HEDNAR!

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RPG Rakh Hednar
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HEDNAR!

Beitrag von RPG Rakh Hednar »

Zyklen des Kreislaufs
 
Der Mond hing bleich über den Feldern, als Hednar lautlos zwischen den niedrigen Zäunen der Stadtbewohner wandelte. Kein Wind regte sich – und doch flüsterte die Erde unter seinen nackten Füßen, als würde sie ihn erkennen.
Mòrkral schritt dicht an seiner Seite, sein wurzelzerfressenes Fell raschelte leise wie trockenes Laub. Seine bernsteinfarbenen Augen glühten wachsam in der Dunkelheit, stets auf der Suche nach Störungen im Gleichgewicht.
Hednar hob langsam die Hand.
Ein schwaches, grünes Leuchten begann sich um seine Finger zu winden – lebendig, pulsierend. Es war keine sanfte Magie. Es war rohe Natur. Ungezähmt. Wahr.
„Erblühen…“ flüsterte er.
Die Erde antwortete sofort.
Gräser schossen hervor, als hätten sie Jahre des Wachstums in einem Atemzug nachgeholt. Zarte Blüten öffneten sich, tauchten das Feld in ein Meer aus Farben und Duft. Für einen Moment wirkte alles vollkommen – zu vollkommen.
Doch Hednar senkte die Hand nicht.
Er wusste, was folgen musste.
Die Blüten begannen zu welken. Ihre Farben verblassten, Blätter kräuselten sich, und ein leises Rascheln ging durch das Feld, als Leben sich zurückzog. Was eben noch in voller Pracht gestanden hatte, zerfiel nun zu dunkler, nährender Erde.

Bild
 
Mòrkral trat vor und scharrte mit seiner Klaue durch den Boden. Ein prüfendes Knurren – dann Stille. Zustimmung.
Die Erde war jetzt stärker.
„Wachstum ohne Ende ist Fäulnis,“ murmelte Hednar leise. „Doch Verfall… ist nur ein anderer Anfang.“
Sie zogen weiter zum nächsten Feld.
Hier war der Boden schwach, ausgelaugt von zu vielen Ernten. Die Pflanzen wuchsen spärlich, kämpften mehr, als dass sie lebten. Hednar kniete sich nieder, legte beide Hände auf die Erde.
Diesmal war die Magie anders.
Sanfter. Tiefer.
Nicht nur Wachstum – sondern Erinnerung.
Die Erde begann zu glimmen, und in ihr zeigte sich der Kreislauf selbst: Wurzeln, die sich verzweigten, Leben, das sich erhob, Verfall, der zurückgab. Ein stummer Pakt zwischen allem, was war und sein würde.
Mòrkral setzte sich neben ihn, wachend.
In der Ferne schlief die Stadt, unwissend darüber, dass ihre Felder in dieser Nacht erneuert wurden. Dass ein Chaosdruide – kein Hüter der Ordnung, sondern des Gleichgewichts – über sie wachte.
Als sie das letzte Feld erreichten, blickte Hednar noch einmal zurück.
Überall dort, wo sie gewesen waren, wirkte die Erde dunkler. Reicher. Bereit.
Ein leises, zufriedenes Knurren entwich Mòrkral.
Hednar nickte.
„Sie werden es nie verstehen,“ sagte er ruhig. „Und das müssen sie auch nicht.“
Der Kreislauf brauchte keinen Dank.
Nur diejenigen, die ihn bewahrten.
Und so verschwanden sie wieder in der Nacht –
zwei Gestalten zwischen Leben und Verfall,
deren Werk erst mit dem Morgengrauen sichtbar werden würde.
 
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