Knochen waren daran befestigt. Einen Atemzug hielt Sie inne. Schließlich setzte sie sich an den Eichentisch.
Der Docht der Tischkerze knisterte, kurz vor dem Erlöschen. Am unteren, ausgerollten Rand sah sie ein Garn, das nicht von ihrer Hand stammte.
Behutsam hob sie den kleinen Knochen, sorgsam mit Faden gebunden. Ein zweiter gebunden am oberen Rand, ein dritter nahe beim ersten.
Cataleya fuhr mit dem Daumen darüber, sie wollte prüfen ob sie träume.
"Ist es Zufall oder Zeichen?"

Gerade als Sie es fertig machen wollte, um es dem Boten in die Hand zu legen sprangn die Tür auf.
Eine kurze wenn gleichsam intensieve Unterredung für Cataleya folgte.
Die Erschpöpfung der nacht und zu wenig Schlaf noch in den Knochen, war es wohl genau das wonach sie sich jetzt sehnte ohne es zuzugeben.
Und dann die Worte: "Nur ein Narr folgt Blind. Und du bist keine Närrin."

Es waren genau jene Worte die Cataleya tiefer trafen als es der Anschein zu ließ.

Wie sie wieder allein war, sinnte sie dem Gespräch einen Moment nach, doch dann;
legte die Finger an die Kanten und rollte das Pergament langsam zusammen, Schicht um Schicht, bis das Siegel außen ruhte.
"Ich steige nicht im Rang, doch verleugne ich nicht, wem ich diene."
Die Worte fielen so leise, daß sie den Tisch kaum überschritten.
Sie stand auf. Der Bote, der still drei Nächte an der Wand gewartet hatte, trat einen halben Schritt vor.
Cataleya legte ihm die Rolle in die geöffnete Hand und drückte kurz zu.
"Fertige Abschriften. Ein jeder Priester, eine jede Stimme soll dieses Schreiben erhalten."

Kein weiteres Wort. Der Bote neigte das Haupt und die Tür schloß sich weich.
In der Stille wandte sie sich zur Wand. Dort hing das Schwert ihrer Weihe.
Sie hielt seinen Blick einen Atem lang, als lausche sie auf einen alten Eid, dann löschte sie die Kerze mit zwei Fingern und blieb im Dunkel noch eine weile sitzen.
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Cataleya
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Re: Im Dienst des Namenlosen

Beitrag von Cataleya »

Tage im Tempel

Am Tempel.png

In den letzten Tage war es still geworden, die Säulen waren mit Diplomati beschäftigt und die, die Kämpfen konnten bereiteten sich auf die Überfahrt vor.
Cataleya hatte sich im Tempel zurückgezogen schlicht als Gläubige, die keine Antworten fand die sie mit Stahl erschlagen konnte.

Am ersten Tag hatte sie stundenlang vor dem Hauptaltar gekniet. Erst vor SEINEM Zeichen, dann wie so oft, vor dem blutigen Altar Liliths.
Die Knie schmerzten von den Steinplatten, der Rücken vom unbeweglichen Sitzen,
doch sie rührte sich kaum. Nur ihre Lippen bewegten sich, leise, immer wieder die gleichen Sätze:
"Treue und Unterwerfung dem Entfesselten…"

Nigheans Stimme hing ihr im Kopf, als stünde die Priesterin noch immer neben ihr.
"Ehre ihren Aspekt. Aber unterwirf dich SEINER Ordnung. So wie es die Vier selbst getan haben."
Sie hatte die Knochenarmschienen abgenommen, die Handschuhe niedergelegt und die vernarbten Hände sichtbar gelassen.
Jede Brandspur, jeder Schnitt eine Erinnerung.

In der Nacht war sie nicht in ihre Stube zurückgekehrt.
Stattdessen hatte sie sich in eine Nische des Tempels zurückgezogen, den Rücken an die kalte Wand gelehnt, den Blick auf das flackernde Licht gerichtet.
Schlaf kam nur in kurzen Stößen.
Am zweiten Tag hatte sie die Stille anders genutzt. Sie war die Gänge des Tempels abgelaufen, langsam, beinahe rastlos, an den Schreinen der Winde vorbei.
Kaum jemand befand sich sonst im Tempel. Hier und da mal ein paar Schritte ind er Ferne. Oder waren es der Wiederhall der eigenen?

"Seine Schwarze Hand leitet mich, Leviathan lässt mich nach Höherem streben…"
Sie hatte diese Worte im Gespräch mit Nighean gesagt. Es war nicht gelogen gewesen.
Und doch war es immer Lilith gewesen, der sie Opfer brachte; ein Altar, einen Drachen, Knochen und Blut.
Vor einem schlichten, kaum geschmückten Schrein des Entfesselten blieb sie schließlich stehen.
Kein Schädel, kein Blut, nur Stein und Symbol. Sie legte die Handflächen auf die Platte, spürte den kalten Untergrund.
"Wenn ich falsch geordnet bin," murmelte sie leise, "dann richte mich. Aber nicht, indem du mich weich machst. Sondern klar."
Sie dachte an Nigheans letzte Worte:
Es wird vielleicht einmal der Moment kommen, an dem du dich entscheiden musst.
Zwei Tage im Tempel hatten ihre Überzeugung nicht gebrochen, doch sie hatten etwas verschoben.
Lilith, hatte Risse bekommen, ihm zu Gunsten. Dahinter trat etwas Größeres hervor, das sie nie leugnen wollte, aber stets an den Rand gedrängt hatte;
ER. Die Ordnung, der Schwur der Vier, der Gedanke, dass sogar Lilith nicht für sich selbst, sondern für IHN dürstete.

Am Abend des zweiten Tages verließ Cataleya schließlich den Tempel.
Die Bewegungen waren dieselben wie immer, der Schritt fest, der Blick ruhig.
Doch in der Art, wie sie kurz innehielt, bevor sie die Schwelle übertrat und noch einmal zu den Altären zurücksah, lag etwas Neues;
Keine Zweifel an Lilith.
Aber zum ersten Mal seit langer Zeit die leise, gefährliche Frage, ob sie vielleicht weniger untreu war, wenn sie sich Ihm unterwarf, so wie die, deren Schatten sie so sehr verehrte.
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Nighean
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Re: Im Dienst des Namenlosen

Beitrag von Nighean »

Das Gespräch am Brunnen ließ Nighean nicht los.
 
Es war keines dieser Gespräche gewesen, die laut endeten oder klare Linien zogen. Kein Streit, kein Schwur, keine Forderung. Und doch hatte sie seitdem immer wieder an Cataleya gedacht, an ihre Worte, ihre Gewissheiten, an die Art, wie sie den Namen Liliths trug, schwerer als alle anderen.

Nicht falsch.
Aber schwer.

Nighean erinnerte sich an den Moment, in dem sie ausgesprochen hatte, was sie lange nur gedacht hatte. Das Cataleya einem höheren Ziel unterlag. Nicht dem des Südwinds. Nicht allein dem Tod. Sondern SEINEM.

Sie hatte nicht gewusst, ob diese Worte etwas auslösen würden. Oder ob sie verhallen würden wie so viele zuvor.

Am dritten Tag nach dem Gespräch trat der stumme Mönch an sie heran.

Er sagte nichts, wie immer. Doch er trug Zeichen bei sich. Kleine, unscheinbare Gesten, die Nighean gelernt hatte zu lesen. Er berichtete von Bewegung im Tempel. Von einer Wächterin, die nicht kam, um zu bitten oder zu opfern, sondern um zu bleiben.

Cataleya....

Der Mönch deutete an, dass sie lange gekniet hatte. Erst vor dem Zeichen des Entfesselten. Dann vor dem Altar Liliths. Keine Hast. Keine Zurschaustellung. Nur Verharren.

Nighean schloss für einen Moment die Augen.

~ So also, ~ dachte sie. ~ Nicht Flucht. Nicht Trotz. ~

Der Bericht setzte sich fort.

Cataleya habe die Nacht im Tempel verbracht. Nicht in ihrer Stube. Nicht im Kreis anderer. In einer Nische, abseits, mit Blick auf das Licht der Altäre. Kaum Schlaf. Viel Stille.

Am nächsten Tag habe sie die Gänge durchschritten. Langsam. Die Schreine der Winde. Keine Gebete, keine Opfer, kein Kniefall, nur Verweilen. Wahrnehmen.
Und schließlich habe sie vor dem schlichten Schrein des Entfesselten gestanden. Lange. Mit bloßen Händen auf dem kalten Stein.
Der Mönch wusste nicht, was sie dort gesagt hatte.

Aber er wusste, dass sie dort gewesen war.

Nighean dankte ihm mit einer Geste. Mehr brauchte es nicht.

Als sie allein war, setzte sie sich. Nicht aus Müdigkeit, sondern um zu ordnen.

Cataleya hatte nicht versucht, Antworten zu erzwingen.
Sie hatte nicht nach Lilith gerufen.
Sie hatte nicht verlangt, gesehen zu werden.

~ Das ist neu, ~ dachte Nighean.

Nicht, dass Cataleya gezweifelt hätte. Zweifel hatte sie nicht gespürt.
Aber etwas hatte sich verschoben. Ein Gewicht war verrückt worden. Nicht von der Hand genommen, nur neu verteilt.

Nighean erinnerte sich an ihre eigenen Worte am Brunnen.

An den Satz, den sie nicht leichtfertig gesprochen hatte:
          Es wird vielleicht einmal der Moment kommen, an dem du dich entscheiden musst.

Vielleicht war dieser Moment noch nicht gekommen.
Aber Cataleya hatte begonnen, ihn zu erkennen.

Und das war gefährlicher, und ehrlicher, als jede offene Rebellion.

Nighean wusste, dass sie nun vorsichtig sein musste.
Nicht, um Cataleya zu schützen.
Sondern um sie nicht zu früh zu formen.

Manche Ordnungen mussten von innen gefunden werden.
Und manche Wächter mussten lernen, dass Unterwerfung nicht Verlust bedeutete, Sondern Maß.

Sie erhob sich schließlich.

Noch würde sie nichts sagen.
Noch würde sie niemanden rufen.

Aber sie würde beobachten.
Denn eine Wächterin, die in der Stille blieb, war nicht gefallen.

Sie war unterwegs.
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Cataleya
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Re: Im Dienst des Namenlosen

Beitrag von Cataleya »

Gedanken auf Fremden Boden


Am Feuer 2.png

Der Regen hatte das Lager längst in ein gleichmäßiges Rauschen getaucht.
Das Feuer vor Cataleya machte mehr Schatten als das es Licht warf. Über abseits von ihr flatterte das Banner Suroms im nassen Wind, und knapp vor dem Strand lag die Ameda.

Sie saß da, die Knochenhandschuhe neben sich im Sand, die vernarbten Finger im Schoß.
Die Narbe, die ihr nun quer durchs Gesicht zog und die Lippe teilte, fühlte sich noch fremd an, wie ein Strich eine weitere Erinnerung die bleiben würde.

Cecilias Worte waren zuerst nur wie ein Rest Hall, irgendein Satz aus einer Andacht.

Lilith will Opfer sehen.
So hat Cecilia es gesagt. Und sie hatte genickt, damals.
Natürlich. Blut, Knochen und der Drachen. All das hatte sich so wunderbar in ihr eigenes Bild gefügt.
Lilith, die Herrin des Todes, die jene belohnt, die bereit sind, mehr zu geben als andere.

Aber Cecilia war nicht bei diesem einen Satz stehen geblieben.
Sie hatte danach von dem Geschenk gesprochen, dass ER jedem Leben macht von der Zeit die abgemessen ist und davon, dass kein Tropfen Blut nur der Blutgräfin gehört.
Dass jede Wunde jedes Opfer, das einem Wind zugeordnet wird letztlich eine Antwort auf SEINEN Willen ist.

Damals hatte Cataleya eher den Teil behalten, der ihr gefiel. Lilith will Opfer sehen. Punkt.

Jetzt, mit Nighean als Stimme im Nacken, ergab der Rest plötzlich einen anderen Klang.
Nighean hatte sie in der Stadt an den Schöpfungsbericht erinnert, an Echsen und Orks an Weisheit und Torheit, an die Vier, die sich um den Namenlosen versammeln.
Ihm Treue schwören. Sie hatte ruhig die Ordnung ausgelegt.
Lilith trägt, ja. Lilith dürstet, ja. Aber sie dürstet in SEINEM Namen, nicht in ihrem eigenen.

Cataleya starrte in die Glut, als könnte sie die beiden Stimmen darin sehen. Cecilias sachtes, festes Dozieren, Nigheans leises, aber unnachgiebiges Drängen.

Ich habe einen Drachen in deinen Tempel geführt, dachte sie. Nur für sie. Die heilige Mutter welche ihr selbst einmal gegenüber erwähnte
eine berührte Lilith zu sein, erblickte die Opfergabe. Mahnte Cataleya wieder Ordnung im Tempel zu schaffen.
Sie erinnerte sich an den Klang der Kette auf den Stufen, an das Brechen der Wirbel an den Geruch von heißem Blut.
Sie hatte das als reines Lilith-Opfer verstanden, als Handel fast, Gaben für Gaben. Gegenleistung, Danksagung.

Wenn sie ehrlich war, hatte sie dabei nie gefragt, ob der Namenlose den Drachen überhaupt haben wollte
oder ob sie ihn gebracht hatte, weil sie sich in den Spiegel dieser Tat verliebt hatte.

Der Regen rann über den Rand ihrer Kapuze, zeichnete kalte Linien über die Wange, entlang der Narbe.
Vielleicht war das Opfer nicht falsch, ging es ihr durch den Kopf. Nur falsch geordnet.

Cecilia sagte, dass die Winde mit ihrem Wirken IHM dienen.
Nighean hatte sie daran erinnert, dass selbst Lilith sich nicht über den Entfesselten erhebt, sondern in seine Ordnung eingefügt ist.

Was blieb dann von all den Jahren, in denen sie Lilith gesagt hatte, wo sie ER hätte meinen müssen?

Sie zog die Knie etwas näher heran, die Knochenschienen rieben leise aneinander.
Auf der Überfahrt, am Ruder war es leichter gewesen.
A’groniam hatte entschieden, der Kopf des Kapitäns lag vor ihr aus und in diesem Moment hatte sie SEINE Ordnung klarer gespürt als jeden Wind.
Es war, als hätte jemand die Seile nachgezogen die das ganze Gefüge hielten, Imperator, Säulen, Winde, Wächter.

Vielleicht, dachte sie, war das der Unterschied.
Lilith gab ihr Kraft, Mut, diese raue blutige Entschlossenheit.
Aber der Kurs den sie damit lief wurde fremdbestimmt. Von dem dessen Namen in keiner Maske, in keinem Knochen eingraviert war und der gerade deshalb alles darunter überragte.

Sie wird sich gefreut haben, hatte Nighean über den Drachen gesagt.
Und dann, Aber sie dient IHM, nicht dir.

Das "nicht dir" brannte mehr in ihr nach als alles andere.

Sie hatte Lilith immer wie eine Verbündete behandelt, fast wie eine Schutzpatronin.
Cecilia und Nighean machten ihr nun klar, dass sie damit beide Seiten verkürzt hatte, jene von Lilith und den Namenlosen.

Wenn Lilith ihm dient, dann war ihr bisheriger Weg im besten Fall einseitig, im schlimmsten Fall anmaßend.
Der Wind drehte und trug den Geruch von nassem Salz und kalter Asche heran.
Cataleya hob den Blick, sah zum Banner hinüber. Rot, schwarz, der goldene Saum und der Regen der daran herabrann.

Treue und Unterwerfung dem Entfesselten sagte Nighean zum Abschied gesagt.

Sie schmeckte die Worte zwischen den Zähnen als probiere sie eine neue Klinge aus.
Treue, dies war ihr nie schwer gefallen. Allein für Surom.
Unterwerfung, war der Teil an dem alles klemmte.

Unter Liliths Maske zu dienen, war leicht gewesen.
Blut, Schmerz, Opfer, alles Dinge, die sie verstand. Unter einem Gott zu dienen, dessen Wille sich in Ordnung, Struktur und manchmal auch mit Schwärze zeigte.
Cecilias nüchterne Theologie, Nigheans geduldige Strenge beide schoben sie in dieselbe Richtung.
Weg vom Kult eines einzigen Wind, hin zu einem Glauben in dem sie nicht diejenige war die entscheidet wem was gehört.

Vielleicht, dachte sie, war das die eigentliche Zumutung.
Nicht, dass sie weniger Lilith dienen sollte. Sondern dass sie akzeptieren musste,
dass jede noch so blutige Gabe, die sie ihr brachte, am Ende auf einen Altar gelegt wurde, der größer war als jeder Schrein, den sie in ihrem Haus hatte.

Ein Funken sprang aus der Glut, verglühte im nassen Sand.
Cataleya atmete einmal tief durch.

"Du bekommst deine Opfer", murmelte sie in die Nacht, nicht sicher ob sie mit Lilith oder mit dem Namenlosen sprach.

Es war kein Gelöbnis, noch keine Bekehrung.
Eher ein erster, rauer Schritt.

Die See rauschte, die Zeltplanen knatterten leise.
Und irgendwo in all dem Lärm legte sich der Gedanke wie ein Keil zwischen ihre alten Gewissheiten.

Vielleicht bin ich ihm nicht untreuer, wenn ich Lilith liebe sondern wenn ich weiß wem sie gehört.

Damit endete Sie ihre Gedanken und widmete sich wieder dem, was wichtig war. Das Erbe des Wissens, über diese Insel.
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