Der Regen hatte bereits Stunden zuvor aufgehört.
Doch die Erde atmete noch feucht.
Zwischen den Wurzeln außerhalb der Chaosstadt wanderte Hednar barfuß durch das Unterholz, den Kopf leicht gesenkt, während seine Finger immer wieder über den Boden strichen.
Er lauschte.
Nicht mit den Ohren.
Mit etwas Tieferem.
Die Pflanzen dieser Gegend waren schwach geworden. Die Erde trug noch Leben, doch sie schmeckte krank. Zu trocken. Zu still. Hednar suchte nach fruchtbarem Boden für neue Wurzeln, für Kräuter und für die wachsenden Felder der Stadt.
Doch irgendwo zwischen den Hügeln hörte er etwas anderes.
Fäulnis.
Nicht natürliche Verwesung.
Etwas Verdorbenes.
Zwischen schroffen Felsen entdeckte Hednar schließlich den Eingang einer alten Druidenhöhle. Moos hing von den Steinen, Wurzeln krochen wie Adern über die Wände, und aus dem Inneren drang schwach rötliches Licht.
Pilze.
Hednar kniete nieder und berührte den Boden.
Warm.
Zu warm.
Langsam zog er den Umhang des Waldes enger um seinen Körper. Die Fasern des Mantels verschmolzen beinahe mit den Schatten und den Pflanzen der Umgebung, während Hednar lautlos tiefer in die Höhle glitt.
Im Inneren roch es nach feuchter Erde, altem Blut, und etwas Süßlichem.
Etwas Krankem.
Je weiter Hednar ging, desto dichter wurden die rötlich glimmenden Pilze. Manche pulsierten schwach, als würden sie atmen. Andere wuchsen direkt aus den Wänden.
Und dann fand er den ersten Kadaver.
Ein Wolf.
Reglos.
Sein Fell war von roten Pilzadern überwuchert. Aus den Augenhöhlen sprossen kleine glimmende Kappen hervor. Wurzeln und Pilzfäden hatten sich tief durch Fleisch und Knochen gefressen.
Hednar blieb schweigend davor stehen.
Die Erde darunter fühlte sich falsch an.
Nicht tot.
Festgehalten.
Wie etwas, das nicht vollständig vergehen durfte.
Unzeit.
Dann bewegte sich etwas.
Ein tiefes Knurren hallte durch die Höhle.
Aus einer dunklen Felsspalte trat ein weiterer Wolf hervor.
Oder das, was einst einer gewesen war.
Sein Körper war übersät mit glühenden Pilzkolonien. Zwischen den Rippen zuckte rötliches Licht. Pilzfäden hingen aus seinem Maul wie nasse Wurzeln, während seine Augen nicht mehr tierisch wirkten, sondern leer und krank.

Der Wolf sprang.
Hednar wich zurück, riss den Stab hoch und stampfte mit bloßem Fuß auf den Boden.
Wurzeln schossen aus der Erde und hielten die Kreatur für einen Moment fest.
Doch die Pilze pulsieren wild.
Die Wurzeln faulten augenblicklich weg.
Hednar erkannte sofort:
Die Höhle selbst nährte die Infektion.
Hier unten würde der Wolf nicht sterben.
Also tat Hednar das Einzige, was sinnvoll erschien.
Er zog das Wesen hinaus.
Der Druide lockte die Bestie durch die engen Gänge der Höhle, während sie immer wieder gegen Steine und Wurzeln prallte. Pilzsporen wirbelten durch die Luft wie glühender Staub.
Draußen angekommen peitschte kalter Wind über die Felsen.
Und Hednar hob beide Arme zum Himmel.
Er sprach nicht die Sprache der Menschen.
Nicht einmal die alte Sprache.
Die Worte klangen älter.
Rau.
Wie brechende Äste.
Wie rollender Donner.
Die Luft begann zu vibrieren.
Wolken zogen sich zusammen.
Und plötzlich schlug ein Blitz herab.
Direkt in die Kreatur.
Der infizierte Wolf schrie auf, taumelte — doch fiel nicht.
Weitere Blitze folgten.
Die Erde bebte unter jedem Einschlag.
Pilze platzten auf.
Rotes Licht spritzte wie glühende Flüssigkeit durch die Luft.
Beim letzten Einschlag brach der Wolf endgültig zusammen.
Dampf stieg aus dem verbrannten Fell auf.
Die glimmenden Pilze zuckten noch schwach —
doch der Körper bewegte sich nicht mehr.
Hednar trat langsam näher.
Er legte eine Hand auf den Kadaver.
Und spürte:
Die Krankheit lebte noch.
Nicht im Fleisch.
Tiefer.
Wie Wurzeln unter Erde.
Der Druide verweilte nicht lange.
Noch im selben Moment machte er sich auf den Weg nach Surom.
Zwischen den steinernen Gassen der Stadt suchte Hednar schließlich die Nekromantin Katherine Sawyer auf.
Viele mieden ihre Nähe.
Hednar nicht.
Denn wer den Kreislauf verstand, musste auch den Tod verstehen.
Mit wenigen Worten erklärte Hednar:
- die Höhle,
- die glimmenden Pilze,
- die falsche Verwesung,
- und die vermutliche Nähe zur Unzeitwurzel.
Katherine hörte aufmerksam zu.
Und als Hednar von einem Kadaver sprach, der selbst nach dem Tod noch von Infektion durchzogen war, erwachte sofort ihr Interesse.
Gemeinsam kehrten sie zur Höhle zurück.
Katherine betrachtete die verbrannten Überreste des Wolfes schweigend. Selbst sie schien zu erkennen, dass hier etwas arbeitete, das über gewöhnliche Nekromantie hinausging.
Mit arkanen Gesten öffnete sie schließlich ein Portal.
Der Kadaver wurde nach Surom gebracht.
Hinab in den Keller der Magieakademie.
Dort, zwischen Kerzenlicht, Totems und alten Bannrunen, begann Hednar schweigend seine Arbeit.
Der bestehende Bannkreis gegen Untote genügte nicht mehr.
Nicht gegen diese Krankheit.
Nicht gegen etwas, das selbst Verwesung verdarb.
Mit Blut zog Hednar neue Linien auf den kalten Steinboden.
Er platzierte Blutknochen, schwarze Pilzkappen, und Wurzeln verbrannter Erde entlang des Kreises.
Dann errichtete er einen zweiten Bannring.
Nicht gegen Tod.
Nicht gegen Geister.
Sondern:
gegen Ausbreitung.
Gegen Sporen.
Gegen Infektion.
Während Katherine ihre Untersuchungen vorbereitete, sprach Hednar leise mit der Erde unter den Fundamenten der Akademie.
Und irgendwo tief darunter meinte er erneut dieses Pulsieren zu hören.
Langsam.
Unnatürlich.
Wie eine Wurzel,
die nicht sterben wollte.