Die Straßen waren gefüllt mit Stimmen, Rädern und Schritten. Händler priesen ihre Waren an, Karawanen entluden ihre Fracht, und zwischen all dem bewegten sich die Menschen in einem stetigen Strom aus Ziel und Gewohnheit.
Nighean ging durch diese Bewegung, ohne Teil von ihr zu sein. Ihr Schritt war ruhig und gleichmäßig, ihr Blick glitt über die Szenerie, ohne sich lange an etwas zu binden. Sie sah die Händler, die um jede Münze feilschten, sah die Arbeiter, deren Rücken sich unter Lasten beugten, und sah die Wachen der Schwarzen Garde, deren Präsenz Ordnung versprach, oder zumindest deren Erscheinung. Und doch lag unter allem etwas anderes, ein Gleichgewicht, das nicht mehr ganz das war, was es einmal gewesen war. Zwischen Bannern, Stimmen und Blicken nahm Nighean es wahr, ohne es auszusprechen. Ein flüchtiger Blick traf sie hier und da. Manche erkannten sie, manche taten es nicht. Einige senkten den Blick, andere hielten ihn einen Moment zu lange. Sie reagierte auf keines davon.
So ist eben das Leben…
Ihr Weg führte sie weiter durch die Straßen, fort vom Zentrum, dorthin, wo die Wege breiter wurden und die Stimmen weniger dicht lagen. Dort bewegte sich etwas anders, nicht fremd und auch nicht fehl am Platz, aber dennoch nicht Teil des Stroms. Ein alter Mann, kahl, schmal und aufrecht, der sich nicht zwischen den Menschen bewegte, sondern von ihnen umgangen wurde, vielleicht bewusst, vielleicht unbewusst, als würden sie Raum lassen, ohne zu wissen, warum. Die Runen auf seiner Haut waren sichtbar, nicht verborgen und nicht verhüllt, Linien, Zeichen und Narben, jede für sich fremd, zusammen jedoch etwas Eigenes. Einige sahen ihn und wandten den Blick ab, andere sahen ihn gar nicht erst, doch keiner sprach ihn an.
Sie verlangsamte ihren Schritt kaum merklich, und ihr Blick ruhte nun auf ihm, nicht prüfend oder suchend, sondern erkennend. Er ging, wie er immer ging, still und unbeirrbar, völlig unberührt und doch nicht allein. Nighean schloss zu ihm auf, und für einen Moment gingen sie nebeneinander, ohne ein Wort und ohne ein Zeichen. Nur Schritte, nur Bewegung, getragen von einer stillen Präsenz, während die Stadt um sie herum floss, ohne sie wirklich zu berühren, wie Wasser, das an Steinen im Bachlauf bricht und weiterzieht. Sie ging neben ihm, ohne ihn anzusehen, nicht, weil er ihr gleichgültig war, sondern weil sie wusste, dass er keiner Blicke bedurfte. Malqon, so wurde er genannt, nicht von vielen und auch nicht laut, aber oft genug, dass der Name geblieben war.
Er war nicht immer so gewesen, nicht immer still und auch nicht immer gezeichnet. Nigheans Blick glitt kurz über seine Arme, auf denen die Runen keine einheitliche Schrift bildeten und erst recht kein Werk eines einzelnen Geistes waren, keine sauberen Linien wie jene der Magier. Einige waren alt und verblasst, in die Haut eingesunken wie ferne Erinnerungen, andere wiederum roh und frisch, härter gezogen oder tiefer geschnitten, und manche schließlich waren verbrannt, dunkel, unnachgiebig und endgültig. Er hatte sie sich nicht auf einmal zugefügt, weder in einem Ritual noch aus Zwang. Jede Rune war eine Entscheidung gewesen, ein Schritt, ein Schnitt, ein Opfer. Nighean wusste es, nicht, weil er es ihr gesagt hatte, sondern weil sie es gesehen hatte, nicht den Anfang, aber genug. Sie erinnerte sich an den Geruch von verbranntem Fleisch, an das Schweigen, das kein Schweigen war, sondern ein Wille, und an den Moment, in dem er sich nicht abwandte. Er hatte sich selbst genommen, was andere niemals hätten geben können, seine Stimme. Das war kein Fluch und keine Strafe, sondern ein Entschluss. Seitdem sprach er nicht mehr, weder mit Worten noch mit Zeichen, nicht einmal mit Schrift, und doch war er nicht stumm. Nighean hatte gelernt, ihn zu verstehen, nicht immer und selten vollständig, aber genug. Ein kurzer Blick von ihm konnte mehr sagen als ein Gespräch, eine Bewegung seiner Hand oder eine Spannung in seinem Körper reichte aus. Er war kein Diener, nicht wirklich, und auch kein Wächter oder Priester, und doch stand er dem Glauben näher als viele, die sich selbst so nannten. Er war nur ein Mönch. Nighean verlangsamte ihren Schritt leicht und ließ ihren Blick erneut über die Runen gleiten. „Du hast sie nie verborgen“, sagte sie leise, mehr Feststellung als Frage. Malqon reagierte nicht, doch sie sah, wie sich seine Schultern minimal hoben, nicht aus Stolz oder zur Schau, sondern schlicht bewusst. „Andere hätten sie versteckt“, fuhr sie nach einem kurzen Atemzug fort. „Du willst, dass man sie sieht.“ Ein Moment verging, während die Stadt wie Wasser um sie herum rauschte, dann bewegte Malqon leicht den Kopf, kaum sichtbar, aber eindeutig. Nighean schwieg, sie verstand, nicht vollständig, aber genug, und ihre Schritte setzten sich fort, neben ihm, mit ihm, und doch ging jeder seinen eigenen Weg.
Die Geräusche kündigten ihn an, noch bevor man ihn sah, schwer, gleichmäßig und unaufhaltsam, ein Rhythmus, der nicht aus Leben entstand, sondern aus Konstruktion. Nighean hob den Blick nicht sofort, Malqon tat es, und sein Schritt verlangsamte sich kaum merklich, als der Golem aus einer Seitenstraße trat, groß und massiv, gefertigt aus Stein und Metall, zusammengehalten durch Linien, die zu präzise waren, um gewachsen zu sein. Die Runen auf seinem Körper waren sauber gezogen, gleichmäßig und nahezu perfekt, nicht gebrannt und nicht eingeschnitten, sondern wie ein Netz aus Kontrolle über ihn gelegt. Der Golem hielt nicht inne, er sah nicht und erkannte nicht, sondern ging einfach weiter, Schritt für Schritt, während die Menschen Platz machten, nicht aus Ehrfurcht oder Respekt, sondern aus Gewohnheit. Nighean blieb stehen, nicht aus Furcht, sondern aus Beobachtung, und neben ihr stand Malqon, dessen Blick auf den Runen des Golems lag, still, unbeweglich und konzentriert, nicht wie ein Mensch, der etwas Fremdes betrachtet, sondern wie jemand, der etwas erkennt und es dennoch nicht greifen kann.
Der Golem zog an ihnen vorbei, nah genug, dass man die Linien sehen und ihre Perfektion begreifen konnte, ohne Unterbrechung, ohne Zittern, ohne Fehler und ohne Schmerz. Malqons Hand bewegte sich leicht, hob sich langsam, als wolle er etwas berühren, das nicht greifbar war, verharrte einen Moment in der Luft und sank schließlich wieder. Der Golem ging weiter, ohne Zögern, ohne Abweichung und ohne jede Reaktion, er hatte nichts gesehen, nichts gespürt und nichts erkannt, er war einfach nur, mehr nicht. Nighean beobachtete ihn noch einen Moment, dann sprach sie leise: „Gebunden.“ Ein kurzer Blick zu Malqon folgte, dann wandte sie sich wieder dem Golem zu. „Ohne Wahl. Ohne Verständnis.“ Malqon stand unbewegt da, sein Blick lag noch immer auf den Runen, nicht suchend und nicht zweifelnd, sondern schlicht messend, bis er sich schließlich abwandte und weiterging, als wäre nichts gewesen. Nighean folgte ihm.
Doch ein Gedanke blieb, weder laut noch greifbar, nur vorhanden:
Sie tragen Zeichen, doch nichts trägt sie.