Sommerkind

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Amrali
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Solgards Träume

Beitrag von Amrali »

Die Tage reihen sich für Amrali aneinander wie die Glieder einer Kette, gefüllt mit Aufgaben, die ihr kaum einen Moment zur Besinnung lassen. Zu anderen Zeiten lag sie für Stunden wach, hadernd und grübelnd, ungewiss über Vergangenheit, Zukunft und erst recht Gegenwart, aber zumindest das ist eine Bürde, die sich dieser Tage nicht zeigt: Die Abende sind gefüllt mit bleischwerer Erschöpfung, mit einem Lösen von über den Tag aufgebauter Spannung, die ihr kaum genug Zeit lassen, sich auf das karge Strohlager der Bettstatt zu werfen.

Die Träume sind - natürlich - unvermeidlich, präsent wie Gestank in den Tiefen der Kanalisation und genauso widerlich. Das, so seltsam der Gedanke auch ist, erscheint fast wie Routine, die Amrali an eine eigenartige, nur halb erinnerte Geschichte erinnert, in der ein Bäcker seine Katze zum Auswischen des heissen Ofens verwendete, immer unter Nennung des gleichen Satzes: "Nur, bis du es gewohnt bist."
Die Pointe, vielleicht auch die Lehre der Geschichte ist schon lange verloren, mit den Jahren in formloses Dunkel abgetaucht, in dem nun, wie eine einsame, vergessene Insel, diese eine Szene noch immer beharrt.

"Nur, bis du es gewohnt bist."

Das Flüstern hängt noch in der Luft, während sie ganz zu sich findet, aus dem Traum gerissen wie so oft durch ein Übermaß an Entsetzen. Schon jetzt, noch während das Herz bis zur Brust hämmert, verwirren sich die Traumgesichte in zusammenhanglose Fetzen, driften auseinander wie Rauch. Das Einzige, was wirklich erscheint, sind der kalte Schweiss auf der Stirn und ein stechender Schmerz im linken Arm, auf den sie im Schlummer gerollt sein muss. Selbst im matten Licht der niedrigen Talgkerze sind die Narben dort sichtbar, stumme Zeugnisse für einen vergeblichen Kampf und eine schamvolle Niederlage. 

Es ist, wie sie zugeben muss, während sie die Hand öffnet und wieder schliesst, an sich ein Wunder, dass ihr die Gliedmasse überhaupt blieb, dass die Finger so präzise greifen wie eh und je. Der Schmerz bei jedem Wetterwechsel und die Schwäche, die es ihr dieser Tage nicht länger erlaubt, einen Bogen zu führen, sind, nüchtern betrachtet, ein kleiner Preis, eine Gnade. 

'Aber es fühlt sich nicht so an. Es ist immer einfacher das zu betrauern, was man verlor, als das zu schätzen, was man noch hat.'

Wie gewöhnlich ist die Müdigkeit nach diesem ersten, jähen Auffahren geflohen, aber das bannt die Schwere nicht aus den Gliedern: Der Körper benötigt Ruhe, damit er bereit ist für das nächste Tagewerk. Dennoch weiss Amrali, dass es ein halbes, vielleicht ein ganzes Wassermass brauchen wird, bis die Erschöpfung die momentane Aufregung überlagert und ihr erlaubt, erneut zur Ruhe zu finden und so ist das Nächste auch längst eingeprägte Gewohnheit: Aufstehen. Das Talglicht prüfen. Ein wenig Wasser, um den kalten, nun schon getrockneten Schweiss fortzuwaschen und dann hinaus auf die selbst zu dieser Stunde nicht gänzlich schlummernden Straßen Solgards.

Der Weg ist nicht weit, die flackernden Lichter der Bollwerkszunft reichen noch fast bis zum Stückchen Strand, an den sie sich hockt und in eine Decke gewickelt gen Süden starrt über die offene, rollende Oberfläche des Meeres.

Zwei Monate sind es nun, seitdem sie gar nicht weit von hier entfernt aus den Wellen kroch, entkräftet, aber lebendig, die Ketten noch an Hand und Fußgelenken. Vor dem inneren Auge kann Amrali das Gespenst ihres eigenen Ichs sehen: Abgemagert, erschöpft, dem Tode näher als dem Leben und doch: Hoffnungsvoll. 

Diese Zeit brachte neue Bekanntschaften, neue Verpflichtungen: Die Farbe auf dem Bürgerbrief ist noch frisch, das Siegel unter dem Dienstvertrag mit der Axiom-Gesellschaft dagegen hat schon einige Wochen gesehen. Das Schopfhaar ist nicht länger so kurz, wie es von den Levinerinnen geschoren wurde, und das bringt seine eigene Fragestellung mit sich, eine über die nachzudenken die erschöpfenden Tage noch keine Zeit, keine Ruhe ließen. 

Vielleicht jetzt, hier am Strand Solgards, während sich von West ein lichtlos fahrendes Schiff nähert, kaum mehr als eine Nussschale mit gestrichenen Segeln, bewegt durch ein Halbdutzend ambitionierter Ruderer. Schmuggler, höchstwahrscheinlich. Aber Amrali ist nicht neugierig genug, um sich die Frage zu stellen, was es wert ist, des Nachts heimlich befördert zu werden. Sie verfolgt einfach die langsame Vorwärtsbewegung des Schiffes, lauscht auf das Platschen der Ruder, bis die Dunkelheit das kleine Gefährt wieder schluckt. Sie ist nicht ganz sicher, ob es wirklich da war oder nur eine Ausgeburt der Träume, der Schatten. 

Der Gedanke treibt die Müdigkeit zurück und für lange Minuten beobachtet sie einfach nur, sucht nach Diskrepanzen oder Sprüngen, nach Abweichungen, die ihr verraten könnten, dass sie in Wahrheit noch immer schläft, vielleicht friedlicher als vermutet. Der Wind fühlt sich real an. Genauso der Sand in den sich die bloßen Zehen bohren. Aber das hat nichts zu bedeuten.

Und damit, während sie bereits spürt, dass es bald Zeit ist in die baufällige Bretterbude zurückzukehren, die sie dieser Tage eine Heimstatt nennt, streifen die Gedanken ein nur wenige Tage zurückliegendes Gespräch über Respekt, Anerkennung und das Erproben, Überschreiten von Grenzen. Ein bitterer Anlass, geschaffen aus einem weiteren, nicht einmal registrierten Makel. Aber nicht das ist es, was sie fesselt, sondern das Ende, die finalen Worte und die unerwartete Wärme, die auch nun aufsteigt. Etwas, was an früher erinnert, an leichtfertige, für selbstverständlich genommene Vertrautheit.

"Es ist immer einfacher das zu betrauern, was man verlor, als das zu schätzen, was man noch hat," erklärt sie dem stetigen Wind, der die Worte gleichgültig mit sich nimmt. 

Die erste Farbe des dräuenden Morgens ist bereits am Horizont zu erahnen, als Amrali letztlich wieder zur Ruhe findet.

 
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Amrali
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Bronze und Blut

Beitrag von Amrali »

Die sanften Hügel des Steppenlandes sind mittlerweile vertrautes Terrain und jederzeit eine willkommene Abwechslung nach den erschöpfenden Dünen der harschen Wüstenlande. Auch Trotte schlägt, ohne dazu genötigt zu werden, einen rascheren Schritt an, ohne Zweifel bereits die Oase witternd, die sich derzeit noch dem direkten Blick entzieht.

Er ist, wie Amrali zufrieden feststellt, aufgeblüht: Das Tier, das vor bald einem viertel Jahr noch kurz davor stand, sein Ende beim Schlachter zu finden, ist nun mehr als nur Haut und Knochen, die Ohren bewegen sich lebhaft. Er ist dennoch ein altes Pferd, die Blesse auf der Nase schon lange dabei die gesamte Schnauze mit Grau zu überwuchern, aber sein Schritt ist sicher und er reagiert gut auf Zügel und Fersen.
Nicht zum ersten Mal fragt Amrali sich im Stillen, welches Geschick, welche Geschichte hinter dem alten Hengst steht.

„Nicht mehr weit." versichert sie ihm, die Zuversicht in der Feststellung mehr ihr selbst geltend als dem Reittier, das auch ganz allein den richtigen Weg findet, den ausgetretenen Pfad verlassend in Richtung der sich in einem Halbtal öffnenden Wasserstelle.

Es ist vertraut, aber nicht Heimat, die Steppen rund um Maethrin waren viel mehr von Steinen geprägt, von langen, unter Erde und schütterem Gras teilweise verborgenen Felsformationen, hingestreckt wie die Knochen einer gewaltigen, urzeitlichen, das ganze Land überschattenden Bestie.
Hier ist es wärmer: Der Atem der Wüste reicht weit bis in das karge Steppenland hinein, aber nicht trockener, der Untergrund vielleicht lehmiger, erdiger, besser das Wasser haltend.
Sie ist, wie sie sich einmal mehr bewusst macht, mit all diesen Details nicht vertraut.

‚Ich könnte Zlata fragen. Sie wüsste es sicher und würde mir einen Vortrag halten über die Natur der Steppe, den Übergang zur Wüste und die Eigenheiten und Besonderheiten der kleinen Oasen, falls man das überhaupt so nennt hier.'

Der Gedanke bringt sie zum Lächeln, zieht aber auch eine warme Sehnsucht mit sich, ein Verlangen, das im Untergrund wartet, verborgen wie ein Schleierfisch auf der Jagd. Und mit dem Verlangen kommt der Schmerz: vertrauter als die Steppe, bekannter als die Gassen Solgards und das stetige Echo der sich am Strand brechenden Wellen.

Allein zu sein ist unnatürlich, ein Affront gegen die natürliche Ordnung, gegen alle Lehren und alle Weisungen, die stets im Kern eines betonten: Die Gemeinschaft ist wichtiger als jede Einzelne. Du bist Nichts ohne die Vielen.

‚Und ich bin .. Nichts.'

Trotte verharrt in Sichtweite der sich aus dem kargen Boden erhebenen, vom Wind gebeugten Bäume, die Zeugnis sind für das Wasserloch zwischen ihren Wurzeln, die Quelle, die gerade genug ist, um für diesen Fleck ausufernden Lebens inmitten karger Verlassenheit zu sorgen.
Es liegt eine Poesie in dieser Beobachtung, die ..

.. der Schlag reisst Amrali aus den Gedanken, ein gewaltiger Impuls, der Trotte zur Seite schleudert und sie mit ihm. Erst einen Moment verspätet realisiert sie den Reflex von Sonnenlicht auf Metall, auf der gewaltigen, gebogenen Bronzeklinge einer Axt, die ihr eigenes Knie um kaum mehr als eine Handspanne verfehlte und sich stattdessen tief in den Leib ihres Tieres grub. Trotte schreit und sie schreit mit ihm, ein Protest gegen die Gleichgültigkeit der Welt und die Brutalität des Augenblicks, kurzlebig, bevor der Aufprall die Luft aus ihren Lungen treibt.

Sie rollt, hart, ohne Eleganz, gerade eben noch rechtzeitig, um nicht unter der röchelnden Masse Trottes begraben zu werden. Das Blut des Pferdes scheint überall zu sein, auf Kleidung und Händen, sie schmeckt es auf den Lippen, riecht es in kupferroter Bitterkeit. Etwas anderes ist dazwischen, so prägnant, dass es unmöglich nicht zu bemerken sein sollte, eine stechende Warnung aus ranzigem Fett und Talg, aus altem Schweiss und anderen, namenlosen Dingen.

Auch darin, so stellt ein ferner, emotionsloser Teil von ihr fest, liegt etwas Vertrautes, wie ein altes, unter Jahren begrabenes Versprechen, das sich heimlich zurück an die Oberfläche der Gegenwart stiehlt und seinen Preis einfordert.

„Unmöglich."

Die Waffe springt wie von allein in ihre Hand, während sie herüber starrt auf die machtvolle, sich auf fast drei Schritt streckende Gestalt mit den überlangen, vermeintlich feisten Armen, die einen jungen Baum mit selbstverständlicher Gemächlichkeit als Keule tragen könnten. Aber die linke Hand hält keinen Baum, sondern den Griff einer Axt. Deren bronzener Kopf ist mit grob gehauenen Runen übersät, was den Eindruck von Alter nur bestärkt, sie wirkt wie ein Anachronismus in diesen modernen Zeiten, in denen legierter Stahl das Schlachtfeld regiert.

Amrali kennt diese Zwillingsäxte, deren wahre Namen unbekannt sind, aber von den Ihren auf „Hatz" und „Fang" getauft wurden. Sie kennt den Oger, dessen Gestank sie genau wie damals zum Würgen reizt. Sie erinnert sich an das Grab, das sie für diesen elenden, gefallenen Feind schliesslich hinterliess, als Zeichen der Warnung und des Triumphes gleichermassen.

„Nein."

Der Protest bleibt zahnlos, während die letzten Schreie Trottes verstummen, abergläubische Fassungslosigkeit lähmt die Entschlossenheit, während sie zurückweicht vor dem nun unbeirrt nahenden Schlächter.

Er ist es: Sie erkennt die Narben wieder, die die wulstigen Lippen teilen, das fehlende linke Ohr und die langen dunklen Linien überstandener Verletzungen, die entlang der Arme verlaufen.
Sie erkennt das Kreuzmuster an Schnitten auf der Brust wieder, jeder ein Zeichen von Spott und Herausforderung: Errungene Siege.

Aber es ist unmöglich: Dieser liegt begraben auf einem fernen Kontinent, modernd seit mehr als acht Jahren, überwunden von einer Kriegerin, die alles hat, was Amrali heute ohnmächtig vermisst: Eleganz. Kraft. Schnelligkeit. Zuversicht. Unbekümmertheit.

Der Oger lässt seine zweite Axt in der Leiche des Pferdes zurück, nähert sich mit der Unvermeidlichkeit eines Erdrutsches, das Lächeln entblößt genau wie damals die hölzernen Zähne. Ausgestossen von der eigenen Sippe für Amrali unbekannte Verbrechen, wuchs dieser zu einer Bedrohung des nördlichen Steppenlandes, die Zuflucht irgendwo im Grenzland zu den tiefen Wäldern, bis er schließlich den Pfad Maethrins kreuzte.

Heute führt Amrali keinen Bogen, um den Giganten bereits aus der Ferne zu verwunden und in Wut zu versetzen, keinen Speer, um den Reichweitenvorteil dieser absurd langen Arme wenigstens teilweise auszugleichen. Sie taucht unter dem ersten Schwung der Axt hindurch und verliert beinahe den Kopf, als der Oger sich dreht, mit einer Behendigkeit erneut attackierend, die die vermeintliche Trägheit des feisten Leibes Lügen straft.

Der eigene Gegenangriff geht ins Leere, die vorgestossene Klinge durchschneidet nur die Luft, als der Oger einen Schritt zurücksetzt und dieses Mal hat sie nicht genug Raum um dem nächsten Angriff auszuweichen. Der Hieb gleitet am Schild ab und ein dumpfer Schmerz geht durch den gesamten linken Arm Amralis, die Erschütterung hart genug, dass es sich anfühlt, als wäre der Knochen geborsten. Die Finger geben nach, kraftlos, die ganze Gliedmaße wie totes Gewicht an der Seite, während sie um das Gleichgewicht kämpft, aus geweiteten Augen die Bewegung der bronzenen Axtklinge verfolgend, die der Oger nun in einem weiten Bogen zurückschwingt.

Sie nutzt die Öffnung, um nach vorn zu gehen, den verhängnisvollen Nachteil der geringeren Reichweite damit ausgleichend. Mit der kürzeren Waffe ist sie für direkte Nähe besser gerüstet und sie kann es sich nicht leisten, den Kampf in die Länge zu ziehen. Der Oger ist grösser, stärker, ausdauernder. Und sie hat bereits einen Arm verloren.

Die Klinge fährt über den Wanst, über die zähe Haut und hinterlässt einen langen, blutigen Schnitt, aber nicht mehr. Noch bevor sie den Angriff ergänzen und die Waffe durch den Leib der Kreatur bohren kann, findet die übergrosse, waffenfreie Pranke ihr Ziel. Finger, dick wie Amralis Unterarm, schliessen sich um ihren Schädel und drücken zu, bis der Knochen zu knirschen beginnt – ein plötzlicher, siedendheisser Schmerz in den Halswirbeln gesellt sich dazu, als der Oger sie in die Höhe reisst, am ausgestreckten Arm baumeln lässt wie eine Puppe.

"Heute nicht, #$#*!#"

Das Letzte ist ein Wort und doch kein Wort, etwas, was an ihrem Begreifen vorbeifliegt ohne Halt zu finden.
‚Ein Name.' wundert sie sich ein winziger Teil von ihr, während die Instinkte sie vergeblich an den Fingern des Ogers krallen lassen. Und:
‚Aber er hat nie gesprochen.'
Das schmerzhafte Knirschen des eigenen Schädelknochens geht in ein helles, berstendes Knacken über, Schmerz flackert auf wie eine Stichflamme. Dahinter ist nur samtweiche Dunkelheit.


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Amrali erwacht zum protestierenden Schmerz des eigenen linken Arms, auf dem all das Gewicht ihres Körpers lastet. Sie schmeckt Blut auf den spröden Lippen und Staub, ein dumpfer Schmerz bohrt mit träger Gemächlichkeit zwischen ihren Schläfen.

Sie rollt sich auf die Knie, noch immer desorientiert, bevor ihr Blick auf die erkaltete Leiche Trottes fällt. Das Pferd ist tot, daran kann kein Zweifel bestehen, der Leib halb entzwei geschnitten durch den machtvollen Hieb einer scharfen Waffe.
Die uralte Bronzeaxt ist nirgendwo zu sehen, verschwunden wie der Oger, der sein Leben vermeintlich vor Jahren in einer Steppe fern von hier aushauchte.

War er hier?

Der Gedanke treibt sie in die Höhe und auf frantische Spurensuche, aber der harte Steppenboden gibt selbst hier in der Nähe des Wasserlochs nicht viel preis. Alles könnte sein. Nichts ist eindeutig, bis auf das Fehlen des Angreifers und seiner mörderischen Zwillingswaffen.

‚Und ich lebe.'

Der Gedanke kommt mit einem tiefen Gefühl von Ohnmacht, eingerahmt durch beunruhigte Verwirrung, in die sich nagend abergläubische Furcht mischt. Einzig der Schmerz im linken, vor Jahren zertrümmerten Arm erscheint so real wie das stetige Licht eines Leuchtturms vor dunkler Gischt und er ist ein treuer Begleiter, als sie sich zurück nach Solgard schleppt.

Zurück bleibt die Leiche Trottes, Mahlzeit für ein Rudel hungriger Wölfe. Für die Tiere gibt es keinen Zweifel daran, was real ist und was nicht.
 
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Amrali
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Nordwind

Beitrag von Amrali »

Amrali ist mit Schmerzen vertraut: Denen nach einem Kampf, wenn der Preis gezahlt wird für eine Herausforderung, ganz gleich, ob freundlich oder nicht. Und mit den .. Anderen, die keine sichtbaren Narben hinterlassen. 

Der Verlust Trottes ist etwas, was an ihr nagt, einen unzufriedenen Grimm hinterlässt, als würde ein Teil von ihr weiterhin bluten und sie weiß, dass das nicht zu weit von der Wahrheit entfernt ist. Das ist, wie sie gelernt hat, ein Teil des Ganzen: Unvermeidlich für die letztliche Heilung, die irgendwie ein Davondriften ist, die gemächliche Distanzierung über Zeit. Der Ersatz mit etwas Neuem.

Das Neue trägt in diesem Fall den Namen Fleck und ist ein junger Schecke, feurig, ungeduldig und zu temperamentvoll, um sich ihm anzuvertrauen. Anders als Trotte benötigt Fleck stetige Aufmerksamkeit, Kontrolle und Korrektur und diese Aufgabe beansprucht einiges von Amralis verfügbarer Zeit. Es ist anstrengend, aber willkommen, auch wenn es an alte, glückliche Erinnerungen rührt, die auf ihre Weise noch darauf warten, endlich zu vernarben.

'Aber das werden sie nie.'

Das Steppenland Maethryns war die Heimstatt struppiger, robuster Ponies, allesamt Falben in verschiedenen Schattierungen. Ausdauernd, trittsicher und unerschrocken, aber nicht zu vergleichen mit einigen der gewaltigen Schlachtrösser, die Amrali seit ihrer Ankunft hier zu Gesicht bekam. Seit Menschengedenken waren diese Pferde in riesigen Herden unterwegs, groß genug, dass die herausgefangenen Tiere der jährlichen Jagden keine Rolle spielten. Niemand, so sinniert Amrali, während sie ihre baufällige Heimstatt zurücklässt und sich auf den Weg zur Bollwerkzunft macht, verschwendete auch nur einen Gedanken daran, vielleicht selbst Pferde zu züchten - zumindest nicht in Maethryn. 

Darin liegt ein Paradigma, das sie Mühe hat, zu greifen, eine fundamentale Ableitung, deren Präsenz sie spürt, ohne die richtigen Worte zu finden.

Die Ankunft bei der Bollwerkzunft entbindet sie von der Pflicht solcher Grübeleien, die Stimmung wandelt sich. Nicht zu Erwartung, denn es gibt keine Notwendigkeit, die Ausrüstung zu pflegen, die erst vor Stundenfrist fertig gereinigt und geölt wurde, jetzt in der Heimstatt unter Tüchern auf die Abendkühle wartet, für einen finalen Durchgang mit Wachs. Es ist etwas in den Stimmen, die durch den Lärm der Werkzeuge klingen, etwas im Versprechen von Gemeinschaft, das die gallige Schärfe aus dem Bewusstsein treibt.

'Zumindest für eine Weile kann ich so tun, als würde ich dazugehören.'

Das ist einfach: Ein Gespräch hier, ein Geschwätz da. Gesichter und Namen, die mittlerweile nicht mehr gänzlich fremd sind, und dann ist da Zlata, wie so oft getrieben von einer tatkräftigen Entschlossenheit, die die Welt in Probleme einteilt und dann alle zugleich zu lösen versucht.

"Amrali! Habt ihr auf dem Weg hierher eine Karawane vom Steinbruch gesehen? Angeführt von einem zotteligen Alten?"

Sie vermeidet es haarscharf, zu Radesvald herüberzustarren bei der Beschreibung, aber kann nicht umhin zu bemerken, wie die Frage Zlatas einen Wellenschlag an Reaktion durch den ganzen Raum schickt, als die Mehrzahl der Anwesenden den gleichen Impuls verspüren und in Richtung des alten Druiden blicken.

Mehr Worte werden gewechselt, das Hin und Her löst sich auf, als Amrali sich anschickt, Zlata zu folgen. Der Steinbruch ist in überschaubarer Entfernung zum Stadttor Solgards, das Wetter mild und ein Fußmarsch genau das Richtige, um den Abend abzuschließen. Und es wird ihr Gelegenheit geben, Fragen zu stellen: Zuviele Themen wurden angekratzt, aber nicht beendet. 

Der Weg ist ihr vertraut: Auch wenn es keinen wirklichen offiziellen Weg zum Steinbruch gibt, haben die jeden Tag dorthin ziehenden Arbeiter doch ihre Spuren in den Sand geprägt, hier und dort ist die Richtung unnötig durch in den Untergrund getriebene Pfähle zusätzlich markiert. Jetzt, zu dieser Stunde, ist dieser provisorische Pfad aber verlassen. Darin liegt ein Rätsel: Sollte die Tagesglut es nicht angenehmer machen, des Abends zu arbeiten? Der Steinbruch ist ein Tagebau, zwängt sich wie ein Parasit an die Flanken der Berge, ohne dabei eine nennenswerte Höhe zu erreichen, eingerahmt und abgesteckt durch hölzerne Gerüste. Die Spuren eines Lagers sind genauso zeitweilig wie der Weg, warten nur darauf, vom nächsten Sturm einfach davongefegt zu werden, selbst jetzt, kaum Stunden nachdem die Arbeiten eingestellt wurden, findet sich schon eine dünne Schicht von Sand auf einem mächtigen Kessel, der nur noch aus Ruß und Rost zu bestehen scheint.

Und dann sind sie da: Vier Hünen, bewaffnet und bewehrt, allesamt über zwei Schritt groß, grimmige, dunkle Gestalten vor dem Hintergrund des noch immer blendend hellen Sandes, der das letzte Licht der Abendsonne fängt.

Amralis erster Impuls ist .. Aufregung. Die Nordleute und Maethryn waren stets ungleiche Verbündete, von mehr Eigenheiten getrennt als verbunden, aber sie erinnert sich an die seltenen Besuche, bei denen die Nordleute über die Menge hinwegragten, wie Erwachsene über eine Schar von Kindern. Es war immer ein Spektakel und begleitet von einträglichem Handel, wenn schwere Felle im Steppenland gänzlich unbekannter Tiere staunend befühlt werden konnten.
Ihr zweiter Impuls ist Ernüchterung: Dies ist nicht Maethryn und es herrscht Krieg zwischen Solgard und Fjellgat.

Die Mienen der Nordleute lassen wenig Zweifel an ihren Absichten, noch bevor die Worte kommen - in einem Wirrwar von Dialekt, durch den Amrali sich nur mit Mühe kämpfen kann.

"Entwaffnen." versteht sie und "Ich will sie lebendig."

Für einen Moment steht ihr Herz still, bevor es abrupt bis zum Hals schlägt, getrieben von einem tief wurzelnden Entsetzen, das aufbricht wie eine alte, nie ganz verheilte Narbe. Die Waffe springt in ihre Hand und sie geht geradewegs zum Angriff über, schnellt voran. Die Klinge schabt nutzlos über Metall und Leder, gleitet ab, während der Hüne in Kampfhaltung fällt - vielleicht überrascht von der Dreistigkeit der Attacke, aber nicht genug, um überrumpelt zu sein.

Der Kampf, wenn man es so nennen will, dauert nur Sekunden, dann findet Amrali sich auf dem Boden nieder, niedergeschmettert von einem fast schon beiläufigen Hieb, aber während sie versucht zu atmen, fühlt sich ihr Brustkorb an, als würde er in Flammen stehen.

Möglicherweise, so schleicht sich ein Gedanke ein, während sie vergeblich nach der verlorenen, außer Reichweite liegenden Waffe tastet, sollte sie Solgard einfach nur noch mit Rüstung verlassen, nicht wie ein Spaziergänger auf der Suche nach ein paar Pilzen.

Zlatas Widerstand ist lautstärker, hektischer, aber letztlich nicht erfolgreicher, geht über in Fragen, Forderungen und Vorwürfe während des Transports nach Fjellgat. Amrali hat nichts beizutragen: Die Bewegungen des Reitbären, über den sie geworfen wurde wie ein Sack Mehl, sorgen dafür, dass die geprellten, vielleicht angebrochenen Rippen bei jeder Bewegung schmerzen. 

Die Heimstatt der Nordleute erscheint wie ein Gegenstück zu Solgard: Weitläufig, Holz auf Grün und Weiß, Leben, das sich in der Kälte behauptet. Der Kerker stinkt nach altem Schweiß, Blut und Erbrochenem, und darin liegt etwas Vertrautes. Nicht willkommen, aber dennoch .. vertraut, wie der Schmerz im linken Ellenbogen bei jedem Wetterwechsel. 

Zlata verbleibt ungebrochen: Herausfordernd auf der Suche nach Antworten und Erklärungen. Nach Sinn in etwas, was ihr wohl erscheinen muss, wie ein Akt von Wahnwitz, und aus den Fragen, aus den knappen, unwirschen Antworten, formt sich schließlich auch für Amrali ein Bild: All das geht zurück auf den Tod eines weißen Hirschs, eines heiligen Tieres, für den Verantwortung, Buße gesucht wird - durch Zlata, oder jemand anderes, der bereit ist, sich dieser Verantwortung zu stellen.

Der Anführer selbst spricht die Worte, die Amrali dann Stunden später in Solgard niederschreiben lassen wird, paraphrasiert, hoffentlich korrekt interpretiert:

In zwei Tagen wird er Recht sprechen vor dem Thing wegen des Todes des heiligen Tieres. Entweder über Zlata oder über jemanden, der ihre Stelle einnimmt.

Das ist die Botschaft, mit der er Amrali auf den Weg schickt, das ist der Satz, den sie in ihren Gedanken wälzt, während sie durch das trostlose Eisland stolpert, zum ersten Mal seit Jahren wieder betend, die Göttin bittend, dass sie die Aufmerksamkeit der Harpyien anderenorts lenkt. Kein Aufgeben: Sie hat Schlimmeres überstanden, auch wenn jeder Atemzug brennt wie die Hölle.

Der Abschiedsgruß an Zlata, noch innerhalb der Zelle gemurmelt, folgt ihr wie ein düsteres Omen am Horizont.

"Wir sehen uns wieder, Schwester."

Das ist ein Versprechen, formalisiert, auch wenn es nie wirklich Eingang in die Traditionen Maethryns fand und an sich Kampfgefährten vorbehalten, ein letztlich unnötiges Wort der Verbundenheit im Angesicht überwältigender Herausforderungen. Es hier zu verwenden war falsch, die Bedeutung ohnehin verloren an Zlata, die in einer gänzlich anderen Kultur mit anderen Werten aufwuchs. Aber das Bewusstsein dessen mildert die Scham, die Reue nicht. 

'Ich habe mein Recht auf diese Worte verloren.'

Die Bitterkeit dieses Gedankens treibt die Entschlossenheit nur an. Und tatsächlich scheint die Aufmerksamkeit der Harpyien an diesem Abend nicht auf den offensichtlichen Wegen zu liegen.



 
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