Vor dem Mond

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Taede
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Vor dem Mond

Beitrag von Taede »

Taede kam nicht mit großen Erwartungen nach Solgard.

Sie kam mit einem Schiff, zusammen mit Waren, Matrosen und Menschen, die hofften, in der Stadt etwas zu finden, das sie anderswo verloren hatten. Der Hafen roch nach Salz, Teer und nassem Holz. Stimmen mischten sich mit dem Kreischen der Möwen, und für einen kurzen Moment blieb Taede stehen und sah zu, wie das Schiff wieder ablegte, das sie hergebracht hatte.

Sie sah ihm nicht lange nach.

Solgard war laut, eng und voller Bewegung. Genau das hatte sie gesucht. Eine Stadt, in der niemand fragte, woher man kam, solange man wusste, wohin man ging. Taede wusste es zunächst selbst nicht. Also ging sie einfach los.

Die ersten Tage lebte sie von dem, was sie tragen konnte. Kleine Arbeiten, Botengänge für Händler, Laufdienste zwischen Tavernen und Lagerhäusern. Solgard war ein Netz aus Wegen, Abkürzungen und Gassen, und Taede lernte schnell, sich darin zu bewegen. Sie merkte sich, welche Straßen nachts belebt blieben und welche man besser mied. Welche Türen sich leicht öffnen ließen und welche besser geschlossen blieben.

Sie stellte keine Fragen. Sie beantwortete sie auch nicht gern.

Als Botin war sie zuverlässig. Nicht auffällig, nicht langsam. Sie hörte zu, ohne zuzuhören, und vergaß Dinge, die nicht für sie bestimmt waren. Das sprach sich herum. Bald hatte sie feste Auftraggeber, kleine Siegelringe, an denen man sie erkannte, und einen abgewetzten Beutel, in dem sich mehr Zettel als Münzen sammelten.

Ihr Alltag folgte einem einfachen Rhythmus.

Morgens kurze Wege, eilige Nachrichten. Mittags das Gedränge der Märkte, der Geruch von Brot, Gewürzen und gebratenem Fleisch. Abends längere Wege, diskretere Aufträge. Und nachts die Stadt, wie sie wirklich war, gedämpft, wachsam, voller unausgesprochener Abmachungen.

Taede mochte diese Stunden. Die Stadt schien ehrlicher, wenn sie müde war.

Sie verdiente genug, um zu bleiben. Ein Bett in einer schlichten Herberge, warmes Essen, ab und zu ein Becher Bier. Kein Luxus, aber Stabilität. Sie begann, Solgard nicht mehr als Durchgangsort zu sehen, sondern als etwas, das man kennen konnte.

Vielleicht sogar als Zuhause.

Sie dachte nicht viel über die Zukunft nach. Das hatte sie sich abgewöhnt. Wichtig war, dass sie sich bewegen konnte. Dass sie nicht festgebunden war. Dass sie ihren eigenen Weg ging, Schritt für Schritt, Auftrag für Auftrag.

Der Mond spielte dabei keine Rolle.

Er war da, natürlich. Über den Dächern, über den Türmen, über den schiefen Gassen. Aber Taede war kein Mensch, der in den Himmel sah, wenn er lief. Sie achtete auf den Boden, auf Geräusche, auf Bewegung. Der Mond war für Träumer.

Und sie hatte keine Zeit zu träumen.
 
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Taede
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Re: Vor dem Mond

Beitrag von Taede »

...Der Biss

Solgard schlief nie ganz.

Selbst nachts blieb die Stadt ein Geflecht aus Schritten, Stimmen und flackerndem Licht. Táede kannte diese Stunden gut. Als Botin bewegte sie sich dort, wo Wege kurz waren und Fragen selten gestellt wurden. Diese Nacht war nicht anders als viele zuvor.

Die Botschaft war klein. Ein gefalteter Zettel, sorgfältig versiegelt, nichts Besonderes. Einer von vielen Aufträgen, wie sie ihn schon dutzendfach erledigt hatte. Ein schneller Weg, ein paar Münzen, vielleicht später ein Becher Bier. Routine.

Der Mond stand hell über den Dächern, doch Táede schenkte ihm keine Beachtung. Der Mond war für Träumer.

Erst das Gefühl ließ sie langsamer werden.

Die Geräusche der Stadt klangen gedämpft. Schritte hallten zu klar, ihr eigener Atem zu laut. Eine Unruhe kroch unter ihre Haut, kein klares Warnsignal, eher ein instinktives „Achtung“.

Sie bog in eine schmale Gasse ein.

Der Geruch traf sie zuerst. Warm. Metallisch. Fremd.

Táede blieb stehen, die Hand nahe am Gürtel, ohne eine Waffe zu ziehen. Dann bewegte sich der Schatten.

Er trat nicht aus der Dunkelheit hervor, er löste sich aus ihr. Groß, gebeugt, kaum noch menschlich in seiner Silhouette. Augen reflektierten das Mondlicht, ein matter Schimmer, der nichts mit Verstand zu tun hatte und doch wach war.

Táede wich einen Schritt zurück. Nicht panisch. Wachsam.

„Wenn du Geld willst“, begann sie, mehr aus Gewohnheit als aus Hoffnung, 

„dann...“

Der Satz endete, als er sprang.

Der Angriff war roh, ungeordnet, kein gezielter Überfall. Zähne rissen durch Stoff und Haut, Schmerz explodierte an ihrer Schulter. Der Kiefer grub sich fest, schüttelte sie, riss sie herum. Panisch tastete Táede nach dem Dolch an ihrem Gurt.

War das ein tollwütiger Straßenköter?

Endlich bekam sie den Griff zu fassen. Mit einer schnellen, ungezielten Bewegung, geboren aus purem Überlebenswillen, rammte sie den Dolch in das geöffnete Maul der Kreatur.

Das Knurren wurde lauter, wütender. Der Kiefer zuckte, etwas gab nach.
Zu dem heißen Atem an ihrer Schulter kam eine warme Flüssigkeit hinzu. Kein Speichel. Der Geruch von Eisen lag in der Luft. Blut. Es ergoss sich über ihre Schulter, vermischte sich mit ihrem eigenen.

Die Bestie schüttelte sie ein letztes Mal, dann wurde Táede mit einem lauten Ratsch fortgeschleudert. Sie schlug hart auf dem Boden auf und rollte sich vor Schmerzen zusammen.
Doch das Wesen ließ noch nicht von ihr ab.

Es kam näher. Laut knurrend. Zu nah. Táede riskierte einen Blick. Dieses Wesen war viel zu groß für einen Hund. Es roch an ihren Füßen, als würde es ihren Geruch förmlich in sich aufnehmen.
Vor lauter Panik trat sie ihm ins Gesicht. Ohne es bewusst wahrzunehmen, war sie wieder auf den Beinen und rannte.

Nicht heldenhaft. Nicht elegant. Sie rannte, stolperte, fiel, rappelte sich wieder auf. Hinter ihr ein Knurren, dann nichts mehr. Ob der Verfolger verletzt war oder das Interesse verlor, wusste sie nicht. Sie drehte sich nicht um.

Erst weit entfernt, keuchend und blutend, sank sie an einer Mauer nieder. Die Wunde brannte, pochte, fühlte sich falsch an. Nicht wie eine normale Verletzung. Aber sie lebte. Und das reichte.

Die Wunde war tief, aber nicht tödlich. In Solgard bedeutete das wenig. Verletzungen gehörten zum Alltag. Táede ließ sie notdürftig versorgen, zahlte mit dem Lohn der Nacht und sprach nicht darüber. Sie hatte schon schlechtere Nächte gehabt.

In den Tagen danach kontrollierte sie die Schulter regelmäßig.
Aus Gewohnheit. Aus Vorsicht.

Die Ränder der Wunde schlossen sich zu schnell. Die Entzündung, die sie erwartet hatte, blieb aus. Wo Schmerz, Eiter oder Fieber hätten sein sollen, war nur ein dumpfes Ziehen und selbst das verschwand rasch. Táede hielt es zunächst für Glück. Vielleicht war der Biss sauber gewesen. Trotzdem ließ sie den Verband länger, als nötig gewesen wäre. Irgendetwas daran fühlte sich falsch an.

Dann kam das Fieber.

Nicht sofort. Nicht heftig. Sondern schleichend.
Ihr Körper brannte, obwohl die Wunde kaum noch schmerzte. Ein Widerspruch, den sie sich nicht erklären konnte. Táede arbeitete weiter. Sie musste es. Brot, Bier und ein Dach über dem Kopf zahlten sich nicht von selbst.

Also trug sie Nachrichten, auch wenn ihre Hände zitterten. Lief Wege, obwohl ihre Beine brannten. Saß abends keuchend auf Stufen, bis der Schwindel nachließ und sie sich wieder aufraffte.

Ihr Schlaf wurde flach und zerrissen.

Sie hielt all das für Krankheit. Für eine Infektion ohne sichtbaren Ursprung.
Die Wunde heilte, aber ihr Körper kämpfte.

Und dann begann er, Dinge zu tun, die nicht passten.

Gerüche wurden schärfer, bis selbst der Markt sie würgen ließ.
Früher hatte sie ihn gemocht. Der Duft exotischer Gewürze, von gebratenem Fleisch, frischem Brot und süßem Obst hatte nach Leben gerochen.

Jetzt war es anders.

Jetzt war es eine Mischung aus Paradies und Kloake. Überlagerte Aromen, faulige Reste, Schweiß, Abfälle, verdorbenes Wasser. Alles gleichzeitig. Zu nah. Zu viel. Táede musste sich abwenden und den Atem anhalten, bis der Brechreiz nachließ.

Geräusche drängten sich auf, als wären sie zu nah. Manchmal hörte sie Schritte, wo keine waren, oder spürte Bewegungen, Sekunden bevor jemand um die Ecke kam.

Schneller war sie, ohne es zu wollen. Reagierte früher, als sie dachte. Entwich Gefahren, bevor sie sie bewusst erkannte. Einmal fing sie einen fallenden Krug, ohne zu wissen wie. Ein anderes Mal wich sie einem Wagen aus, den sie erst hörte, als er schon an ihr vorbeiratterte.

Andere bemerkten es.

Nicht Menschen.
Andere.

Erst Wochen später, als der nächste Vollmond näher rückte, wurde sie eingeholt.

Sie wurde beobachtet.

Nicht offen. Nicht bedrohlich. Aber sie spürte es. Oder waren es die Symptome dieser unbekannten Krankheit, die sie das glauben lassen wollte? 

In Gassen. Auf Dächern. An Orten, an denen sie sonst allein war. Blicke, die nicht menschlich wirkten. Bewegungen, die ihr folgten, ohne sich zu zeigen. Als würden sie prüfen. Warten. Sichergehen.

Als wüssten sie, was sie war, lange bevor sie es selbst verstand.

In der Nacht des Vollmondes kam die Gewissheit.

Sie war vorbereitet. Nicht wissend, aber instinktiv. Etwas tief in ihr verlangte es. Ein leerstehendes Gebäude am Rand der Stadt, fern genug, um niemanden zu gefährden. Sie wollte ihren Verfolgern eine Falle stellen.

Doch es kam niemand.

Es kam nur der Schmerz...

Heftig. Unaufhaltsam. Ihr Körper brach und formte sich neu. Knochen, Haut, Atem, Bewusstsein, alles löste sich auf. Der letzte klare Gedanke war kein Schrei, sondern ein Keuchen.

Dann Dunkelheit.

Sie wachte nicht allein auf …
 
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Taede
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Re: Vor dem Mond

Beitrag von Taede »

* Für Elira Raureif, Lin Schlehendorn, Livius Quintus und Mayla - Vielen Dank! *

...sind wir alle gleich.

Das Feuer brannte ruhig in der Mitte der Höhle. Sein Licht tastete über den Boden, über die unebenen Steine, über die in den Fels eingelassenen Kreise, die wie alte Plätze wirkten, Orte an denen man gestanden, gesessen, gewartet hatte. Rauch stieg träge auf und verlor sich in der Dunkelheit über ihnen.
 
Taede saß auf einem der alten Baumstämme nahe des Feuers. Nicht bequem, eher so, als hätte man ihn irgendwann hier abgelegt und er wäre Teil der Höhle geworden. Ihr Blick war nach oben gerichtet, dorthin, wo die Malereien in den Stein geschlagen waren. Der Mond. Immer wieder der Mond. Umgeben von Linien, Zeichen, Spuren von Händen, die längst zu Staub geworden waren. „Taede?" Eliras Stimme klang hell in dem Raum, fast zu hell, als sie sich durch den schmalen Felsspalt zwängte. Das Geräusch von Stein auf Stoff, ein leises Schaben, dann stand sie im Feuerlicht. Taede reagierte nicht sofort. Ihr Blick blieb oben, bei der Malerei, als hätte sie Eliras Anwesenheit zwar wahrgenommen, aber noch nicht entschieden, ob sie sich davon lösen wollte.

Elira entdeckte sie. Ein kurzes Innehalten, dann hoben sich ihre Mundwinkel, nur ein wenig. Erleichterung, vielleicht. Oder einfach die Gewissheit, dass Taede noch da war, noch saß, noch atmete.
 
„Oh“, machte sie leise und ging näher heran. „Der Mond…“, sagte Taede schließlich. Ihre Stimme war ruhig, fast nüchtern, als würde sie etwas benennen, das schon die ganze Zeit zwischen ihnen gestanden hatte. „Ja. Der Mond“, bestätigte Elira und folgte ihrem Blick nach oben. Auch sie sah einen Moment lang hinauf, ließ das Bild wirken, ließ die Stille stehen. Dann wandte sie sich wieder Taede zu. „Was weißt du darüber?“ Taede zog kaum merklich die Schultern hoch. „Der Mond ist etwas für Träumer“, sagte sie. Keine Bitterkeit, eher eine Feststellung. „Wo ich herkomme, hatten wir keine Zeit, um hinaufzuschauen.“ Ein kurzer Atemzug, dann sah sie Elira an. „Weißt du, was ich meine?“ Elira schüttelte den Kopf. Nicht aus Unverständnis, sondern aus Ehrlichkeit. „Nein“, sagte sie ruhig. „Wo kommst du her?“ Taedes Blick senkte sich kurz, weg von der Decke, weg vom Mond. „Fern von dieser Insel. Ein Dorf. Draußen auf dem Land.“ Ihre Worte waren knapp, als hätte sie sie oft genug gesagt. „Viel Arbeit. Das Leben ist hart. Keine Zeit für Träume.“ Elira rieb sich nachdenklich über die Nasenspitze und nickte leicht. „Oh… verstehe. Einen Moment lang sagte sie nichts, dann hob sie wieder den Blick. „Der Mond“, begann sie, zögerte kurz, als suche sie die richtigen Worte, „sollte nun Bedeutung für dich haben.“ Sie ließ eine Pause, bevor sie fortfuhr. „Ganz dringende sogar. Er wirkt auf uns, weißt du?“ Taede drehte sich vollständig zu ihr um. Nicht erschrocken. Nicht ablehnend. Aufmerksam. „Nein“, sagte sie schlicht. „Erzähl mir bitte mehr." Elira nickte sacht. Sie faltete die Hände vor sich und betrachtete Taede einen Augenblick lang, als wolle sie einschätzen, wie viel sie gerade sagen durfte, oder wie viel Taede gerade ertragen konnte. Dann stellte sie eine andere Frage. „Sag mir bitte zuerst, wie es dir geht“, sagte sie ruhig. „Fieberst du noch?“
 
Die Worte waren noch nicht ganz verklungen, als sich etwas in der Höhle veränderte. Noch bevor jemand zu sehen war, kündigten dumpfe Schritte aus dem tieferen Bereich an, dass sich jemand näherte. Langsam. Schwer. Jeder Tritt hallte zwischen den Felswänden wider, als hätte die Höhle selbst beschlossen, Platz zu machen.
 
Taede antwortete auf Eliras Frage, ohne den Blick von den Malereien zu lösen. „Es wird besser. Nicht mehr so stark.“ Doch ihre Aufmerksamkeit wanderte bereits. Instinktiv drehte sie den Kopf in Richtung des Höhleneingangs, dorthin, wo die Dunkelheit dichter wurde. „Das ist gut“, sagte Elira freundlich. „Man kann nämlich daran sterben. Aber ich wollte dich gestern nicht beunruhigen.“
 
Während sie sprach, warf sie einen Blick über die Schulter. Im nächsten Moment wandte sie sich vollständig um. Aus dem Schwarz der Höhle glommen zwei Augen auf. Golden. Wach. Nicht hastig, nicht suchend sondern wartend. Dann trat der Rest der Gestalt ins Licht des Feuers. Schritt für Schritt näherkommend, bis das Flackern der Flammen an seinem Gewand spielte. Die Präsenz war sofort da. Nicht als offene Drohung, sondern als etwas, das sich auf die Brust legte. Schwer. Alt. Wie ein Gewicht, das man nicht greifen, aber auch nicht ignorieren konnte. Für Taede war es, als würde ihr für einen Herzschlag der Hals zugeschnürt. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Skepsis lag in ihrem Blick, aber auch etwas anderes, ein unwillkürliches Abtasten der Situation. „Guten Abend“, grüßte Livius. Er neigte Elira kurz das Haupt, doch seine Aufmerksamkeit ruhte von Beginn an auf Taede. Sie schluckte schwer und rieb sich mit der linken Hand über den Hals, als wolle sie die Enge vertreiben. „Das ist Taede“, begann Elira hastig. Ihre Hände falteten sich vor ihr, ihr Tonfall war eifrig, fast stolz, wie jemand, der etwas Wichtiges gefunden hatte und nun unbedingt zeigen wollte. „Eine der Toten hat sie gestern gefunden, aber mir übergeben.“ Eliras Worte prallten nicht sofort auf Reaktion. Livius’ Miene verriet deutlich, dass er nicht bester Laune war.
 
Seine Schritte führten ihn näher heran. Sein Blick ruhte bohrend auf der Fremden, die Nasenflügel weiteten sich leicht, als würde er ihren Geruch prüfen, dann wurde er von Eliras Erklärung abgelenkt und sah zu ihr. Taede wich unwillkürlich einen halben Schritt zurück. „Übergeben?“ Seine Stimme war ruhig, aber in der Mimik lag Irritation. „Einer der ihren?“  Elira nickte eifrig. „Diese Katherine. Sie sagte, sie will angesichts der aktuellen Umstände noch keinen offenen Konflikt.“ Ein kurzer Moment des Zögerns. „Sehr freundlich sah sie aber nicht aus.“ Sie redete weiter, fast atemlos. „Sie sagte, wir sollen zusehen, dass Taede die Maskerade nicht bricht.“ „Sie fieberte und erbrach, und ich habe sie hierher gebracht.“ „Und jetzt geht es ihr besser.“ Taede beobachtete das Gespräch konzentriert, hielt sich jedoch zurück. Sie sagte nichts, registrierte nur. Wer sprach. Wer schwieg. Und vor allem, wer die Autorität hatte. Ein Überlebensinstinkt von der Straße, der sich wieder einmal als nützlich erwieß. 

Wer die Autorität hatte, war unübersehbar. Eliras Tonfall verriet es deutlicher als jede Geste, ein wedelnder Welpe, der seinem Alpha Bericht erstattete. Oder wie ein kleiner Beutelschneider, der aufgeregt seinem Viertelmann die neueste Beute präsentierte. Livius’ Gesicht zeigte keinerlei Freude über den „Fund“. Im Gegenteil. Die drückende Alterspräsenz nahm noch einmal zu, als würde etwas in seinem Inneren nachhallen. Kein bewusstes Ausspielen von Macht, eher ein natürlicher Zustand, ein Beiwerk seiner Existenz.

„Katherine.“ Der Name verließ seinen Mund verächtlich, fast ausgespuckt. „Katherine“, bestätigte Elira rasch und winkte Taede näher heran. „Es wäre ihr besser gelegen, sie hätte getan, was getan werden musste“, sagte Livius ungerührt. Sein Fokus richtete sich wieder auf Taede.

Taede sah noch einmal zu Elira, dann hob sie den Blick und richtete das Wort an Livius. „Ja“, platzte es aus ihr heraus. „Diese Frau scheint nicht ganz richtig im Kopf zu sein.“ „Wo hast du sie aufgegriffen?“ fragte Livius, an Elira gewandt, während Taede mit einer knappen Bewegung herangewunken wurde. Sie verschränkte erneut die Arme vor der Brust, folgte der Aufforderung jedoch und trat näher. „Sie hatte sie vor die Tore des Turms gebracht“,erklärte Elira. „Sie wollte sie dir abgeben, glaube ich.“ Ein Blinzeln. „Was… vermutlich Sinn ergibt. Sie weiß ja nichts von der Höhle hier.“ „Diese Irre wollte mich mit einem Speer im Bauch zurücklassen“, sagte Taede forsch. Ihre Stimme war fest, trotzig, doch gegen Ende des Satzes senkte sie den Kopf leicht. Nur ihre Augen blieben auf ihm ruhen. Die Brauen Livius’ zogen sich zusammen. Ein knurrender Laut entwich seiner Kehle, roh, von wachsendem Ärgernis getragen. „Ist das ein perfider Versuch, Frieden zu schließen?“ Elira schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht. Sie schien vor allem verärgert, weil Taede nicht verstand, was passiert und die Maskerade hätte brechen können.“ Ein kurzer Atemzug. „Und ja, da war ein Speer.“ fügte Elira bestätigend zu.

Mit Maylas Eintreten veränderte sich die Höhle schlagartig. Nicht durch ein Geräusch, nicht durch Worte sondern durch Haltung. Etwas richtete sich auf, spannte sich neu aus. Selbst das Feuer schien für einen Moment langsamer zu flackern. Taedes Blick glitt sofort zu Boden. Nicht hastig. Nicht panisch. Eher so, als hätte ihr Körper entschieden, dass jetzt nicht mehr die Zeit war, jemanden anzusehen. Ein leiser, beinahe quietschiger Laut entkam ihrer Kehle, unkontrolliert, kaum hörbar.

„Ich dachte, ich habe dir angedeutet, du sollst näher treten.“ Livius’ Stimme war ruhig, aber ohne Spielraum. Er deutete unmittelbar vor sich auf den Boden, kaum zwei Schritte entfernt, ein klarer, enger Raum. „Mhh…“ Der Laut klang gepresst, beinahe kindlich, und schien Taede selbst zu überraschen. Mayla sog prüfend die Luft durch die Nase, während sie sich bereits dem Feuer zuwandte. Kein Wort, nur Wahrnehmung. „Du solltest dem folgen“,murmelte Elira eilig in Taedes Richtung, leise genug, um nicht aufzufallen, aber eindringlich genug, um keinen Zweifel zu lassen. Der kleine Laut entkam Taedes Kehle nun deutlicher, als würde sie erst jetzt begreifen, dass sie gemeint war. Sie setzte sich in Bewegung. Nicht schnell. Nicht trotzig. Ein Schritt, dann der nächste. Mayla trat aus den Schatten ins Feuerlicht. Zäh gab das Halbdunkel die graue Gestalt frei, als würde selbst der Stein sie nur widerwillig preisgeben.
 
Eliras Blick traf sie, und sofort senkte sie leicht den Kopf. „Wohlen Abend, Mayla.“ Taede hielt den Blick weiter gesenkt. „Meinen Gruß“, kam es rau zurück. Livius wollte gerade ansetzen zu sprechen, doch seine Aufmerksamkeit wurde von Maylas Präsenz abgezogen. Die Worte, die an Taede gerichtet gewesen wären, blieben unausgesprochen. Stattdessen nickte er Mayla träge zu. „Guten Abend. Es sollte mich nicht wundern, dass du so schnell hier erscheinst.“ Von Neugier getrieben hob Taede den Blick nur knapp seitlich, gerade genug, um Mayla aus dem Augenwinkel zu erfassen, dann senkte sie ihn wieder. Mayla nickte kurz den beiden bekannten Gesichtern zu, bevor sie das Neue in Augenschein nahm. „Macht nur weiter.“  Livius’ Mund verzog sich leicht. „Ein Geschenk Katherines an uns.“  Mayla ließ sich auf dem Stamm nieder. Das Holz knarrte leise unter ihrem Gewicht. Taedes Blick folgte dem Muster von zuvor, zurück zum Boden. Ein kurzes „Oh?“ von Mayla quittierte die Information. Livius gab einen spöttischen Laut von sich und trat einen Schritt beiseite, öffnete den Blick auf Elira, als würde er ihr die Erklärung überlassen. „Das ist Taede“, begann Elira und trat nun ebenfalls vor und nahm Platz. „Die Tote, Katherine, fand sie gestern und brachte sie zum Turm, um sie Livius zu übergeben.“ Elira redete weiter, der Fluss kam in Gang.
„Sie sagte, Taede wüsste gar nichts und würde die Maskerade brechen. Außerdem hat sie anscheinend mit dem Gedanken gespielt, sie umzubringen… aber da bin ich mir nicht ganz sicher.“

Mayla hörte ruhig zu. Kein Nicken, kein Stirnrunzeln. Nur Zuhören. „Und da es ihr gestern sehr schlecht ging“, fuhr Elira fort, „Taede, nicht der Toten überlassen wollte, habe ich sie hergebracht und das Fieber ausschlafen lassen.“
Ein kurzer Atemzug. „Und da sind wir nun.“  Während Elira sprach, musterte Livius die Neue erneut. Sein Blick blieb hängen, glitt über Haltung, Gesten, jedes kleine Zeichen. „Hrm…“, machte Mayla. „Hat Katherine Sand gefressen?“ Ein kurzes Innehalten. „Woher diese noble Anwandlung?“  In Livius’ Blick lag Abscheu. Ob sie Taede galt oder etwas anderem, ließ sich schwer sagen. Taede legte die Hände auf die jeweils gegenüberliegenden Oberarme. Eine selbstumarmende Geste. Ihre Finger strichen dort entlang, langsam, suchend. „Sie sagte, sie möchte gerade keinen offenen Konflikt“, erklärte Elira. „Wegen dem Brutdrachen vermutlich.“ Maylas Brauen hoben sich, sichtbar verdutzt. „Wo sind die Schreiberlinge, wenn man sie braucht?“ Ein trockenes Schnauben. „Sowas muss festgehalten werden!“ „Ich kann es irgendwo hinschreiben“, bot Elira bereitwillig an.
 
Taede hob nun etwas forsch den Blick vom Boden zu Livius, ohne den Kopf vollständig anzuheben. Ein kurzer, prüfender Moment. „Wir merken es uns einfach gutmütig“, schloss Mayla. Sie hob die Hand leicht. „Aber…!“ Der Laut stand einen Moment im Raum, unfertig. Dann wandte sie den Kopf zu Livius. „Nur zu.“ Taede blinzelte zweimal. Dann senkte sie den Blick wieder, als hätte sie sich selbst daran erinnert, wo sie hier stand. Mayla verschränkte die Arme vor der Brust, legte die Beine locker übereinander, weit von sich gestreckt. Eine Haltung, die nichts forderte und doch alles kontrollierte. „Nur zu?“ Livius’ Blick glitt langsam zu ihr hinüber, die Brauen hoben sich sacht. Dann sah er wieder zu Taede, deutete auf den Baumstamm neben sich. „Setz dich.“
 
Elira hatte inzwischen die Hände im Schoß gefaltet, die Fußknöchel gekreuzt. Ihr Lächeln war fast schmerzhaft freundlich, zu hell für das, was im Raum lag. Taede schaute auf, folgte seinem Deut, nickte knapp zur Bestätigung. "Hast du sie bereits untersucht?“ Die Frage galt Elira, beiläufig, doch der Ton ließ keinen Zweifel, dass sie wichtig war. Taede sah zu Elira, beide Brauen gehoben. Elira schüttelte den Kopf. „Ehm… wie untersucht?“ Ein kurzes Zögern. „Ich meine, ich rieche, was sie ist.“ Livius’ Blick löste sich von Elira, strich langsam zu Taede hinüber. Er nickte sacht, mehr für sich selbst. „Untersucht ist womöglich das falsche Wort.“ >>>  Eine Pause. „Sie lebt immerhin, noch.“ >>> Taede schluckte tief.
 
„Kamt ihr bereits ins Gespräch, wie viel weiß sie?“ Sein Blick blieb auf Elira, als spräche er über jemanden, der nicht anwesend war. „Du sprachst von den Toten. Sie wirkte allerdings nicht sonderlich überrascht.“ Mayla beobachtete Taede offen, ohne den Versuch, es zu verbergen. „Noch gar nichts“, sagte Elira und schüttelte den Kopf. „Ich kam gerade an, und du direkt nach mir.“  Sie atmete ein. „Die Tote hat ihr wohl von Vampiren und Werwölfen erzählt, und… mehr scheint sie noch gar nicht zu wissen.“ Taede holte tief Luft, sah zwischen Elira und Livius hin und her.

„Ich…“ kam es leise aus dem Mund von Taede. Sie räusperte sich. „Sprich lauter.“ Der knurrende Unterton in Livius' Stimme ließ keinen Raum für Widerrede. „Ich komme mir vor wie in einem Alptraum.“ Ein Atemzug. „Ihr seid doch alle irre.“ Sofort presste Taede die Lippen zusammen, schnaufte trotzig durch die Nase, wie ein Kind, das weiß, dass es zu weit gegangen ist, und es doch nicht zurücknehmen kann. „Oh“, sagte Elira leise. „Das solltest du ihm nicht sagen.“ „Irre, sagst du?“ Die bernsteinfarbenen Augen von Livius richteten sich langsam wieder auf Taede. In Maylas Blick flackerte kurz Amüsement auf. In Livius’ Augen dagegen veränderte sich etwas. Ein güldener Schimmer trat stärker hervor, nichts Natürliches, eher etwas, das sich gerade vordrängte.

Taede murrte leise aus der Brust heraus und starrte dann stur ins Feuer. Livius warf Elira einen kurzen Blick zu, eine stumme Bestätigung, und ging dann langsam in die Knie, bis er auf Kopfhöhe mit Taede war. Ihr Blick zuckte kurz zu ihm, dann wieder zum Feuer. „Sei so gut…“ Seine Mundwinkel hoben sich zu einem aufgesetzten Lächeln. „…und sag das nochmals.“ „Das ist eine Falle“, zischte Elira laut genug. „Sag das nicht nochmal.“ Livius setzte seine Stimme theatralisch bittend ein, als würde er all sein nicht vorhandenes schauspielerisches Können aufbringen. „Es ist nicht viel.“ Mayla saß noch immer entspannt da, die Arme verschränkt, und verfolgte das Schauspiel. Taede murrte leise. Atmete durch die Nase. In dem Atemzug lag etwas Räumütiges. Dann hob sie den Blick und sah Livius direkt in die Augen. Tränen lösten sich. Erst eine. Dann mehr. „Die letzten aufmüpfigen Welpen wurden von Sion gefressen oder zu Asche verbrannt?“ Maylas Stimme kam ruhig. Nachdenklich. „Ich bin mir nicht mehr sicher…“
 
Als die erwartete Antwort ausblieb, schenkte Livius Taede ein mattes Lächeln. Keines, das Sicherheit bot. Er richtete sich in einer fließenden Bewegung auf. Dann griff er zu. Ruckartig schloss sich seine Hand um Taedes Nacken, und er begann, sie zu Boden zu schleifen. Eliras Lächeln verschwand augenblicklich. Sie quietschte auf und sprang hoch. Taede stürzte, schlug hart auf und begann laut zu fiepen. In der Berührung lag ungeheure Kraft. Mehr, als man selbst einem Krieger zuschreiben würde. Als Taede den Boden erreichte, zog Livius sie weiter, näher an das Feuer, näher an die heißen Steinplatten. Elira erhob sich ihm entgegen und erntete einen herausfordernden Blick. „Irre, sagst du?“ Taedes Antwort war nur noch ein gequältes Lautgemisch. Livius wiederholte es, diesmal mit bebendem Ärger in der Stimme. Taede wimmerte. Mayla räusperte sich schließlich vernehmbar. „Livius!“ Eliras Stimme war halb verschreckt, halb entsetzt. „Sie ist doch bloß jung und verwirrt!“
 
Mit jeder Bewegung rückte Taede näher zu den tanzenden Flammen. „Nein… ne… hört… auf…“ Noch ehe es schlimmer werden konnte, sah Livius zu Elira. Der goldene Schein drohte seine Iriden gänzlich einzunehmen, ebbte dann kurz vor knapp wieder ab. Seine Finger gaben die frischgewordene Welpin frei. Elira atmete schwer durch, knetete ihre Finger. Mayla schniefte kurz und krauste die Nase. Taede richtete sofort den Oberkörper auf, kniete. Hustete schwer, kippte dann nach hinten und krabbelte rückwärts vom Feuer weg. Livius’ Blick ruhte trotzig auf Elira, finster. Dann machte er einen Schritt zurück und machte der Schwarzhaarigen eine einladende Geste.
 
„Gut“, sagte Mayla ruhig. „Dann hätten wir das schon einmal geklärt.“ Taede sah zu Elira auf, hustend, ihre Augen sagten alles, was sie nicht aussprechen konnte. „Fein“, sagte Livius. „Dann nur zu. Frag sie aus. Du dürftest das Prozedere noch bestens kennen.“  In den Worten Livius’ lag noch immer Ärger, wie ein halber Vorwurf. Elira formte ein wortloses Danke mit den Lippen, atmete durch und wandte sich Taede zu. „Ich habe sie gestern schon gefragt. Sie wurde vor einigen Tagen gebissen. Sie weiß nicht von wem.“ „Und ich glaube, sie hat die Wandlung noch nicht hinter sich… oder?“ Der letzte Teil war deutlich weicher, an Taede gerichtet. Taede schüttelte wortlos den Kopf. Mayla schnaubte leise. „Hach… herrlich. Du bietest dich also als Amme an, Elira?“ Livius musterte Mayla einen längeren Moment, dann wieder Elira und Taede.
 
„Nun“, sagte Mayla, „man wächst an der Aufgabe, nicht?“ „Was…?“ Elira blinzelte. „Nein, ich bin zu jung! Aber ich kann helfen.“ Der letzte Satz kam unsicher. Taede wischte sich inzwischen mit dem rechten Handrücken Spucke aus dem Mundwinkel. Elira rutschte näher, reichte ihr ein Taschentuch hinab. Taede schreckte zurück, kauerte sich dicht an den Baumstumpf, nahm das Taschentuch dann doch. „Danke“, stammelte sie leise. Eliras Mundwinkel sanken. „Nun hat sie Angst.“
 
„Dieser… Wolf.“ Livius’ Stimme war zäh, wie dickflüssiger Honig, als müsse er sich zur Ruhe zwingen. „Gibt es Meldungen zu losen Welpen… oder anderen Verrückten, die über die Insel streifen?“ Elira schüttelte den Kopf.
„Nichts gehört.“ Taede wischte sich erneut den Mund, diesmal mit dem Taschentuch. Livius schnaubte nur, als er zu ihr hinabsah. „Und genau aus diesem Grund ist es besser, Welpen direkt zu richten. Sie bereiten nur Probleme.“ Taede sah zu ihm auf, mit räudigem Blick. „Ich werde euch keine Probleme machen…“ „Probleme, denen wir nachgehen dürfen“, fuhr Livius fort und deutete auf sie, „weil sie so töricht war, alleine die Siedlungen…“ „Sie wird keine Probleme machen“, fiel Elira sofort ein. „Schau, sie ist ganz verständig.“ Mayla hob den Blick. „Also… hätte ich dich damals auch richten sollen?“ Ihre Frage galt Livius.

Maylas Frage hing einen Moment in der Luft. Nicht laut. Nicht scharf. Aber gezielt. Ein kurzes Zucken ging durch Livius’ Gesicht. Seine Iriden flackerten auf, die Wut kehrte zurück wie ein Glimmen unter der Oberfläche, als hätte man sie kurz freigelegt. Doch mehr als ein Knurren löste sich nicht aus seiner Kehle. Er war sich der Älteren bewusst. Maylas weiße Brauen zuckten kurz nach oben. Mehr Reaktion brauchte es nicht. Livius rümpfte die Nase, wandte den Blick zur Seite, als müsse er etwas Unangenehmes abschütteln.
 
Taede hatte die Knie an den Körper gezogen. Sie saß nun klein da, den Rücken leicht gekrümmt, und sah erwartungsvoll zu Livius auf. Ihre Haltung war angespannt, als hielte sie den Atem an. Elira blieb dicht bei ihr stehen. Gluckenhaft fast. Ihr Blick suchte Livius’, versuchte, etwas wie Einsicht, etwas wie Mäßigung in ihm zu wecken. Als er ihren Blick bemerkte, verzog er angewidert das Gesicht. Es brauchte keine großen Gesten, schon die kleinsten schienen ihn zu stören. Sein Fokus glitt weiter, weg von Elira. Dann zurück zu Taede. „Dein Fieber“, sagte er langsam. Sein Blick legte sich eindringlich auf sie, lauernd. „Ist es zu Ende?“ Ein kurzer Moment. „Und lüge uns nicht an.“
Taede runzelte die Stirn. Ihre Mimik wirkte suchend, als führte sie einen stillen inneren Diskurs, tastete nach der richtigen Antwort. Mayla hob an zu sprechen, verharrte dann aber stumm. „Es ist besser als gestern und vorgestern“, sagte Taede schließlich. Ihre Stimme war klein geworden. „Ich würde sagen“, fügte sie nach einem Atemzug hinzu, „heute spüre ich kaum etwas davon.“ „Großartig“, kommentierte Mayla säuerlich. Taede legte den Mund schief und blinzelte zu Livius auf. Er sah zum Feuer. Für einen Moment schien es, als vergleiche er das tanzende Licht mit etwas anderem. „Dann wird dich das wahrlich Schreckliche erst noch ereilen.“ Langsam wandte er den Blick zurück. „Das bedeutet, dass die Wandlung noch nicht vollständig hinter dir liegt.“
 
Taede folgte seinem Blick zum Feuer, dann zog sie die Knie enger an sich heran und versteckte den Mund dahinter. Als sie wieder zu ihm aufsah, blieben ihre Lippen verborgen. „Es beginnt mit Übelkeit“, erklärte Livius ruhig, beinahe sachlich. „Dann nach und nach Gliederschmerzen, bis dich das Fieber überkommt.“ Ein kurzer Blick. „Wie lange hast du es bereits?“ „Bis gestern wusste ich von dem hier nichts“, antwortete Taede. „So etwa drei oder vier Tage.“ Sie stockte kurz. „Ich muss für mich schwer arbeiten…“ Livius hakte weiter nach. Der Ärger war noch da, aber gedämpfter, weniger explosiv als zuvor. „Da kann ich mir nicht erlauben, krank zu werden“, schloss Taede. Die Furchen auf ihrer Stirn vertieften sich. „Oh“, murmelte Elira halblaut. „Das hier kannst du dir nicht mehr aussuchen.“ „Du kannst glücklich sein, wenn du die nächsten Tage überlebst“, sagte Livius. Er warf Elira einen Blick zu und nickte ihre Worte beipflichtend ab. „Glaube Elira besser“, fügte Mayla trocken hinzu.

Livius richtete den Blick wieder auf Taede. „Sei so gut und schildere dein Erlebnis.“ Die Worte klangen wie eine Bitte. Der begleitende Handwink war es nicht. Taede löste langsam die Knie von ihrem Oberkörper. Sie nickte zweimal. Dann hob sie den Blick. „Es war nachts“, begann sie. „Ich bin Botin. Und man verdient am meisten nachts, müsst ihr wissen.“
 
Das Knacken kam plötzlich. Hart. Laut. Zu nah. Lin biss krachend in einen Apfel, während sie sich der Gruppe näherte. Das Geräusch zerplatzte regelrecht in der Höhle, brach an den Felswänden und kam verzerrt zurück. Für Taede fühlte es sich an, als hätte jemand direkt neben ihrem Ohr Holz zerbrochen. Sie blinzelte mehrmals hintereinander und wandte den Blick hastig zur Felsspalte, als suche sie instinktiv einen Fluchtweg. Mayla hockte noch immer mit vor der Brust verschränkten Armen und übereinandergeschlagenen Beinen da, ruhig, gesammelt. Elira hob kurz die Hand in Richtung Eingang, ohne Taedes Erzählung zu unterbrechen, eine automatische Geste, fast entschuldigend.
 
Wieder dieses Knacken. Taede verzog das Gesicht. Ihre Züge spannten sich, als hätte der Laut sie körperlich getroffen. Maylas Blick glitt kurz zu dem Apfelmord hinüber. Lin kam mit ausladenden Schritten näher, als hätte sie keine Geduld für kleine Distanzen. Ihre Augen taxierten die Gruppe, verfingen sich schließlich an Taede und blieben dort hängen. „Nun“, setzte Taede an und zwang sich weiterzusprechen, „es war in einer Gasse, etwas abseits des fast leeren Marktes in Solgard.“ „Ich meinte Elira“, fiel Livius ein, noch ehe sie weitersprechen konnte. „Ihre Erfahrungen mit der Wandlung.“ Dann, als sein Blick auf Lin fiel „Doch… fahre ruhig fort.“ Elira nickte leicht, sah aber bewusst zu Taede, eindeutig in der Absicht, sie nicht abbrechen zu lassen. Livius musterte Lin nun offen. Sein Blick glitt prüfend an ihr herab. Als er keine Hose ausfindig machte, nickte er wohlwollend. „Guten Abend“, grüßte er schlecht gelaunt. Lin begegnete dem Blick mit einem Schnaufen, als wüsste sie genau, was da gerade geprüft worden war. „Grüße, Lin“, sagte Mayla. „Abend“, kam es zurück. Lin zermahlte den Apfel mit einem letzten, absichtlich lauten Krachen und warf den Stiel ins Feuer.
 
Taede zuckte erneut zusammen. Lin ließ sich auf einen Baumstamm fallen und linste an Livius vorbei zu Taede. „Lasst euch nicht unterbrechen. Ich bin ganz Ohr.“ Maylas eisgraue Augen richteten sich wieder auf Taede. Livius setzte einen Fuß auf den Baumstamm und sah erwartungsvoll zu der Rothaarigen zurück. „Erzähl nur weiter, Taede“, sagte Elira sanft. „Ja… ehm.“ Taede schluckte. „In einer Gasse. Eine gute Abkürzung. Eigentlich immer leer. Nachts ist da nie jemand. Nur diesmal nicht.“ Sie stockte. „Ich konnte…“ „Diesen Blick förmlich spüren“, fuhr sie fort. „Ich dachte, da wartet ein Beutelschneider auf mich. Dem war nicht so. Es ging recht schnell.“ „Ungewöhnlich“, kommentierte Mayla knapp. „Es sprang förmlich aus der Dunkelheit heraus“, sagte Taede weiter, „und packte mich an der Schulter. Ich dachte, es wäre um mich geschehen.“ Sie sah zu Mayla, legte den Mund schief, klimperte kurz mit den Augen, als wolle sie prüfen, ob das Gesagte überhaupt ankam. Mayla blickte sie grummelig an, sagte aber nichts. „Ich spürte die Zähne“, Taedes Stimme wurde leiser, „wie sie sich durch meinen Stoff bohrten.“ Eine kurze Pause. „Und es mich schüttelte.“ Sie atmete flach. „Ich fühlte mich zuerst wie gelähmt. Als ob ich mich dem Schicksal ergeben müsste.“ Ihr Blick wanderte von Livius zu Elira, weiter zu Mayla, suchend, prüfend, ob jemand verstand. Elira nickte immer wieder, mitfühlend. Vielleicht war es auch einfach ihr üblicher Ausdruck. In Livius’ Miene fand Taede nichts. Nur die bernsteinfarbenen Augen, noch immer erbost.
 
Taede presste kurz die Lippen zusammen. „Ich kam mir vor wie ein wehrloses Opfer. Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich mich von diesem Gedanken lösen konnte…“ Lin erhob sich und wanderte zu Mayla, setzte sich auf ihren Stamm, ohne ihr zu nahe zu kommen. „Irgendwie bekam ich meinen Dolch zu fassen“, fuhr Taede fort, „und rammte diesen Dolch dem Vieh ins Maul.“ Livius’ Blick folgte Lin einen Moment, blieb kurz an ihr hängen, ehe er wieder zu Taede zurücksprang. „Ich muss es verletzt haben“, sagte Taede. „Es wurde richtig stinkig und hat mich noch mehr umhergewirbelt.“ „Dieser Dolch“, fragte Livius, „woraus war er?“ Aus irgendeinem Grund sah er flüchtig zu Mayla hinüber. „Es war ein Erbstück meines Vaters“, antwortete Taede. „Er sagte immer, es wäre verdammt wertvoll.“ „Oh“, machte Elira. „Du meinst, da war Silber dran?“ Sie sah zu Livius, als hätte sie gerade eine Erkenntnis  ausgesprochen. Mayla verzog sauertöpfig das Gesicht. Livius nahm Lins Blick wahr, ein murrender Laut entwich seiner Kehle, dann sah er wieder zu Elira zurück, ohne die Frage direkt zu beantworten. „Das war zumindest der Gedanke“, sagte er schließlich. „Die meisten derjenigen, die ich kenne, überlebten es aus purem Glück. Weil sie Silber bei sich hatten.“ „Also…“, begann Taede zögernd, „wenn dieses… Tier… zu euch… ehm… zu uns gehört… ich würde mich freuen, diesen Dolch wiederzubekommen.“ Sie sah abwechselnd zu Mayla und Lin auf.

„Erst musst du lebend hier rauskommen“, entgegnete Livius ernst und deutete zu Elira. Taedes Blick folgte der Geste. „Es gehört nicht zu uns“, sagte Elira und schüttelte den Kopf. „Da das Fieber abschwillt, steht dir die Wandlung bevor. Vermutlich noch heute.“ Ihre Stimme blieb ruhig. „Dir wird schwindlig werden. Und dann wird dein Körper brechen, ein Knochen nach dem anderen.“ Bei Livius’ und Lin unterhielten sich abseits leise. Bei seinen Worten verschwand der Schalk aus Lins Gesicht. Etwas Lauerndes trat an seine Stelle. „Und dann wirst du sehr wütend sein“, fuhr Elira fort, „und ein Wolf.“ Der sanfte Singsang blieb. „Du wirst es vermutlich überleben. Und danach wirst du lernen müssen, es zu kontrollieren.“ Sie lächelte weich. „Damit es dir nicht jedes Mal passiert, wenn du wütend bist. Und du wirst sehr oft wütend sein.“ Taede hob die rechte Hand zur Faust an den Mund und biss darauf. „Jeder Knochen?“ fragte sie leise. Elira nickte mehrfach. „Aber es passiert recht schnell.“ Taedes Blick war nun offen verängstigt. Fast panisch. Sie beugte sich nach vorn. Würgte. Und übergab sich. Noch einmal. Und noch einmal. „Verdammt!“ Wieder Erbrechen. „Warum…“ Elira verzog mitleidig die Züge, trat aber ein Stück zur Seite. Taede wischte sich mit dem Handrücken die Galle aus dem Gesicht. Livius beobachtete sie ungerührt, angewidert. „Ich werde dieses Vieh finden!“ Taedes Gesicht verzog sich wütend. „Du gibst dich zu optimistisch“, entgegnete Livius. Taede übergab sich erneut, winselnd. „Ich habe meinen nie gefunden“, sagte Elira nachdenklich. „Dann wieder war er recht sicher tot…“ 

Sie sah zu den anderen. Dann zurück zu Taede. „Denkt ihr, es geht los?“ „Es wird jedenfalls Zeit für die Zelle“, meinte Livius. „Normal“, sagte Mayla trocken, „haben wir das Auskotzen erst, wenn man feststellt, dass man nächtens die ein oder andere Sau verschlungen hat.“ Taede sah erschrocken zu ihr. „Eine… Sau!?“ „Oder zwei“, plauderte Mayla. „Vielleicht auch einen Bären. Hirsch. Was einem so unterkommt.“ „Oder den ein oder anderen Menschen“, setzte Livius nach. „Nun mach ihr nicht wieder Angst“, tadelte Elira. Taede blickte panisch in die Runde. „Auch… auch Menschen!?“ „Im Zorn gefangen verliert man sämtliche Kontrolle“, erklärte Livius. „Alles wird gejagt.“

„Wir haben eine Zelle“, sagte Mayla ruhig. „Die kennst du doch." „Mit hübschen Gittern“, ergänzte Mayla. „Ja, aber ich war nicht darin“, wandte Elira ein. „Glaube ich…“ Sie zögerte. „Ich erinnere mich nicht so genau.“ „Ich habe noch nie Menschen gegessen“, versuchte sie Taede zu beruhigen. „Selbstschutz“, murmelte Mayla. „Warst du nicht, nein“, bestätigte Livius. „Oder du erinnerst dich nicht so genau“, warf Lin ein. „Bringt sie hinüber“, Entschied Livius. „Wir sperren sie ein.“ Taedes Mimik wechselte hektisch zwischen Panik und Wut.
 
„Na komm“, sagte Lin ungnädig und erhob sich. Taede sah zu Elira auf. Ihre Atmung beruhigte sich ein wenig. Mayla erhob sich langsam. „Livius sagt, ich war nicht“, sagte Elira leise und reichte Taede die Hand. „Komm. Es ist zu deinem Besten, damit du nach der Wandlung nicht blind in die Steppe rennst.“ Lin flankierte Taede ohne eine Hand zu reichen, nah genug, dass ein Ausbrechen schon im Ansatz erstickt würde. Keine Hilfe, nur Präsenz. Taede richtete den Oberkörper auf. Als Elira ihr die Hand hinreichte, griff sie zu. Ihre eigene Hand war glitschig, eine unangenehme Mischung aus Galle und Rotz, und sie spürte sofort, wie Elira das bemerkte und es trotzdem schaffte, keine Mine zu verziehen. Als hätte sie in ihrem Leben schon Dinge angefasst, die schlimmer waren. Als hätte sie gelernt, dass Ekel nichts nützt. Taede zog sich an ihr hoch. Elira stützte sie mit deutlich mehr Kraft, als es ihre zierliche Statur vermuten ließ. Nicht sanft, sondern zuverlässig, ein Griff, der sagte: "du fällst jetzt nicht hin, nicht hier."
 
Mayla steckte die Hände in die Hosentaschen, als ginge sie nur mit. Gemächlich. Ohne Hast. Livius hob an „Hat jemand von euch Weib…“ Er hielt inne, atmete tiefer durch und setzte neu an, kontrollierter, „Hat jemand von euch Frauen ein Gewand dabei, das sie nicht mehr braucht?“ Elira antwortete sofort, ohne zu zögern. „Ich kann ihr meinen Überwurf geben, sobald wir drüben sind.“ Dann setzte sie sich in Bewegung, Taede stützend. Taede ließ sich führen wie ferngesteuert. „Gut“, sagte Livius. „Weil wenn sie all das anbehält, wird davon nur noch ein Fetzen übrig bleiben.“ Er sagte das nicht als Drohung, eher wie eine Feststellung, als wüsste er genau, wie Stoff nach so einer Nacht aussieht. Lin begleitete die beiden, die Miene unbekümmert, der Blick jedoch wachsam, als rechne sie jederzeit damit, dass Taede plötzlich losrennen könnte. „Decken sollte es zu Genüge geben“, fügte Livius hinzu.
Mayla folgte hintendran, weiterhin gemächlich. Elira führte Taede langsam voran und dachte schon wieder laut über Dinge nach, als könnte man Ordnung in das Chaos reden. „Wir sollten hier Kleidung aufbewahren, wisst ihr?“ „Ich habe einen Morgenmantel…“, sagte Lin und schob einen Blick zu Livius hinterher, erhalten.
 
Und dann passierten sie den Mondstein. Taede spürte ihn, bevor sie bewusst hinsah. Eine Kraft, die vom Gesteinsbrocken ausging, als würde er rufen. Nicht mit Worten, sondern mit einem Druck tief hinter den Augen. Etwas zog sie hin. Gleichzeitig war da dieses Gefühl, das warnte. "zu nah ist falsch. Zu nah ist gefährlich." Ihr Blick glitt immer wieder dorthin, fast unwillkürlich, wie ein Reflex.
 
„Macht bitte auf. Irgendwer“, sagte Elira. „In der Tat“, bestätigte Lin trocken. Mayla angelte mit dem Fuß nach dem Tor. So, als würde sie es nicht mit den Händen anfassen wollen. Der Fuß hakte sich unter eine Kante, ein metallisches Geräusch, dann gab das Tor nach. Livius kniff die Augen zusammen, sah prüfend zu Lin. „Den hast du mir gegeben, nicht?“ Lin antwortete treuherzig. „Sicherlich.“ Elira führte Taede durch und warnte sie schon beim Durchtreten, mit einer Schärfe, die zum ersten Mal wirklich durch ihren freundlichen Ton schnitt. „Fasse nicht… auf keinen Fall die Stäbe an.“

Drinnen war es anders. Nicht wärmer. Nicht heller. Etwas entgültiges. „So“, begann Elira und deutete mit der freien Hand in bestem Fremdenführerton, als wäre das hier ein Besuch, kein Einschluss. „Du hast hier Gelegenheit, dich zu waschen. Und drüben kannst du dich nun hinlegen.“ Lin ließ Elira machen und stellte sich vor die Stäbe, ein wenig wie im Zoo, schaulustig, als hätte sie die beste Sicht gewählt. „Hier.“ Elira klang werbend, fast tapfer. „Es ist eine gute Zelle.“ „Das ist immer der Zeitpunkt“, kam Maylas Stimme von außen, „wo man einwerfen könnte, später lachen wir gemeinsam darüber.“ Lin lachte trocken auf. „Selbt die beste Zelle, ist keine gute Zelle…“, knurrte Taede, und der Satz war mehr Abwehr als Logik. Elira blieb sanft. „Es ist wirklich zu deinem Schutz. Und fass nicht die Stäbe an. Sie sind versilbert.“ Sie musterte Lin kurz genauer, als würde sie prüfen, ob da noch etwas kommt.
 
„Ich glaube, du hast nicht mehr lange zu warten…“ Eliras Stimme wurde leiser, näher an Taede, als wollte sie sie an den letzten Rand von Realität binden. „Mir ist nicht nach Lachen zumute“, hielt Livius mürrisch dagegen.
 Elira wollte ihre Hand wegziehen, gerade da rief Mayla von außen hinein, laut und korrigierend. „Teilkorrekt! Sie sind aus Silber!“ Elira erstarrte, sah über die Schulter. „Komplett aus Silber?“ Und in diesem einen Satz lag mehr Schock als in allem zuvor. „Das ist sehr teuer!“ „Wollen wir den Unterschied wissen?“, fragte Lin trocken. Taede atmete tief durch die Nase ein, als wollte sie die Luft festhalten. „Versilbert und Silber?“ Mayla klang, als würde sie kurz überlegen. „Ah… Details…“ Eine wegwerfende Handbewegung. „Hört sich aber gefährlicher an!“ Livius blickte ahnungslos zu Mayla, als würde er dort die Antwort suchen. „Als ob wir arme Schlucker wären…“, knurrte Mayla und ließ die Augen über die Gitter wandern.
 
Elira reinigte ihre Hand rudimentär am nahen Farn, dann entledigte sie sich ihres Überwurfs, faltete ihn und legte ihn auf einen Felsen. „Damit du später was zum Anziehen hast.“ „Muss da…“, setzte Taede an, abgehackt. Sie nahm das Gewand entgegen. „…das sein!? Ich brauch das nicht.“ „Wir haben nicht viel Geld, sagt Fenrik immer“, rief Elira streng zum Gitter, als müsste sie diese Diskussion gewinnen, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte. „Ich hab den nackten Mann buddeln lassen“, ergänzte Mayla erklärend, als wäre das der letzte Beweis, dass hier niemand sparen müsse. Livius rümpfte die Nase bei dem Begriff und sah angewidert zur Seite. „Du könntest dich auch jetzt ausziehen“, sagte Elira freundlich, als wäre es eine harmlose Option. „Aber das will man meistens nicht, und dann hat man keine Kleidung mehr.“ Taede schaute bettelnd, mitleidig und dann kippte es.
Ihr Gesicht verzog sich zu einer Wutfratze. 

„Ich wohne in einem Dachbodenschlurf, in dem Fenrik sich nicht mal umdrehen könnte“, warf Lin ein. „Also ja. Arme Schlucker.“
 
Eliras Lächeln blieb, doch der Blick schärfte sich. Aufmerksamkeit. Wachsamkeit.

„Hier hat Fenrik mit seinem Geiz keine Macht“, sagte Mayla.
 
Taede drehte sich um und trat direkt gegen die Pflanzen am Boden. Vielleicht vor Wut, vielleicht aus Angst vor dem was kommt. „Verdammt, verdammt, verdammt!“ „Mhmhm. Ja, nicht mehr lange“, bestätigte Elira halblaut und bewegte sich zum Ausgang aber sie drehte Taede nicht mehr den Rücken zu. „Dieses dreckige VIEH!“ 

„Gepriesen sei der Herr“, warf Lin glatt auf Maylas Aussage hin ein, wie ein Kommentar, der nichts löst und doch alles vergiftet.
 
Livius reckte das Kinn und beobachtete das Schauspiel aus sicherer Entfernung. Still. Unbeteiligt. „Ich will das nicht!“ Taedes Stimme brach. „Du hast leider keine Wahl“, sagte Elira, und in diesem Satz lag der ganze Kontrast aus Lächeln und stechender Aufmerksamkeit. „Mach bitte, dass es aufhört!“ Taede schrie sie an, als könnte Elira darüber entscheiden. Taede ging auf die Knie. „Bitte, bitte…“ 

„Wer sagts ihr?“, fragte Mayla, als ginge es um etwas Banales.

Elira machte einen weiteren Schritt zurück Richtung Gitter. Lin zählte an den Fingern ab, als wären es Weisheiten, die jeder kennen muss. 

Zeigefinger. „Niemand will das.“ 

Livius’ Hand hob sich, und aus dem Nichts manifestierte sich ein Stab. Das untere Ende klemmte er zwischen die Gitter, um sie für Elira zu öffnen. 

Mittelfinger. „Du kannst es nicht entscheiden.“

Taede sank tiefer auf die Knie. Elira schüttelte klein den Kopf, ihr Lächeln machte Mitgefühl Platz. „Du kannst es nur annehmen. Es tut mir leid.“

Ringfinger. „Sei froh, dass du nicht alleine bist.“
 
Taede schrie. Mayla hob an, als hätte sie eine Alternative, und sagte es dann mit der Tonlage eines Bäckers, der über Brot spricht. „Oh… es gibt die eine einzige Alternative.“ Elira schlüpfte durchs Tor und trat es zu. Taede starrte zum Gitter, die Augen riesig.  „AARRR!“ Ein Knurren, laut, roh, als würde der Körper schon beginnen, anders zu sprechen. „Habe ich das gut gemacht?“, fragte Elira halblaut, unsicher und ihr Blick blieb an der sich Wandelnden hängen. „Du taugst als Welpen-Amme“, urteilte Mayla. „Sie wird nicht überleben“, sagte Livius, als wäre es nur eine Einschätzung, die man eben ausspricht. Dann sah er Elira an und beabsichtigte ihr sacht auf die Schulter zu klopfen. „Das, was Mayla sagt.“ 

Die Tür war inzwischen wieder im Schloss. Livius trat näher, knurrende, zischelnde Silben formend, und versiegelte sie magisch. Die Magie stellte sicher, dass die Tür geschlossen blieb  selbst wenn Taede töricht genug wäre, die Gitter anzufassen. „Doch bestimmt überlebt sie“, widersprach Elira optimistisch. „Sie ist ganz energisch.“ Sie lächelte kurz, dann wurde der Blick wieder besorgt. Drinnen sprang Taede auf. Wie in Warnung sprintete sie zu den Gittern. Sie griff danach. „Oh… lass… zu spät…“, kam Mayla. „Sie kann froh sein, dass sie auf dich getroffen ist“, sagte Lin leise. „Und nicht auf… den Nackten.“ Taede war wutentbrannt. Sie umschloss die Gitter mit beiden Händen, rüttelte einen klitze kleinen Augenblick daran und ließ dann mit einem Schrei wieder los. Die Wut, die Angst bekam Konkurrenz. Etwas anderes kämpfte sich nach vorn, Schmerz. Elira verzog erschrocken die Lippen.
„Nicht anfassen!“ Taedes Stimme zerfiel zu gequälten Lauten. „Das Silber wird ihr wohl die Haut von den Händen brennen“, kommentierte Mayla trocken. Lin zuckte erstmals merklich zusammen, ballte die Hände zu Fäusten.
„Obacht… das lass lieber!“ Mayla seufzte nach. „Aber… das haben wir alle rasch gelernt, dass das dumm ist.“ Livius stand regungslos da und beobachtete das Schauspiel unberührt, als wäre es ein Ritus, den er schon hundertfach erlebt hatte.


Taede drehte sich von den Gittern fort, als hätte sie sich an ihnen verbrannt, was sie auch hatte, nur dass ihr Körper es erst jetzt ganz begriff. Die Wut trug sie noch zwei Schritte, dann versagte ihr Gleichgewicht und sie fiel wieder auf die Knie. Der Boden war kalt, feucht, voller kleiner Steine und Pflanzenreste. Sie hielt die Hände vor sich, den Kopf geneigt, und starrte auf die Finger, als würden sie nicht zu ihr gehören. Elira hob die Stimme, bemüht um Pragmatismus, aber man hörte den winzigen Riss darin, diesen Mangel an Hoffnung, den sie selbst nicht zugeben wollte. „Du könntest dich jetzt noch schnell ausziehen!“  Taede reagierte kaum. Sie war in diesem Zwischenzustand, in dem man nur noch hört, dass Worte Geräusche sind. Der Schmerz kam nicht wie ein Schlag. Er kam wie Säure. Als würde das Silber noch immer an ihrer Haut kleben, als hätte es sich in die Linien ihrer Handflächen gegraben. Ein brennendes Feuer, nicht außen auf der Haut, sondern darunter, dort, wo man nichts abstreifen kann. Und je länger sie die Gitter festgehalten hatte, desto tiefer hatte sich dieses Brennen festgesetzt.


Lin schüttelte sich, als würde sie eine alte Erinnerung abschütteln wollen, wie ein nasser Hund, der etwas Ekeliges loswerden muss. „Das erste Mal ist schon am grässlichsten“, murmelte sie, mehr zu sich als zu den anderen. Mayla sah einmal nach links, einmal nach rechts, als würde sie prüfen, ob noch etwas fehlt oder ob man jetzt nur noch warten kann.

Taedes Kopf zuckte. Dann ihr Oberkörper. Ein kurzer Ruck, der nicht nach Entscheidung aussah, sondern nach etwas, das von innen an ihr zerrte. Draußen, jenseits der Gitter, sprach Livius in dieser kalten, sachlichen Art, die alles Schlimme in Sätze presst, bis es „handhabbar“ klingt. Er dachte nicht an Trost, nur an Folgen, dass die Wunden bleiben würden. Nicht schnell, nicht wie in Geschichten. Langsam und schmerzvoll, wie bei Menschen. 

„Das Gute ist…“


Taede knickte ein. Kniend fiel ihr Oberkörper nach vorn, als hätte jemand ihr den Faden durchgeschnitten. Sie krümmte sich zusammen, zog die Beine an, rollte sich in eine Fötusstellung, als könnte sie sich selbst vor sich selbst verstecken. 

„…sie wird sich kaum daran erinnern“, vollendete Livius. 

>>> Eine Pause, messerscharf. „Wenn sie denn überlebt.“ „Warten wir es ab“, sagte Mayla. Dann, fast beiläufig, als wäre es eine Wahrheit, die man eben kennt. „Es ist jedesmal wie eine Geburt.“ Taede zuckte heftig in der zusammengekauerten Stellung, als hätte dieses Wort etwas in ihr angestoßen. Mayla blieb dabei, ruhig, alt, abgeklärt. "Danach schauen wir, wie es sich entwickelt.“ „Wir sind da ja Kummer gewöhnt.“
Elira hob den Kopf, als hätte sie das Bedürfnis, das Ganze menschlich zu halten, bevor es ganz zur Routine wird. „Ich erinnere mich daran, dass Lin mich angegriffen hat“, teilte sie mit, fast sachlich. „Aus Gründen“, gab Lin zurück. Mayla lachte. Wirklich lachte. „Oh ja… das war lustig!“ Sie klang erheitert, als wäre es eine alte Anekdote am Feuer. Elira drehte sich zu Lin, empört und doch auch ein bisschen verletzt. „Du hattest überhaupt keine guten Gründe.“ „Ihr wart beide sehr wütend“, warf Livius ein, beschuldigend und mit genau der Art von Satz, der jede Mitschuld von sich wegschiebt, als hätte er nichts damit zu tun gehabt außer zu beobachten. „Ich erinnere mich nur schemenhaft“, meinte Lin. Dann, nach einem Moment. „Aber du warst bestimmt nicht sehr kontrolliert. Das weiß ich.“


Elira legte den Kopf schief, musterte Taedes Fortschritt, als könne sie aus dem Zittern herauslesen, ob es schon kippt, ob es gleich losgeht. „Ich war verletzt, das war ich“, sagte sie würdevoll, als müsse dieser Punkt unbedingt feststehen. Mayla trat näher an die Gitter, guckte durch die silbernen Stäbe hinein in diesen Höhlenhof, dass Feuer weiter hinten, der Boden dunkel, feucht, von Farnen und Pflanzen durchzogen, das Wasserbecken wie ein stiller Spiegel. Taede lag darin wie ein zusammengeknülltes Stück Mensch. „Regt sich nichts mehr…“ Maylas Stimme war plötzlich nicht mehr belustigt, sondern prüfend. „Falls sie jetzt schon aufgibt…“ Dann zog sie den Satz weiter, bis er ganz kalt wurde. „Wir warten, bis sie anfängt streng zu riechen. Dann kann der Hosenlose sie wegschaffen… er will ja immer hilfreich sein.“ Sie sagte es und wandte sich ab, als wäre das alles nur Logistik.


„Sie braucht sicher noch etwas Zeit“, hielt Elira dagegen. „Erwartet doch nicht gleich das Schlimmste.“ „Erfahrung…“ kam es nur noch von Mayla im Gehen. Livius’ Stimme schnitt in die Stelle, die Elira gerade offen halten wollte. „Mir wäre es lieber, sie bleibt dort liegen. Feuer würde sich dem Rest annehmen und wir können uns auf die Suche nach dem Wolf machen.“ Ein Atemzug. „Weniger Ärger für uns alle.“ „Das ist sehr kaltschnäuzig, Livius.“ Elira presste die Lippen zusammen. Mayla warf noch einen Blick zu dem kleinen Stein, als würde sie irgendetwas an ihm abgleichen.


Drinnen winselte Taede und drehte sich hin und her, als würde sie dem Schmerz ausweichen wollen, der in ihr sitzt. Vielleicht Angst, vielleicht Panik, oder Wut? Livius seufzte unweigerlich, als wieder Regung in Taedes Leib kam. Nicht aus Mitgefühl, eher aus genervter Überraschung, dass sie noch nicht „fertig“ war. Dann sah er zu Elira. „Du bist noch jung. Mit den Jahren wirst du es auch verstehen.“ Und er sagte es, als würde er mit einem naiven Kind sprechen. „Feuer hilft gut…!“ hallte Maylas Stimme irgendwo weiter hinten aus der Höhle. „Jedes Leben ist wertvoll“, entgegnete Elira überzeugt, stur in ihrem Licht.  Lin, ohne den Blick vom Zelleninneren zu nehmen. „Spinnen?" Livius setzte nach, als hätte er endlich den Zug gefunden, mit dem er Elira mattsetzen kann. „Dann ist es auch das des Erben des ältesten Todes.“ Sein Blick war siegessicher, Schachmatt in seinen Augen. Elira verschränkte die Hände im Rücken. „Das ist nicht ganz richtig.“ Sie blieb ruhig, aber fest. „Jedes Leben ist wertvoll, außer es versucht, anderen Leben zu schaden. Dann muss man den Schaden begrenzen.“ 

In der Zelle, zwischen Farn und Erde, begann es. Taedes Körper zuckte anders. Nicht mehr nur Schmerz. Etwas, das sich neu sortiert. Sie begann, sich zu verwandeln. 

„Dann nimmst du mir also den Wert meines Lebens“, schlussfolgerte Livius mit gehobener Braue, verurteilendem Seitenblick. „Nein.“ Elira hielt dagegen. „Du versuchst zu helfen. Auf deine Art und Weise.“ Das Wort komisch sagte sie nicht, aber es schwang mit. „So ein Nekromant aber, der versucht das nicht.“ Elira reckte den Hals, der Blick in die Zelle, als würde sie jetzt alles vergessen, was draußen gesagt wurde.


Auf allen vieren knackte es. Taede schrie. Das Schreien wurde lauter, brach ab, setzte neu an und wandelte sich in ein Fiepen, als würde ihr die Stimme selbst wegbrechen und etwas anderes sich ihren Weg aus ihr heraus suchen.

Livius nickte Eliras Worte ab, als wäre er sich selbst einverstanden. „Ich tue nur, was richtig ist.“ Sein Blick glitt zu Mayla, blieb einen Moment bei ihr ruhen, dann zurück zur entstehenden Wolfsgestalt.


Taede schüttelte immer wieder den Kopf, als könnte sie das abschütteln, was gerade in ihr passiert. „Oh. Oh!“ Elira deutete voran, als müsse sie es allen zeigen, als wäre es ein Wunder. „Sie tut es!“ Mayla schien Livius’ Blick nicht mitbekommen zu haben. Erst später wandte sie sich um. „Oh… tut sich noch was?“ Drinnen zog Taede die Luft durch die Nase. Schnauffte aus. Schüttelte den Kopf. Knurrte. Und starrte zu den Gittern, als wären sie die einzige Linie zwischen ihr und den Stimmen. „Bedauerlich“, sagte Livius, nicht mitfiebernd, sondern missgünstig. „Sie wandelt!“ Elira klang, als müsste sie es sich selbst beweisen. „Hrm…“ machte Mayla. „Sie hat… gewandelt“, korrigierte Elira, als das Tier aufstand.


Livius rümpfte die Nase. Blick zur Wölfin. Dann langsam zu Mayla. „Damit wären wir wohl nun bei deiner Verantwortung angekommen.“ „Oh, schaut, wie sie dreinsieht“, sagte Elira gerührt. Taede tapperte unglücklich auf die Gitter zu, blieb kurz davor stehen, nicht anlehnend, nicht greifend, nur zu nah, zu unsicher. Dann wich sie zurück und knurrte das Gitter förmlich an, als wäre es ein Gegner, der nicht weichen will. Sie stampfte vorsichtig mit den Vorderpfoten auf, fiebte dabei, schmerzvoll, klein, unpassend für dieses große Tier. Ein paar Schritte rückwärts, als müsse sie Raum schaffen. Elira wiegte den Kopf hin und her, musterte die Wölfin, als würde sie ein Kind in fremder Gestalt betrachten.


„Möchte jemand hinein und sie zur Ruhe bringen?“ fragte Livius, den Blick zur Seite neigend. „Sollen wir sie rauslassen?“ Elira klang hoffnungsvoll, zu früh. „Das solltest du machen“, sagte sie dann hastig und sah zur Seite. „Bei mir oder Lin wäre es ein Kampf.“ 

Taede hob die Nase in die Luft und schnüffelte, als würde sie die Welt zum ersten Mal lesen. „Raus?! Auf keinen Fall“, sagte Lin sofort. „Ich denke, wir lassen sie erstmal ein weilchen“, entschied Mayla. 

Taede senkte den Kopf wieder, schnaubte aus, schüttelte den Kopf, als wolle sie etwas aus dem Schädel treiben. 

„Die wirkliche Anstrengung“, erklärte Mayla, „wird es sein, den Willen aufzubringen, diese Form hinter sich zu lassen.“ „Sie geht zwar von selbst irgendwann… aber ihr wisst, was ich meine und verlange.“ „Bei mir wäre es ihr Tod“, hielt Livius dagegen. „Und dann müsste ich mir euer Gejammer anhören.“  „Eliras Gejammer“, korrigierte Lin. „Ihr seid herzlos“, sagte Elira fest. „Müssen wir sie denn zur Ruhe bringen? Sie wirkt recht… in Ordnung.“


Dann dieser Versuch, der aus Elira kommt, wenn sie retten will, was zu retten ist. „Wir könnten auch die Zelle öffnen, und wenn sie sich zurückverwandelt, kann sie raus.“ Sie hob schnell an, als hätte sie Angst, missverstanden zu werden. „Ich meine… das Schloss. Nicht die Tür.“ Taede leckte inzwischen ausgiebig eine Pfote. Setzte sie ab, hob die andere, leckte wieder, als würde sie sich selbst beruhigen, als würde sie die Schmerzen wegwaschen. „Die Tür öffnen wir, wenn sie wieder menschliche Gestalt hat“, sagte Mayla. „Und danach piesake ich sie.“ Taede verlagerte das Gewicht abwechselnd, als ob ihr die Pfoten wehtaten. „Prügel sie in diese Form und prügel sie aus dieser Form raus“, sagte Mayla leichthin. „Ihr habt mir das ja leider abgenommen.“ „Du könntest es bitte jetzt tun“, bat Elira. „Ich will nicht kämpfen. Das ist sehr rüde und unhöflich.“ Mayla hob die Brauen. „Jetzt?“ Dann kam das Wort Kind wie ein Stempel. „Kind… die erste Wandlung ist etwas Besonderes.“


Taede drehte den Kopf schnell nach hinten und knabberte an ihrer rechten Flanke, als wäre dort der Biss. Knurrte dabei hörbar genervt.


„Sie benötigt Zeit“, sagte Mayla. „Normalerweise ist es der erste Vollmond, also die ganze Nacht.“ „Ich erinnere mich doch nicht“, gab Elira bedauernd zu. „Was tun wir dann?“  „Ich werde die Vereinigung nicht unterbrechen“, sagte Mayla. „Warten.“ „Morgen wird sich das gegeben haben.“


Taede sah wieder nach vorn, durch die Gitter hindurch zu den Anwesenden. Der Kopf sank tiefer zwischen die Schultern, die Ohren gespitzt, wachsam, lauernd, jedes Geräusch ein Signal. Livius trat näher zum Tor, die Hände auf dem Rücken übereinander, hielt jedoch reichlich Abstand zum Silber. „Ich habe so die leise Vermutung, dass ich mich nicht so ruhig verhalten habe“, meinte Lin sinnierend. „Wer nimmt sich ihr an?“ fragte Livius. „Also lassen wir sie drin?“ Elira nickte, als wäre das nun beschlossen. „Und wer sieht morgen nach ihr? Ich bin morgen verhindert.“ „Ich schaue nach ihr“, sagte Mayla. „Ist schließlich meine Aufgabe, nicht?“ 


In der Zelle taxierten Taedes Augen jeden Einzelnen. Jede Bewegung zog eine minimale Reaktion nach sich. Die Ohren drehten sich unabhängig voneinander, fast unwillkürlich in alle Richtungen. Elira nickte sacht, dankbar zu Mayla. „Ich habe gehört, du warst sehr wild und ungehobelt“, erklärte sie Lin. Livius hob die Hand, richtete den Blick auf die Wölfin aus, die Finger regten sich kurz, dann senkte er die Hand wieder und trat vom Tor zurück, als hätte er sich umentschieden, irgendetwas zu „tun“. „Nun denn.“ Seine Stimme klang wie ein Abschluss. „Ich hoffe, ihr seid glücklich.“ Taede knurrte kurz, dann brach ein hohes Fiepen aus ihr, dünn, schneidend. „Sie hat überlebt. Das ist schön“, sagte Elira und lächelte tatsächlich. „Und morgen wandelt sie sich wieder zurück. Bestimmt.“ „Dieses Fiepen werde ich ihr jedenfalls austreiben“, meinte Mayla mürrisch. „Es ist hoch“, analysierte Lin  diplomatisch. „Ich bitte darum“, schnaubte Livius in Maylas Richtung. Taede kreiste einmal mit dem Kopf, als Mayla sprach, ein Reflex, ein „ich höre dich“, aber auch „ich weiß nicht, was du willst“. „Nun denn… morgen also“, sagte Mayla. „Na gut.“ Elira atmete durch. „Ich will nun nach Hause, ehe Fenrik fragt, wo ich war.“ „Und mir überlegen, was ich ihm erzähle, wo mein Überwurf ist.“ Taede machte ein paar Schritte rückwärts und legte sich dann auf den Boden, aber der Blick blieb bei den Gittern. „Du bist an einer Brombeerhecke hängengeblieben?“ schlug Lin vor. „Du bist kreativ“, sagte Livius. „Dir fällt bestimmt etwas ein.“ „Mir fällt etwas ein“, seufzte Elira. „Zeig Bein oder so“, warf Mayla ein. „Das lenkt ihn sicher ab.“ „Ich komme mit“, sagte Lin. 

„Einen ruhigen Abend euch noch und…“ Elira sah zur Bestie. „Viel Glück, Taede.“ 

Livius gab sich diesmal optimistisch, zumindest in der Form, und setzte dazu an, sich umzuwenden. „Ja… ja, ich zeige ihm Dinge“, murrte Elira und wandte sich. „Angenehme Nachtruhe… von dem, was noch bleibt.“ Livius sah noch einmal verärgert zum Gitter und stiefelte dann los.


„Durchhalten, da drin. Es wird schon“, erklärte Lin dem Wolf mit schlecht gespieltem Optimismus.


Mayla blieb einen Moment länger. Ein letzter Blick der Grauen. Der große Wolf legte den Kopf ab, ohne den Blick von den Gittern zu nehmen. „Morgen schauen wir mal, aus welchem Holz du geschnitzt bist“, sagte Mayla. Sie wendete sich auf dem Stiefelabsatz um.


Der Wolf hob den Kopf wieder, richtete die Ohren auf Mayla aus – als hätte dieser Satz etwas in ihr getroffen, etwas, das sie verstand, auch ohne Worte.
 
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Taede
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Re: Vor dem Mond

Beitrag von Taede »

Das Gesetz, das bleibt.

Sie erinnert sich nicht an den Wolf. Das ist das Erste, was sie feststellt. Keine Bilder. Keine Läufe. Kein Blutrausch, wie sie es erwartet hätte, wie man es ihr beschrieben hat.
 
Stattdessen... Leere. Und darunter etwas, das sich nicht benennen lässt. Ihr Körper fühlt sich an, als hätte man ihn neu zusammengesetzt. Nicht falsch. Aber auch nicht vertraut. Jeder Atemzug sitzt einen Hauch tiefer, jede Bewegung scheint einen Moment zu früh zu kommen. Als würde sie sich selbst minimal voraus sein.
 
Sie denkt an Solgard. An die Gasse. An den Blick aus der Dunkelheit. Damals war es kein Zorn gewesen. Sie weiß das jetzt sicher. Es war diese klare, schneidende Erkenntnis gewesen, die man nur hat, wenn man zu lange auf der Straße gelebt hat. Wenn du jetzt zögerst, bist du tot. Angst. Nicht das Zittern, nicht das Weinen. Sondern die Art Angst, die einen zwingt, Entscheidungen zu treffen, bevor man sie verstanden hat. Der Dolch. Der Stich. Der Moment, in dem sie nicht dachte, Ich will leben. sondern, Ich darf hier nicht liegen bleiben. Sie hatte gelernt, dass Wut laut ist. Und Lautsein ist gefährlich. In der Stadt überleben nicht die Wütenden. Sie überleben nicht lange.
Es überleben die, die hören. Die sehen. Die spüren, wann etwas kippt. Vielleicht ist das der Fehler der anderen, denkt sie. Dass sie glauben, der Wolf käme aus dem Zorn. Dass Stärke etwas ist, das nach außen drängt.
 
Taede spürt in sich hinein, vorsichtig, wie man in eine fremde Gasse blickt. Da ist kein Drängen. Kein Toben. Da ist Wachsamkeit. Ein inneres Stillwerden, das nichts mit Frieden zu tun hat. Eher mit Bereitsein.
 
Sie denkt an Livius. An die Art, wie er sie angesehen ha, nicht wie ein Feind, nicht wie ein Mensch. Wie ein Problem. In der Stadt hätte sie diesen Blick erkannt. Das ist der Blick derer, die entscheiden, ob man bleibt oder verschwindet.
 
Mayla… Mayla ist anders. Alt. Müde. Ehrlich auf eine grausame Art.
 
Dann Lin, die testet. Immer. Sie will wissen, wie laut man schreit, bevor man bricht.
 
Und schließlich Elira… Elira glaubt noch, dass Mitgefühl schützt. Taede weiß, Mitgefühl ist ein Luxus. Ein schöner. Aber keiner, auf den man baut.
 
Die Angst. Sie fragt sich, ob die anderen merken würden, wenn sie es sagt. Wenn sie ausspricht, was sie fühlt. Dass sie keine Wut gespürt hat. Dass es Angst war, die sie getragen hat. Sie beschließt, es nicht zu tun. Noch nicht.
 
In der Stadt erzählt man nicht, wodurch man überlebt hat. Man erzählt nur, dass man es getan hat. Und tief in ihr, dort wo sich etwas Neues regt, etwas Waches, denkt ein Teil von ihr, Wenn sie glauben, ich sei eine Wutwandlerin, lassen sie vielleicht ihre Deckung fallen.
 
Ein Stadtwolf lernt schnell. Und sie hat nicht vor, ein zweites Mal überrascht zu werden.
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Zlata Kovacs
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Re: Vor dem Mond

Beitrag von Zlata Kovacs »

Grob, undiplomatisch, laut und selbstgerecht.
Taede war die sprichwörtliche Axt im Walde, selbst hier, am Rande der Wüste.

Die Frau, welche Zlata erst für eine Wildererin und Brigantin gehalten hatte, vereinte scheinbar alles, was Zlata verachtete. Sie war grobschlächtig und urteilte bereits über den Wert eines Wortes, noch bevor es völlig ausgesprochen war. Sie war voreingenommen und sortierte die Menschen in so simple Schubladen, dass sie einem Kinderbuch entstammen konnten. Am meisten jedoch erboste Zlata die laute, übergriffige Selbstsicherheit, mit der sie ihre kindlich naive, rebellische Weltanschauung in die Welt plärrte.

Taede war die absolute Antithese eines Gelehrten.

Selten hatte ein Mensch ihren Puls so in die Höhe getrieben, wie der zottelige Querulant, der sich diese Tage in Solgard herumtrieb.
Das hochnäsige, überhebliche Auftreten eines Ba'thal konnte sie akzeptieren, denn es fußte auf unbestechlicher Logik und Kalkül, war zielgerichtet und effizient.
Das machtlose Wettern eines Anatus wusste sie zu ignorieren, denn ihm fehlte all das.
Taedes aufbrausende Tiraden jedoch? Es war, als würden sie sich direkt in ihre Brust bohren und bleiern auf ihrem Herz lasten. Eine überhebliche Aristokratin? Sie? Was für ein Unfug! Nichts, absolut gar nichts hatte sie mit dem privilegierten Stand des degenerierten Erbadels gemein, dem sie einst nur mit Blut und Tränen entkommen war. Nein, wenn sie eine Aristokratin war, dann nur im ursprünglichen Sinne des Wortes!

Warum also drückten Taedes Worte ihr also so schwer auf der Brust? Es hatte ganze drei erniedrigende Treffen gebraucht, um die Antwort zu finden:
Sie mochte den kratzbürstigen Wüterich.

Offenbar waren sie sich ähnlicher, als eingangs vermutet. Nicht an der Oberfläche, nicht in den drei klebrigen Schichten darunter und ganz sicher nicht im Intellekt. Wohl aber da, wo es zählte. Taedes selbstgerechter Zorn entstammte hehren Idealen, so viel stand fest. Steckte unter der ruppigen Hülle ein Schatz? Ein ungeschliffener Edelstein vielleicht? Ungewiss und streitbar.
Ein Mysterium jedoch, welches Zlata erforschen wollte, war diese Taede allemal.
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Re: Vor dem Mond

Beitrag von Taede »

Zlata ist anstrengend.
Nicht, weil sie laut wäre. Sondern weil sie ständig bleibt. 

Beim ersten Treffen hielt ich sie für jemanden, der sich hinter Worten verschanzt. Klug, geschniegelt, mit genug Abstand zur Straße, um sich sicher zu fühlen. Solche Leute kenne ich. Man hört ihnen zu, nickt, kassiert Sie ab und geht weiter. Aber Zlata folgt mir einfach. Sie hört zu. Sie merkt sich Dinge. Und sie sieht einen an, als wäre man kein Problem, das gelöst werden muss, sondern ein Mensch, der Gründe hat.

Das macht es schwer. Ich glaube nicht, dass sie mich besonders mag. Und ehrlich gesagt weiß ich nicht einmal, ob ich das bei ihr tue. Wir denken zu verschieden. Wir gehen Dinge zu unterschiedlich an. Sie wägt ab, wo ich handle.
Aber ich habe gelernt, dass man Respekt nicht daran erkennt, wie sanft jemand spricht, sondern daran, ob er bleibt, wenn es unbequem wird.

Zlata bleibt.

Sie erhebt sich nicht über mich. Sie misst mich nicht an dem, was ich nicht bin. Und sie versucht nicht, mich kleiner zu machen, nur weil ich laut bin oder grob oder keinen Umweg kenne.

Vielleicht verstehen wir uns nie wirklich.
Aber ich glaube, sie hört mich.

Und in einer Stadt wie Solgard ist das mehr, als man von den meisten sagen kann.
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