Im Dienst des Namenlosen

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Cataleya
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Re: Im Dienst des Namenlosen

Beitrag von Cataleya »

Neu geformt

Als Cataleya die Ameda als letzte verließ, war es noch früh.
Der Morgen hing grau über den Mauern und das Hafenbecken roch nach Salz, Teer und altem Holz.
Rufe der Hafenarbeiter, das Kreischen der Möwen, das Knarren der Leinen all das prallte an Cataleya ab, als sie die Planke hinabstieg.

Sie bog direkt zur Schmiede ab.
Die Glut unter dem Schornstein war schon angefacht, der Rauch zog als dunkler Streifen in den Himmel.
Der Rüstmeister, ein breitschultriger Suromer mit rußigen Händen wollte gerade die ersten Werkzeuge richten, als sich ihr Schatten in den Eingang legte.

"Templerin?" Er nickte, wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Cataleya antwortete mit einem knappen Nicken, die Kapuze noch tief ins Gesicht gezogen.
Das Knochenzeug trug sie immer noch, die orangenen Beinschienen, die Schienbeinschoner, der Gazeschurz über Fell, die dunklen Knochenhandschuhe und -armschienen.
Seit Anbeginn hatten sie ihr als zweite Haut gedient, Sinnbild ihres Weges, ihres eigenwilligen Weges.

Jetzt wirkten sie in der Schmiede fremd. Fehl am Platz.

"Ich brauche eine Rüstung," sagte sie ohne Umschweife. "Keine Knochen. Stahl, Platte, etwas Traditionelles."
Der Rüstmeister musterte sie kurz, ohne Widerrede. Er war lange genug im Dienst, um zu wissen, wann man Fragen stellte.

"Für wen?" fragte er nur, der Form halber.

"Für eine Wächterin des Entfesselten," antwortete sie.
Sie sprach es ruhig aus. Doch in der Art wie sie die Knochenhandschuhe abstreifte und sie auf den Werktisch legte, lag etwas von einem Schnitt.

"Die Beinschienen?" fragte der Schmied, sie dabei etwas unsicher musternd.

"Werden ersetzt," sagte sie. "Schwarz und geschlossen, Platte, Kampftauglich."

Sie zog die Knochenrüstung Stück für Stück ab, legte sie in einer ordentlichen Linie auf den Tisch.
Brust, Beinschienen dann die maskenhafte Helmfront in stumpfem Rot, welche ihr Gesicht so lange verborgen hatte.
Sie betrachtet jedes Stück kurz, als würde sie eine alte Schlacht noch einmal Revue passieren lassen, dann wandte sie den Blick ab.

Nur bei den Unterarmschienen und den Handschuhen ging ein leichtes zögern einher.

Orangene Knochen vom Kampf gezeichnet, über die Zeit fast in ihre Haut übergegangen.
Die Brandnarben darunter hatten sich an ihren Druck gewöhnt als wären die Schienen Teil von ihr geworden.
Liliths Gaben hatte sie sie genannt. Beweise dafür, dass die Herrin des Todes sie gestählt hatte.

Nigheans Stimme schob sich in diesen Moment; "Bedienst du dich einem Aspekt zu sehr, gerät die Ordnung ins Wanken."
Und ihre eigene Antwort; "Ich werde korrigieren. Es wird nicht mehr vorkommen."

Cataleya griff mit der bloßen, vernarbten Hand nach den Knochenarmschienen und den Handschuhen.
Betrachtete beides ein paar Herzschläge lang, dann legte sie sie nicht zu den anderen Teilen, sondern separat am Rand des Tisches ab.

"Diese bleiben," sagte sie leise.

Der Schmied sah auf, eine Braue gehoben.

"Die Knochen?"

"Als Mahnmal." Ihr Ton ließ keinen Widerspruch zu.
"Nicht mehr als Mittelpunkt. Aber als Erinnerung, wenn ich wieder anfange, alles nur durch sie zu sehen."
"Doch färbt diese dunkler, jene teile sollen Teil der Ordnung werden."

Der Schmied nickte kurz, als stille Antwort.

Sie atmete den Rauch der Esse ein, schloss kurz die Augen.
In ihren Gedanken lagen Bilder übereinander; A'groniam wie er im Todeskampf mit Serafin rang, die Insel, das Artefakt, das gierige Greifen Serafins,
die Blutsschale im Lager.
Und dann Nighean im Regen, die ihr erklärte, wie man die Vier in sich trägt ohne sie gegeneinander auszuspielen.

Der Rüstmeister schob ein Stück Kreide über den Tisch riß ein grobes Pergament aus einem Block. "Zeigt mir, was ihr wollt."

Sie zeichnete keinen kunstvollen Entwurf, nur Linien.
Ein geschlossener Brustpanzer, tailliert aber nicht lächerlich.
Verstärkte Schultern an diesen, ein Kragen der die Kehle schützte, ohne zu hoch zu sein.
Platten an den Oberschenkeln, die Bewegung erlaubten.

"Schwarz," sagte sie. "Sie soll blendendes Licht schlucken."

"Zeichen?" fragte der Schmied. "Symbole?"

Sie dachte einen Moment nach. Früher hätte sie nicht gezögert, Liliths Knochen, Schädel oder Drachenmotive zu verlangen.
Stattdessen sah sie nun innerlich das kleine Siegel an ihrer Brust, das Schwertkreuz der Totenwacht und das Buch an ihrem Gürtel.

"Sein Zeichen und Ketten um das Buch zu halten." entschied sie.

"Hörner am Helm?" Der Schmied konnte sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen. "Ihr Wächter mögt eure Hörner."

"Helm mit Hörnern," bestätigte sie. "Aber die Hörner nach unten gezogen, nicht aufragend. Sie sollen wie ein Werkzeug wirken."

Sie warf einen letzten Blick auf die Knochenmaske.
Ein Teil von ihr hätte sie gern an den neuen Helm genietet, als Trophäe.
Ein anderer Teil wusste genau, dass das der erste Schritt zurück in die Schieflage wäre, von der Nighean gesprochen hatte.

"Die Maske und die Beinschienen werden zerlegt," entschied sie schließlich.
"Die Knochen daraus, werden Seine Gabe sein, gezeichnet von Kampf und Blut."

Der Schmied nickte. Er hatte genug Templer und Wächter gesehen, um zu wissen, dass diese Entscheidung mehr war.

"Es wird dauern," sagte er. "Gutes Metall, guter Sitz, das schmiedet man nicht an einem Nachmittag."

"Ich helfe," erwiderte sie einfach.

Und das tat sie.

Stunden später war Cataleya nicht mehr nur Auftraggeberin, sondern stand selbst am Amboss.
Sie hielt das Eisen, wenn der Schmied schlug. Sie drehte die Platten, prüfte die Kanten, die Gewichtsverteilung.
Funken glühten auf ihren Narben, Rauch biss in die Augen, Schweiß rann über die vernarbten Arme.

Während das Metall sich formte, formte sich auch etwas in ihr. Das Bild einer Rüstung, die zugeschnitten war auf ihre Aufgabe als Wächterin einer Ordnung.
Als der Brustpanzer das erste Mal in grober Form vor ihr auf dem Tisch lag, schwarz, massiv, aber mit der Andeutung einer weiblichen Linie, legte sie probeweise die Knochenarmschienen daneben.
Metall und Knochen. Ordnung und Mahnung.

"Ich werde sie tragen," sagte sie leise, mehr zu sich als zum Schmied.
"Diese hier." Sie tippte mit dem Finger gegen die Knochenarmschienen und -handschuhe.
"Nicht als Zeichen einer Herrschaft Liliths sondern als Mahnung, was geschieht, wenn ich sie über die anderen stelle."

Der Schmied brummte zustimmend, ohne das theologische zu kommentieren.

Sie hob den halbfertigen Panzer an, spürte das Gewicht. Es lag anders auf den Händen als die Knochenplatten. Solider.

Wenn sie das nächste Mal im Tempel stand, würde man schon auf den ersten Blick sehen, wem sie in erster Linie diente.
Und doch würden die Knochen an ihren Armen sie daran erinnern, dass sie diesen Weg nicht allein gegangen war
und wie leicht sie wieder fallen konnte, wenn sie vergaß, dass auch Lilith vor jemandem kniet, bevor sie ihre Flügel über die Toten breitet.



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Die Schmiede roch noch nach glühendem Eisen, als Cataleya die Schwelle übertrat. Die neue Rüstung lag nicht mehr auf dem Tisch.

Schwarzer Stahl schloss sich eng um ihren Oberkörper, zeichnete eine klare, weibliche Linie ab.
Die Platten an den Beinen waren geschlossen, funktional, doch so gearbeitet, dass sie sich natürlich mit ihren Bewegungen fügten.
Der Helm mit den nach unten gebogenen Hörnern in der linken Hand.
An den Unterarmen und Händen aber, zwischen schwarzer Platte und vernarbter Haut, saßen noch immer die Knochenteile.
Die Handschuhe aus schwarzem Knochen schlossen sich wie vertraute Schatten um ihre Finger.

Sie verließ die Schmiede ohne Umweg auf direktem Weg zum Tempel.
Den Weg kannte sie im Schlaf, doch heute fühlte sie sich anders an.
Die Blicke die ihr folgten, wenn sie die steinernen Stufen hinabging, prallten von der neuen Rüstung ab, als wären sie nur Regen auf Metall.

Im Tempel war es ruhig.
Der Hall ihrer Schritte auf dem Stein trug sie, an den Schreinen der Winde vorbei.
Leviathan im Osten, Belial im Westen, Astarot im Norden, Lilith im Süden, alles vertraute Bilder und vertraute Symbole.
Sie ließ den Blick über jeden von ihnen gleiten bewusst, sie hatte endlich begriffen, dass sie nicht nur eine Farbe des Ganzen sehen darf.

Doch sie hielt nirgends an.

Erst vor Seinem Altar blieb sie stehen.

Der Hauptaltar des Entfesselten erhob sich schlicht und schwer aus dunklem Stein.
Kein Blut, keine Knochen, keine Masken nur das Zeichen des Einen, auf den der Blick automatisch fiel, wenn man davor stand.

Cataleya trat näher, bis die Spitze ihres Stiefels beinahe die erste Stufe berührte.
Einen Moment lang stand sie still, nur ihr Atem ging merklich etwas tiefer.
Dann setzte sie den Helm ab, legte ihn vorsichtig auf die Stufe.
Es folgte das Glaubensbuch von ihrem Gürtel, der Zweihänder im stumpfen orange, matt wie immer,
aber frisch gereinigt und wurde neben den Helm gelegt, so dass der Griff zum Altar hin zeigte.

Schließlich sank sie auf die Knie.

Der Stahl knirschte leise, als die neue Rüstung sich das erste Mal mit der Pose des Kniefalls vereinte.
Sie legte die Knochenhände auf die Oberschenkel und senkte den Kopf. Die Narbe über ihrer Lippe spannte, als sie die Zähne kurz zusammenbiss.

"Entfesselter," begann sie leise. "DEINER Ordnung wegen stehe ich wieder hier."

Ihre Stimme füllte nicht den Raum, sie war nicht zum Predigen gemacht.

"Ich habe lange gedient wie eine, die nur einen Wind kennt. Ich habe Opfer gebracht, als würden sie nur einer gehören.
Einen ganzen Drachen, Blut und Knochen. Ich habe sie gezählt, als wären sie ein Handel mit Lilith allein."

Sie hob den Kopf leicht, ohne ganz aufzusehen. Ihr Blick blieb am Sockel hängen.

"Doch sie alle; Lilith, Leviathan, Astarot, Belial sie sind deine Winde.
Ihre Gaben sind deine Gaben. Ihre Prüfungen deine Prüfungen. Ihre Macht ist dein Werkzeug."


Sie atmete ein, langsam und tief. Die neue Rüstung fühlte sich an, als würde sie auf diesen Atem warten.

"Diese Rüstung," sie legte die Hand an den Brustpanzer, "schmiedete ich, um als Wächterin deiner Ordnung erkannt zu werden.
Nicht als Dienerin eines einzelnen Aspektes. Nicht als Frau, die nur Blut und Tod kennt."


Ihre Finger glitten hinab, über die Kante des Stahls zu den Knochenarmschienen.

"Diese Knochen aber bleiben. Sie sind kein Thron für Lilith, nicht als Zeichen ihrer Herrschaft über mich, sondern als Mahnung.
Wenn ich beginne, nur durch sie zu sehen, dann weiß ich, dass ich gefallen bin und du hast mich oft genug wieder aufstehen lassen, um zu verstehen, wie das endet."


Sie schwieg einen Moment.

"Ich will die Vier in mir tragen, wie die Stimmen es lehren. Um dir in voller Kraft dienen zu können.
Ich will Opfer bringen, wie deine Stimmen es empfangen. Ich will sterben, wenn du es verlangst aber nicht sinnlos, nicht als verschwendetes Geschenk deiner Gaben."

Ihre Knochenhände ballten sich kurz, ließen dann wieder los.

"Nimm diese Rüstung an," sagte sie leise, "als Zeichen, dass ich mich deiner Ordnung beuge."

"Sie blieb im Knien, lege die Knochen der alten Rüstteile auf den Altar und schloss die Augen."
Ein stiller konzentrierter Moment, in dem sie ihren Willen mit dem verband, wovon sie nun glaubte, dass es SEIN Wille war.

Das Gewicht in ihrer Brust verschob sich, es wurde fester.

Als sie sich wieder erhob, quietschte kein Leder, kein Knochen knirschte.
Der Stahl nahm ihr Gewicht, als hätte er nur darauf gewartet.

Sie griff nach dem Helm, nach dem Zweihänder, hakte das Buch wieder an den Gürtel. Dann trat sie einen Schritt zurück mit erhobenem Kopf.

Wächterrüstung.png


Auf dem Weg zurück durch den Tempel Streifte sie den Helm über. Ihr Blick glitt an den übrigen Tempeln vorüber.

"Deine Opfer bekommen ihren Platz," murmelte sie so leise.

Als sie die Schwelle des Tempels überschritt, griff der Tageslärm von Surom nach ihr; Stimmen, Schritte, das ferne Rufen an den Toren.

Cataleya blieb einen Moment auf der Schwelle stehen und blickte über den Platz.
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Cataleya
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Re: Im Dienst des Namenlosen

Beitrag von Cataleya »

Der Abend hing schwer über der Garnison, diese musste Funktionieren, auch ohne den Imperator.
Als die meisten bereits ihre Posten getauscht hatten und nur noch das gedämpfte Klirren vereinzelter Schritte durch die Flure hallte.
In der Dienststube der Kommandantin brannten nur zwei Kerzen, tief herunter, das Wachs in trägen Schlieren an den Seiten herabgelaufen.

Beim Schreiben.png

Cataleya saß an dem schweren Steintisch.
Die neue Rüstung lag wie eine zweite Haut auf ihr, Helm und Zweihänder ruhend an der Wand,
das Glaubensbuch am Gürtel.
Vor ihr ein sauber aufgezogenes Blatt Pergament, daneben bereits zwei Abschriften, ordentlich gestapelt.

Die Feder schabte leise über das Pergament, als sie die letzten Zeilen des Aushangs setzte.

Als sie den letzten Strich unter ihre Signatur setzte legte sie die Feder beiseite,
ließ die Tinte für einen Moment trocknen und blies dann einmal knapp über das Blatt, bis der Glanz wich.

Sie stand auf, nahm das Original und eine der Abschriften an sich, öffnete die Tür und blickte in den Gang hinaus.

"Wache ins Schreibzimmer," sagte sie ruhig.

Nur wenige Augenblicke später trat ein Garnisonswache ein, der Brustpanzer frisch geputzt, der Blick aufmerksam.
Er stellte sich vor den Tisch, die Hände auf dem Rücken verschränkt.

"Kommandantin?"

Cataleya reichte ihm das Originalschreiben.

"Dies geht an den Orden," erklärte sie.
"Persönlich zu übergeben. In die Hände eines Priesters oder an die tempelwache, die dies weiterreichen soll.
Du lässt dir den Empfang quittieren und bringst mir die Bestätigung zurück."


"Wird ausgeführt, Kommandantin."
Er nahm das Schreiben mit beiden Händen an,
salutierte und verließ die Stube mit zielstrebigen Schritten, das Pergament gut geschützt unter dem Arm.

Cataleya griff zur zweiten Abschrift, rollte sie straff zusammen und band sie mit einer schlichten Kordel.
Dann verließ sie selbst die Dienststube, hinaus in die Abendluft der Stadt.
Der Weg zum Rathaus war ihr vertraut. Die Straßen waren zu dieser Stunde nur spärlich belebt.

Im Rathaus empfing sie der übliche Geruch nach Papier, Wachs und kaltem Stein.
Sie ließ sich nicht aufhalten, sondern verlangte nach Pandita. Als diese schließlich erschien, übergab ihr Cataleya das zusammengerollte Pergament.
"Eine Abschrift des neuen Aushangs der Garnison," erklärte sie knapp.
"Für das Rathaus, zur Kenntnis der Verwaltung und für eure Unterlagen. Es betrifft Gardeappell, Jagdgeleit und die Untersuchung der Gewölbe.
Aanatus hat die Säulen bereits unterwiesen."


Pandita nahm das Schreiben, sichtlich aufmerksam, und versprach, es ordnungsgemäß zu registrieren.
Cataleya nickte nur, ohne weitere Worte, und wandte sich bereits wieder zum Gehen.

Zurück in der Garnison wartete im Schreibzimmer ein kleiner Stapel frischer Abschriften, die Arbeit eines Schreiberlings,
der die Zeilen bereits auf mehrere Pergamente übertragen hatte, während sie unterwegs gewesen war.
Sie nahm die Blätter durch, prüfte jede Abschrift kurz dann nickte sie.

Sie rief zwei diensthabende Wachen heran.
"Diese Aushänge,"
sagte sie und teilte ihnen jeweils einige Pergamente zu,
gehen an die wichtigen Punkte der Garnison und an die Gardisten selbst.
Eine am Tor zur Garnison, eine im Bankhaus.
Den Rest gebt ihr den Schichtführern. Jeder Gardist soll davon erfahren, bevor die Woche um ist."


"Jawohl, Kommandantin."

Die Männer nahmen die Pergamente entgegen und verteilten sich in die verschiedenen Gänge.
Schon wenig später würde der Aushang am vorgesehenem Orte prangen und in den Händen derer liegen, die jede Woche zum Appell antreten mussten.

Als die Tür der Dienststube sich hinter ihnen schloss, blieb der Raum wieder still zurück.
Cataleya stand noch einen Moment am Steintisch, die Fingerspitzen auf der kalten Oberfläche.
Draußen hörte man das leise Stimmenmurmel der Wachen, irgendwo klapperte Metall.

Sie löste die Knochenhandschuhe von den Fingern, legte sie auf den Tischrand und griff nach dem Glaubensbuch an ihrem Gürtel.
Nur ein kurzer Blick auf das geprägte Schwert darauf, dann legte sie es wieder an seinen Platz.
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Cataleya
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Re: Im Dienst des Namenlosen

Beitrag von Cataleya »

Während sie auf der Bank im Tempel saß und dieser sich füllte, lagen die Worte von Nigheans Schreiben noch in ihren Gedanken.
Obwohl das Pergament längst in ihrer Stube zurückgeblieben war.

"Cataleya Rho’en wird an diesem Abend den Schwur erneuern…"

Nur wenige Tage waren vergangen, wie sie das Schreiben in den Fingern hielt
Mit Worten die ihr den Atem kurz stocken ließen.
Jetzt, im kalten Licht der Tempelflammen, waren es Nigheans Augen.

Als die Stimme des Glaubens langsam den Blick hob und die Gemeinde musterte, spannte sich etwas in Cataleya an.
Sie saß ruhig ihren Rücken gerade, die Hände auf den Knien, doch innerlich legten sich die Worte des Briefes Schicht für Schicht über die Gegenwart.

"Nicht um zu richten. Nicht um zu fordern. Sondern um zu sehen, wie Stärke sich der Ordnung beugt."

Jetzt ist es also so weit.
Als Nighean sie schließlich hervorbat war der Weg nach vorn zum Altar kurz aber auch lang.
Ihre Schritte hallten leise über den Stein, die Schwerter an den Hüften sirrten an der Bank entlang wie sie sich aufrichtete.
Sie kniete vor dem Altar nieder, wie es Nighean er aufgetragen hat.
In dem Moment, in dem ihre Knie den Boden berührten, schoben sich Erinnerungen an das Schreiben, den Aufruf Nigheans dazwischen.
"Dies ist kein Schritt der Erhebung"

Es gab eine Zeit in der Sie sich fragte, ob man denn noch tiefer im Glauben eingeordnet werden kann.

Jetzt wusste sie es.
Nigheans Stimme füllte den Raum, sprach von Standhaftigkeit, von Folter, von Orten ohne Zeugen.
Von Orten, an denen man nur noch aus Ordnung bestand oder gar nicht mehr.
Während die Priesterin sprach wusste Cataleya ganz genau wovon Nighean sprach, es war ihr Leben.

"Vor den Altären, unter dem Blick der Winde, in der Ordnung des Entfesselten…"
Sie befand sich genau dort. Vor den Altären in genau ihrem Blick.
Und zum ersten Mal spürte sie die Zeilen als eine Beschreibung des Augenblicks.

Als Nighean betonte, dass Weihe kein Lohn sei, sondern Einordnung, senkte Cataleya Ihr Haupt ein Stück tiefer.
Genau diese Worte hatten bereits auf dem Pergament gestanden, schwarz auf weiß.
Jetzt wurden genau diese Worte zum Wiederhall im Tempel.
"Dies ist kein Schritt der Erhebung. Dies ist ein Schritt der Einordnung."

Es war, als würde der Brief laut werden, den eben noch ein jeder in Surom lesen konnte.
Als die Weiheworte schließlich fielen legten sie sich passgenau um das, was sie bei der ersten Lektüre nur erahnt hatte.
Dass es nicht darum ging, über anderen zu stehen, sondern tiefer zu knien. Dass Stärke darin lag sich bewusst zu beugen, ohne sich zu brechen.

Sie wiederholte das Gebetswort Nigheans leise, ihre Gedanken in des bei vergangenem, dem Weg den sie eins beschritt.
"Wer Zeuge sein will, ist eingeladen. Nicht um zu richten. Nicht um zu fordern. Sondern um zu sehen, wie Stärke sich der Ordnung beugt."

Sie spürte die Blicke auf sich;
Marleen, Sejin, Rhonya, Mila, Luca Blightshield, Balduin, Verbündete. Früher hätte sie darin etwas von Urteil gesehen.
Als sie sich erhob und sich der Gemeinde zeigte, erkannte sie darin das, wovon Nighean so oft gesprochen hatte.
Es sind Zeugen.

Als sie den neuen Titel hörte;
Dunkle Templerin
War da kein Jubelschrei, nichts das sie über andere stellte oder etwas was sich schwer in Worte packen lässt.
Es war einfach etwas, dass sie nur klarer der Ordnung unterwarf und sich im ganzen einfügte.

Später kamen Gratulationen, wie auch Tag Drauf mit Zeilen von Aanatus,
Rhonyas Dolch, Milas Schwur, Sejins Worte, Marleens Anerkennung, doch lag über allem ein stilles Echo von Nigheans Zeilen....
"Mögen jene kommen, die verstehen wollen, was es heißt, zu dienen, ohne sich selbst zu verlieren."

Weihe DT.png

Als sie in der Taverne den Krug hob und auf Surom, auf Ihn, auf die wachsenden Streitkräfte anstieß, wusste sie, dass dieser Satz sich erfüllt hatte.
Für die, die gekommen waren und für sie selbst.
Denn während andere den Abend als Feier einer Erhebung sehen mochten, trug sie die Zeilen und ihre Worte mit sich.

Sie war klarer geworden.

Und genau das war es, woran sie sich erinnern würde so oft sie an diesem Tag zurückdachte.
An dem die Tinte von Nigheans Schreiben im Tempel zu einer Stimme geworden war, die ihre Knie tiefer in den Stein drückte und ihr zugleich den Rücken begradigte.

Nighean, jene Stimme des Entfesselten, die sich einst Cataleya annahm, wie jene Stimme selbst noch fern einer Stimme des Entfesselten war.

Spät in der Nacht ging sie erneut in den Tempel, als die Straßen verstummt waren lediglich ein paar wenige Wachen noch durch die Straßen schritten.

Auch ihre Klinge sollte sich der neuen Ordnung fügen.

Im Tempel.png

Admo uh rucho dlo-ischmo lá-loho.
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Cataleya
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Re: Im Dienst des Namenlosen

Beitrag von Cataleya »

Baustelle der Totenwacht
An den Klippen Suroms fraßen sich Hammerklang, Sägen und der dumpfe Schlag von Stein auf Stein durch den Tag.

Wo zuvor noch freier Platz gewesen war, erhoben sich nun die ersten schwarzen Mauern der künftigen Festung der Totenwacht.
Gerüste klammerten sich wie dürres Holzgebein an den wachsenden Bau.
Seile spannten sich über Balken, Flaschenzüge ächzten unter Last. Karren knarrten über den aufgewühlten Boden, beladen mit Bruchstein und Kalk, Werkzeug und dunklem Holz.

Die Arbeiter Suroms waren abkommandiert worden, von Cataleya selbst.
Einfache Handwerker, Steinmetze, Zimmerleute, Schmiede und Bauern standen zwischen den Mitgliedern der Totenwacht,
manche mit Unsicherheit in den Augen, manche mit grimmiger Ergebenheit, doch keiner ohne Arbeit in den Händen.

Wer eine Axt führen konnte, schlug Holz zurecht. Wer einen Hammer halten konnte, setzte Nägel. Wer tragen konnte, trug.

Cataleya Rho’en stand auf einer erhöhten Steinplatte nahe des unfertigen Haupttores.
Der rote Stoff ihres Umhangs hing staubig über ihrer Rüstung, das Glaubensbuch schwer an Ketten an ihrer Seite.
Ihre Hand ruhte auf einer ausgebreiteten Bauzeichnung, während ihr Blick über Mauern, Arbeiter und Gerüste wanderte.

Neben ihr stand Balduin, dunkel verhüllt, den langen weißen Bart vom Staub des Tages gezeichnet.
Seine alten Finger glitten über die Linien der Pläne, während seine Stimme ruhig und schwer über die Baustelle fiel.


Baustelle.png


"Der innere Hof, schlagt den Brunnenschacht.", sprach Cataleya, ohne den Blick von den Mauern zu nehmen.
"Wenn das Tor fällt, muss die Wasserversorgung sichergestellt sein."

Balduin nickte langsam. "Zweckmäßig."

Cataleya sah zu ihm, und für einen Moment lag ein kaltes Einverständnis zwischen ihnen.
Dann hob sie die Hand und deutete zu den Arbeitern an der Nordseite.

"Dort wird verstärkt. Nicht morgen, heute heute noch!"

Ignas sorgte dafür, dass niemand ihn überhörte.
In seiner schwarzen Rüstung wirkte er zwischen den einfachen Arbeitern wie ein Stück lebender Belagerungsmaschine.
Der schwere Helm senkte sich drohend, wenn ein Mann zögerte. Seine Axt zeigte deutlich wer hier den Takt vorgab.

"Höher!", grollte er einem Trupp zu, der einen Balken nicht weit genug anhob. "Noch einmal und diesmal, als hinge euer Atem daran!"
Die Männer pressten die Zähne aufeinander und hoben erneut.

Nicht weit davon hielt Christobal Wache. Seine Rüstung wirkte zwischen Staub, Kalk und Schutt beinahe fehl am Platz,
doch seine Augen ruhten wachsam auf Tor, Straße und Arbeitern zugleich. Seine Stangenwaffe stand neben ihm,
bereit falls sich jemand der Baustelle näherte, der dort nichts zu suchen hatte.

Janu hatte sich an den Holzböcken eingefunden. Die rothaarige Bogenschützin führte die Säge mit hartem, gleichmäßigem Zug.
Jeder Schnitt war sauber. Sie sprach wenig, doch wo sie den Kopf schüttelte, wagte es keiner ihre Arbeit anzuzweifeln.

Mila stand auf einem Gerüst, die Stiefel fest zwischen Staub und Holzspänen.
Ihr einfacher grauer Stab hob sich und ein schwerer Steinblock löste sich mit zitterndem Knirschen vom Boden.
Langsam glitt er durch die Luft an seinen Platz. Einige Arbeiter sahen erschrocken auf, doch Mila verzog nur kurz den Mund.
"Festhalten, bevor er euch wieder herunterfällt", rief sie trocken.

Revan brauchte keinen Flaschenzug.
Der Priester trug einen Steinblock vor der Brust, als wolle er dem Bau selbst beweisen, dass Fleisch und Wille mehr wogen.
Schweiß lief über Narben und dunkle Zeichen, über den Totenschädel auf seiner Brust und die alten Wunden an Schultern und Armen.
Sein Blick war hart, sein Atem schwer, doch er legte den Stein dort ab, wo Cataleya zuvor hingedeutet hatte.

Rosalie arbeitete bei der Esse. Schwarzes Haar fiel ihr in das vom Feuerschein erhellte Gesicht,
während ihre Hand über die Glut strich, ohne sie zu berühren. Ein dunkles, warmes Leuchten sammelte sich zwischen ihren Fingern
und die Kohlen fauchten auf. Die Flammen stiegen höher, heißer und hungriger. Der Schmied trat einen Schritt zurück, als das Eisen heller zu glühen begann, doch Rosalie lächelte nur schwach.
"Jetzt", sagte sie leise. "Bevor die Hitze wieder denkt, sie gehöre sich selbst."

Tisari stand im Schatten einer halb errichteten Mauer. Sein bleiches Gesicht wirkte zwischen Stein und Dämmerung fast leblos,
doch seine Stimme schnitt klar durch die Erschöpfung der Arbeiter. Er trieb jene an, die glaubten, im Schatten weniger gesehen zu werden.
Wer seine Last sinken ließ, hob sie kurz darauf wieder, wenn Tisari´s Blick ihn traf.

Virelith blieb nahe bei Cataleya. Der hohe Schädelstab ruhte in ihrer Hand, rot-schwarze Gewandung vom Staub beschmutzt, doch ihr Blick blieb ruhig.
Sie hörte Balduins Einwände, Cataleyas Befehle und das Knarren des Baus, als lausche sie einem Gebet aus Stein.
Manchmal trat sie an die Arbeiter heran, sprach wenige Worte, legte die Hand auf einen frisch gesetzten Stein oder hob den Stab über eine Schwelle, die noch keinen Namen trug.

So wuchs die Festung der Totenwacht. Mit Schweiß, Zwang, Glauben und dem Willen jener, die sie eines Tages bewohnen würden.

Erst als die Sonne hinter den Dächern Suroms versank und die Schatten zwischen den unfertigen Mauern tiefer wurden,
ließ Cataleya die Arbeit für diesen Tag enden.
Werkzeuge wurden abgelegt, Seile entspannt. Die letzten Steine blieben dort liegen wo sie gerade waren.

Zwischen Holzstapeln und aufgeschichteten Quadern wurde ein Feuer entzündet.



Einer nach dem anderen fanden sie sich dort ein.
Balduin ließ sich schwer auf einem Stein nieder, den Krug zwischen beiden Händen.
Cataleya setzte sich neben Ihn, staubig, erschöpft, doch aufrecht.
Christobal blieb zunächst stehend, bis auch er den Speer an einen Balken lehnte und sich zu ihnen gesellte.
Ignas saß schweigend im Feuerschein, die schwere Axt neben sich, der Helm wie ein dunkles Tier im Licht.
Janu trank mit müdem Blick aus ihrem Krug. Mila streckte die Beine aus und rieb sich die Handgelenke.
Revan saß breit und schweigend, als müsse selbst die Erschöpfung erst an ihm vorbeikommen.
Rosalie hielt ihren Krug nahe an die Glut, als wollte sie den letzten Rest Wärme darin wecken.
Tisari blieb halb im Schatten, doch auch er saß bei ihnen.
Virelith stellte ihren Schädelstab neben sich ab und blickte in die Flammen.

Lagerfeuer Baustelle.png


Für eine Weile sprach niemand.

Nur das Feuer knackte. Die unfertige Festung ragte hinter ihnen auf, schwarz gen Abendhimmel.

Dann hob Cataleya den Krug.

"Morgen weiter."

Balduin sah sie von der Seite an. Ein müdes, kaum sichtbares Lächeln verlor sich unter seinem Bart.

"Morgen höher."

Und so saßen sie dort, die Totenwacht, zwischen Schutt, Stein und Gerüst, erschöpft vom Tag, gewärmt vom Feuer, während hinter ihnen ihre Festung langsam Gestalt annahm.
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