Die Insel des Regens

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Sadagar
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Die Insel des Regens

Beitrag von Sadagar »

Manche nannten sie die Insel des Regens, weil es dort nie ganz aufhörte zu nieseln.
Selbst an klaren Tagen hing Feuchtigkeit in der Luft, als würde das Meer atmen und die
Insel langsam wieder einziehen wollen.
Ein alter Krieger hatte einmal gesagt, der Boden dort trinke mehr als Blut, er trinke Erinnerungen.
Sadagar Cronberg glaubte ihm nun.

Der schwarze Ophidianer lag in der Heilerhütte nahe dem Strand, auf einer Bahre ausTreibholz.
Das Dach war undicht, und jeder Tropfen, der hindurchfiel, klang wie ein leiserSchlag auf einen Sargdeckel.
Segeltuch bedeckte den Körper, grob zusammengebunden, als hätte man Angst gehabt, dass er sich
sonst selbst davonstehlen könnte.
Gwendolyn stand an der Schwelle, den Stab fest umklammert, Kräuterbündel am Gürtel.
Sie hatte Heilkunde gelernt, um Leben zu bewahren, nicht um dem Tod ins Gesicht zu sehen.
Doch sie war geblieben. Als Zeugin. Vielleicht auch als Gegengewicht.
Grimbald hingegen hielt sich nahe der Rückwand. Jung, blass, die Hände zu Fäusten geballt.
Er hatte schon Leichen gesehen, aber keine, die mit solcher Stille warteten.
 
Sadagar zog das Tuch zurück.
Nichts geschah.
 
Kein Geruch. Kein Aufbäumen. Keine letzte Regung. Der schwarze Ophidianer sah aus,
als hätte man ihn eben erst niedergelegt. Die Schuppen waren dunkel wie verschlucktes Licht,
matt, fast trocken. Pfeilschäfte ragten aus dem Schädel, sauber, präzise.
Mirja und Rou hatten gut gezielt. Zwei Pfeile von vorn, einer schräg von hinten. Exekution, keine Verteidigung.
„Er sieht… nicht tot aus“, flüsterte Grimbald.
Sadagar antwortete nicht. Er hatte die Hand auf den Brustkorb gelegt und spürte etwas, das ihm den Atem nahm.
Der Körper war zu leicht. Nicht mager - leer.
Als habe jemand das Innere vor langer Zeit ausgehöhlt und vergessen, die Hülle zu entsorgen.
„Das ist kein frischer Tod“, sagte Gwendolyn leise.
„Nein“, murmelte Sadagar. „Das ist ein alter, der gerade erst bemerkt wurde.“
 
Das Messer glitt durch die Schuppen, als schnitte es durch aufgeweichten Stoff. Kein Widerstand. Kein Reißen.
Die Haut gab nach mit einem Geräusch, das mehr an feuchtes Papier erinnerte als an Fleisch.
In dem Moment, als die Bauchhöhle geöffnet war, brach der Geruch hervor.
Grimbald würgte und wandte sich ab, schaffte es nur bis zur Tür, bevor er sich übergab.
Es roch nach jahrhundertealtem Verfall. Nicht nach Tod, sondern nach etwas, das zu lange nicht tot sein durfte.
Nach Grüften, die man vergessen hatte zu versiegeln. Nach Erde, die Namen verschluckt.
Im Inneren war nichts, wie es sein sollte.
Das Herz war kein Organ mehr, sondern eine schwarze, zähe Masse, durchzogen von fahlen Fäden.
Sie bewegten sich träge, als Sadagar sie mit der Messerspitze berührte, rollten sich ein, lösten sich wieder.
Wie Würmer, die sich an eine Erinnerung klammerten.
Die Lungen waren zu fauligem Schleim zerfallen, der leise blubberte, wenn der Wind durch die Hütte strich.
Es klang, als atmete der Körper noch - nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Gewohnheit.
Gwendolyn presste die Lippen zusammen. „Das ist kein Körper“, sagte sie. „Das ist ein Behälter.“
Sadagar nickte. Er hatte den Schädel erreicht.
 
Als er einen der Pfeile herauszog, floss kein Blut. Stattdessen rieselte schwarzer Staub aus der Wunde.
Er sammelte sich auf dem Holzboden, feiner als Asche, und für einen flüchtigen Moment formten die Partikel
eine vertraute Gestalt: eingerollte Schlangen, ineinander verschlungen.
Dann hörte er es.
„Zu spät.“
Die Stimme war nicht laut. Sie kam nicht aus dem Raum. Sie kam aus dem Staub.
Grimbald sank auf die Knie, die Hände an den Ohren, sich dann aber wieder aufraffend.
Gwendolyn begann ein Schutzritual, hastig, instinktiv, ihre Stimme bebte.
Sadagar jedoch blieb still. Er hörte zu.
Der Schädel war leer. Wo ein Gehirn hätte sein müssen, pulsierte eine gallertartige Schwärze, durchzogen von feinen Rissen.
In ihnen glomm etwas, das kein Licht war. Es fühlte sich an wie Erinnerung -nicht seine eigene.
„Untot“, flüsterte Grimbald, kaum hörbar.
Sadagar schüttelte den Kopf. „Nein. Nicht erhoben. Nicht gebunden.“
Er sah in den offenen Schädel, als könnte dieser zurückblicken. „Bewahrt.“
Als sie den Körper wieder bedeckten, begann der Regen stärker zu fallen. Tropfen sickerten durch das Dach
und trafen auf die offenen Wunden. Die schwarze Substanz im Inneren glomm auf, schwach, als hätte etwas tief darin reagiert.
Gwendolyn senkte den Blick. „Wir hätten ihn nicht öffnen dürfen.“
Sadagar band das Tuch fest. „Nein. Aber sie hätten ihn auch nicht töten dürfen.“
Denn nun wusste er es. Der schwarze Ophidianer war nicht gekommen, um zu sterben. Er war angekommen, um etwas abzuliefern.
Und jetzt, da der Behälter zerbrochen war, musste das, was ihn zusammengehalten hatte, weiterziehen.
Vielleicht suchte es einen neuen Körper.
Vielleicht einen mit warmem Blut.
Draußen prasselte der Regen auf den Strand der Insel des Regens.
„Ach Grimbald … würdest du mir die Güte tun und dem Kommandant Bescheid geben.“sagte Sadagar, sich an der Waschschüssel die Hände waschend.
„Ich denke er wartet auf solche Informationen“
 
Und irgendwo, tief unter dem Geräusch der Wellen, meinte Sadagar, ein leises Zischen zu hören - nicht von Luft, sondern von Absicht.
 
 
 
 
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Grimbald Gondolori
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Re: Die Insel des Regens

Beitrag von Grimbald Gondolori »

Grimbald schluckte mehrere Male, der Geruch - dieser Geruch, wie konnten Sadagar und Gwendolyn da nur einfach so arbeiten ohne das es ihnen etwas ausmachte. Da musste es einen Trick geben, aber vielleicht war es dann auch die Erfahrung der beiden und nichts anderes als das. Aber dennoch musste er diese Erfahrung erleben, ueberleben und sein Wissen staerken - nicht nur weil er Neugierig war, was er natuerlich war, sondern auch weil er in dieser gruenen Hoelle ueberleben wollte. Nein, er musste ueberleben und Wissen ist nun einmal doch irgendwo Macht..

Und so reckte er den Hals und Kopf, an seiner Position and der Wand, dann doch um Sadagar bei der grimmigen Arbeit zuzusehen – aber als Sadagar dann die Bauchhoele oeffnete wurde der Gestank dann doch zu viel und er elite hinaus...

 
Nach einigen Augenblicken des Magenleerens, trat er dann dennoch wieder in die Huette. Dort war auch sein Platz, nicht nur im Getuemmel der Vorstoesse in die gruene Hoelle, sondern auch hier an den stillen Orten.
Doch sollte er noch ein weiteres Male an diesem Tage zu Boden gehen, das zweite Mal an diesem Tage – die Stimme die aus dem Nebel war dann doch ein grosser Schreck und panisch sah er sich nach dem Urspung um. Aber das war doch so aehnlich wie...
“Herr Sadagar, Frau Gwendolyn das war genau so aehnlich wie bei unserer Landung. Als wir die Feuerstelle in der Mitte des Lagers entzuendeten, stieg daraus auch dieser dunkle Nebel auf und eine Kreatur manifestierte sich. .“
 
Nachdem er dies noch einmal in Erinnerung rief – elite er Richtung Kommandanten um daruber Berich zu erstatten, was die beiden gefunden hatten.

Einen Tag spaeter, als er dann beide nacheinander antraf berichtete er ihnen auch folgendes: “Bei einem Vorstoss hatten wir eine Hoehle im Sueden entdeckt, die Ophadianer dort sahen anders aus – kraenklicher und manche aehnelten sich sogar diesem dunklen Vieh hier. Das muss irgendwie zusammen haengen, gibt es etwas auf dieser Insel das ihnen schadet?”
 

Spaeter am Abend, das Geschehen revue passieren lassend, begann er in sein Skizzenbuch zu zeichnen..
 
 
Ophidian.png
 
 
 
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Sadagar
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nach der Vision

Beitrag von Sadagar »

Als die Nebelhafener Verteidiger, sinnend um das Lagerfeuer stehen, fällt Sadagar ein Gedicht ein das ihm sein Meister 
vor Jahren beigebracht hat.
Leise spricht er die Zeilen.
Der große Ausgleich

Kein Stein ist zu hoch, kein Thron zu schwer,
er kommt wie die Flut über das Meer.
Er fragt nicht nach Namen, nicht nach dem Gut,
er löscht in uns allen dieselbe Glut.

Was Menschen trennte – Rang und Neid,
verliert im Schatten seine Zeit.
Am Ende der Reise, im letzten Licht,
beugt er das Recht für keinen nicht.
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