Sommerkind

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Amrali
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Sommerkind

Beitrag von Amrali »

Sie läuft in der engen Dunkelheit eines sich windenden, stetig verändernden Tunnels, unbeleuchtet, aber dennoch nicht vollkommen finster. Das, so erkennt sie, während das Herz bis zum Hals schlägt, ist ein Traum.

Einer, der allzu vertraut ist. Einer, dessen Gewalt sich selbst durch das Wissen nicht abschütteln lässt. 

‘Bin ich jemals entkommen?’

Kühle Finger berühren ihren Nacken und die Glieder erstarren wie zu Eis, gefroren vor dem sanften, femininen Flüstern.

“Niemals. Ich lasse dich niemals gehen. Nicht einmal, wenn ich dir all deine Geheimnisse entrissen habe.”
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Amrali
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Im Land des ewigen Winters

Beitrag von Amrali »

Zumindest theoretisch ist Amrali mit dem Konzept von Schneefall und Frost vertraut, aber die Wirklichkeit wischt alle Vorstellungen und Einbildungen mit gleichgültiger Ignoranz zur Seite. 

Die Kälte durchdringt mühelos die verschiedenen Schichten an fadenscheiniger Kleidung, beißt in Wangen, in Nase und Ohren: Zum ersten Mal seit einer ganzen Weile ist sie froh keinen Schmuck zu tragen, nicht einfach nur beschämt über die Abwesenheit einer früher immer präsenten Selbstverständlichkeit. 

Die ganze Landschaft liegt wie unter einem weißen Tuch, das alle Formen dämpft, Trugbilder schafft über die wahren Verläufe von Kanten und Abgründen. Es ist, so denkt sie, während sie hastig im Gepäck nach dem zerfledderten Mantel sucht, der nur für den schlimmsten aller Notfälle überhaupt eingepackt wurde, gleichzeitig ähnlich wie der Sand der Wüste und dann doch auch ganz anders.  

‘Warum bin ich hier?’

Der Gedanke kommt ungerufen, unwillkommen, ein Zaudern und eine Verzagtheit darin, die Ärger entfachen, dabei in jene Glut fahrend, die sie über all die Jahre bewahrt hat, deren letzte Reste in flüsternden Schatten beinahe verloschen wären. Sie hat nie erfahren, wie nahe sie war, die vollständige Kapitulation zu erleben.

‘Und das wird sie auch nie.’

Aber auch dieser Gedanke erreicht sie ungebeten, findet sich eingerahmt in Furcht und wird rasch verdrängt. Besser, sich der Kälte dieses offenen Landes zu stellen, den eigenwillig gedämpften Geräuschen - alles hier wirkt stiller, als es sein sollte - und dem ungewohnten Gefühl der erstarrten Landschaft unter den Füßen.

Die Bewohner dieser gefrorenen Einöde tragen ihre Pelze wesentlich besser als Amrali es tut, ihre Spuren künden im lockeren Schnee noch lange von ihrem Vorbeiziehen - nur aus der Ferne bekommt die Besucherin einen scheuen Schneefuchs zu sehen, dessen gedrungene Statur ihr skurril erscheint, gänzlich anders als die schlanken, agilen Kreaturen der rollende Steppe ihrer Heimat.

Ein am Himmel kreisender Adler beobachtet Amrali eine Weile, gnädig wie ein distanzierter Herrscher, der einen demütigen Bittsteller beobachtet, bevor er mit dem Auftreten anderer geflügelter Geschöpfe gemächlich in Richtung Osten abdreht. 

Es ist ein ganzer Schwarm - Geier vermutet sie zunächst - während sie in einen der sich öffnenden Pässe eintritt, die klaffenden Felsen drängen sich zusammen, als wollten sie den Weg zerquetschen der kühn in ihre Mitte gezwängt wurde. Dann, mit der Biegung des Weges, öffnet sich ein schmales Tal und sie wird sich ihres Irrtums bewusst: Nur ein Dutzend Schritte voraus liegt der Kadaver eines Pferdes, aufgerissen von scharfen Krallen, noch dampfend in der Kälte. Darauf hockt eine Kreatur, die Amrali augenblicklich erkennt, auch wenn sie nie zuvor eines dieser Geschöpfe mit eigenen Augen erblickte: Eine Mischkreatur aus Mensch und Vogel mit Schwingen statt Armen und stämmigen, krallenbewehrten Füßen, ein ganz menschlich anmutenden, weiblicher Torso mit hoch angesetzten Brüsten, die Haut bar, dem Frost schutzlos ausgesetzt. Das Gesicht ist ähnlich grotesk: Deformierte, in die Länge gezogene Augen über fast menschlichen Wangenknochen, statt Mund und Nase findet sich ein mächtiger gebogener Schnabel, von dem nun gerade Blut tropft. 

Keine Lippen, aber etwas an dem Ausdruck lässt Amrali an das Lächeln eines zufriedenen Jägers denken. Hinter ihr, wo der Pass sich windet, stoßen zwei gleichartige Kreaturen vom Himmel herab, um den Fluchtweg zu blockieren, drei Weitere ziehen Kreise über der ganzen Szenerie und beginnen gerade nun zu kreischen - kurze, schrille Schreie wie pervertiertes Gelächter.

An manchen Tagen ist es schwierig sich an die Unterweisungen, an die Geschichten und Legenden der Vergangenheit zu erinnern, an die reichen Warnungen und Weisungen, die in die fast schon spielerische Form von Erzählungen gewoben wurden und auch jetzt, während Amrali starrt und die auf dem Kadaver des Pferdes hockende Harpyie spöttisch ihre Schwingen präsentiert, sind die Worte in der Erinnerung wie das unförmige Brummen eines entfernen Bienenschwarms. Unscharf. Unbestimmt. 

“Sieh an, wer sich zu uns verirrt hat. Willst du nicht Teil dieser Schwesternschaft werden, deine unwürdige Hülle eintauschen gegen einen stolzen Leib? Wir haben ein Herz für die Häßlichen.”

Das Geschrei der drei Harpyien in der Luft steigert sich zu einem spöttischen, verhöhnendem Crescendo, während die Sprecherin sich eitel präsentiert.

“Du musst wi ..”

Die Kälte ist vergessen mit der ersten Berührung des Schwertes.

Es zu ziehen, wenngleich nicht mehr ungewohnt, schmeckt noch immer wie Freiheit, wie das Abschütteln von Ketten und Amrali zögert nicht in die Offensive zu gehen, überwindet die Entfernung zum abkühlenden Kadaver mit ein paar raschen Sprüngen.

Die Harpyie, soviel lässt sich mit Gewissheit sagen, ist überrascht von der abrupten Unterbrechung einer gewiss einstudierten Spottrede, aber nicht überrascht genug, um sich am Boden fangen zu lassen: Sie entkommt dem Hieb um Haaresbreite und gesellt sich zu ihren drei Schwestern am Himmel. 

Diese Verfluchten, so wurde es gelehrt, sind eine Perversion, nicht allein im Erscheinungsbild, sondern auch im Herzen: Unfähig eine echte Gemeinschaft zu bilden, ohne das geringste Verständnis für das Opfer, das es braucht um das Überleben der Vielen zu sichern. Für die Harpyien zählt die Einzelne stets höher und so streiten sich die vier Flieger mit schrillen Schreien darüber, wer die Erste sein muss, die auf die Bewaffnete herab stößt. Es dauert nicht sehr lange, bis der Streit ganz ernsthaft entbrennt, mit Klauen und Schnäbeln ausgefochten wird, um eine Hierarchie festzulegen, die vielleicht ein paar Wochen halten wird, bevor etwas sie unweigerlich auf die Probe stellt.  

Amrali, deren Rückweg weiterhin versperrt ist, flüchtet, ohne sich mit Neugier aufzuhalten. Für den Moment sind die Harpyien zufrieden damit sie gehen zu lassen, sicher, dass sie ihre Beute schon wieder einholen werden, sobald diese Kleinigkeit bezüglich der Rangordnung zu allgemeiner Zufriedenheit ausgefochten ist.

Sie wissen nicht, dass ihr vermeintliches Opfer viel Übung darin hat, sich zu verstecken.
 
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Amrali
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Solgards Verheissung

Beitrag von Amrali »

Die Wärme Solgard erinnert Amrali an ihre Heimat, aber die Ähnlichkeiten sind beschränkt: Maethrins Mauern sind höher, die Straßen enger, das Stadtbild dominiert von dunklen Erdtönen des hier zu findenden Lehms und vom Weiss der Kreidezeichnungen, die sich auf nahezu allen Hauswänden finden. Vor allem aber wurde Maethrin mit einer offensichtlich anderen Zielsetzung erbaut: Als Zuflucht und Bollwerk, als Festung, die fast ungeplant mit den Jahren und den Generationen wuchs. 

Für lange Zeit hinweg war das genug: Amrali hat keine Erinnerungen, das je von Feinden auf den Straßen Maethrins berichtet wurde und sie ist zu jung um sich an die zwei Wochen andauernde Belagerung zu erinnern, bei der zuletzt tatsächlich Angreifer vor den Toren standen. Dennoch: Sie erinnert sich an die eisernen Käfige links und rechts der Wetterpforte, ein Halbdutzend Schritt über dem Erdboden aufgehängt und sie erinnert sich - zumindest von Erzählungen - an das Schicksal der Gefangenen, die dort platziert wurden. 
Die Gerechtigkeit Maethrins ist unerbittlich und gnadenlos, die Strafe für den Angriff auf die Mauern uniform, ungeachtet der Umstände.

Damals war Amrali überzeugt von diesem System, aber wie es mit diesen Dingen immer ist: Es ist leicht, wenn man sich auf der sicheren Seite des Gesetzes dünkt.

Das Herz Maethrins war - zumindest bei Amralis letztem, nun Jahre zurückliegendem Besuch - die Arena. Hier, so wollte es die Tradition, wurde nicht nur eifrig Blut vergossen, wurden die Heranwachsenden geschult, gedrillt, geschunden, gedemütigt und gepriesen, sondern auch Recht gesprochen: Unter dem wachsamen Auge der Sonne, offen für alle Interessenten mit einem Platz auf den Rängen, während Richter, Ankläger und Angeklagte ihren Platz im Ring hatten.

Die Dinge sind in Solgard anders, nicht allein, weil es schlicht keine Arena gibt. Wenn ein Herz der Stadt existiert, dann schlägt es auf dem weitläufigen Marktplatz, vielleicht auch in der Kirche des Herrn, deren Besuch Amrali bis dahin tunlichst vermieden hat. 
Nicht, weil sie den Herrn fürchten würde - das tut sie mit der selbstverständlichen Gewissheit eines Geschöpfes, das sich von Göttern umgeben weiß - sondern aus einem Gefühl von Unbehagen heraus: Sie ist mit diesem Glauben nicht vertraut und die Solgarder Denkweise jede Freude in einen bleiernen Mantel der Pflicht zu gießen, scheint irgendwie auf die Gebote und Tugenden des Herrn zurückzugehen. 

Für sie schmeckt beides viel zu sehr nach abgeschüttelten Fesseln, nach Beklemmung, Schwere und der Agonie dunkelster Hoffnungslosigkeit.
Es sind Gedanken dieser Art, die sie verdrängt, ersetzt mit hoffnungsvoller Neugierde bei der Erkundung der Stadt und all ihrer Winkel, bis sie sich schliesslich erstmals bewusst gewahr wird, wie nah das Meer hier überall ist, sich selbst die Zeit erlaubt zu beobachten: Die geruhsame Bewegung der rastlos laufenden Wellen, die sich ohne Unterlass in die Brandung stürzen, das stetige Spiel der Möwen, die sich von den Aufwinden treiben lassen und einander umkreisen, immer auf der Suche nach Beute. Am fernen Horizont wird das Blau des Himmels eins mit dem des Wassers - und bei aller Fremdheit dieses Anblicks fühlt sich das irgendwie wie Heimat an.

"Hast dich verlaufen?"

Der Moment zerplatzt mit dem Klang der Stimme im Rücken. Der Bariton klingt nach schimmelbewachsenen Wänden in nahezu lichtlosen Kellern, feucht, als wäre kaum noch wirkliche Substanz unter der Fassade von Stabilität. Alte, allzu vertraute Reflexe regen sich im ersten Moment der Überraschung, lassen die Glieder sich neu orientieren, noch während der Verstand dabei ist überhaupt eine erste Einschätzung anzugehen. Es ist der gleiche Reflex, der Worte formen möchte, eine Beschimpfung, die sie dem Mann .. beinahe .. entgegenspuckt, aber während die Zunge sich an den Silben müht, stößt der endlich aufschließende Verstand ins Leere, lässt sie im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos nach Luft schnappen.

Der Mann ist massig, aber nahezu einen Kopf kleiner als Amrali, so aufgedunsen wie eine an den Strand angespülte und dann sich selbst überlassene Leiche. Selbst die Farbe der Haut passt dazu, teigig und blass, durchsetzt mit dicken, krausen Haaren überall, nur nicht auf dem Kopf. Eines der Augen ist ganz offensichtlich blind, leblos und grau, das andere erscheint nicht sehr viel lebendiger, unfähig sich auf einen einzigen Punkt zu fokussieren. Kein Geruch, stellt sie nebenbei fest: Etwas an ihr erwartet bei dem Anblick den Gestank eines Haufen gammelnder Fischabfälle, aber das Gegenteil ist der Fall und etwas daran zerrt an ihren Nerven, bis sie begreift, dass es tatsächlich die gänzliche Abwesenheit irgendeines Geruchs ist, der ihre Wahrnehmung piekt. 

"Was willst du?"

Der Mann lächelt, ein unheilverheissendes Grinsen, das die Reste eines einzigen verbleibenden Zahnes enthüllt und etwas funkelt in dem verbleibenden Auge, bevor die Stimme sich wieder hebt, gurgelnd, als würde in der Tat Flüssigkeit irgendwo in den Lungen schwappen.

"Ich habe jemanden verloren. Und du siehst aus, als könntest du diesen Platz füllen."

Für einen Moment ist Amrali einfach nur perplex, aber der stille Zweifel zerplatzt mit den nächsten Worten des feisten Mannes.

"Ist nichts Besonderes, aber es hat ein Dach. Zehn Groschen jeden Morgen. Keine Gäste über Nacht, kein offenes Feuer im Haus, keine Anbetung des Nasenlosen. Kannst kommen und gehen wie es dir passt. Ich bin Harim vom Hafen."

"Nasenlosen?"

Der Mann hustet, spuckt, ein klebriger Klumpen glibberiger Flüssigkeit bleibt auf dem gestampften Lehmboden zurück, der hier vage einen Straßenverlauf nachahmt.

"Frag nicht. Noch ist es frei. Was sagst?"

Sie zögert, aber letztlich ist die Frage keine Frage. Ohne Wagnis kein Gewinn. Was kann schon schiefgehen?






 
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Kaled
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Re: Sommerkind

Beitrag von Kaled »

Der junge Legat gab seit seiner Rückkehr von der Expedition einen erschöpften Anblick ab und seine tiefbraune Haut wirkte unter der schwarzen Trauerkleidung geradezu verschlossen. Doch als er der hageren Frau mit den kurzen blonden Haaren in der Bank Solgards begegnete, wurde er aufmerksam und legte den offensten Gesichtsausdruck auf, den er in seinem Gemütszustand aufbringen konnte, um sie in ein Gespräch zu verwickeln.

Die Frau mit den kurzgeschorenen Haaren wich zurück und suchte das Gespräch zu vermeiden. Vielleicht führte sie etwas im Schilde. Vielleicht fürchtete sie sich. Kaled war zugleich besorgt um die Bürger der Stadt als auch um die ausgemergelte Frau vor sich. Doch Zwang würde nicht helfen, der Wahrheit auf den Grund zu gehen, und so trennten sich ihre Wege mit einem Segen für den sicheren Weg der Fremden.

Keinen Wochenlauf später begegnete Kaled der besonderen Frau erneut, an der selben Stelle. Erneut suchte die Fremde das Gespräch zu beenden, und Kaled befand es für richtig, ihr keinen Zwang anzutun und sie ziehen zu lassen. Gerade als Kaled schon seine Waffen schulterte und die Bank verlassen wollte, warf die Frau mit den kurzgeschorenen Haaren ihm eine Frage hinterher. Ob er seine Waffen zu gebrauchen wisse - und zu welchem Zweck.

Wenige Sätze später läutete die Kathedrale zur Ordenssitzung und Kaled verabschiedete sich erneut mit einem Segen. Als Kaled sich in dieser Nacht in der leeren und finsteren Kapelle der Abtei zum Gebet niederkniete, schloss er Amrali in sein Gebet ein, und betete zum Herrn, dass er seine Hand über ihre Geschicke halten möge.
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