Sie läuft in der engen Dunkelheit eines sich windenden, stetig verändernden Tunnels, unbeleuchtet, aber dennoch nicht vollkommen finster. Das, so erkennt sie, während das Herz bis zum Hals schlägt, ist ein Traum.
Einer, der allzu vertraut ist. Einer, dessen Gewalt sich selbst durch das Wissen nicht abschütteln lässt.
‘Bin ich jemals entkommen?’
Kühle Finger berühren ihren Nacken und die Glieder erstarren wie zu Eis, gefroren vor dem sanften, femininen Flüstern.
“Niemals. Ich lasse dich niemals gehen. Nicht einmal, wenn ich dir all deine Geheimnisse entrissen habe.”
Sommerkind
Im Land des ewigen Winters
Zumindest theoretisch ist Amrali mit dem Konzept von Schneefall und Frost vertraut, aber die Wirklichkeit wischt alle Vorstellungen und Einbildungen mit gleichgültiger Ignoranz zur Seite.
Die Kälte durchdringt mühelos die verschiedenen Schichten an fadenscheiniger Kleidung, beißt in Wangen, in Nase und Ohren: Zum ersten Mal seit einer ganzen Weile ist sie froh keinen Schmuck zu tragen, nicht einfach nur beschämt über die Abwesenheit einer früher immer präsenten Selbstverständlichkeit.
Die ganze Landschaft liegt wie unter einem weißen Tuch, das alle Formen dämpft, Trugbilder schafft über die wahren Verläufe von Kanten und Abgründen. Es ist, so denkt sie, während sie hastig im Gepäck nach dem zerfledderten Mantel sucht, der nur für den schlimmsten aller Notfälle überhaupt eingepackt wurde, gleichzeitig ähnlich wie der Sand der Wüste und dann doch auch ganz anders.
‘Warum bin ich hier?’
Der Gedanke kommt ungerufen, unwillkommen, ein Zaudern und eine Verzagtheit darin, die Ärger entfachen, dabei in jene Glut fahrend, die sie über all die Jahre bewahrt hat, deren letzte Reste in flüsternden Schatten beinahe verloschen wären. Sie hat nie erfahren, wie nahe sie war, die vollständige Kapitulation zu erleben.
‘Und das wird sie auch nie.’
Aber auch dieser Gedanke erreicht sie ungebeten, findet sich eingerahmt in Furcht und wird rasch verdrängt. Besser, sich der Kälte dieses offenen Landes zu stellen, den eigenwillig gedämpften Geräuschen - alles hier wirkt stiller, als es sein sollte - und dem ungewohnten Gefühl der erstarrten Landschaft unter den Füßen.
Die Bewohner dieser gefrorenen Einöde tragen ihre Pelze wesentlich besser als Amrali es tut, ihre Spuren künden im lockeren Schnee noch lange von ihrem Vorbeiziehen - nur aus der Ferne bekommt die Besucherin einen scheuen Schneefuchs zu sehen, dessen gedrungene Statur ihr skurril erscheint, gänzlich anders als die schlanken, agilen Kreaturen der rollende Steppe ihrer Heimat.
Ein am Himmel kreisender Adler beobachtet Amrali eine Weile, gnädig wie ein distanzierter Herrscher, der einen demütigen Bittsteller beobachtet, bevor er mit dem Auftreten anderer geflügelter Geschöpfe gemächlich in Richtung Osten abdreht.
Es ist ein ganzer Schwarm - Geier vermutet sie zunächst - während sie in einen der sich öffnenden Pässe eintritt, die klaffenden Felsen drängen sich zusammen, als wollten sie den Weg zerquetschen der kühn in ihre Mitte gezwängt wurde. Dann, mit der Biegung des Weges, öffnet sich ein schmales Tal und sie wird sich ihres Irrtums bewusst: Nur ein Dutzend Schritte voraus liegt der Kadaver eines Pferdes, aufgerissen von scharfen Krallen, noch dampfend in der Kälte. Darauf hockt eine Kreatur, die Amrali augenblicklich erkennt, auch wenn sie nie zuvor eines dieser Geschöpfe mit eigenen Augen erblickte: Eine Mischkreatur aus Mensch und Vogel mit Schwingen statt Armen und stämmigen, krallenbewehrten Füßen, ein ganz menschlich anmutenden, weiblicher Torso mit hoch angesetzten Brüsten, die Haut bar, dem Frost schutzlos ausgesetzt. Das Gesicht ist ähnlich grotesk: Deformierte, in die Länge gezogene Augen über fast menschlichen Wangenknochen, statt Mund und Nase findet sich ein mächtiger gebogener Schnabel, von dem nun gerade Blut tropft.
Keine Lippen, aber etwas an dem Ausdruck lässt Amrali an das Lächeln eines zufriedenen Jägers denken. Hinter ihr, wo der Pass sich windet, stoßen zwei gleichartige Kreaturen vom Himmel herab, um den Fluchtweg zu blockieren, drei Weitere ziehen Kreise über der ganzen Szenerie und beginnen gerade nun zu kreischen - kurze, schrille Schreie wie pervertiertes Gelächter.
An manchen Tagen ist es schwierig sich an die Unterweisungen, an die Geschichten und Legenden der Vergangenheit zu erinnern, an die reichen Warnungen und Weisungen, die in die fast schon spielerische Form von Erzählungen gewoben wurden und auch jetzt, während Amrali starrt und die auf dem Kadaver des Pferdes hockende Harpyie spöttisch ihre Schwingen präsentiert, sind die Worte in der Erinnerung wie das unförmige Brummen eines entfernen Bienenschwarms. Unscharf. Unbestimmt.
“Sieh an, wer sich zu uns verirrt hat. Willst du nicht Teil dieser Schwesternschaft werden, deine unwürdige Hülle eintauschen gegen einen stolzen Leib? Wir haben ein Herz für die Häßlichen.”
Das Geschrei der drei Harpyien in der Luft steigert sich zu einem spöttischen, verhöhnendem Crescendo, während die Sprecherin sich eitel präsentiert.
“Du musst wi ..”
Die Kälte ist vergessen mit der ersten Berührung des Schwertes.
Es zu ziehen, wenngleich nicht mehr ungewohnt, schmeckt noch immer wie Freiheit, wie das Abschütteln von Ketten und Amrali zögert nicht in die Offensive zu gehen, überwindet die Entfernung zum abkühlenden Kadaver mit ein paar raschen Sprüngen.
Die Harpyie, soviel lässt sich mit Gewissheit sagen, ist überrascht von der abrupten Unterbrechung einer gewiss einstudierten Spottrede, aber nicht überrascht genug, um sich am Boden fangen zu lassen: Sie entkommt dem Hieb um Haaresbreite und gesellt sich zu ihren drei Schwestern am Himmel.
Diese Verfluchten, so wurde es gelehrt, sind eine Perversion, nicht allein im Erscheinungsbild, sondern auch im Herzen: Unfähig eine echte Gemeinschaft zu bilden, ohne das geringste Verständnis für das Opfer, das es braucht um das Überleben der Vielen zu sichern. Für die Harpyien zählt die Einzelne stets höher und so streiten sich die vier Flieger mit schrillen Schreien darüber, wer die Erste sein muss, die auf die Bewaffnete herab stößt. Es dauert nicht sehr lange, bis der Streit ganz ernsthaft entbrennt, mit Klauen und Schnäbeln ausgefochten wird, um eine Hierarchie festzulegen, die vielleicht ein paar Wochen halten wird, bevor etwas sie unweigerlich auf die Probe stellt.
Amrali, deren Rückweg weiterhin versperrt ist, flüchtet, ohne sich mit Neugier aufzuhalten. Für den Moment sind die Harpyien zufrieden damit sie gehen zu lassen, sicher, dass sie ihre Beute schon wieder einholen werden, sobald diese Kleinigkeit bezüglich der Rangordnung zu allgemeiner Zufriedenheit ausgefochten ist.
Sie wissen nicht, dass ihr vermeintliches Opfer viel Übung darin hat, sich zu verstecken.
Die Kälte durchdringt mühelos die verschiedenen Schichten an fadenscheiniger Kleidung, beißt in Wangen, in Nase und Ohren: Zum ersten Mal seit einer ganzen Weile ist sie froh keinen Schmuck zu tragen, nicht einfach nur beschämt über die Abwesenheit einer früher immer präsenten Selbstverständlichkeit.
Die ganze Landschaft liegt wie unter einem weißen Tuch, das alle Formen dämpft, Trugbilder schafft über die wahren Verläufe von Kanten und Abgründen. Es ist, so denkt sie, während sie hastig im Gepäck nach dem zerfledderten Mantel sucht, der nur für den schlimmsten aller Notfälle überhaupt eingepackt wurde, gleichzeitig ähnlich wie der Sand der Wüste und dann doch auch ganz anders.
‘Warum bin ich hier?’
Der Gedanke kommt ungerufen, unwillkommen, ein Zaudern und eine Verzagtheit darin, die Ärger entfachen, dabei in jene Glut fahrend, die sie über all die Jahre bewahrt hat, deren letzte Reste in flüsternden Schatten beinahe verloschen wären. Sie hat nie erfahren, wie nahe sie war, die vollständige Kapitulation zu erleben.
‘Und das wird sie auch nie.’
Aber auch dieser Gedanke erreicht sie ungebeten, findet sich eingerahmt in Furcht und wird rasch verdrängt. Besser, sich der Kälte dieses offenen Landes zu stellen, den eigenwillig gedämpften Geräuschen - alles hier wirkt stiller, als es sein sollte - und dem ungewohnten Gefühl der erstarrten Landschaft unter den Füßen.
Die Bewohner dieser gefrorenen Einöde tragen ihre Pelze wesentlich besser als Amrali es tut, ihre Spuren künden im lockeren Schnee noch lange von ihrem Vorbeiziehen - nur aus der Ferne bekommt die Besucherin einen scheuen Schneefuchs zu sehen, dessen gedrungene Statur ihr skurril erscheint, gänzlich anders als die schlanken, agilen Kreaturen der rollende Steppe ihrer Heimat.
Ein am Himmel kreisender Adler beobachtet Amrali eine Weile, gnädig wie ein distanzierter Herrscher, der einen demütigen Bittsteller beobachtet, bevor er mit dem Auftreten anderer geflügelter Geschöpfe gemächlich in Richtung Osten abdreht.
Es ist ein ganzer Schwarm - Geier vermutet sie zunächst - während sie in einen der sich öffnenden Pässe eintritt, die klaffenden Felsen drängen sich zusammen, als wollten sie den Weg zerquetschen der kühn in ihre Mitte gezwängt wurde. Dann, mit der Biegung des Weges, öffnet sich ein schmales Tal und sie wird sich ihres Irrtums bewusst: Nur ein Dutzend Schritte voraus liegt der Kadaver eines Pferdes, aufgerissen von scharfen Krallen, noch dampfend in der Kälte. Darauf hockt eine Kreatur, die Amrali augenblicklich erkennt, auch wenn sie nie zuvor eines dieser Geschöpfe mit eigenen Augen erblickte: Eine Mischkreatur aus Mensch und Vogel mit Schwingen statt Armen und stämmigen, krallenbewehrten Füßen, ein ganz menschlich anmutenden, weiblicher Torso mit hoch angesetzten Brüsten, die Haut bar, dem Frost schutzlos ausgesetzt. Das Gesicht ist ähnlich grotesk: Deformierte, in die Länge gezogene Augen über fast menschlichen Wangenknochen, statt Mund und Nase findet sich ein mächtiger gebogener Schnabel, von dem nun gerade Blut tropft.
Keine Lippen, aber etwas an dem Ausdruck lässt Amrali an das Lächeln eines zufriedenen Jägers denken. Hinter ihr, wo der Pass sich windet, stoßen zwei gleichartige Kreaturen vom Himmel herab, um den Fluchtweg zu blockieren, drei Weitere ziehen Kreise über der ganzen Szenerie und beginnen gerade nun zu kreischen - kurze, schrille Schreie wie pervertiertes Gelächter.
An manchen Tagen ist es schwierig sich an die Unterweisungen, an die Geschichten und Legenden der Vergangenheit zu erinnern, an die reichen Warnungen und Weisungen, die in die fast schon spielerische Form von Erzählungen gewoben wurden und auch jetzt, während Amrali starrt und die auf dem Kadaver des Pferdes hockende Harpyie spöttisch ihre Schwingen präsentiert, sind die Worte in der Erinnerung wie das unförmige Brummen eines entfernen Bienenschwarms. Unscharf. Unbestimmt.
“Sieh an, wer sich zu uns verirrt hat. Willst du nicht Teil dieser Schwesternschaft werden, deine unwürdige Hülle eintauschen gegen einen stolzen Leib? Wir haben ein Herz für die Häßlichen.”
Das Geschrei der drei Harpyien in der Luft steigert sich zu einem spöttischen, verhöhnendem Crescendo, während die Sprecherin sich eitel präsentiert.
“Du musst wi ..”
Die Kälte ist vergessen mit der ersten Berührung des Schwertes.
Es zu ziehen, wenngleich nicht mehr ungewohnt, schmeckt noch immer wie Freiheit, wie das Abschütteln von Ketten und Amrali zögert nicht in die Offensive zu gehen, überwindet die Entfernung zum abkühlenden Kadaver mit ein paar raschen Sprüngen.
Die Harpyie, soviel lässt sich mit Gewissheit sagen, ist überrascht von der abrupten Unterbrechung einer gewiss einstudierten Spottrede, aber nicht überrascht genug, um sich am Boden fangen zu lassen: Sie entkommt dem Hieb um Haaresbreite und gesellt sich zu ihren drei Schwestern am Himmel.
Diese Verfluchten, so wurde es gelehrt, sind eine Perversion, nicht allein im Erscheinungsbild, sondern auch im Herzen: Unfähig eine echte Gemeinschaft zu bilden, ohne das geringste Verständnis für das Opfer, das es braucht um das Überleben der Vielen zu sichern. Für die Harpyien zählt die Einzelne stets höher und so streiten sich die vier Flieger mit schrillen Schreien darüber, wer die Erste sein muss, die auf die Bewaffnete herab stößt. Es dauert nicht sehr lange, bis der Streit ganz ernsthaft entbrennt, mit Klauen und Schnäbeln ausgefochten wird, um eine Hierarchie festzulegen, die vielleicht ein paar Wochen halten wird, bevor etwas sie unweigerlich auf die Probe stellt.
Amrali, deren Rückweg weiterhin versperrt ist, flüchtet, ohne sich mit Neugier aufzuhalten. Für den Moment sind die Harpyien zufrieden damit sie gehen zu lassen, sicher, dass sie ihre Beute schon wieder einholen werden, sobald diese Kleinigkeit bezüglich der Rangordnung zu allgemeiner Zufriedenheit ausgefochten ist.
Sie wissen nicht, dass ihr vermeintliches Opfer viel Übung darin hat, sich zu verstecken.
Solgards Verheissung
Die Wärme Solgard erinnert Amrali an ihre Heimat, aber die Ähnlichkeiten sind beschränkt: Maethrins Mauern sind höher, die Straßen enger, das Stadtbild dominiert von dunklen Erdtönen des hier zu findenden Lehms und vom Weiss der Kreidezeichnungen, die sich auf nahezu allen Hauswänden finden. Vor allem aber wurde Maethrin mit einer offensichtlich anderen Zielsetzung erbaut: Als Zuflucht und Bollwerk, als Festung, die fast ungeplant mit den Jahren und den Generationen wuchs.
Für lange Zeit hinweg war das genug: Amrali hat keine Erinnerungen, das je von Feinden auf den Straßen Maethrins berichtet wurde und sie ist zu jung um sich an die zwei Wochen andauernde Belagerung zu erinnern, bei der zuletzt tatsächlich Angreifer vor den Toren standen. Dennoch: Sie erinnert sich an die eisernen Käfige links und rechts der Wetterpforte, ein Halbdutzend Schritt über dem Erdboden aufgehängt und sie erinnert sich - zumindest von Erzählungen - an das Schicksal der Gefangenen, die dort platziert wurden.
Die Gerechtigkeit Maethrins ist unerbittlich und gnadenlos, die Strafe für den Angriff auf die Mauern uniform, ungeachtet der Umstände.
Damals war Amrali überzeugt von diesem System, aber wie es mit diesen Dingen immer ist: Es ist leicht, wenn man sich auf der sicheren Seite des Gesetzes dünkt.
Das Herz Maethrins war - zumindest bei Amralis letztem, nun Jahre zurückliegendem Besuch - die Arena. Hier, so wollte es die Tradition, wurde nicht nur eifrig Blut vergossen, wurden die Heranwachsenden geschult, gedrillt, geschunden, gedemütigt und gepriesen, sondern auch Recht gesprochen: Unter dem wachsamen Auge der Sonne, offen für alle Interessenten mit einem Platz auf den Rängen, während Richter, Ankläger und Angeklagte ihren Platz im Ring hatten.
Die Dinge sind in Solgard anders, nicht allein, weil es schlicht keine Arena gibt. Wenn ein Herz der Stadt existiert, dann schlägt es auf dem weitläufigen Marktplatz, vielleicht auch in der Kirche des Herrn, deren Besuch Amrali bis dahin tunlichst vermieden hat.
Nicht, weil sie den Herrn fürchten würde - das tut sie mit der selbstverständlichen Gewissheit eines Geschöpfes, das sich von Göttern umgeben weiß - sondern aus einem Gefühl von Unbehagen heraus: Sie ist mit diesem Glauben nicht vertraut und die Solgarder Denkweise jede Freude in einen bleiernen Mantel der Pflicht zu gießen, scheint irgendwie auf die Gebote und Tugenden des Herrn zurückzugehen.
Für sie schmeckt beides viel zu sehr nach abgeschüttelten Fesseln, nach Beklemmung, Schwere und der Agonie dunkelster Hoffnungslosigkeit.
Es sind Gedanken dieser Art, die sie verdrängt, ersetzt mit hoffnungsvoller Neugierde bei der Erkundung der Stadt und all ihrer Winkel, bis sie sich schliesslich erstmals bewusst gewahr wird, wie nah das Meer hier überall ist, sich selbst die Zeit erlaubt zu beobachten: Die geruhsame Bewegung der rastlos laufenden Wellen, die sich ohne Unterlass in die Brandung stürzen, das stetige Spiel der Möwen, die sich von den Aufwinden treiben lassen und einander umkreisen, immer auf der Suche nach Beute. Am fernen Horizont wird das Blau des Himmels eins mit dem des Wassers - und bei aller Fremdheit dieses Anblicks fühlt sich das irgendwie wie Heimat an.
"Hast dich verlaufen?"
Der Moment zerplatzt mit dem Klang der Stimme im Rücken. Der Bariton klingt nach schimmelbewachsenen Wänden in nahezu lichtlosen Kellern, feucht, als wäre kaum noch wirkliche Substanz unter der Fassade von Stabilität. Alte, allzu vertraute Reflexe regen sich im ersten Moment der Überraschung, lassen die Glieder sich neu orientieren, noch während der Verstand dabei ist überhaupt eine erste Einschätzung anzugehen. Es ist der gleiche Reflex, der Worte formen möchte, eine Beschimpfung, die sie dem Mann .. beinahe .. entgegenspuckt, aber während die Zunge sich an den Silben müht, stößt der endlich aufschließende Verstand ins Leere, lässt sie im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos nach Luft schnappen.
Der Mann ist massig, aber nahezu einen Kopf kleiner als Amrali, so aufgedunsen wie eine an den Strand angespülte und dann sich selbst überlassene Leiche. Selbst die Farbe der Haut passt dazu, teigig und blass, durchsetzt mit dicken, krausen Haaren überall, nur nicht auf dem Kopf. Eines der Augen ist ganz offensichtlich blind, leblos und grau, das andere erscheint nicht sehr viel lebendiger, unfähig sich auf einen einzigen Punkt zu fokussieren. Kein Geruch, stellt sie nebenbei fest: Etwas an ihr erwartet bei dem Anblick den Gestank eines Haufen gammelnder Fischabfälle, aber das Gegenteil ist der Fall und etwas daran zerrt an ihren Nerven, bis sie begreift, dass es tatsächlich die gänzliche Abwesenheit irgendeines Geruchs ist, der ihre Wahrnehmung piekt.
"Was willst du?"
Der Mann lächelt, ein unheilverheissendes Grinsen, das die Reste eines einzigen verbleibenden Zahnes enthüllt und etwas funkelt in dem verbleibenden Auge, bevor die Stimme sich wieder hebt, gurgelnd, als würde in der Tat Flüssigkeit irgendwo in den Lungen schwappen.
"Ich habe jemanden verloren. Und du siehst aus, als könntest du diesen Platz füllen."
Für einen Moment ist Amrali einfach nur perplex, aber der stille Zweifel zerplatzt mit den nächsten Worten des feisten Mannes.
"Ist nichts Besonderes, aber es hat ein Dach. Zehn Groschen jeden Morgen. Keine Gäste über Nacht, kein offenes Feuer im Haus, keine Anbetung des Nasenlosen. Kannst kommen und gehen wie es dir passt. Ich bin Harim vom Hafen."
"Nasenlosen?"
Der Mann hustet, spuckt, ein klebriger Klumpen glibberiger Flüssigkeit bleibt auf dem gestampften Lehmboden zurück, der hier vage einen Straßenverlauf nachahmt.
"Frag nicht. Noch ist es frei. Was sagst?"
Sie zögert, aber letztlich ist die Frage keine Frage. Ohne Wagnis kein Gewinn. Was kann schon schiefgehen?
Für lange Zeit hinweg war das genug: Amrali hat keine Erinnerungen, das je von Feinden auf den Straßen Maethrins berichtet wurde und sie ist zu jung um sich an die zwei Wochen andauernde Belagerung zu erinnern, bei der zuletzt tatsächlich Angreifer vor den Toren standen. Dennoch: Sie erinnert sich an die eisernen Käfige links und rechts der Wetterpforte, ein Halbdutzend Schritt über dem Erdboden aufgehängt und sie erinnert sich - zumindest von Erzählungen - an das Schicksal der Gefangenen, die dort platziert wurden.
Die Gerechtigkeit Maethrins ist unerbittlich und gnadenlos, die Strafe für den Angriff auf die Mauern uniform, ungeachtet der Umstände.
Damals war Amrali überzeugt von diesem System, aber wie es mit diesen Dingen immer ist: Es ist leicht, wenn man sich auf der sicheren Seite des Gesetzes dünkt.
Das Herz Maethrins war - zumindest bei Amralis letztem, nun Jahre zurückliegendem Besuch - die Arena. Hier, so wollte es die Tradition, wurde nicht nur eifrig Blut vergossen, wurden die Heranwachsenden geschult, gedrillt, geschunden, gedemütigt und gepriesen, sondern auch Recht gesprochen: Unter dem wachsamen Auge der Sonne, offen für alle Interessenten mit einem Platz auf den Rängen, während Richter, Ankläger und Angeklagte ihren Platz im Ring hatten.
Die Dinge sind in Solgard anders, nicht allein, weil es schlicht keine Arena gibt. Wenn ein Herz der Stadt existiert, dann schlägt es auf dem weitläufigen Marktplatz, vielleicht auch in der Kirche des Herrn, deren Besuch Amrali bis dahin tunlichst vermieden hat.
Nicht, weil sie den Herrn fürchten würde - das tut sie mit der selbstverständlichen Gewissheit eines Geschöpfes, das sich von Göttern umgeben weiß - sondern aus einem Gefühl von Unbehagen heraus: Sie ist mit diesem Glauben nicht vertraut und die Solgarder Denkweise jede Freude in einen bleiernen Mantel der Pflicht zu gießen, scheint irgendwie auf die Gebote und Tugenden des Herrn zurückzugehen.
Für sie schmeckt beides viel zu sehr nach abgeschüttelten Fesseln, nach Beklemmung, Schwere und der Agonie dunkelster Hoffnungslosigkeit.
Es sind Gedanken dieser Art, die sie verdrängt, ersetzt mit hoffnungsvoller Neugierde bei der Erkundung der Stadt und all ihrer Winkel, bis sie sich schliesslich erstmals bewusst gewahr wird, wie nah das Meer hier überall ist, sich selbst die Zeit erlaubt zu beobachten: Die geruhsame Bewegung der rastlos laufenden Wellen, die sich ohne Unterlass in die Brandung stürzen, das stetige Spiel der Möwen, die sich von den Aufwinden treiben lassen und einander umkreisen, immer auf der Suche nach Beute. Am fernen Horizont wird das Blau des Himmels eins mit dem des Wassers - und bei aller Fremdheit dieses Anblicks fühlt sich das irgendwie wie Heimat an.
"Hast dich verlaufen?"
Der Moment zerplatzt mit dem Klang der Stimme im Rücken. Der Bariton klingt nach schimmelbewachsenen Wänden in nahezu lichtlosen Kellern, feucht, als wäre kaum noch wirkliche Substanz unter der Fassade von Stabilität. Alte, allzu vertraute Reflexe regen sich im ersten Moment der Überraschung, lassen die Glieder sich neu orientieren, noch während der Verstand dabei ist überhaupt eine erste Einschätzung anzugehen. Es ist der gleiche Reflex, der Worte formen möchte, eine Beschimpfung, die sie dem Mann .. beinahe .. entgegenspuckt, aber während die Zunge sich an den Silben müht, stößt der endlich aufschließende Verstand ins Leere, lässt sie im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos nach Luft schnappen.
Der Mann ist massig, aber nahezu einen Kopf kleiner als Amrali, so aufgedunsen wie eine an den Strand angespülte und dann sich selbst überlassene Leiche. Selbst die Farbe der Haut passt dazu, teigig und blass, durchsetzt mit dicken, krausen Haaren überall, nur nicht auf dem Kopf. Eines der Augen ist ganz offensichtlich blind, leblos und grau, das andere erscheint nicht sehr viel lebendiger, unfähig sich auf einen einzigen Punkt zu fokussieren. Kein Geruch, stellt sie nebenbei fest: Etwas an ihr erwartet bei dem Anblick den Gestank eines Haufen gammelnder Fischabfälle, aber das Gegenteil ist der Fall und etwas daran zerrt an ihren Nerven, bis sie begreift, dass es tatsächlich die gänzliche Abwesenheit irgendeines Geruchs ist, der ihre Wahrnehmung piekt.
"Was willst du?"
Der Mann lächelt, ein unheilverheissendes Grinsen, das die Reste eines einzigen verbleibenden Zahnes enthüllt und etwas funkelt in dem verbleibenden Auge, bevor die Stimme sich wieder hebt, gurgelnd, als würde in der Tat Flüssigkeit irgendwo in den Lungen schwappen.
"Ich habe jemanden verloren. Und du siehst aus, als könntest du diesen Platz füllen."
Für einen Moment ist Amrali einfach nur perplex, aber der stille Zweifel zerplatzt mit den nächsten Worten des feisten Mannes.
"Ist nichts Besonderes, aber es hat ein Dach. Zehn Groschen jeden Morgen. Keine Gäste über Nacht, kein offenes Feuer im Haus, keine Anbetung des Nasenlosen. Kannst kommen und gehen wie es dir passt. Ich bin Harim vom Hafen."
"Nasenlosen?"
Der Mann hustet, spuckt, ein klebriger Klumpen glibberiger Flüssigkeit bleibt auf dem gestampften Lehmboden zurück, der hier vage einen Straßenverlauf nachahmt.
"Frag nicht. Noch ist es frei. Was sagst?"
Sie zögert, aber letztlich ist die Frage keine Frage. Ohne Wagnis kein Gewinn. Was kann schon schiefgehen?
- Kaled
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Re: Sommerkind
Der junge Legat gab seit seiner Rückkehr von der Expedition einen erschöpften Anblick ab und seine tiefbraune Haut wirkte unter der schwarzen Trauerkleidung geradezu verschlossen. Doch als er der hageren Frau mit den kurzen blonden Haaren in der Bank Solgards begegnete, wurde er aufmerksam und legte den offensten Gesichtsausdruck auf, den er in seinem Gemütszustand aufbringen konnte, um sie in ein Gespräch zu verwickeln.
Die Frau mit den kurzgeschorenen Haaren wich zurück und suchte das Gespräch zu vermeiden. Vielleicht führte sie etwas im Schilde. Vielleicht fürchtete sie sich. Kaled war zugleich besorgt um die Bürger der Stadt als auch um die ausgemergelte Frau vor sich. Doch Zwang würde nicht helfen, der Wahrheit auf den Grund zu gehen, und so trennten sich ihre Wege mit einem Segen für den sicheren Weg der Fremden.
Keinen Wochenlauf später begegnete Kaled der besonderen Frau erneut, an der selben Stelle. Erneut suchte die Fremde das Gespräch zu beenden, und Kaled befand es für richtig, ihr keinen Zwang anzutun und sie ziehen zu lassen. Gerade als Kaled schon seine Waffen schulterte und die Bank verlassen wollte, warf die Frau mit den kurzgeschorenen Haaren ihm eine Frage hinterher. Ob er seine Waffen zu gebrauchen wisse - und zu welchem Zweck.
Wenige Sätze später läutete die Kathedrale zur Ordenssitzung und Kaled verabschiedete sich erneut mit einem Segen. Als Kaled sich in dieser Nacht in der leeren und finsteren Kapelle der Abtei zum Gebet niederkniete, schloss er Amrali in sein Gebet ein, und betete zum Herrn, dass er seine Hand über ihre Geschicke halten möge.
Die Frau mit den kurzgeschorenen Haaren wich zurück und suchte das Gespräch zu vermeiden. Vielleicht führte sie etwas im Schilde. Vielleicht fürchtete sie sich. Kaled war zugleich besorgt um die Bürger der Stadt als auch um die ausgemergelte Frau vor sich. Doch Zwang würde nicht helfen, der Wahrheit auf den Grund zu gehen, und so trennten sich ihre Wege mit einem Segen für den sicheren Weg der Fremden.
Keinen Wochenlauf später begegnete Kaled der besonderen Frau erneut, an der selben Stelle. Erneut suchte die Fremde das Gespräch zu beenden, und Kaled befand es für richtig, ihr keinen Zwang anzutun und sie ziehen zu lassen. Gerade als Kaled schon seine Waffen schulterte und die Bank verlassen wollte, warf die Frau mit den kurzgeschorenen Haaren ihm eine Frage hinterher. Ob er seine Waffen zu gebrauchen wisse - und zu welchem Zweck.
Wenige Sätze später läutete die Kathedrale zur Ordenssitzung und Kaled verabschiedete sich erneut mit einem Segen. Als Kaled sich in dieser Nacht in der leeren und finsteren Kapelle der Abtei zum Gebet niederkniete, schloss er Amrali in sein Gebet ein, und betete zum Herrn, dass er seine Hand über ihre Geschicke halten möge.
Klauen im tiefen Sand
Die Stadt bleibt im Rücken Amralis zurück, wird abgelöst durch die mächtige, wenn auch bröckelnde Silhouette der aus Sandstein geformten Pyramide, die wie das letzte Relikt einer untergegangenen Zivilisation erscheint: Trotzig im letztlich nutzlosen Beharren, begleitet nur noch von verblassten Erinnerungen und unruhigen Träumen zwischen den zerfallenden Ruinen.
Ist der in alle Ritzen dringende Sand ein Verbündeter, der die Makel kaschiert, bis sie letztlich unübersehbar geworden sind, oder ist er viel mehr ein Angreifer, dessen stetiges Bemühen Farbe und Form aus allen Dingen schleift?
Es liegt eine Lektion in diesem langsamen Schauspiel, dessen ist sie sich bewusst, während sie dem müden Braunen erlaubt jenem kargen Pfad zu folgen, der einen der begehbaren Wege durch die Wüste beschreibt. Jetzt, in der Stunde gerade nach dem Aufgang der Sonne, flirrt die Luft noch nicht vor Hitze, aber die Geier sind dennoch bereits unterwegs, ziehen ihre Kreise am Himmel als hätten sie auf die einsame Wanderin und ihr abgemagertes Ross gewartet.
"Heute nicht!" verspricht sie den Aasfressern, die Stimmung noch hell und ungebrochen, frei von der Erschöpfung die jeder Abend bringt und der rastlosen Unruhe wenn die Träume ihr Recht einfordern. Hier, im ersten Licht eines neuen Tages fällt es leicht zu vergessen, was alles beschädigt wurde, leicht über die Makel und Sprünge hinweg zu sehen.
Trotte ist vertrauter mit dem Pfad durch die Wüste als er sein sollte, das Erbe einer Zeit vor seiner aktuellen Besitzerin, denn auch wenn Ross und Reiterin wirken, als wären sie ein Paar, das durch Zeit und überstandene Abenteuer zusammengeschweisst wurde, so könnte das kaum weiter von der Wahrheit entfernt sein: Vor kaum mehr als Wochenfrist stand das alte Pferd noch davor sein Ende beim Schlachter zu finden und nur Glück - oder vielleicht das Schicksal - führte ihn mit der nahezu vollkommenen Mittellosigkeit Amralis zusammen.
Für den Moment scheinen beide recht zufrieden mit dem Handel zu sein, auch wenn Amrali hofft die Rudel hungriger Wölfe zu vermeiden. Die Zeichen dafür stehen gut: Die Raubtiere wagen sich zwar bisweilen ein Stück in den Sand der Wüste hinein, aber sie scheinen der nie ganz lautlosen, fast unmerklichen Bewegung der Dünen nicht zu trauen.
Das sind die Gezeiten der Wüste, die dem Besucher jeden Tag ein anderes Antlitz offenbaren.
Ohne die Wegzeichen ist es leicht sich zu verlieren, allzu einfach die sicheren Pfade zu verlassen, bis die Hitze den Gaumen ausdörrt und der Sand selbst unter den Schritten zu glühen scheint.
Und dann ist es Zeit für die Geier.
Aber nicht mit Trotte, der die Wege besser kennt als seine Reiterin und sich selbst überlassen ohne Eile Richtung Nordwest zieht, immer in Sichtweite der fernen Hochebene.
Das gibt Amrali mehr Zeit nachzudenken, als ihr lieb sein kann - selbst der unsichere Untergrund erfordert nur ein Minimum ihrer Aufmerksamkeit und Trottes Temperament würde es ihr vermutlich erlauben im Sattel zu schlafen. Wenn die Hitze nicht wäre, natürlich.
Für den Moment scheint es so, als wäre Solgard der perfekte Ausgangspunkt: Die Stadt macht einen überaus soliden Eindruck, sicher und aufgeschlossen, auch wenn ihr Teile der vorherrschenden Weltanschauung unbegreiflich erscheinen. Das, so kann sie nur mutmaßen, muss auf verletzten Stolz zurückgehen, auf in der Vergangenheit geführte Auseinandersetzungen, deren Natur sie nur erahnen kann, die ihr letztlich aber auch gleichgültig sind, gleichgültig sein müssen.
Es gibt auch Negativpunkte: Die Unterkunft ist .. gewöhnungsbedürftig: die Wände so dünn, dass sie nicht wagt sich dagegen zu lehnen und irgendein Geruch hat sich in den Balken festgesogen, den sie nicht identifizieren kann. Die Nachbarschaft kann bestenfalls als zwielichtig bezeichnet werden, Gerüchten zufolge der Einfluss einer ganzen Anzahl von Einwanderern aus der Unterwelt Nebelhafens, die nun ihre düsteren Geschäfte in die Kanalisation Solgards auszudehnen trachten.
Aber all das wiegt für Amrali nur wenig: Allein die Freiheit die Behausung nach Lust und Laune verlassen zu können, die Straßen zu durchwandern, erscheint ihr bereits wie ein seltenes, unverdientes Geschenk.
Nein. Nicht unverdient. Niemals unverdient. Niemals.
Als Trotte abrupt verharrt, kehrt auch ihre Aufmerksamkeit zurück in das Hier und Jetzt, zu den bröckelnden Mauerresten voraus. Für einen Moment scheint alles still, ruhig bis auf den stetig gehenden Wind und das fast unmerkliche leise Raunen des bewegten Sandes. Mehr Bewegung unter der Oberfläche, bis sich ein blutiger Schädel an das Licht des jungen Tages schiebt. Kein Fleisch, keine Haut, keine Muskeln oder Haare: Pure Knochen die den Anschein machen von Blut überzogen zu sein.
Für einen Moment überwiegt die Abscheu alles, der Magen beginnt sich umzudrehen, noch während der Braune scheut und dann in einem Anflug fast schon jugendlicher Beweglichkeit, steigt.
Zu anderen Zeiten, unter anderen Umständen, hätte es Amrali keine Mühe gekostet das Tier unter Kontrolle zu bringen, sich im Sattel zu behaupten. Aber alles ist neu dieser Tage und sie fällt, landet ohne Eleganz im Sand, kommt gerade noch rechtzeitig auf die Füße um die Klinge zwischen sich und die blutbedeckten Klauen des Untoten zu bringen. Die Knochen splittern, aber formen sich neu unter der fluiden Umhüllung.
Die Sorge weicht. Die Ungewissheit flieht, während der Herzschlag sich beschleunigt.
Das hier zumindest ist einfach: Leben oder sterben.
Ist der in alle Ritzen dringende Sand ein Verbündeter, der die Makel kaschiert, bis sie letztlich unübersehbar geworden sind, oder ist er viel mehr ein Angreifer, dessen stetiges Bemühen Farbe und Form aus allen Dingen schleift?
Es liegt eine Lektion in diesem langsamen Schauspiel, dessen ist sie sich bewusst, während sie dem müden Braunen erlaubt jenem kargen Pfad zu folgen, der einen der begehbaren Wege durch die Wüste beschreibt. Jetzt, in der Stunde gerade nach dem Aufgang der Sonne, flirrt die Luft noch nicht vor Hitze, aber die Geier sind dennoch bereits unterwegs, ziehen ihre Kreise am Himmel als hätten sie auf die einsame Wanderin und ihr abgemagertes Ross gewartet.
"Heute nicht!" verspricht sie den Aasfressern, die Stimmung noch hell und ungebrochen, frei von der Erschöpfung die jeder Abend bringt und der rastlosen Unruhe wenn die Träume ihr Recht einfordern. Hier, im ersten Licht eines neuen Tages fällt es leicht zu vergessen, was alles beschädigt wurde, leicht über die Makel und Sprünge hinweg zu sehen.
Trotte ist vertrauter mit dem Pfad durch die Wüste als er sein sollte, das Erbe einer Zeit vor seiner aktuellen Besitzerin, denn auch wenn Ross und Reiterin wirken, als wären sie ein Paar, das durch Zeit und überstandene Abenteuer zusammengeschweisst wurde, so könnte das kaum weiter von der Wahrheit entfernt sein: Vor kaum mehr als Wochenfrist stand das alte Pferd noch davor sein Ende beim Schlachter zu finden und nur Glück - oder vielleicht das Schicksal - führte ihn mit der nahezu vollkommenen Mittellosigkeit Amralis zusammen.
Für den Moment scheinen beide recht zufrieden mit dem Handel zu sein, auch wenn Amrali hofft die Rudel hungriger Wölfe zu vermeiden. Die Zeichen dafür stehen gut: Die Raubtiere wagen sich zwar bisweilen ein Stück in den Sand der Wüste hinein, aber sie scheinen der nie ganz lautlosen, fast unmerklichen Bewegung der Dünen nicht zu trauen.
Das sind die Gezeiten der Wüste, die dem Besucher jeden Tag ein anderes Antlitz offenbaren.
Ohne die Wegzeichen ist es leicht sich zu verlieren, allzu einfach die sicheren Pfade zu verlassen, bis die Hitze den Gaumen ausdörrt und der Sand selbst unter den Schritten zu glühen scheint.
Und dann ist es Zeit für die Geier.
Aber nicht mit Trotte, der die Wege besser kennt als seine Reiterin und sich selbst überlassen ohne Eile Richtung Nordwest zieht, immer in Sichtweite der fernen Hochebene.
Das gibt Amrali mehr Zeit nachzudenken, als ihr lieb sein kann - selbst der unsichere Untergrund erfordert nur ein Minimum ihrer Aufmerksamkeit und Trottes Temperament würde es ihr vermutlich erlauben im Sattel zu schlafen. Wenn die Hitze nicht wäre, natürlich.
Für den Moment scheint es so, als wäre Solgard der perfekte Ausgangspunkt: Die Stadt macht einen überaus soliden Eindruck, sicher und aufgeschlossen, auch wenn ihr Teile der vorherrschenden Weltanschauung unbegreiflich erscheinen. Das, so kann sie nur mutmaßen, muss auf verletzten Stolz zurückgehen, auf in der Vergangenheit geführte Auseinandersetzungen, deren Natur sie nur erahnen kann, die ihr letztlich aber auch gleichgültig sind, gleichgültig sein müssen.
Es gibt auch Negativpunkte: Die Unterkunft ist .. gewöhnungsbedürftig: die Wände so dünn, dass sie nicht wagt sich dagegen zu lehnen und irgendein Geruch hat sich in den Balken festgesogen, den sie nicht identifizieren kann. Die Nachbarschaft kann bestenfalls als zwielichtig bezeichnet werden, Gerüchten zufolge der Einfluss einer ganzen Anzahl von Einwanderern aus der Unterwelt Nebelhafens, die nun ihre düsteren Geschäfte in die Kanalisation Solgards auszudehnen trachten.
Aber all das wiegt für Amrali nur wenig: Allein die Freiheit die Behausung nach Lust und Laune verlassen zu können, die Straßen zu durchwandern, erscheint ihr bereits wie ein seltenes, unverdientes Geschenk.
Nein. Nicht unverdient. Niemals unverdient. Niemals.
Als Trotte abrupt verharrt, kehrt auch ihre Aufmerksamkeit zurück in das Hier und Jetzt, zu den bröckelnden Mauerresten voraus. Für einen Moment scheint alles still, ruhig bis auf den stetig gehenden Wind und das fast unmerkliche leise Raunen des bewegten Sandes. Mehr Bewegung unter der Oberfläche, bis sich ein blutiger Schädel an das Licht des jungen Tages schiebt. Kein Fleisch, keine Haut, keine Muskeln oder Haare: Pure Knochen die den Anschein machen von Blut überzogen zu sein.
Für einen Moment überwiegt die Abscheu alles, der Magen beginnt sich umzudrehen, noch während der Braune scheut und dann in einem Anflug fast schon jugendlicher Beweglichkeit, steigt.
Zu anderen Zeiten, unter anderen Umständen, hätte es Amrali keine Mühe gekostet das Tier unter Kontrolle zu bringen, sich im Sattel zu behaupten. Aber alles ist neu dieser Tage und sie fällt, landet ohne Eleganz im Sand, kommt gerade noch rechtzeitig auf die Füße um die Klinge zwischen sich und die blutbedeckten Klauen des Untoten zu bringen. Die Knochen splittern, aber formen sich neu unter der fluiden Umhüllung.
Die Sorge weicht. Die Ungewissheit flieht, während der Herzschlag sich beschleunigt.
Das hier zumindest ist einfach: Leben oder sterben.
Traumgespinste
Das Tropfen im Halbdunkel ist stetig, das unaufhörliche Glucksen eines einzelnen, in einen stillen Teich fallenden Tropfens. Irgendwo im Hintergrund kann ein scharfes Ohr das Rauschen entfernter Brandung hören und Amrali erinnert sich an diese Kaverne, erinnert sich sich an die Unwirklichkeit.
Dieser Ort ist ein Symbol, heraufgeschworen aus endlosen, zermürbenden Beschreibungen, detailliert auch in Details, die sich im Zwielicht dem Auge entziehen sollten. Es gibt keine Lichtquelle, und dennoch ist es nicht vollkommen finster. Es gibt kein Hinein und kein Hinaus, aber dennoch scheint der Wind sich zu bewegen, bringt den Geruch von Salz und Tang mit sich.
Etwas regt sich sich im nachtdunklen Wasser - der bleiche Leib eines armdicken Egels, dessen dicker Kopf augenlos nach etwas sucht. Es wird nicht lange dauern, bis er ihrer gewahr wird.
'Es ist ein Traum. Nur ein Traum. Ich muss aufwachen, das ist alles.'
Aber das Herz schlägt ihr bis zum Hals und sie folgt dem allzu vertrauten Diktat einer vorherbestimmten Handlung, weicht zurück bis sich kalter, feuchter Stein in ihren Rücken presst.
Der Egel ist nun nah, pendelnd, als würde er noch immer suchen, bevor sich die unförmige Mundöffnung ausrichtet.
'Berichte mir von deinem Glauben. Mit welchen Riten wird der Tag begonnen, mit welchen Riten endet er? Du musst mir etwas geben. Ich bin hungrig ..'
Das letzte Wort ist unverständlich, ein Sausen im Verständnis, als hätte der Wind die Silben gepackt und fortgeweht. Aber sie begreift dennoch mit einer Klarheit, die aus Erinnerung gespeist wird.
'Das war mein Name.'
Als sie die Augen öffnet, findet sie sich in Solgard, auf dem armseligen Lager in der windschiefen, baufälligen Hütte im Hafen, jenem Platz, den sie seit wenigen Tagen eine Heimstatt wendet. Nicht viel - aber genug. Das bis zum Hals klopfende Herz beruhigt sich nur langsam, sucht nach Halt, nach Stabilität.
Eine Jagdgruppe am Abend, eine Menge unvertrauter Gesichter, aber eine Verbundenheit darin wie das Echo von etwas vor langer Zeit Verlorenem.
"Ich habe dir gesagt, ich finde dich in deinen Träumen."
Die Stimme ist zu vertraut, von einer täuschenden Süße wie Sirup über bitterem Gift und viel zu nah.
Dann erwacht sie ein weiteres Mal, dieses Mal in die Stille der Heimstatt, ungestört. Für lange Minuten lauscht sie den Geräuschen des VIertel, unfähig zu entscheiden, ob das nun real ist, oder nicht.
Auch Stunden später ist diese Sicherheit noch nicht vollkommen da.
Dieser Ort ist ein Symbol, heraufgeschworen aus endlosen, zermürbenden Beschreibungen, detailliert auch in Details, die sich im Zwielicht dem Auge entziehen sollten. Es gibt keine Lichtquelle, und dennoch ist es nicht vollkommen finster. Es gibt kein Hinein und kein Hinaus, aber dennoch scheint der Wind sich zu bewegen, bringt den Geruch von Salz und Tang mit sich.
Etwas regt sich sich im nachtdunklen Wasser - der bleiche Leib eines armdicken Egels, dessen dicker Kopf augenlos nach etwas sucht. Es wird nicht lange dauern, bis er ihrer gewahr wird.
'Es ist ein Traum. Nur ein Traum. Ich muss aufwachen, das ist alles.'
Aber das Herz schlägt ihr bis zum Hals und sie folgt dem allzu vertrauten Diktat einer vorherbestimmten Handlung, weicht zurück bis sich kalter, feuchter Stein in ihren Rücken presst.
Der Egel ist nun nah, pendelnd, als würde er noch immer suchen, bevor sich die unförmige Mundöffnung ausrichtet.
'Berichte mir von deinem Glauben. Mit welchen Riten wird der Tag begonnen, mit welchen Riten endet er? Du musst mir etwas geben. Ich bin hungrig ..'
Das letzte Wort ist unverständlich, ein Sausen im Verständnis, als hätte der Wind die Silben gepackt und fortgeweht. Aber sie begreift dennoch mit einer Klarheit, die aus Erinnerung gespeist wird.
'Das war mein Name.'
Als sie die Augen öffnet, findet sie sich in Solgard, auf dem armseligen Lager in der windschiefen, baufälligen Hütte im Hafen, jenem Platz, den sie seit wenigen Tagen eine Heimstatt wendet. Nicht viel - aber genug. Das bis zum Hals klopfende Herz beruhigt sich nur langsam, sucht nach Halt, nach Stabilität.
Eine Jagdgruppe am Abend, eine Menge unvertrauter Gesichter, aber eine Verbundenheit darin wie das Echo von etwas vor langer Zeit Verlorenem.
"Ich habe dir gesagt, ich finde dich in deinen Träumen."
Die Stimme ist zu vertraut, von einer täuschenden Süße wie Sirup über bitterem Gift und viel zu nah.
Dann erwacht sie ein weiteres Mal, dieses Mal in die Stille der Heimstatt, ungestört. Für lange Minuten lauscht sie den Geräuschen des VIertel, unfähig zu entscheiden, ob das nun real ist, oder nicht.
Auch Stunden später ist diese Sicherheit noch nicht vollkommen da.
Der lange Sommer
Vor 6 Jahren ..
Es ist heiß in Maethrin, die Sonne unerbittlich und so war es schon vor der Feier des Sommerfestes, das nun bereits Monde zurückliegt. Schon damals duckten die Alten sich in die Häuser aus dunklem Lehm mit kreidebemalten Wänden, froh der Hitze zu entkommen. Aus dem Schatten heraus warnten sie vor dunklen Zeiten, die stets der erbarmungslosen Glut der Sonne folgen. Dieser Art ist die Weisheit der Priesterinnen: Auch wenn die Sonne Kraft gibt, auch wenn sie der Ursprung, der Anfang und die Vollendung des Lebens ist, so verbrennt sie doch auch das Grasland, lässt die Erde aufspringen und Flüsse versiegen. Darin liegt eine Warnung vor kommendem, drohendem Unheil. Wo die Sonne ungezügelt herrscht, da muss das Leben weichen.
So war es einst. So wird es wieder sein.
Die Tradition ist stark in in der Stadt, wachgehalten in Erzählungen, in Mahnungen, in Weisungen und Forderungen. Die Jungen, gerade alt genug, um als Erwachsene zu gelten, scheren sich darum wenig: Sie hüllen sich in unerschütterliches Selbstvertrauen, im Stillen überzeugt, dass gerade sie die Welt zu einem anderen, besseren Ort machen werden, dass all diese Gedanken noch niemand vor ihnen gedacht hat.
Sie sind, wie die Älteren mit einem Lächeln vermitteln, Idioten, deren Hirn nicht mit dem Wachsen ihres Körpers schritthalten konnte. Hinter diesem Urteil verbirgt sich dennoch ungetrübte Zuneigung: Jene, die in Maethrin leben, fühlen sich verbunden. Ausnahmslos. Und Weisheit ist das Privileg jener, die überlebten.
Amrali ist eine dieser Jungen: Zufrieden mit sich und der Welt, gänzlich überzeugt alles wirklich Wichtige bereits verstanden, schon vor Jahren verinnerlicht zu haben. Sie kennt die Gebete, sie ist vertraut mit der Routine der Wachen und beteiligt sich bei der Jagd mit ungezügeltem Eifer. Pflicht ist bei all dem so natürlich wie Atemzüge, Teil einer über die Jahre gewachsenen Identität. Aber sie ist, wie all die anderen jungen Erwachsenen ihrer Gruppe, im Herzen ein heimlicher Rebell, immer dabei die Grenzen der Regeln zu erproben.
Manche sind darin vorsichtiger als Andere. Einige werfen sich in Ärger mit dem überschwänglichen Enthusiasmus eines Honigdaches. Amrali ist schlau genug nicht offen gegen Mauern zu laufen, die Autorität nicht offen herauszufordern. Sie findet andere Wege um Beschränkungen herum und wird noch lernen, das diese vermeintliche Klugheit auch nur eine besondere Form von Dummheit ist. Zu spät, natürlich. Manche Warnungen haben in Form von Worten schlichtweg kein Gewicht. Und einige hören nicht eher, als bis man ihnen die Ohren abschneidet.
Aber zurück zu Maethrin, die über dem Grasland thront auf zerklüfteten Felsen, Ausläufern eines im Norden dräuenden Gebirges, dessen langgliedrige Glieder sich wie steinernen Knochen durch die gesamte Steppe ziehen. Immer wieder einmal brechen sie durch die Oberfläche, formen meilenlange, wenn auch flache Täler in denen sich nach heftigen Regenfällen das Wasser zu Seen sammelt, die nicht viel später erst versumpfen, dann gänzlich austrocknen. Das ist Teil eines ewigen Kreislaufes der mit den Jahreszeiten ebbt und schwillt.
Einer dieser Sumpfseen ist groß genug, dass er in Menschengedenken nie austrocknete und an seinem Ufer findet sich eine Ansiedlung, kaum zwei Reitstunden von Maethrin entfernt. Was als Anlauf- und Umschlagpunkt der Jäger und Fallensteller des Graslandes, der Holzfäller und Kähler der westlichen Wälder begann, wuchs im Laufe der Zeit ganz ähnlich wie Maethrin auch, aber in ganz anderer Weise: Angelmar ist keine Festung, sondern eine schmucke Stadt ohne Mauern, die in das Umland hinein wuchert, teilweise finden sich auf Pfählen stehende Häuser sogar im Uferbereich selbst. Gebaut wird fast ausschliesslich mit Holz, zumindest unter jenen, die es sich leisten können, nur in den ärmeren Bezirken wird auf den dunklen Lehm zurückgegriffen.
Jetzt, im dritten Mond einer beispiellosen Dürre ist der See weit genug geschrumpft, dass diese Häuser auf dem Trockenen stehen, ihre Pfähle ragen wie dürre, armselige Hühnerbeine in die aufgerissene Erde, die einmal schlammiger Grund war. Ruderboote liegen auf dem Trockenen, gestrandet, oder eine gute Laufstrecke entfernt, dort wo die Wasserfläche wieder beginnt. Es sind mittlerweile lange Fußwege für die Fischer und Aalstecher und ihre Stimmung reflektiert nur einen Teil der Sorgen und der wachsenden Nervosität der unruhigen Stadt.
Einiges davon richtet sich auch in Richtung Maethrins, der Wehrhaften, der Wohlhabenen, mit den eigenartigen Sitten, über die mal mehr, mal weniger offen gewitzelt wird. Gewöhnlich mit einem gutmütigen Unterton, immerhin lässt sich eine gute Münze mit dem Handel verdienen. Heute, während Amrali durch die breiten Straßen wandert, den Bahnen folgend, die für den Transport von Baumstämmen zur Verschiffung gezogen wurden, hört sie mehr Feindseligkeit als gewöhnlich in den Bemerkungen, mehr Anspannung. Die Worte schmecken nach Furcht. Nach Neid.
Mehr Gerüchte kursieren auf den Straßen: über verborgene Brunnen, über tiefe Wasser im Stein unter Maethrin, darüber dass zu tief gebohrt wurde und nun das Wasser aus der Steppe sickert. Darüber, dass die Anwohner Maethrins allesamt Anbeter der segenden Sonne seien und darum Schuld an der Dürre trügen.
Einiges davon ist so absurd, dass sie an sich halten muss, nicht zu lachen.
Aber sie bekommt auch Wahrheiten zu hören: Dass die großen Herden nordwärts getrieben wurden in Richtung der Berge und das Geschäft der Jäger und Fallensteller für dieses Jahr ruiniert sein werde. Oder dass Maethrin seine Tore für alle Fremden geschlossen habe. Niemand, so verheissen die Gerüchte, wird Zuflucht in der Stadt finden, deren Anwohner keinen Durst zu leiden hat.
Das, so weiss Amrali mit gänzlicher Gewissheit, ist Fakt: Sie war dabei als die neuen Weisungen für die Wachen ausgegeben wurden und sie erinnert sich auch an andere, damit einhergehende verbindliche Anweisungen: Keine Alleingänge mehr - selbst auf der Jagd müssen es immer mindestens zwei sein. Und keine Besuche der Städte mehr: Nicht Denkenfurth, nicht Grauburg, nicht Leuenstich und nicht Angelmar.
Das ist natürlich das besorgte Gerede der Alten, deren Lebenszeit nicht etwa zu einem Übermaß an Mut, sondern stattdessen zu einem Übermaß an Vorsicht führte und Amrali ist perfekt in der Lage selbstständig über ihre Sicherheit zu bestimmen.
Was soll schon passieren? Sie trägt eine vertraute Waffe und ein Lächeln, dessen Offenheit gänzliche Zuversicht vermittelt.
Was gegenüber den Alten als Jagdausflug auf der Suche nach Wollnashörnern verkauft wurde, hat in Wahrheit zwielichtige Keller zum Ziel, vielleicht sogar eine der Arenen, wo unter dem Geschrei der Besucher mehr um Gold als um Ehre gekämpft wird. Unter der Oberfläche Angelmars mit seinen biederen Fassaden erstrickt sich ein Basar voller Farben und Verheissungen, bis zum Bersten gefüllt mit Verlockungen und Künsten.
Nur noch heute, das ist das stumme Verständnis der kleinen Gruppe, die Amralis Bitten, Versprechungen und Verheissungen folgte. Nur noch heute vor einer langen Zeit der Isolation hinter den Mauern Maethrins mit allzu vertrauten Gesichtern und allzu vertrauten Verhaltensweisen.
Das hier, so entschied sie, kam einem Abenteuer so nah, wie es nur möglich war ohne eine Klinge zu ziehen.
Die Nacht ist bereits dabei dem ersten Licht des Tages zu weichen, aber davon ist in den verbundenen und mit Tuch behangenen Kellern nichts zu bemerken. Dennoch: Die Gruppe ist ermüdet, überreizt und selbst das Geschick der Feuergaukler wird nach einer Weile vorhsehbar und öde. Karten, Würfel, Duelle, das Stöbern zwischen sich biegenden Regalen nach Kleinigkeiten wundersamster Handwerkskunst, die hier für kleine Münze verramscht werden. Die Nervosität, so denke sie, hat einen Weg nach hier unten gefunden.
Das ist, wenn Amrali sie das erste Mal sieht, durch einen noch immer mit Menschen überfüllten Raum. Dunkelbraunes, glattes Schopfhaar, das offen getragen bis weit über die Schultern fällt, eisengraue Augen, blasse Wangen. Eine schwere Robe, über deren Oberfläche sich Silberfäden ohne erkennbare Ordnungwinden.
'Wie Würmer.' denkt sie im ersten Moment, halb fasziniert und halb belustigt.
Und dann spürt sie es: Wie das Echo eines fernen Rufs, ist da .. etwas. Fremd und gleichzeitig vertraut, ohne das sie die Hand darauf legen könnte. Es ist das Gegenteil von angenehm: Binnen eines einzigen Lidschlags sträuben sich all ihre feinen Nackenhärchen und der Instinkt reagiert, bevor der Verstand aufschließt: Die Waffe liegt in ihrer Hand, noch bevor die Fremde die Stimme hebt.
"Lasst sie nicht entkommen. Und beschädigt sie nicht."
Es ist heiß in Maethrin, die Sonne unerbittlich und so war es schon vor der Feier des Sommerfestes, das nun bereits Monde zurückliegt. Schon damals duckten die Alten sich in die Häuser aus dunklem Lehm mit kreidebemalten Wänden, froh der Hitze zu entkommen. Aus dem Schatten heraus warnten sie vor dunklen Zeiten, die stets der erbarmungslosen Glut der Sonne folgen. Dieser Art ist die Weisheit der Priesterinnen: Auch wenn die Sonne Kraft gibt, auch wenn sie der Ursprung, der Anfang und die Vollendung des Lebens ist, so verbrennt sie doch auch das Grasland, lässt die Erde aufspringen und Flüsse versiegen. Darin liegt eine Warnung vor kommendem, drohendem Unheil. Wo die Sonne ungezügelt herrscht, da muss das Leben weichen.
So war es einst. So wird es wieder sein.
Die Tradition ist stark in in der Stadt, wachgehalten in Erzählungen, in Mahnungen, in Weisungen und Forderungen. Die Jungen, gerade alt genug, um als Erwachsene zu gelten, scheren sich darum wenig: Sie hüllen sich in unerschütterliches Selbstvertrauen, im Stillen überzeugt, dass gerade sie die Welt zu einem anderen, besseren Ort machen werden, dass all diese Gedanken noch niemand vor ihnen gedacht hat.
Sie sind, wie die Älteren mit einem Lächeln vermitteln, Idioten, deren Hirn nicht mit dem Wachsen ihres Körpers schritthalten konnte. Hinter diesem Urteil verbirgt sich dennoch ungetrübte Zuneigung: Jene, die in Maethrin leben, fühlen sich verbunden. Ausnahmslos. Und Weisheit ist das Privileg jener, die überlebten.
Amrali ist eine dieser Jungen: Zufrieden mit sich und der Welt, gänzlich überzeugt alles wirklich Wichtige bereits verstanden, schon vor Jahren verinnerlicht zu haben. Sie kennt die Gebete, sie ist vertraut mit der Routine der Wachen und beteiligt sich bei der Jagd mit ungezügeltem Eifer. Pflicht ist bei all dem so natürlich wie Atemzüge, Teil einer über die Jahre gewachsenen Identität. Aber sie ist, wie all die anderen jungen Erwachsenen ihrer Gruppe, im Herzen ein heimlicher Rebell, immer dabei die Grenzen der Regeln zu erproben.
Manche sind darin vorsichtiger als Andere. Einige werfen sich in Ärger mit dem überschwänglichen Enthusiasmus eines Honigdaches. Amrali ist schlau genug nicht offen gegen Mauern zu laufen, die Autorität nicht offen herauszufordern. Sie findet andere Wege um Beschränkungen herum und wird noch lernen, das diese vermeintliche Klugheit auch nur eine besondere Form von Dummheit ist. Zu spät, natürlich. Manche Warnungen haben in Form von Worten schlichtweg kein Gewicht. Und einige hören nicht eher, als bis man ihnen die Ohren abschneidet.
Aber zurück zu Maethrin, die über dem Grasland thront auf zerklüfteten Felsen, Ausläufern eines im Norden dräuenden Gebirges, dessen langgliedrige Glieder sich wie steinernen Knochen durch die gesamte Steppe ziehen. Immer wieder einmal brechen sie durch die Oberfläche, formen meilenlange, wenn auch flache Täler in denen sich nach heftigen Regenfällen das Wasser zu Seen sammelt, die nicht viel später erst versumpfen, dann gänzlich austrocknen. Das ist Teil eines ewigen Kreislaufes der mit den Jahreszeiten ebbt und schwillt.
Einer dieser Sumpfseen ist groß genug, dass er in Menschengedenken nie austrocknete und an seinem Ufer findet sich eine Ansiedlung, kaum zwei Reitstunden von Maethrin entfernt. Was als Anlauf- und Umschlagpunkt der Jäger und Fallensteller des Graslandes, der Holzfäller und Kähler der westlichen Wälder begann, wuchs im Laufe der Zeit ganz ähnlich wie Maethrin auch, aber in ganz anderer Weise: Angelmar ist keine Festung, sondern eine schmucke Stadt ohne Mauern, die in das Umland hinein wuchert, teilweise finden sich auf Pfählen stehende Häuser sogar im Uferbereich selbst. Gebaut wird fast ausschliesslich mit Holz, zumindest unter jenen, die es sich leisten können, nur in den ärmeren Bezirken wird auf den dunklen Lehm zurückgegriffen.
Jetzt, im dritten Mond einer beispiellosen Dürre ist der See weit genug geschrumpft, dass diese Häuser auf dem Trockenen stehen, ihre Pfähle ragen wie dürre, armselige Hühnerbeine in die aufgerissene Erde, die einmal schlammiger Grund war. Ruderboote liegen auf dem Trockenen, gestrandet, oder eine gute Laufstrecke entfernt, dort wo die Wasserfläche wieder beginnt. Es sind mittlerweile lange Fußwege für die Fischer und Aalstecher und ihre Stimmung reflektiert nur einen Teil der Sorgen und der wachsenden Nervosität der unruhigen Stadt.
Einiges davon richtet sich auch in Richtung Maethrins, der Wehrhaften, der Wohlhabenen, mit den eigenartigen Sitten, über die mal mehr, mal weniger offen gewitzelt wird. Gewöhnlich mit einem gutmütigen Unterton, immerhin lässt sich eine gute Münze mit dem Handel verdienen. Heute, während Amrali durch die breiten Straßen wandert, den Bahnen folgend, die für den Transport von Baumstämmen zur Verschiffung gezogen wurden, hört sie mehr Feindseligkeit als gewöhnlich in den Bemerkungen, mehr Anspannung. Die Worte schmecken nach Furcht. Nach Neid.
Mehr Gerüchte kursieren auf den Straßen: über verborgene Brunnen, über tiefe Wasser im Stein unter Maethrin, darüber dass zu tief gebohrt wurde und nun das Wasser aus der Steppe sickert. Darüber, dass die Anwohner Maethrins allesamt Anbeter der segenden Sonne seien und darum Schuld an der Dürre trügen.
Einiges davon ist so absurd, dass sie an sich halten muss, nicht zu lachen.
Aber sie bekommt auch Wahrheiten zu hören: Dass die großen Herden nordwärts getrieben wurden in Richtung der Berge und das Geschäft der Jäger und Fallensteller für dieses Jahr ruiniert sein werde. Oder dass Maethrin seine Tore für alle Fremden geschlossen habe. Niemand, so verheissen die Gerüchte, wird Zuflucht in der Stadt finden, deren Anwohner keinen Durst zu leiden hat.
Das, so weiss Amrali mit gänzlicher Gewissheit, ist Fakt: Sie war dabei als die neuen Weisungen für die Wachen ausgegeben wurden und sie erinnert sich auch an andere, damit einhergehende verbindliche Anweisungen: Keine Alleingänge mehr - selbst auf der Jagd müssen es immer mindestens zwei sein. Und keine Besuche der Städte mehr: Nicht Denkenfurth, nicht Grauburg, nicht Leuenstich und nicht Angelmar.
Das ist natürlich das besorgte Gerede der Alten, deren Lebenszeit nicht etwa zu einem Übermaß an Mut, sondern stattdessen zu einem Übermaß an Vorsicht führte und Amrali ist perfekt in der Lage selbstständig über ihre Sicherheit zu bestimmen.
Was soll schon passieren? Sie trägt eine vertraute Waffe und ein Lächeln, dessen Offenheit gänzliche Zuversicht vermittelt.
Was gegenüber den Alten als Jagdausflug auf der Suche nach Wollnashörnern verkauft wurde, hat in Wahrheit zwielichtige Keller zum Ziel, vielleicht sogar eine der Arenen, wo unter dem Geschrei der Besucher mehr um Gold als um Ehre gekämpft wird. Unter der Oberfläche Angelmars mit seinen biederen Fassaden erstrickt sich ein Basar voller Farben und Verheissungen, bis zum Bersten gefüllt mit Verlockungen und Künsten.
Nur noch heute, das ist das stumme Verständnis der kleinen Gruppe, die Amralis Bitten, Versprechungen und Verheissungen folgte. Nur noch heute vor einer langen Zeit der Isolation hinter den Mauern Maethrins mit allzu vertrauten Gesichtern und allzu vertrauten Verhaltensweisen.
Das hier, so entschied sie, kam einem Abenteuer so nah, wie es nur möglich war ohne eine Klinge zu ziehen.
Die Nacht ist bereits dabei dem ersten Licht des Tages zu weichen, aber davon ist in den verbundenen und mit Tuch behangenen Kellern nichts zu bemerken. Dennoch: Die Gruppe ist ermüdet, überreizt und selbst das Geschick der Feuergaukler wird nach einer Weile vorhsehbar und öde. Karten, Würfel, Duelle, das Stöbern zwischen sich biegenden Regalen nach Kleinigkeiten wundersamster Handwerkskunst, die hier für kleine Münze verramscht werden. Die Nervosität, so denke sie, hat einen Weg nach hier unten gefunden.
Das ist, wenn Amrali sie das erste Mal sieht, durch einen noch immer mit Menschen überfüllten Raum. Dunkelbraunes, glattes Schopfhaar, das offen getragen bis weit über die Schultern fällt, eisengraue Augen, blasse Wangen. Eine schwere Robe, über deren Oberfläche sich Silberfäden ohne erkennbare Ordnungwinden.
'Wie Würmer.' denkt sie im ersten Moment, halb fasziniert und halb belustigt.
Und dann spürt sie es: Wie das Echo eines fernen Rufs, ist da .. etwas. Fremd und gleichzeitig vertraut, ohne das sie die Hand darauf legen könnte. Es ist das Gegenteil von angenehm: Binnen eines einzigen Lidschlags sträuben sich all ihre feinen Nackenhärchen und der Instinkt reagiert, bevor der Verstand aufschließt: Die Waffe liegt in ihrer Hand, noch bevor die Fremde die Stimme hebt.
"Lasst sie nicht entkommen. Und beschädigt sie nicht."