Das Urteil im Sand
Die Ameda durchschnitt den Nebel wie eine Klinge aus dunklem Stahl. Feuchtigkeit lag schwer in der Luft, salzig und faul zugleich. Das Meer schwieg auf jene unheilvolle Weise, die selbst erfahrene Krieger mehr beunruhig als jeder Sturm. Wochenlang war dieser Moment vorbereitet worden, mögliche Szenarien immer und immer wieder im Kopf durchgespielt. Karten studiert, Routen diskutiert, Rückzuge geplant. Jeder Schritt hätte sitzen sollen…
Doch als der Kiel plötzlich schabte und das Schiff in einem dumpfen, grollenden Laut auf Grund lief, wusste Valleron, dass all dies in einem einzigen Augenblick bedeutungslos geworden war.
Der Befehl war gefallen, bevor irgendjemand widersprechen konnte.
Nicht von Ihm selbst.
Von Agroniam, dem Imperator, dem Ersten und Mächtigsten Wächter.
Valleron ballte die Hände, bis sich das Leder seiner Handschuhe spannte. Kein Wort kam über seine Lippen.
Wie auch? Wer war er, den Willen jenes Mannes offen in Frage zu stellen, der dem Entfesselten näherstand als jeder andere sterbliche?
Agroniam war kein Feldherr, der sich an Pläne band. Er war eine Waffe. Und Waffen warteten nicht.
Doch in Vallerons Brust brannte es. Ein jeder der ihn beobachtete, spürte diese Anspannung.
Er hatte einen Schlachtzug entworfen – Mit Vorstößen, Täuschung, mit Wegen, die in den Schatten führten und einem sicheren Rückzug, falls die Insel sich als Grab erweisen sollte. Nun aber standen sie hier, frontal, offen, mit knirschendem Sand unter den Stiefeln und dem Nebel im Rücken.
Die Wut kroch weiter in Ihm hoch.
Doch nicht gegen Agroniam – das wäre töricht gewesen.
Sondern gegen das Chaos selbst.
Und er ließ sie zu.
Als die ersten Orphidianer aus dem Dunst hervorbrachen, zischend, kriechend, mit kalten Augen und Klingen aus Knochen, riss Valleron seinen Hammer empor.
Er dachte nicht mehr.
Er plante nicht mehr.
Er war voll im Fokus.
Der Kampf am Strand entbrannte ohne Vorwarnung. Die Orphidianer versuchten, die Landung im Keim zu ersticken, doch sie unterschätzten die Entschlossenheit Suroms. Valleron ging voran, sein Hammer riss breite Schneisen in ihre Reihen, während Stahl auf Schuppen traf und der Sand unter den Füßen blutig und rutschig wurde. Die Orphidianer kämpften verbissen, doch ungeordnet, getrieben von instinkt statt disziplin.
Schritt für Schritt wurden sie zurückgedrängt – ins flache Wasser, gegen Felsen, bis kein Raum mehr blieb. Der Strand verwandelte sich in ein Schlachtfeld aus Leibern und zerbrochenen Waffen.
Jeder Schlag war ein Urteil. Jeder Schritt ein Bekenntnis. Und als der Nebel sich lichtete, war der Widerstand gebrochen. Dachte man.
Gerade als sie sich vom Strand lösen wollten, bebte der Sand unter ihren Füßen.
Zunächst kaum wahrnehmbar, ein feines Rieseln zwischen Blut und Knochen. Dann brach der Boden auf. Etwas kroch hervor, das keine Form kannte, die Valleron je zuvor gesehen hatte. Eine Masse aus Fleisch, Zähnen und offenen Wunden, zusammengehalten von Hass und Verwesung. Der Gestank traf sie wie ein Schlag – süßlich, faul, erstickend.
Es wurden für ein Moment Worte gewechselt zwischen der Kreatur und Agroniam. Doch Valleron hörte nicht zu, denn zu groß war sein Fokus auf das, was gleich folgen sollte.
Und so begann der Kampf. Die Bestie spuckte zu Beginn einen Schwarm rote, giftige Fliegen aus, summend wie ein verkümmernder Atemzug. Der Schwarm stürzte sich auf sie, brannten auf der Haut, suchten Augen und offene Stellen. Schreie mischten sich unter das Surren.
Doch Surom wisch erneut nicht zurück!
Die Bestie schlug mit klauenartigen Auswüchsen um sich, riss Furchen in den Sand, zerfetzte Leiber, als wären sie Stoff. Jeder Treffer hätte tödlich sein können. Blut spritze, Zähne schnappten und das Monster brüllte mit einem Laut, der mehr aus Gedärmen als aus Kehle bestand.
Es war ein Kampf um Minuten.
Valleron warf sich vor, schnitt, riss, hieb, während Gift und Blut über seine Rüstung lief. Der Hammer fraß sich regelrecht in das Fleisch der Kreatur, doch sie wehrte sich, zäh und unnatärlich lebendig. Erst als sie gemeinsam zuschlugen, konzentriert, ohne Zweifel, brach das Ding zusammen – ein letzter, zuckender Haufen aus Fleisch und Knochen.
Stille. Nur das Summen verebbender Fliegen blieb zurück.
Valleron richtete sich auf, keuchend, den Blick noch immer auf das reglose Etwas gerichtet.
Dann spürte er ihn.
Agroniam hatte alles gesehen. Kein Wort fiel. Kein Zeichen der Anerkennung.
Doch er wusste – Dieser Kampf war bemerkt worden.
Ohne weiter zu verweilen wandten sie sich ab und liefen zum Engpass. Der Befehl war klar und deutlich – Erkunden und Absichern.
Bis zum bitteren Schluss folgte eine kleine Gruppe dem Befehl Agroniams. Mit Ihm an der Seite standen noch Aanatus, Arucard und Rorek in Form eines riesen Steingolems.
Sie wichen nicht von seiner Seite, selbst als der Kampf zu einem Mahlwerk aus Stahl und Fleisch wurde. Schulter an Schulter hielten sie Stand, sicherten Flanken, zogen sich zurück, wenn der Blutrausch ihn zu weit trug.
Als die Nacht weiter vorrückte, fanden sie schließlich eine Engstelle. Ein schmaler Durchgang, der tiefer ins Innere der Insel führte. Ein natürlicher Nadelöhrpfad, von Felsen umklammert. Dort entschieden sie letztlich, die Linie zu ziehen.
Sogleich wurden Holzpfähle angespitzt und eingerammt. Leichen gerichtet und getürmt.
Warnung und Bollwerk zugleich.
Der Zugang zum Strand war gesichert. Wachposten wurden eingeteilt.
Valleron blieb einen Momentlang noch zurück. Er blickte über den Strand, erneut. Über das, was sie angerichtet hatten. Blut rann weiterhin in dünnen Rinnsalen zurück ins Meer, und der Nebel nahm es schweigend auf.
Zufriedenheit breitete sich in ihm aus. Keine Freude. Kein Stolz. Nur Gewissheit.
Erschöpft, von Kopf bis Fuß mit fremden und eigenem Blut verschmiert, kehrte er schließlich zur Ameda zurück. Jeder Schritt schmerzte. Die Wut war varraucht, hatte ihn ausgelaugt, aber sie hatte getragen.
Der erste Schritt auf der Insel war getan.
Ungeplant.
Brutal.
Unumkehrbar.
Und der Entfesselte hatte zugesehen.