Der Brief Cataleyas traf in den späten Stunden eines dunklen Tages ein, überbracht von einem jungen Asketen, der ihn mit gesenktem Blick und zitternden Händen übergab. Nighean hatte sich zu dieser Stunde in die oberen Räume des Archivs zurückgezogen, wo nur das Knacken des alten Holzes und das leise Rascheln der Seiten ihre Einsamkeit begleiteten.
Sie erkannte Cataleyas Handschrift sofort. Diese kratzige, aufrecht gehende Feder, getränkt mit zu vielen Stunden ohne Schlaf, mit Gedanken, die zwischen den Zeilen brannten. Als sie las, legte sich ein feines Zittern auf ihre Finger, nicht aus Furcht, sondern aus jener seltenen Regung, wenn sich Vergangenheit und Gegenwart in einer einzelnen Stimme vereinen.
Nighean las langsam. Zweimal. Ein drittes Mal.
Dann stand sie auf, holte eine frische Pergamentrolle, tauchte ihre Feder in die dunkle Tinte, ein Gemisch aus Ruß, altem Wein und einem Tropfen ihres eigenen Bluts, und begann zu schreiben. Ihre Worte waren klar, behutsam, wie das Ziehen eines Kreises im Sand.
An Cataleya Rho'en,
Templerin des Entfesselten,
treue Dienerin Lillith,
Führerin des Glaubens der Totenwacht,
Deine Worte haben mich erreicht wie das heimliche Murmeln vergessener Psalme im Staub alter Hallen, getragen von jener Art Schatten, die nicht schrecken, sondern erinnern.
Dass Du mich als Mlfoniso rufst, ist mir Ehre und Mahnung zugleich. Denn was durch Dich spricht, ist kein bloßes Echo vergangener Lehren, sondern eine Stimme, die sich selbst in der Tiefe geformt hat.
Du suchst nicht Führung, sondern Begegnung. Nicht Antwort, sondern das stille Erkennen im geteilten Dunkel. Das will ich Dir nicht verwehren.
Komm zu mir. Bring das, was durch Dich kam, Psalme, Zweifel, Schattenverse, und wir werden gemeinsam atmen zwischen den Zeilen, lauschen, was gesprochen werden will, und schweigen, wo es das braucht.
Finde mich ~ im Tempel, dort, wo die Vier Winde flüstern.
Begegne mich ~ Am ersten Abend des neuen Wochenlaufs, wenn die Sonne sich neigt und das Licht vergeht.
Möge der Südwind Dich auf ihre Schwingen tragen.
In Verbundenheit, in Achtung, im Dienste des EINEN,
Admo uh rucho dlo-ischmo lá-loho,
Nighean
Maga des Nordwindes,
Dienerin des Namenlosen,
Treue und Unterwerfung dem EINEN.
Als sie das Schreiben vollendet und mit dem Zeichen des Zirkels versiegelt hatte, ein filigraner Kreis aus gebrochener Linie und vier Windpfeilen, rief sie nach jenem, der als „Stille Stimme“ bekannt war.
Der alte Mönch des Namenlosen erschien lautlos in der Schwelle des Raumes. Er war hager, aber aufrecht, sein kahler Schädel von Runen überzogen, die sich bis hinab zu den Handrücken zogen. Seine Augen blickten ruhig, wach, wie aus einer anderen Zeit. Wo seine Zunge einst gewesen war, war nun nur eine wulstige, verheilte Leere, dass Opfer seiner ersten Treue.
Nighean reichte ihm das Schreiben mit beiden Händen. Kein Wort wurde gewechselt. Doch der alte Mönch neigte den Kopf, presste das Siegel der Rolle leicht an seine Stirn, ein Zeichen des Schweigens, des Verstehens, der Annahme.
Dann wandte er sich um und verließ die Halle, lautlos wie ein Gedanke, den man nicht mehr greifen kann.
Er würde Cataleya finden, wie er alles findet.
Und sie würde Nigheans Antwort in den Händen halten, ehe der erste Abend des neuen Wochenlaufs sich senkte.