Blauer Pfeifenrauch hing schwer unter der Decke und mischte sich mit dem Geruch von Bier und Met. Tarabaschs Pfeife glomm träge, während er daran zog. Auch Yngvildr und Haldron entzündeten ihre Pfeifen und ließen den Rauch langsam aus den Lungen steigen.
„De Ahnen zu Ehr“, murmelte Rashka und nickte knapp in die Runde.
Die Hathran. Wieder einmal eine Hathran. Gerettet aus Gefahr – und bezahlt mit Rätseln statt Antworten. Worte von Fleisch, Zorn und Groll, von Häuten zweier Feinde, geboren aus Krieg und Ödnis. Kein klarer Weg, nur Andeutungen, wie es diese Weiber liebten.
Sie sprachen lange über die Worte der Hathran und versuchten, deren Sinn zu ergründen. Sicher war nur eines: Etwas musste erschlagen werden. Darüber war man sich schnell einig. Doch was erschlagen werden sollte, lag noch im Nebel.
„Wyr sollns selber erratn“, hatte sie gesagt.
Fleisch des Grollens aus Höhlen, gefallen mit Blick zur Sonne, geschliffen vom Sand der Ödnis. Vermutet wurden die Einaugen oder die Drochsal – beide im Wüstenreich des Südens zu finden. Nach langem Hin und Her entschieden sie schließlich, dass die Einaugen, die Zyklopen, die richtige Wahl seien.
Das Fleisch des Zorns jedoch gab mehr Rätsel auf. Im Kampf geboren, narbenreich und schnell heilend. Wieder wurde diskutiert, doch keine klare Antwort gefunden. Yngvildr sprach davon, dass sich die Schamanen der Trolle und Oger selbst heilen konnten.
Fast wie aus einem Mund brummten Tarabasch und Rashka:
„De Trolle heilen sich och ohne Zauber der Schamanen.“
Der Ejnaug in der Sonne
Der Sand brannte unter den Füßen, als sie die Stufen aus der Tiefe hinter sich ließen. Die Sonne stand tief, doch ihr Licht schnitt noch scharf über die Felsen.
„Da!“, knurrte Haldron und deutete mit dem Stab nach oben.
Er stand dort wie ein Stück der Welt selbst:
Ein gewaltiger Zyklop, ein Ejnaug, größer als jene, die sie zuvor erschlagen hatten. Seine Haut war von der Sonne gebrannt und rissig wie verwitterter Stein, der Leib übersät mit alten Narben. In seiner Faust hielt er einen Hammer aus Felsbrocken, so groß wie ein Amboss.
Der Zyklop brüllte, als er sie erblickte – ein Laut, der von den Felswänden widerhallte. Dann flog der erste Stein.
Gemeinsam stürmten sie voran, die Äxte erhoben, bereit zum Schlag. Noch ehe der Kampf richtig begann, schlugen die Pfeile der Jägerin tief in die Schulter des Riesen. Der Hammer des Zyklopen krachte in den Boden, wo eben noch einer von ihnen gestanden hatte.
Yngvildr wich zur Seite und jagte Pfeil um Pfeil in den Leib des Ejnaugs, während Tarabasch von der Flanke her angriff und die mächtigen Hiebe des Riesen mit seinem Schild abfing.
Haldron rief die Kräfte der Ahnen an. Dunkle Wolken zogen zusammen, und ein Blitz schlug zuerst ins Erdreich, dann zuckte er in den Leib des Zyklopen. Der Ejnaug taumelte, brüllte vor Zorn, riss einen Fels aus dem Boden und schleuderte ihn blindlings. Staub und Splitter erfüllten die Luft.
Haldron hob den Stab, sein Griff leuchtete kurz auf – der nächste Stein verfehlte Rashka nur um Haaresbreite.
Dann kam der Moment. Unter den vereinten Angriffen der Jagdgruppe brach der Zyklop ein. Er sank auf die Knie, sein einzelnes Auge starrte zur untergehenden Sonne. Noch einmal hob er den Hammer – dann trennte Tarabaschs Axt Kopf und Leib.
Stille.
Nur der Wind im Sand.
Die Haut des Feindes wurde mit geübten Handgriffen rasch abgezogen.
„Jau“, brummte Rashka und blickte zum Himmel.
„Gefalln mit Blick zur Sonne.“
Fleisch des Grolls – die Höhlen der Trolle
Doch das Rätsel war noch nicht vollendet.
Tief in den Höhlen folgten sie dem Gestank von Moder und Blut. Dort fanden sie die Trolle – mehrere, groß gewachsen, mit dicker, graugrüner Haut. Kaum hatten sie die Fremden gewittert, stürmten die Bestien heran.
Der Kampf war roh und eng. Keulen krachten gegen Schilde, Krallen rissen durch Leder. Einer der Trolle wurde niedergestreckt, doch schon schlossen sich seine Wunden wieder. Ein anderer brüllte vor Schmerz – nur um Sekunden später erneut anzugreifen.
„Seht ihr!“, rief Yngvildr.
„Se heilen sich!“
Rashka schlug einem Troll die Axt tief in den Hals, Tarabasch spaltete einem anderen den Schädel. Haldron ließ die Höhlendecke erzittern, während Steinsplitter auf die Feinde niederregneten. Erst als sie die Trolle gnadenlos niederhielten und ihnen Gliedmaßen abschlugen, blieb die Heilung aus.
Als der letzte Troll röchelnd zu Boden ging, war die Höhle still.
„Fleisch des Zorns“, knurrte Tarabasch.
„Aus Höhlen. Jau.“
Die Häute wurden abgezogen – zäh, schwer, narbenreich.
Der Sud der tausend Tränen
Zurück in Fjellgat legten sie die Felle auf den Tisch. Regenwasser war gesammelt worden – „der Sud der tausend Tränen“, wie sie nun überzeugt waren. Salz wurde hinzugegeben, Feuer darunter entfacht.
„Gekocht im Sud“, murmelte Rashka.
„Un gebundn bej Mond.“
„Salz härtet“, brummte Haldron.
„Wie Tränen.“
Yngvildr nickte langsam.
„Un Nadeln aus Knochn… zum Vernähn.“
Als der Mond aufstieg, kochte das Leder. Knochen wurden geschliffen, zu Nadeln geformt. Die Felle lagen im Salzwasser, während draußen die Nacht über das Land kroch.
„Wyr kochn se yber Nacht“, entschied Rashka schließlich.
„Un wenn der Mond am höchsten steht“, ergänzte Tarabasch,
„vernähn wyr de Häute. Haut an Haut. Feind an Feind.“
Ob es genau das war, was die Hathran gemeint hatte, wusste keiner.
Aber die Ahnen sahen zu.
Und das genügte.