Der Tempel roch nach Wachs und kaltem Stein, als Cataleya vor den Altar trat.
Ein Priester hatte sie rufen lassen, die Stirn angespannt, die Stimme leise.
"Münzen wurden entwendet, Kommandantin. Vom Altar des Namenlosen."
Ihr Blick glitt über die Opfergaben und blieb an der Lücke hängen, wo das Metall matt glänzte.
Ein kleiner, fast unscheinbarer Fehlbetrag. Aber am Altar des Namenlosen war kein Diebstahl klein.
Ihre Kiefermuskeln spannten sich, die Hände ballten sich zu Fäusten. "Vom Altar," wiederholte sie tonlos, mehr zu sich selbst als zur Wache. Zorn schob sich kalt in ihre Brust.
"Das wird nicht ungeahndet bleiben!"
Sie wandte sich abrupt ab, den Mantel nach hinten geschlagen, und verließ den Tempel mit schnellen Schritten.
Zurück in ihrer Dienststube riss sie das Fenster einen Spalt auf, als brauche sie Luft, setzte sich dann hart auf den Stuhl.
Ein frisches Pergament, die Feder, die Tinte mehr brauchte es nicht.
Mit scharfen, festen Strichen setzte sie den Befehl auf:
Als der Text stand, las sie ihn noch einmal das Zucken an ihrem Mundwinkel verriet, dass der Zorn nicht kleiner geworden war.
Dann drückte sie das Siegel der Schwarzen Garde tief in das Wachs am unteren Rand.
"Wache!" rief sie. Der Posten vor der Tür trat ein.
"Dies wird als Aushang für alle Wachen gefertigt," sagte sie, und ihre Stimme war so kalt wie der Stein im Tempel.
"Der Schreiber soll unverzüglich Abschriften erstellen. Ein Exemplar an jedes Wachhaus, eines an die Tempelwache. Heute noch!"
Der Mann nickte, schluckte kaum sichtbar und nahm das Pergament entgegen.
"Und lass sie wissen," fügte sie leise hinzu, "wer die Münzen des Namenlosen stiehlt, stiehlt nicht nur Gold. Er stiehlt Achtung. Und das zahlt man mit Haut."
Der Befehl war gesprochen, der Aushang auf den Weg gebracht.
Nun blieb nur zu warten, bis jemand unter dem Blick der Wachen zuckt und sich verrät.

Befehl der Schwarzen Garde
Befehl der Kommandantin der Schwarzen Garde
An alle Wachen Suroms und die Tempelwache
Betrifft: Entwendung von Münzen vom Altar des Namenlosen
Es ist festgestellt worden, dass vom Altar des Namenlosen im Tempel Münzen entwendet wurden.
Dies ist ein Frevel an unserem Glauben und eine Entweihung des heiligen Ortes.
Hiermit ordne ich an:
Personenkontrollen
Jeder Bürger und jede Bürgerin, der oder die den Tempel seit dem 22. Tag des 12. Mondes aufgesucht hat,
ist durch die Wachen Suroms zu kontrollieren und zu befragen.
Auffällige Aussagen oder Verhalten sind zu notieren und der Garnison zu melden.
Pflichten der Tempelwache
Die Tempelwache hat unverzüglich Meldung an die Säulen sowie an den Orden zu geben
und sämtliche Beobachtungen, Verdachtsmomente und Namen Verdächtiger zu übermitteln.
Strafmaß
Der Ketzer, der sich der Entwendung schuldig gemacht hat,
soll Buße tragen:
Vor den Augen der Stadt ist er auszupeitschen und anschließend an den Pranger zu führen,
damit jeder sehe, was denen widerfährt, die den Altar des Namenlosen entweihen.
Die Wachen haben diesen Befehl ohne Zögern und mit aller Strenge auszuführen.
Im Dienst des Reiches,
unter dem Schatten des Namenlosen
