Es ist kühl. Rauch steigt aus den Schornsteinen Solgards und verbindet sich mit dünnem Nebel, der wie ein kraftloses Echo vergangener Ereignisse und Schrecken von der See her über die Stadt kriecht, anstelle von Albträumen bloß Feuchtigkeit und helle Schlieren auf den Fenstern hinterlassend. Alles scheint langsamer, schläfriger zu laufen, während die Erschöpfung über die letzten Wochen aus den Häusern fließt und aus dem Straßenpflaster nach oben steigt... Und dann wird die Nachmittagsruhe durch Gerumpel gestört.
Erst ein, dann zwei abenteuerlich vollbeladene Karren zwängen sich durch die Gassen in Richtung der alten Mühle am Hafen. Der Nebel atmet ein letztes Mal aus - und schreckt dann in verwirbelten Schwaden zurück, als Türen und Fenster des Turms auffliegen und die Nachmittagsstille durch Stimmengewirr, Getrampel und Geklirre rücksichtslos gebrochen wird.
Unglückliche Anwohner mögen kurz darauf ein ganzes Gewirr an aufgeregtem, mal abschwellendem, mal wieder in der Lautstärke ansteigendem Geschnatter vernehmen.
"...hoch, hoch, das gehört ganz nach oben!... Nein doch wieder nach unten!"
"...welches Kraut? Dieses Kraut?? Das ist nicht mein Kraut!"
"...pass mit meiner Rüstung auf sag ich!"
"...das war ich nicht, das war Lin!"
"...und da kommt die Kristallkugel hin und VERFLUCHT, wer hat Rhiw freigelassen!"
"...Wo ist mein Kraut??"
"...Rhiw pinkelt auf den Boden..."
"...Das ist kein Kleiderhaken, das ist ein Laternenhaken!...Was? Das ist ein sehr großer Unterschied!"
"...Stell die Rosen wieder zurück, das sind meine!"
"...Wer hat Schmutzwasser aus dem Fenster geschüttet???... ABER DOCH NICHT WENN ICH DARUNTER STEHE!"
"...Ich finde meine Kleidertruhe nicht! Ich gehe nackt wenn sie nicht auftaucht!"
"...FENRIK!"
"...LIN!"
"...ELIRA!"
"...CILLIAN!"
"...ICH SAGE DAS ALLES LIVIUS!"
Das Geschrei geht noch bis in den Abend hinein so weiter. Kisten werden reingetragen und wieder rausgetragen. Mindestens zwei Mal wird jemand von aus den Fenstern fallenden Gegenständen getroffen. Ein kleiner, vollkommen unerzogener Hund rennt mit weit offenen, glücklichen Augen umher und kläfft jeden an, der vorbeikommt. Chaos breitet sich gleich einer langsamen, unaufhaltsamen Welle aus, drängt Nebel und jede Hoffnung nach Ruhe in der Nachbarschaft zurück.
Die Nebelhafener sind angekommen.
Eines Nachmittags in Solgard...
- Elira Raureif
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- Lin Schlehendorn
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Re: Eines Nachmittags in Solgard...
"Verflucht noch eins, wir hätten das Doppelte nehmen sollen!"
Unter unsäglichem Gejammer und Geschnaufe hievten zwei kaum ausgewachsene Gossenjungen einen massiv wirkenden Badezuber über eine viel zu wacklige Leiter. Die roten Gesichter glühten, als einer der beiden der Blonden, die mit gebührendem Abstand folgte und mit Adleraugen beobachtete, wie die beiden ihr Hab und Gut behandelten, entgegenmaulte: "Das kostet extra, von erstem Stock haste nix gesagt!"
Die Blonde blickte auf und betrachtete ihre gepflegten Nägel, die wirkten, als hätte sie etwas Schwereres als eine Bürste angefasst. "Ein Handel ist ein Handel, Bene. Hopp hopp, keine Wurzeln schlagen!" Es schepperte gehörig, als der Zuber auf den Boden knallte und von unten rief jemand gequält: "Lin!?!" Sie reagierte nicht und räusperte sich vernehmlich, vom Zuber in die wässrig blauen Augen ihres Handelspartners blickend und wieder zurück. "Also? Der muss auf den Dachboden." Bene plusterte die Wangen auf und lachte, zwei höchst unvollständige Zahnreihen dabei entblößend. "Biste noch ganz dicht? Komm, Ert, die soll sich ihren Scheiß selber schleppen. Oder in den Fluss springen, hat uns auch nie geschadet!" Drei winzig kleine Eislanzen rasten zischend über Benes Kopf und zerbarsten an der Wand gegenüber. Die Blonde grinste, sichtlich von sich selbst eingenommen. Ert kreischte auf und packte den Zuber, um ihn geräuschvoll über den Boden zu schleifen, kam aber nicht weit alleine. Bene fluchte das Haus zusammen.
Lin Schlehendorn lächelte und rief hinunter: "Alles in bester Ordnung! Schön ist es hier!"
Unter unsäglichem Gejammer und Geschnaufe hievten zwei kaum ausgewachsene Gossenjungen einen massiv wirkenden Badezuber über eine viel zu wacklige Leiter. Die roten Gesichter glühten, als einer der beiden der Blonden, die mit gebührendem Abstand folgte und mit Adleraugen beobachtete, wie die beiden ihr Hab und Gut behandelten, entgegenmaulte: "Das kostet extra, von erstem Stock haste nix gesagt!"
Die Blonde blickte auf und betrachtete ihre gepflegten Nägel, die wirkten, als hätte sie etwas Schwereres als eine Bürste angefasst. "Ein Handel ist ein Handel, Bene. Hopp hopp, keine Wurzeln schlagen!" Es schepperte gehörig, als der Zuber auf den Boden knallte und von unten rief jemand gequält: "Lin!?!" Sie reagierte nicht und räusperte sich vernehmlich, vom Zuber in die wässrig blauen Augen ihres Handelspartners blickend und wieder zurück. "Also? Der muss auf den Dachboden." Bene plusterte die Wangen auf und lachte, zwei höchst unvollständige Zahnreihen dabei entblößend. "Biste noch ganz dicht? Komm, Ert, die soll sich ihren Scheiß selber schleppen. Oder in den Fluss springen, hat uns auch nie geschadet!" Drei winzig kleine Eislanzen rasten zischend über Benes Kopf und zerbarsten an der Wand gegenüber. Die Blonde grinste, sichtlich von sich selbst eingenommen. Ert kreischte auf und packte den Zuber, um ihn geräuschvoll über den Boden zu schleifen, kam aber nicht weit alleine. Bene fluchte das Haus zusammen.
Lin Schlehendorn lächelte und rief hinunter: "Alles in bester Ordnung! Schön ist es hier!"
Zuletzt geändert von Lin Schlehendorn am 04 Feb 2026, 22:19, insgesamt 1-mal geändert.
Bewahrer, Bewahrer – wer hat uns bestellt? Zu wenig Verstand für zu viel Welt
Mit Wein in der Hand und Chaos im Blick, gehen wir vorwärts – und manchmal zurück!
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- Elira Raureif
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Re: Eines Nachmittags in Solgard...
Am späten Abend eines klaren Wintertages - eines Tages, der selbst für Solgard recht kühl ausfällt - wird sich an der mittlerweile über und über mit Blumen vollgestellten und behangenen alten Mühle am Hafen eine eigenwillige Szene entfalten.
Aus der Mühle tritt eine junge, schwarzhaarige Frau hervor, die sich zielgerichtet den nahe des Gebäudes herumhuschenden Ratten nähert.
Sie geht in die Hocke und redet eine Weile auf die Tiere ein, was diese jedoch kalt zu lassen scheint.
Darauf verschwindet die Frau wieder in der Mühle und kommt mit einer Art Zeichnung wieder, die sie den Ratten vorhält, um abermals auf die völlig desinteressierten Tiere einzureden.
Als auch das nicht hilft, wedelt die Schwarzhaarige eine Weile verzweifelt mit den Armen und sagt Dinge wie "Schusch! Schusch!", wenngleich ohne Elan, so dass die Ratten höchstens ein, zwei Schritte weichen, und prompt wieder auf der Suche nach alten Körnern zurückkommen.
Als auch das zu nichts weiter führt als dazu, dass sich allmählich eine Traube Schaulustiger um die Szene bildet, verschwindet die Frau händeringend wieder in der Mühle. Eine Weile geschieht nichts. Dann kommt sie jedoch mit einem Besen hervor, setzt ein Märtyrergesicht auf, und beginnt, merklich an dem eigenen Tun leidend, die Ratten mit dem Besen zu verscheuchen.
Aus der Mühle tritt eine junge, schwarzhaarige Frau hervor, die sich zielgerichtet den nahe des Gebäudes herumhuschenden Ratten nähert.
Sie geht in die Hocke und redet eine Weile auf die Tiere ein, was diese jedoch kalt zu lassen scheint.
Darauf verschwindet die Frau wieder in der Mühle und kommt mit einer Art Zeichnung wieder, die sie den Ratten vorhält, um abermals auf die völlig desinteressierten Tiere einzureden.
Als auch das nicht hilft, wedelt die Schwarzhaarige eine Weile verzweifelt mit den Armen und sagt Dinge wie "Schusch! Schusch!", wenngleich ohne Elan, so dass die Ratten höchstens ein, zwei Schritte weichen, und prompt wieder auf der Suche nach alten Körnern zurückkommen.
Als auch das zu nichts weiter führt als dazu, dass sich allmählich eine Traube Schaulustiger um die Szene bildet, verschwindet die Frau händeringend wieder in der Mühle. Eine Weile geschieht nichts. Dann kommt sie jedoch mit einem Besen hervor, setzt ein Märtyrergesicht auf, und beginnt, merklich an dem eigenen Tun leidend, die Ratten mit dem Besen zu verscheuchen.