Gedanken auf Fremden Boden
Der Regen hatte das Lager längst in ein gleichmäßiges Rauschen getaucht.
Das Feuer vor Cataleya machte mehr Schatten als das es Licht warf. Über abseits von ihr flatterte das Banner Suroms im nassen Wind, und knapp vor dem Strand lag die Ameda.
Sie saß da, die Knochenhandschuhe neben sich im Sand, die vernarbten Finger im Schoß.
Die Narbe, die ihr nun quer durchs Gesicht zog und die Lippe teilte, fühlte sich noch fremd an, wie ein Strich eine weitere Erinnerung die bleiben würde.
Cecilias Worte waren zuerst nur wie ein Rest Hall, irgendein Satz aus einer Andacht.
Lilith will Opfer sehen.
So hat Cecilia es gesagt. Und sie hatte genickt, damals.
Natürlich. Blut, Knochen und der Drachen. All das hatte sich so wunderbar in ihr eigenes Bild gefügt.
Lilith, die Herrin des Todes, die jene belohnt, die bereit sind, mehr zu geben als andere.
Aber Cecilia war nicht bei diesem einen Satz stehen geblieben.
Sie hatte danach von dem Geschenk gesprochen, dass ER jedem Leben macht von der Zeit die abgemessen ist und davon, dass kein Tropfen Blut nur der Blutgräfin gehört.
Dass jede Wunde jedes Opfer, das einem Wind zugeordnet wird letztlich eine Antwort auf SEINEN Willen ist.
Damals hatte Cataleya eher den Teil behalten, der ihr gefiel. Lilith will Opfer sehen. Punkt.
Jetzt, mit Nighean als Stimme im Nacken, ergab der Rest plötzlich einen anderen Klang.
Nighean hatte sie in der Stadt an den Schöpfungsbericht erinnert, an Echsen und Orks an Weisheit und Torheit, an die Vier, die sich um den Namenlosen versammeln.
Ihm Treue schwören. Sie hatte ruhig die Ordnung ausgelegt.
Lilith trägt, ja. Lilith dürstet, ja. Aber sie dürstet in SEINEM Namen, nicht in ihrem eigenen.
Cataleya starrte in die Glut, als könnte sie die beiden Stimmen darin sehen. Cecilias sachtes, festes Dozieren, Nigheans leises, aber unnachgiebiges Drängen.
Ich habe einen Drachen in deinen Tempel geführt, dachte sie. Nur für sie. Die heilige Mutter welche ihr selbst einmal gegenüber erwähnte
eine berührte Lilith zu sein, erblickte die Opfergabe. Mahnte Cataleya wieder Ordnung im Tempel zu schaffen.
Sie erinnerte sich an den Klang der Kette auf den Stufen, an das Brechen der Wirbel an den Geruch von heißem Blut.
Sie hatte das als reines Lilith-Opfer verstanden, als Handel fast, Gaben für Gaben. Gegenleistung, Danksagung.
Wenn sie ehrlich war, hatte sie dabei nie gefragt, ob der Namenlose den Drachen überhaupt haben wollte
oder ob sie ihn gebracht hatte, weil sie sich in den Spiegel dieser Tat verliebt hatte.
Der Regen rann über den Rand ihrer Kapuze, zeichnete kalte Linien über die Wange, entlang der Narbe.
Vielleicht war das Opfer nicht falsch, ging es ihr durch den Kopf. Nur falsch geordnet.
Cecilia sagte, dass die Winde mit ihrem Wirken IHM dienen.
Nighean hatte sie daran erinnert, dass selbst Lilith sich nicht über den Entfesselten erhebt, sondern in seine Ordnung eingefügt ist.
Was blieb dann von all den Jahren, in denen sie Lilith gesagt hatte, wo sie ER hätte meinen müssen?
Sie zog die Knie etwas näher heran, die Knochenschienen rieben leise aneinander.
Auf der Überfahrt, am Ruder war es leichter gewesen.
A’groniam hatte entschieden, der Kopf des Kapitäns lag vor ihr aus und in diesem Moment hatte sie SEINE Ordnung klarer gespürt als jeden Wind.
Es war, als hätte jemand die Seile nachgezogen die das ganze Gefüge hielten, Imperator, Säulen, Winde, Wächter.
Vielleicht, dachte sie, war das der Unterschied.
Lilith gab ihr Kraft, Mut, diese raue blutige Entschlossenheit.
Aber der Kurs den sie damit lief wurde fremdbestimmt. Von dem dessen Namen in keiner Maske, in keinem Knochen eingraviert war und der gerade deshalb alles darunter überragte.
Sie wird sich gefreut haben, hatte Nighean über den Drachen gesagt.
Und dann, Aber sie dient IHM, nicht dir.
Das "nicht dir" brannte mehr in ihr nach als alles andere.
Sie hatte Lilith immer wie eine Verbündete behandelt, fast wie eine Schutzpatronin.
Cecilia und Nighean machten ihr nun klar, dass sie damit beide Seiten verkürzt hatte, jene von Lilith und den Namenlosen.
Wenn Lilith ihm dient, dann war ihr bisheriger Weg im besten Fall einseitig, im schlimmsten Fall anmaßend.
Der Wind drehte und trug den Geruch von nassem Salz und kalter Asche heran.
Cataleya hob den Blick, sah zum Banner hinüber. Rot, schwarz, der goldene Saum und der Regen der daran herabrann.
Treue und Unterwerfung dem Entfesselten sagte Nighean zum Abschied gesagt.
Sie schmeckte die Worte zwischen den Zähnen als probiere sie eine neue Klinge aus.
Treue, dies war ihr nie schwer gefallen. Allein für Surom.
Unterwerfung, war der Teil an dem alles klemmte.
Unter Liliths Maske zu dienen, war leicht gewesen.
Blut, Schmerz, Opfer, alles Dinge, die sie verstand. Unter einem Gott zu dienen, dessen Wille sich in Ordnung, Struktur und manchmal auch mit Schwärze zeigte.
Cecilias nüchterne Theologie, Nigheans geduldige Strenge beide schoben sie in dieselbe Richtung.
Weg vom Kult eines einzigen Wind, hin zu einem Glauben in dem sie nicht diejenige war die entscheidet wem was gehört.
Vielleicht, dachte sie, war das die eigentliche Zumutung.
Nicht, dass sie weniger Lilith dienen sollte. Sondern dass sie akzeptieren musste,
dass jede noch so blutige Gabe, die sie ihr brachte, am Ende auf einen Altar gelegt wurde, der größer war als jeder Schrein, den sie in ihrem Haus hatte.
Ein Funken sprang aus der Glut, verglühte im nassen Sand.
Cataleya atmete einmal tief durch.
"Du bekommst deine Opfer", murmelte sie in die Nacht, nicht sicher ob sie mit Lilith oder mit dem Namenlosen sprach.
Es war kein Gelöbnis, noch keine Bekehrung.
Eher ein erster, rauer Schritt.
Die See rauschte, die Zeltplanen knatterten leise.
Und irgendwo in all dem Lärm legte sich der Gedanke wie ein Keil zwischen ihre alten Gewissheiten.
Vielleicht bin ich ihm nicht untreuer, wenn ich Lilith liebe sondern wenn ich weiß wem sie gehört.
Damit endete Sie ihre Gedanken und widmete sich wieder dem, was wichtig war.
Das Erbe des Wissens, über diese Insel.