Mòrkral - Der Wurzelverschlinger

Rollenspielforum für Geschichten.
Benutzeravatar
RPG Rakh Hednar
Beiträge: 95
Registriert: 27 Aug 2019, 11:23
Has thanked: 49 times
Been thanked: 126 times

Re: Mòrkral - Der Wurzelverschlinger

Beitrag von RPG Rakh Hednar »

Infektionen

Der Regen hatte bereits Stunden zuvor aufgehört.
Doch die Erde atmete noch feucht.
Zwischen den Wurzeln außerhalb der Chaosstadt wanderte Hednar barfuß durch das Unterholz, den Kopf leicht gesenkt, während seine Finger immer wieder über den Boden strichen.
Er lauschte.
Nicht mit den Ohren.
Mit etwas Tieferem.
 
Die Pflanzen dieser Gegend waren schwach geworden. Die Erde trug noch Leben, doch sie schmeckte krank. Zu trocken. Zu still. Hednar suchte nach fruchtbarem Boden für neue Wurzeln, für Kräuter und für die wachsenden Felder der Stadt.
Doch irgendwo zwischen den Hügeln hörte er etwas anderes.
Fäulnis.
Nicht natürliche Verwesung.
Etwas Verdorbenes.
Zwischen schroffen Felsen entdeckte Hednar schließlich den Eingang einer alten Druidenhöhle. Moos hing von den Steinen, Wurzeln krochen wie Adern über die Wände, und aus dem Inneren drang schwach rötliches Licht.
Pilze.
Hednar kniete nieder und berührte den Boden.
Warm.
Zu warm.
 
Langsam zog er den Umhang des Waldes enger um seinen Körper. Die Fasern des Mantels verschmolzen beinahe mit den Schatten und den Pflanzen der Umgebung, während Hednar lautlos tiefer in die Höhle glitt.
Im Inneren roch es nach feuchter Erde, altem Blut, und etwas Süßlichem.
Etwas Krankem.
Je weiter Hednar ging, desto dichter wurden die rötlich glimmenden Pilze. Manche pulsierten schwach, als würden sie atmen. Andere wuchsen direkt aus den Wänden.
Und dann fand er den ersten Kadaver.
Ein Wolf.
Reglos.
Sein Fell war von roten Pilzadern überwuchert. Aus den Augenhöhlen sprossen kleine glimmende Kappen hervor. Wurzeln und Pilzfäden hatten sich tief durch Fleisch und Knochen gefressen.
Hednar blieb schweigend davor stehen.
 
Die Erde darunter fühlte sich falsch an.
Nicht tot.
Festgehalten.
Wie etwas, das nicht vollständig vergehen durfte.
 
Unzeit.
 
Dann bewegte sich etwas.
Ein tiefes Knurren hallte durch die Höhle.
Aus einer dunklen Felsspalte trat ein weiterer Wolf hervor.
Oder das, was einst einer gewesen war.
Sein Körper war übersät mit glühenden Pilzkolonien. Zwischen den Rippen zuckte rötliches Licht. Pilzfäden hingen aus seinem Maul wie nasse Wurzeln, während seine Augen nicht mehr tierisch wirkten, sondern leer und krank.

Bild
 
Der Wolf sprang.
Hednar wich zurück, riss den Stab hoch und stampfte mit bloßem Fuß auf den Boden.
Wurzeln schossen aus der Erde und hielten die Kreatur für einen Moment fest.
Doch die Pilze pulsieren wild.
Die Wurzeln faulten augenblicklich weg.
Hednar erkannte sofort:
Die Höhle selbst nährte die Infektion.
Hier unten würde der Wolf nicht sterben.
Also tat Hednar das Einzige, was sinnvoll erschien.
Er zog das Wesen hinaus.
Der Druide lockte die Bestie durch die engen Gänge der Höhle, während sie immer wieder gegen Steine und Wurzeln prallte. Pilzsporen wirbelten durch die Luft wie glühender Staub.
Draußen angekommen peitschte kalter Wind über die Felsen.
Und Hednar hob beide Arme zum Himmel.
Er sprach nicht die Sprache der Menschen.
Nicht einmal die alte Sprache.
Die Worte klangen älter.
Rau.
Wie brechende Äste.
Wie rollender Donner.
Die Luft begann zu vibrieren.
Wolken zogen sich zusammen.
Und plötzlich schlug ein Blitz herab.
Direkt in die Kreatur.
Der infizierte Wolf schrie auf, taumelte — doch fiel nicht.
Weitere Blitze folgten.
Die Erde bebte unter jedem Einschlag.
Pilze platzten auf.
Rotes Licht spritzte wie glühende Flüssigkeit durch die Luft.
Beim letzten Einschlag brach der Wolf endgültig zusammen.
Dampf stieg aus dem verbrannten Fell auf.
Die glimmenden Pilze zuckten noch schwach —
doch der Körper bewegte sich nicht mehr.
 
Hednar trat langsam näher.
Er legte eine Hand auf den Kadaver.
Und spürte:
Die Krankheit lebte noch.
Nicht im Fleisch.
Tiefer.
Wie Wurzeln unter Erde.
Der Druide verweilte nicht lange.
 
Noch im selben Moment machte er sich auf den Weg nach Surom.
Zwischen den steinernen Gassen der Stadt suchte Hednar schließlich die Nekromantin Katherine Sawyer auf.
Viele mieden ihre Nähe.
Hednar nicht.
Denn wer den Kreislauf verstand, musste auch den Tod verstehen.
Mit wenigen Worten erklärte Hednar:
- die Höhle,
- die glimmenden Pilze,
- die falsche Verwesung,
- und die vermutliche Nähe zur Unzeitwurzel.
Katherine hörte aufmerksam zu.
Und als Hednar von einem Kadaver sprach, der selbst nach dem Tod noch von Infektion durchzogen war, erwachte sofort ihr Interesse.
Gemeinsam kehrten sie zur Höhle zurück.
Katherine betrachtete die verbrannten Überreste des Wolfes schweigend. Selbst sie schien zu erkennen, dass hier etwas arbeitete, das über gewöhnliche Nekromantie hinausging.
Mit arkanen Gesten öffnete sie schließlich ein Portal.
Der Kadaver wurde nach Surom gebracht.
 
Hinab in den Keller der Magieakademie.
Dort, zwischen Kerzenlicht, Totems und alten Bannrunen, begann Hednar schweigend seine Arbeit.
Der bestehende Bannkreis gegen Untote genügte nicht mehr.
Nicht gegen diese Krankheit.
Nicht gegen etwas, das selbst Verwesung verdarb.
Mit Blut zog Hednar neue Linien auf den kalten Steinboden.
Er platzierte Blutknochen, schwarze Pilzkappen, und Wurzeln verbrannter Erde entlang des Kreises.
Dann errichtete er einen zweiten Bannring.
Nicht gegen Tod.
Nicht gegen Geister.
Sondern:
gegen Ausbreitung.
Gegen Sporen.
Gegen Infektion.
 
Während Katherine ihre Untersuchungen vorbereitete, sprach Hednar leise mit der Erde unter den Fundamenten der Akademie.
Und irgendwo tief darunter meinte er erneut dieses Pulsieren zu hören.
Langsam.
Unnatürlich.
Wie eine Wurzel,
die nicht sterben wollte.
Benutzeravatar
RPG Rakh Hednar
Beiträge: 95
Registriert: 27 Aug 2019, 11:23
Has thanked: 49 times
Been thanked: 126 times

Re: Mòrkral - Der Wurzelverschlinger

Beitrag von RPG Rakh Hednar »

Infektion oder Unzeit

 
Die Nächte unter Surom wurden für Hednar zunehmend unruhig.
Während Katherine Sawyer die Überreste des infizierten Wolfes untersuchte, verbrachte Hednar Stunden schweigend am Rand des Bannkreises. Oft saß er reglos auf nackter Erde, die Hände tief in den dunklen Boden gedrückt, während die Kerzen der Magieakademie flackernde Schatten über die Kellerwände warfen.
Er lauschte.
Dem Kadaver.
Den Wurzeln.
Dem Kreislauf.
Und immer wieder stellte sich dieselbe Frage:
War dies die Unzeitwurzel?
Anfangs war Hednar überzeugt davon gewesen.

 
Zu ähnlich fühlte es sich an:
- falscher Verfall,
- gestörte Erde,
- Leben, das sich nicht richtig bewegte,
- etwas, das zwischen Werden und Vergehen festhing.
 
Doch je länger Hednar den Kadaver betrachtete, desto mehr bemerkte er Unterschiede.
Die Unzeitwurzel…
war still.
Sie hielt fest.
Sie verweigerte den Übergang.
Sie ließ Dinge nicht sterben.
Doch diese Pilze…
Sie fraßen.
Sie breiteten sich aus.
Sie wollten wachsen.
Das war nicht Stillstand.
Das war Hunger.
Eines Nachts kniete Hednar direkt vor dem verbrannten Wolfskadaver nieder. Zwischen den verkohlten Rippen sprossen erneut kleine rötliche Pilzkappen hervor.
Der Druide legte die Hand auf den Boden.
Und plötzlich verstand er etwas.
Die Erde unter dem Kadaver fühlte sich nicht angehalten an.
Sondern erschöpft.

 
Als würde die Infektion:
- zehren,
- verbrauchen,
- ausbreiten.

 
Nicht bewahren.
Nicht festhalten.

 
Die Unzeitwurzel hingegen hinterließ:
- Stagnation,
- schweigende Erde,
- Wurzeln ohne Rückkehr,
- Leben ohne Ende.
 
Die Pilze dagegen erzeugten:
- Überwucherung,
- Gier,
- unnatürliches Wachstum.

 
Zwei verschiedene Dinge.
Vielleicht sogar Gegensätze.
Diese Erkenntnis gefiel Hednar nicht.
Denn ein Teil von ihm hatte gehofft, alles sei auf dieselbe Wunde zurückzuführen.
Eine Ursache.
Ein Ursprung.
Eine Richtung.
Doch der Kreislauf war selten so einfach.

 
Und selbst Mòrkral schien unruhig.
Mehrmals erschien das Wesen während dieser Nächte schweigend am Rand des Kellergewölbes. Schwarze Wurzeln krochen unter seinen Pfoten hervor, während die faulige Glut seiner Augen auf den Kadaver gerichtet blieb.
Nicht neugierig.
Wachsam.
Hednar begann zu glauben,
dass die Infektion nicht aus der Unzeitwurzel selbst entstanden war.
Doch etwas anderes ließ ihn nicht los.
Die Infektion war erst aufgetaucht,
nachdem die Unzeitwurzel aktiver geworden war.
Das konnte kein Zufall sein.
Vielleicht verursachte die Unzeitwurzel die Pilze nicht direkt.
Aber vielleicht hatte sie:
- den Kreislauf geschwächt,
- die Erde geöffnet,
- oder etwas unter den Wurzeln geweckt.
Denn wenn Leben und Verfall nicht mehr natürlich flossen,
entstanden Zwischenräume.
Und Zwischenräume lockten Dinge an.
Pilze.
Fäulnis.
Krankheiten.
Hungrige Wurzeln.
Hednar erinnerte sich an die alten Wälder der Krr'Rorck.
Dort hatten dämonische Einflüsse die Natur ebenfalls nicht einfach zerstört.
Sie hatten sie verändert.
Verdrehte Erde brachte verdrehte Formen hervor.
Vielleicht geschah nun etwas Ähnliches.
Nicht durch Dämonen.
Sondern durch gestörten Kreislauf.
Dennoch zwang Hednar sich zur Ruhe.
Zu viele Wege führten fort von der eigentlichen Bedrohung.
Zu viele Stimmen.
Zu viele falsche Wurzeln.
Und Hednar wusste:
Wenn er jedem faulenden Ast folgte,
würde er irgendwann den Stamm selbst verlieren.
Also entschied er sich,
den Fokus nicht zu verlieren.
Die Infektion war gefährlich.
Doch die Unzeitwurzel blieb schlimmer.
Denn Pilze fraßen nur Leben.
Die Unzeitwurzel dagegen bedrohte:
- den Tod,
- den Verfall,
- die Rückkehr,
- und damit den Kreislauf selbst.

 
Und genau das war für Hednar die größere Katastrophe.
Eines Abends verließ er schließlich die Keller der Akademie und wanderte allein hinaus in die feuchte Dunkelheit vor Surom.
Mòrkral erschien neben ihm.
Schweigend.
Gemeinsam blickten sie in den Wald.
Dort irgendwo,
unter Erde und Wurzeln,
bewegte sich etwas.
Langsam.
Tief.
Und Hednar spürte:
Die Pilze waren vielleicht nur Schimmel auf einer viel größeren Wunde.
Antworten